Übermut tut selten gut: Deutschlands Premium – Nachrichtensender n-tv wird demnächst 15 Jahre alt

Anlässlich des 15. Geburtstags von n-tv haben zwei Schwergewichte des Nachrichtensenders, Carola Ferstl und Manfred Bleskin, dem Berliner Tagesspiegel ein Interview gegeben, dessen Lektüre ich sehr empfehle. Ich habe es zwei Mal getan und zweifle immer noch an einigen Aussagen, in welchen man sich hochjubelt – wenn man sich natürlich auch mit N24 vergleicht. Einige kommentierte Aussagen des Interviews.

Tagesspiegel: Hat sich bei n-tv erfüllt, was Sie sich erträumt hatten?
Bleskin: n-tv hat ein Publikum für sich gewinnen können, das politisch und ökonomisch interessiert ist. Dieses Publikum schaltet n-tv und nur n-tv ein, wenn etwas in der Welt passiert [...] Nachrichten haben einen Stellenwert im deutschen Fernsehen bekommen. Das ist die Leistung von n-tv.

Es ist sicherlich richtig, dass n-tv einen gewissen Anteil daran hat, dass Nachrichten immer mehr ins Bewusstsein der Deutschen gelangen. Trotzdem würde ich gerne mal Fakten sehen, dass dies so ist. Gab es eine Untersuchung? Sind die Einschaltquoten wirklich so hoch? Ich habe niedrige einstellige Werte im Kopf. Und n-tv braucht gute Einschaltquoten, damit aus den roten schwarze Zahlen werden. Liegen Wunsch und Wirklichkeit nicht weiter auseinander?

Tagesspiegel: Womit kämpfen Sie derzeit am meisten?
Ferstl: Wir arbeiten daran, die Menschen zur Aktie zurückzuholen. Das ist leichter gesagt als getan. Das Thema „Aktie“ ist ein bisschen verbrannt.
Bleskin: Ich setze bei meiner Altersversorgung auch nicht auf Aktien.
Ferstl: Weil du dich zu wenig auskennst.

Ist das eine primäre Aufgabe von n-tv? Wie wäre es denn mal mit vernünfitgen Sportberichten, Specials nicht nur zu irgendwelchen Schneekatastrophen oder Waldbränden. Wo sind die Dokumentationen, die länger haften bleiben?

Tagesspiegel: Es gibt viele Informationskanäle im deutschen Fernsehen: n-tv, Phoenix, N 24, Euronews. All das wirkt mickrig im Vergleich zu internationalen Stationen wie CNN oder BBC. Ist Nachrichtenfernsehen made in Germany nicht klein-klein?
Ferstl: Warum sehen die Leute die „Tagesschau“? Weil sie ein deutsches Programm mit dem Schwerpunkt Deutschland wollen. Bitte übersehen Sie nicht: Die meisten deutschen Anleger haben vor allem deutsche Aktien.
Bleskin: Der Anspruch bei CNN, Euronews und BBC World ist ein anderer. Aber auch da gibt es Schwerpunkte für Afrika, Asien, Europa. Die Heimat von n-tv ist der deutschsprachige Raum.

Klar ist die Heimat von n-tv der deutschsprachige Raum, nur wie wäre es denn mal, wenn man auch mehr aus dem europäischen ausland berichten würde. So ist man auf einer Schiene mit N24. Wenn n-tv ein “besserer” Nachrichtensender sein will, dann muss man auch das nachrichteninteressierte Publikum ansprechen. Und das interessiert bei weitem nicht nur, was bei uns passiert. Wenn man sein Augenmerk mehr auf Europa und die Welt legen würde, könnte man meiner Meinung nach einiges an Profil gewinnen. Sonst schauen alle weiterhin die Tagesschau. Anknüpfend daran auch die letzten Ausführungen im Interivew, wo es zur Konkurrenz von N24 geht.

Tagesspiegel: Wer könnte n-tv in Bedrängnis bringen? EinsExtra, ZDF Info, das Internet?
Ferstl: Mit dem Internet sind wir in der richtigen Spur. [...] n-tv.de ist supererfolgreich. Was läuft online denn am besten? Was dem TV mit seinen Bewegtbildern am nächsten kommt. n-tv, das Fernsehen, ist das Eingangstor für n-tv.de, das Internet. [...]
Bleskin: Was uns in Bedrängnis bringen kann? Das Ende der Welt vielleicht. Aber da wären wir auf jeden Fall live dabei.
Tagesspielgel: Warum hat N 24, ihr jüngerer Konkurrent, n-tv in der Reichweite überholen können?
Bleskin: N 24 hat zu bestimmten Zeiten des Tages einen anderen Zuschnitt, und das ist nicht unbedingt die Information. Was da manchmal nach 22 Uhr läuft, das treibt einem schon manchmal die Schamröte ins Gesicht.
Tagesspiegel: Sie meinen „Die Sexualität des Menschen“? n–tv ist keusch, rein und seriös?
Bleskin: Ja. Selbst unsere Reportagen haben eine zeithistorische, politische, wirtschaftliche Anbindung.
Ferstl: Man kann n-tv und N 24 nicht vergleichen, will man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wir hätten höhere Quoten, wenn wir ein Mischprogramm machten wie N 24.

Also ich habe, wenn ich im Büro sitze, jedes Mal Probleme n-tv via Internet zu schauen, liebe Frau Ferstl. Und wenn ein Trainer beim Bundesligisten Hamburger SV seinen Abschied verkündet und Stunden danach auf n-tv.de diese Meldung irgendwo in den Kurzmeldungen steht und der Header im Sportbereich eine alte Konserve aus dem US-Sport ist, finde ich n-tv.de einfach nur deplatziert. Schade eigentlich, dass man sich mit N24 vergleichen muss. Denn der Sender ist gelinde gesagt noch furchtbarer. Da halte ich es n-tv sehr zu Gute, dass man auch am Wochenende es immerhin schafft, nachts 10 Minuten Nachrichten aus der Konserve zu senden – und nicht nur drei wie N24.

n-tv ist ganz einfacher weniger Mischprogramm als N24, daher auch weniger Einschaltquoten. Und was nützt es mir als interessierten Nachrichtenschauer, wenn an einem Samstagabend sich die Welt verändert und Sky oder die BBC sofort per Breaking News drauf sind, wenn sowohl bei N24 und n-tv die tausendste Wiederholung läuft von Kronzuckers Kosmos bzw. Hilters Machtergreifung.

Trotzdem Glückwunsch zum 15., n-tv. Auf dass das Programm endlich besser wird.

Felix

Autor: medispolis
Datum: Mittwoch, 28. November 2007 11:22
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  1. 1

    Hier in Hamburg ist nur N24 via DVB-T zu empfangen. Will ich n-tv sehen, muss ich auf Internet-Streams ausweichen, was wiederum bedeutet, dass ich keinerlei Sportnachrichten auf n-tv sehen kann. Denn während der Ausstrahlung der Sportnachrichten werden die Streams unterbrochen. “Rechtliche Gründe”. Es macht keine Sinn zu diskutieren ob wirklich jeder Sportnachrichtenblock soviel Lizenzmaterial enthält, dass der Stream gecuttet werden muss. Führt aber im Endeffekt dazu, dass wenn ich mich über Bundesliga-Entlassungen informieren will, ich es nur auf N24 tun kann.

    (Gag am Rande: letztens haben sie im Stream sogar unten den Crawl abgeschnitten, so dass man noch nicht mal die Infos auf dem laufband über Trainerentlassungen mitbekam…)

    Noch eine Episode die zeigt, was für ein Desaster beide deutschen Nachrichtensender sind: letztes Jahr tobte ein Orkan und brachte weite Teile Deutschlands zum Stillstand.

    Der Orkan ist gut einen Tag vorher prognostiziert worden, alle Medien haben sich darauf einstellen können. Gegen 17/18h brach der Orkan dann auch über Nord- und Westdeutschland rein. Gegen 20/21h erreichte er Berlin.

    Was machten unsere “Nachrichtensender”?

    N24 zeigte nach 20h sein normales Abendprogramm: Dokus über Hitlers Fifi und Deutschlands schönste Kampfflieger. Nachrichten nur zur vollen Stunde.

    n-tv zeigte ab 20h in Dauerrotation eine 30minütige Schleife mit den gleichen Moderationen, den gleichen Hasplern bei Interviews und den gleichen Filmbeiträgen und besass noch die Dreistigkeit ein “live” einzublenden.

    Wer noch nicht einmal in der Lage ist zur Prime Time bei einem mit 24h Vorwarnzeit angekündigten Ereignis adäquat zu reagieren, hat seine Existenzberechtigung verloren. Ich würde bei einer Schließung beide Sender nicht vermissen. Was die beiden größten deutschen Fernsehkonzerne anstellen, ist erbärmlich und unwürdig.

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