Fußball-Tristesse in Hannover
Samstag, 23. August 2008 20:55
Ich war gestern Abend beim ersten Heimspiel von Hannover 96 gegen Energie Cottbus. Ich gehe seit Jahren immer zum ersten Heimspiel und konnte diesmal acht Personen, darunter drei Frauen, überreden mitzukommen. Zumindest die weibliche Begleitung werde ich so schnell nicht mehr überzeugen können. “Da ist das Passspiel der Frauennationalmannschaft genauer”, war der gemeinsame Tenor der Damen. Recht haben sie.
Aber das nur als Randnotiz. Wir saßen wieder recht gut im Unterrang auf der Westtribüne mit bester Sicht auf das Spielfeld. Ich habe bei weitem kein Kantersieg von Hannover 96 erwartet, sondern ein sehr enges und vielleicht auch phasenweise sehr zähes Spiel. Aber da war ich wohl auch der einzige. Alle Fans, mit denen ich gesprochen habe und die in näherer Umgebung saßen, sprachen vor dem Spiel von einem überzeugenden Sieg, träumten von gutem offensiven Fußball. Cottbus habe gegen Hoffenheim verloren, dann müsse doch Hannover 96 keine Probleme mit den Lausitzern haben. Das war kurz vor dem Spiel. In der 80. Minute waren dann einige vom Pfeifen schon müde und bereuten ihre Dauerkarte für die laufende Saison. Gegen Ende des Spiels pfiff das ganze Stadion, die Mannschaft traute sich nicht mal mehr vollständig zum Fanblock zu gehen. Der Frust der Fans saß richtig tief.
Wie gesagt, ich habe von der Hecking-Truppe keine Wunderdinge erwartet, zumal klar war, dass Cottbus mit 10 Mann die Defensive ausfüllen würde und sich Hannover mit solch einer Taktik des Gegners schon immer etwas schwerer getan hat. Doch was ich erwartet habe, waren Einsatz, Laufbereitschaft, eben eine gewisse Leidenschaft für die Arbeit. Aber die war mit Ausnahme der ersten 10 Minuten nicht zu sehen. Das war die eigentliche Enttäuschung. Und auch Trainer Dieter Hecking und die Vereinsführung um Präsident Martin Kind müssen sich meiner Meinung nach langsam mal Gedanken darüber machen, wie sie mit Hannover 96 umgehen möchten. Mitte Juli hat Martin Kind in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung das Saisonziel internationales Geschäft ausgegeben, möglichst gleich direkt in den UEFA-Cup. Was das im Vereinsumfeld und bei den Fans ausgelöst hat, konnte man gestern erfahren: Hohe, ja schon überhöhte Erwartungen. Mit so einer Leistung wie heute kämpfen wir gegen den Abstieg, war der Tenor auf der Tribüne. Wenn man sich in den Zeitungen heute die Stimmen zum Spiel durchliest, hört man Dieter Hecking sagen, dass es zwar eine enttäuschende Leistung gewesen sei, die Mannschaft aber eben noch Zeit brauche und er über mehrere Jahre hier ein Team aufbauen möchte. Also was denn nun? Direkter Einzug in den UEFA-Cup oder eine langfristige Perspektive für eine jetzt noch nicht völlig eingespielte Mannschaft? Da sollte man sich im Vereinsumfeld mal einig werden. Und wohlgemerkt: Mit Jan Schlaudraff und stand gestern ein Spieler in der Anfangself, der nicht in der letzten Saison in Hannover gespielt hat.
Der gestrige Abend hat eindrucksvoll gezeigt, dass Hannover 96 nicht die spielerische Qualität hat eine defensiv eingestellte Mannschaft wie Cottbus auszuspielen. Und auch Dieter Hecking muss sich Fehler in der taktischen Ausrichtung vorwerfen lassen. Gehen wir die Mannschaftsteile mal im einzelnen durch. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir Robert Enke im Tor stehen haben. Gutes Stellungsspiel, souverän und mit guten Paraden. Enke war es zu verdanken, dass es beim Unentschieden blieb. Die Viererkette in der Abwehr bestand gestern aus Hanno Balitsch auf rechts, in der Innenverteidigung spielten Vinicius und Valerien Ismael, linker Verteidiger war Christian Schulz. Defensiv stand man weitesgehend sicher, wenngleich der gestrige Abend auch gezeigt hat, dass Balitsch auf hinten rechts nicht der richtige Mann ist, weil dadurch die Impulse aus dem Mittelfeld fehlen. Das war gestern dadurch bedingt, dass Steven Cherundolo erst spät von der Nationalmannschaft zurückkehrte. Der US-Boy kam dann Mitte der zweiten Halbzeit. Und spielte dann im rechten Mittelfeld. Lieber Herr Hecking, warum geht dann Cherundolo nicht auf seine etatmäßige Position als Rechtsverteidiger und Balitsch kann ins Mittelfeld vorrücken? Es kam praktisch kein gescheiter Angriff in der letzten Phase des Spiels, der mal über die Flügel ging. Stattdessen nur langer Hafer von Vinicius und Ismael.
Aber die Verteidigung ist – mit Ausnahme der Standardsituationen – das geringste Problem. Besonders im Mittelfeld drückt der Schuh. Da spielt ein Altin Lala seit mehreren Jahren, teils schon in der dritten Liga, den defensiven Part im Mittelfeld. Und Altin Lala hat schlicht nicht mehr die Qualität in der 1. Liga zu spielen, wird von Dieter Hecking aber konsequent aufgestellt. Altin Lala ist eine Fleißbiene, kämpft um jeden Ball. Das rechne ich ihm hoch an. Aber wer auf vier Metern den freien Mann mehrmals nicht sieht und dem Gegner den Ball in die Füße pfannenfertig spielt, hat da eher nichts verloren. Und somit kommen eben auch keine Impulse aus dem Mittelfeld für den offensiven Part und die Stürmer. Gleiches wie für Altin Lala geht für Sergio Pinto. Und wenn aus einem Mittelfeld mit vier Akteuren schon mal zwei keinen Impuls nach vorne bringen, fällt die Last auf zwei Schultern. Das waren gestern Szabolcs Huszti und Arnold Bruggink. Dass die dann gegen eine dicht gestaffelte Cottbusser Defensive dann hoffnungslos überfordert sind, ist kein Wunder. Sie bekommen keine Unterstützung aus dem defensiven Mittelfeld und finden vorne in Mike Hanke einen Stürmer, der durch Lustlosigkeit, fehlende Laufbereitschaft, ständiges Gemeckere und Schwalben am Stück auffällt. Nur eines tut er nicht. Sich konsequent anzubieten – und zwar so, dass man ihn auch auf dem sicheren, einfachen Wege anspielen kann. Hankes Leistung gestern war eine Frechheit. Zumal er stets mit der großen Klappe ins Mikrofon spricht, einen Platz in der Nationalelf beansprucht, es aber gleichzeitig nicht schafft sich in ein Spiel reinzuhängen, zu kämpfen und seine Mitspieler aufzurütteln. Am besten hat mir gestern Jan Schlaudraff gefallen, zumindest in der ersten Hälfte. Da konnte man so etwas wie Spielkultur erkennen, da war Bemühen zu sehen. Gleiches gilt auch für Christian Schulz, der auf der Position des Linksverteidigers aber auch “verschenkt” wird. Im linken Mittelfeld wäre er besser aufgehoben. Doch Michael Tarnat fällt mit Verletzung noch länger aus. Hannover 96 möchte in den UEFA-Cup, der etatmäßige Linksverteidiger fällt längerfristig aus. Christian Schulz ist auf hinten links eine Notlösung. Aber Präsident Martin Kind und auch Trainer Dieter Hecking sehen keinen Handlungsbadarf für einen weiteren Transfer. Verstehe das wer will. Stattdessen können wir uns mit Innenverteidigern langsam zuballern.
Und wenn dann neben den ganzen spielerischen Defiziten und taktischen Unzulänglichkeiten auch noch fehlende Laufbereitschaft dazukommt, dann sehen wir eben so ein Spiel wie gestern, wo ab der 50. Minute Vinicius und Ismael in regelmäßiger Beständigkeit die Bälle hoch und lang nach vorne schießen. Es muss sich spielerisch, taktisch und personell einiges ändern auf dem Platz. Vorerst noch auf dem Platz. Vielleicht auch bald darüberhinaus im Verein.
Denn Fußball-Tristesse gab es schon zu häufig in Hannover. Einen Mann hat man gestern öfter gehört auf der Tribüne. Ralf Rangnick. Das war Spektakel in Hannover, eben aber nicht immer ganz erfolgreich. Dann ging ein Spiel gegen die Bayern eben mal 3:3 aus. Besser als ein lustloses 0:0 gegen Cottbus. Allemal. Wie gesagt, Dieter Hecking ist das kleinere Problem. Man kann seine Handschrift erkennen, nur muss auch er langsam mal einsehen, dass es mit dem Personal und der Taktik nicht das Optimale aus der Mannschaft rausholt. Das Personal können wir ja leider nicht mehr groß verändern, von daher wäre es mal Zeit für ein neues Spielsystem. Vielleicht eine Stärkung des offensiven Mittelfelds mit nur einem Stürmer. Denn Mike Hanke ist derzeit am besten auf der Bank aufgehoben.
Thema: Fußball | Kommentare (4) | Autor: medispolis

