Fußball-Tristesse in Hannover

Ich war gestern Abend beim ersten Heimspiel von Hannover 96 gegen Energie Cottbus. Ich gehe seit Jahren immer zum ersten Heimspiel und konnte diesmal acht Personen, darunter drei Frauen, überreden mitzukommen. Zumindest die weibliche Begleitung werde ich so schnell nicht mehr überzeugen können. “Da ist das Passspiel der Frauennationalmannschaft genauer”, war der gemeinsame Tenor der Damen. Recht haben sie.

Aber das nur als Randnotiz. Wir saßen wieder recht gut im Unterrang auf der Westtribüne mit bester Sicht auf das Spielfeld. Ich habe bei weitem kein Kantersieg von Hannover 96 erwartet, sondern ein sehr enges und vielleicht auch phasenweise sehr zähes Spiel. Aber da war ich wohl auch der einzige. Alle Fans, mit denen ich gesprochen habe und die in näherer Umgebung saßen, sprachen vor dem Spiel von einem überzeugenden Sieg, träumten von gutem offensiven Fußball. Cottbus habe gegen Hoffenheim verloren, dann müsse doch Hannover 96 keine Probleme mit den Lausitzern haben. Das war kurz vor dem Spiel. In der 80. Minute waren dann einige vom Pfeifen schon müde und bereuten ihre Dauerkarte für die laufende Saison. Gegen Ende des Spiels pfiff das ganze Stadion, die Mannschaft traute sich nicht mal mehr vollständig zum Fanblock zu gehen. Der Frust der Fans saß richtig tief.

Wie gesagt, ich habe von der Hecking-Truppe keine Wunderdinge erwartet, zumal klar war, dass Cottbus mit 10 Mann die Defensive ausfüllen würde und sich Hannover mit solch einer Taktik des Gegners schon immer etwas schwerer getan hat. Doch was ich erwartet habe, waren Einsatz, Laufbereitschaft, eben eine gewisse Leidenschaft für die Arbeit. Aber die war mit Ausnahme der ersten 10 Minuten nicht zu sehen. Das war die eigentliche Enttäuschung. Und auch Trainer Dieter Hecking und die Vereinsführung um Präsident Martin Kind müssen sich meiner Meinung nach langsam mal Gedanken darüber machen, wie sie mit Hannover 96 umgehen möchten. Mitte Juli hat Martin Kind in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung das Saisonziel internationales Geschäft ausgegeben, möglichst gleich direkt in den UEFA-Cup. Was das im Vereinsumfeld und bei den Fans ausgelöst hat, konnte man gestern erfahren: Hohe, ja schon überhöhte Erwartungen. Mit so einer Leistung wie heute kämpfen wir gegen den Abstieg, war der Tenor auf der Tribüne. Wenn man sich in den Zeitungen heute die Stimmen zum Spiel durchliest, hört man Dieter Hecking sagen, dass es zwar eine enttäuschende Leistung gewesen sei, die Mannschaft aber eben noch Zeit brauche und er über mehrere Jahre hier ein Team aufbauen möchte. Also was denn nun? Direkter Einzug in den UEFA-Cup oder eine langfristige Perspektive für eine jetzt noch nicht völlig eingespielte Mannschaft? Da sollte man sich im Vereinsumfeld mal einig werden. Und wohlgemerkt: Mit Jan Schlaudraff und stand gestern ein Spieler in der Anfangself, der nicht in der letzten Saison in Hannover gespielt hat.

Der gestrige Abend hat eindrucksvoll gezeigt, dass Hannover 96 nicht die spielerische Qualität hat eine defensiv eingestellte Mannschaft wie Cottbus auszuspielen. Und auch Dieter Hecking muss sich Fehler in der taktischen Ausrichtung vorwerfen lassen. Gehen wir die Mannschaftsteile mal im einzelnen durch. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir Robert Enke im Tor stehen haben. Gutes Stellungsspiel, souverän und mit guten Paraden. Enke war es zu verdanken, dass es beim Unentschieden blieb. Die Viererkette in der Abwehr bestand gestern aus Hanno Balitsch auf rechts, in der Innenverteidigung spielten Vinicius und Valerien Ismael, linker Verteidiger war Christian Schulz. Defensiv stand man weitesgehend sicher, wenngleich der gestrige Abend auch gezeigt hat, dass Balitsch auf hinten rechts nicht der richtige Mann ist, weil dadurch die Impulse aus dem Mittelfeld fehlen. Das war gestern dadurch bedingt, dass Steven Cherundolo erst spät von der Nationalmannschaft zurückkehrte. Der US-Boy kam dann Mitte der zweiten Halbzeit. Und spielte dann im rechten Mittelfeld. Lieber Herr Hecking, warum geht dann Cherundolo nicht auf seine etatmäßige Position als Rechtsverteidiger und Balitsch kann ins Mittelfeld vorrücken? Es kam praktisch kein gescheiter Angriff in der letzten Phase des Spiels, der mal über die Flügel ging. Stattdessen nur langer Hafer von Vinicius und Ismael.

Aber die Verteidigung ist – mit Ausnahme der Standardsituationen – das geringste Problem. Besonders im Mittelfeld drückt der Schuh. Da spielt ein Altin Lala seit mehreren Jahren, teils schon in der dritten Liga, den defensiven Part im Mittelfeld. Und Altin Lala hat schlicht nicht mehr die Qualität in der 1. Liga zu spielen, wird von Dieter Hecking aber konsequent aufgestellt. Altin Lala ist eine Fleißbiene, kämpft um jeden Ball. Das rechne ich ihm hoch an. Aber wer auf vier Metern den freien Mann mehrmals nicht sieht und dem Gegner den Ball in die Füße pfannenfertig spielt, hat da eher nichts verloren. Und somit kommen eben auch keine Impulse aus dem Mittelfeld für den offensiven Part und die Stürmer. Gleiches wie für Altin Lala geht für Sergio Pinto. Und wenn aus einem Mittelfeld mit vier Akteuren schon mal zwei keinen Impuls nach vorne bringen, fällt die Last auf zwei Schultern. Das waren gestern Szabolcs Huszti und Arnold Bruggink. Dass die dann gegen eine dicht gestaffelte Cottbusser Defensive dann hoffnungslos überfordert sind, ist kein Wunder. Sie bekommen keine Unterstützung aus dem defensiven Mittelfeld und finden vorne in Mike Hanke einen Stürmer, der durch Lustlosigkeit, fehlende Laufbereitschaft, ständiges Gemeckere und Schwalben am Stück auffällt. Nur eines tut er nicht. Sich konsequent anzubieten – und zwar so, dass man ihn auch auf dem sicheren, einfachen Wege anspielen kann. Hankes Leistung gestern war eine Frechheit. Zumal er stets mit der großen Klappe ins Mikrofon spricht, einen Platz in der Nationalelf beansprucht, es aber gleichzeitig nicht schafft sich in ein Spiel reinzuhängen, zu kämpfen und seine Mitspieler aufzurütteln. Am besten hat mir gestern Jan Schlaudraff gefallen, zumindest in der ersten Hälfte. Da konnte man so etwas wie Spielkultur erkennen, da war Bemühen zu sehen. Gleiches gilt auch für Christian Schulz, der auf der Position des Linksverteidigers aber auch “verschenkt” wird. Im linken Mittelfeld wäre er besser aufgehoben. Doch Michael Tarnat fällt mit Verletzung noch länger aus. Hannover 96 möchte in den UEFA-Cup, der etatmäßige Linksverteidiger fällt längerfristig aus. Christian Schulz ist auf hinten links eine Notlösung. Aber Präsident Martin Kind und auch Trainer Dieter Hecking sehen keinen Handlungsbadarf für einen weiteren Transfer. Verstehe das wer will. Stattdessen können wir uns mit Innenverteidigern langsam zuballern.

Und wenn dann neben den ganzen spielerischen Defiziten und taktischen Unzulänglichkeiten auch noch fehlende Laufbereitschaft dazukommt, dann sehen wir eben so ein Spiel wie gestern, wo ab der 50. Minute Vinicius und Ismael in regelmäßiger Beständigkeit die Bälle hoch und lang nach vorne schießen. Es muss sich spielerisch, taktisch und personell einiges ändern auf dem Platz. Vorerst noch auf dem Platz. Vielleicht auch bald darüberhinaus im Verein.

Denn Fußball-Tristesse gab es schon zu häufig in Hannover. Einen Mann hat man gestern öfter gehört auf der Tribüne. Ralf Rangnick. Das war Spektakel in Hannover, eben aber nicht immer ganz erfolgreich. Dann ging ein Spiel gegen die Bayern eben mal 3:3 aus. Besser als ein lustloses 0:0 gegen Cottbus. Allemal. Wie gesagt, Dieter Hecking ist das kleinere Problem. Man kann seine Handschrift erkennen, nur muss auch er langsam mal einsehen, dass es mit dem Personal und der Taktik nicht das Optimale aus der Mannschaft rausholt. Das Personal können wir ja leider nicht mehr groß verändern, von daher wäre es mal Zeit für ein neues Spielsystem. Vielleicht eine Stärkung des offensiven Mittelfelds mit nur einem Stürmer. Denn Mike Hanke ist derzeit am besten auf der Bank aufgehoben.

Autor: medispolis
Datum: Samstag, 23. August 2008 20:55
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4 Kommentare

  1. 1

    Letztes Jahr hat alles nach einer Taktik mit zwei Stürmern gebrüllt, jetzt hat man sie und auf einmal fordern alle wieder nur einen Stürmer. Was denn jetzt?
    In meinen Augen ist das Problem von 96 die Außenverteidigung. Die rechte Seite ist völlig verweist und Schulz auf links auch keine Ideallösung. Wenn dann noch die Konsequenz daraus lautet das man gegen einen Gegner wie Cottbus Anti-Fussballer Altin Lala im defensiven Mittelfeld aufbieten muss und dann auch noch aufgrund von Verletzungen im offensiven Mittelfeld man gezwungen ist einen Pinto spielen zu lassen, dann ist doch schon klar was in Sachen Spielaufbau zu erwarten ist. Brugging ist im Mittelfeld auf sich allein gestellt (Huszti scheint mir in Geanken auch ganz woanders) und die Stürmer vorne entsprechend zugedeckt.
    Irgendwie passt das bei 96 gerade nicht. Es ist aber keine System-, sondern eine Personalfrage, ausgehend von den völlig verweisten defensiven Außenpositionen.

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    Ob ein oder zwei Stürmer ist vollkommen egal und eher eine Frage ob man sich einen zusätzlichen leisten kann ohne in der Defensive zu offen zu stehen.
    Schlaudraff kommt eh aus dem Mittelfeld und ist kein wirklicher Stürmer.

    96 hat sich namentlich gut verstärkt, mit Ismael und Eggimann hat man zwei Innenverteidiger, die’s eigentlich drauf haben. Ismael scheint van Buyten Modell gestanden zu haben und zeigt wie er nur bei Werder erstklassig spielte. Was Hecking mit Eggimann angestellt hat würde ich gerne mal wissen, der kommt ja gar nicht mit dem Verschieben der Kette zurecht, das war gegen Porto schon zu sehen. Das war teilweise so absurd, dass der rechte Aussenverteidiger als linker Innenverteidiger stehen musste, weil links der Aussenverteidiger überlaufen wurde und die Innenverteidiger dann gedoppelt haben.
    Das sind taktische Defizite die hoffentlich ausgemerzt sind. Gegen Schalke und Cottbus war das ja aber nicht das Problem.

    Schalke macht drei Tore aus Standardsituationen. Das sind wenn überhaupt Konzentrations oder Abstimmungsprobleme. Das schlimme daran ist eher, dass vor wie nach den Gegentoren kein Spiel nach vorne stattfand. Wie gegen Cottbus.

    So schlimm wie Hanke spielt befürchte ich, dass Hecking das so will. Hanke hält nie die Position als Stürmer sondern turnt rechts und links rum, wo die offensiveren Mittelfeldspieler nachrücken sollten, dann aber nicht können, während das Zentrum verwaist ist.
    Das hat er in der letzten Saison gemacht, das hat er in den Testspielen gemacht. Und obwohl mit Forssell endlich ein guter Stürmer da ist setzt Hecking ihn auf die Bank und lässt Burger-Mike ineffektiv rumlaufen.
    Dass Hecking kein ordentliches Konzept fürs Mittelfeld aufbieten kann ist eigentlich das schlimmste. Trotz aller Neuverpflichtungen kommt und kommt da nichts Gescheites bei rum.
    Wie er noch immer Pinto und Lala aufbieten kann entzieht sich meinem Verständnis. Huszti, Schlaudraff, Schulz, Stajner, sogar Bruggink. Das sind fünf Spieler, die im Mittelfeld offensiv was bewegen könnten.
    Dazu Rosenthal, den Hecking nicht dorthin bekommt, wo er konstant bundesligatauglich ist. Krebs und Zizzo stehen auch auf der Stelle in ihrer Entwicklung. Wie Hecking darauf kommt, ausgerechnet das Zweikampfungeheuer Zizzo zum Aussenverteidiger umzuschulen… Da muss man schon sehr verzweifelt sein. Nicht dass ich von Zizzo offensiv viel halte, der kann keine gescheite Flanke schlagen, seine einzige Qualität ist seine Schnelligkeit.

    Dass die Aussenverteidiger auf beiden Seiten nicht gut besetzt sind ist doch schon seit Jahren so und wird sich vielleicht nie ändern. Ich weiß nicht an wem es liegt, aber einem wichtigen Jemand scheinen die Positionen so egal zu sein, dass Verstärkung dort blockiert wird. Dass Cherundolo seit Jahren höchstens mittelmäßig ist sieht ein blinder mit Krückstock. Ebenso, dass Tarnat ausschließlich erfahren ist und dazu ständig kaputt geht.
    Ich verliere jedenfalls mein Vertrauen in Hecking.

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    Re: Stürmer

    Eben, Schlaudraff als zweite Sturmspitze aufzustellen, war im Nachhinein falsch. Das Konzept ist sowas von in die Hose gegangen, aber gut, da hat man was ausprobiert, wo Hecking einsehen sollte, dass es vielleicht besser ist, Schlaudraff ins offensive Mittelfeld zu packen. Denn dort hat er die meiste Zeit auch gespielt, war der Beweglichste von allen, hat sich immer wieder zurückfallen lassen.

    Schauen wir doch mal auf die Stürmer, die Hannover 96 im Kader hat. Das sind Mike Hanke, Mikael Forsell, Jan Schlaudraff und Jiri Stajner. Ähnliches wie für Schlaudraff geht auch für Stajner, der mir immer besser gefällt, wenn er im offensiven Mittelfeld spielt. Von daher bleiben Forsell und Hanke als wirkliche Stürmer übrig. Wenn man die Leistung von Mike Hanke gesehen hat, hat er einen weiteren Einsatz schlicht nicht verdient.

    Da man am kommenden Wochenende in Stuttgart wohl ehe etwas defensiver aufstellen wird, lasse ich das Spiel mal außen vor. Aber für das nächste Heimspiel gegen Möchengladbach am 14. September würde ich mit Balitsch im defensiven Mittelfeld spielen. Stajner im Mittelfeld über rechts, Huszti über links, Schlaudraff als leicht hängende Spitze und Forsell vorne im Sturm.

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    Was zählt ist aufm Platz und da hat Schlaudraff, wie du sagst, den Freigeist im offensiven Mittelfeld gegeben. War er als Stürmer angekündigt? Ich verzichte wann immer möglich auf etwaige Vorberichterstattung.

    Deine Aufstellung würde ich sofort unterschreiben, allerdings fehlt dir da noch ein Spieler. Obwohl, vielleicht spielt 96 ja in Unterzahl besser. ;)
    Hat Bastian Schulz nicht mal links hinten gespielt? Soll er doch da spielen damit Christian Schulz ins defensive Mittelfeld kann. Oder meinetwegen Rausch, oder ist der verletzt? Dann ist die Ausrichtung defensiv, vorne spielen Leute die es mal schaffen könnten 1-1 sich durchzusetzen.
    Falls C.Schulz hinten links bleiben müsste könnte Bruggink den zentralen Mittelfeldspieler hinter Schlaudraff geben, aber das wäre mir (und Hecking wohl sowieso) zu offensiv.

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