Noch hat der deutsche Vereinsfußball den Friedhof nicht erreicht
Ich hatte es schon befürchtet, dass ein eventuelles Aus der Schalker bei Atletico Madrid die Diskussionen über den Zustand des deutschen Vereinsfußballs wieder aufkochen lässt. Im Prinzip ist es stets das gleiche: Wenn auf europäischer Ebene verloren wird, wird gleich der ganze Vereinsfußball hinterfragt. Wird hin und wieder mal gewonnen, ist es die Ausnahme der Regel. Als Werder vor zwei Jahren dem großen FC Barcelona im Weserstadion ein Remis abtrotzte und den ruhmreichen FC Chelsea London besiegte, wurde es von vielen als Eintagsfliege dargestellt. Dass aber auch in der Bundesliga Qualität herrscht, wird gerne übersehen.
Ich halte es da durchaus mit den Gedanken von Andreas Renner, dass wir mit den besten Teams in Europa nicht mithalten können. Sei es von den finanziellen Ressourcen als auch vom spielerischen Potential. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir im europäischen Durchschnitt schlechter als andere Teams abschneiden. Rein von der Theorie her. Die Empirie zeigt leider andere Beispiele. Werder flog letzte Saison gegen die Glasgow Rangers raus, bei Hertha BSC Berlin muss man Sorgen haben, dass sie im November noch im UEFA-Cup dabei sind, und selbst Bayer Leverkusen und der große FC Bayern schafften es nicht im UEFA-Cup ins Finale zu kommen. Und jetzt kann mir keiner sagen, dass wir mit Teams wie dem AC Florenz oder Zenit St. Petersburg nicht mithalten können. Dass Mannschaften von Chelsea bis Real Madrid, von Liverpool bis AC Mailand in einer Kategorie spielen, dürfte klar sein. Aber danach sollten vom Anspruchsdenken her die Bundesliga mit den Top-Teams ihren Platz finden.
Ich mag gar nicht daran denken, was passiert, wenn Bayern und Werder die Vorrunde in der Champions League nicht überstehen. Die heutige Auslosung brachte machbare Gegner, wobei ich bei solchen Bezeichnungen immer vorsichtig bin. Machbar ist ein Gegner immer nur, wenn man seine eigene optimale Leistung abruft. Und das war bei Werder in der Champions League zuletzt eher seltener der Fall. Aber für den deutschen Vereinsfußball wäre es ein reichlich herbeigesehnter Schritt. Sollte es nicht klappen, dürften wieder alle Schreckensszenarien an die Wand gemalt werden, zu wenig TV-Geld, zu wenig Superstars, aber dafür ganz viele Zuschauer und stets 6 Samstagsspiele in der ARD-Sportschau.
Aber so polemisch will ich nicht werden. Ich habe lange überlegt, ob es ein Patentrezept für einen erfolgreicheren deutschen Vereinsfußball gibt. Ja, und einer der kleinen Schrauben wäre eine vehemente Stärkung des Pay-TV. Daran führt kein Weg vorbei. Wenn Deutschland bei der europäischen Fußballelite mitspielen will, dann braucht man auch einen Fernsehvertrag, der diesen Bedürfnissen gerecht wird. Man kann Uli Hoeneß ja mal fragen, was ihm lieber wäre: Halbfinale in der Champions League oder dass die 10-jährigen Bayern-Fans samstags um 18h30 die Sportschau gucken können. Ich denke, die Antwort dürfte klar sein. Die Vereine brauchen mehr Geld, ein Weg ist ein lukrativerer TV-Vertrag.
Also, wie gesagt, ich habe kein Patentrezept, habe zwar viele kleine Ideen. Aber bevor man über etwas höhere Ticketpreise und dergleichen diskutieren kann, muss sich selbst erstmal einiges bei den Vereinen und konkret auf dem Spielfeld ändern. Auch wenn das jetzt vielleicht hart klingt: Aber für Schalke ging es gestern um die Champions League, Europas große Fußballbühne, um viel Geld. Die Profis verdienen Millionen im Jahr – und einige zeigen eine Einsatzbereitschaft, die einem solchen Spiel nicht würdig ist. Bei so einem Spiel erwarte ich als Fan, dass sich die Spieler bis zum Umfallen verausgaben. Doch wie so häufig fehlte jede Bereitschaft, jegliche Leidenschaft und Hingabe wirklich etwas für das Einziehen in die Gruppenphase zu tun. Schalke ist da bei weitem kein Einzelfall. Nur auf europäischer Bühne wird das immer besonders deutlich. In der Bundesliga ist das leider alltäglich. Es sei an das Bundesligaspiel zwischen Hannover und Cottbus erinnert. Wenn ich schon spielerisch nicht mit den besten Teams mithalten kann, dann versuche ich zumindest in Sachen Einsatz und Leidenschaft das Defizit zu verkleinern. Nur sieht man das bei Bundesliga-Spielen viel zu selten. Kein Wunder also, dass man auf europäischer Bühne neben dem spielerischen Defizit auch noch in Sachen Einstellung unterlegen ist. Man kann ja mal bei Hertha BSC nachfragen, warum man zum Beispiel gegen Odense BK in der ersten Runde im UEFA-Cup ausgeschieden ist. Dass soll alles keine Bankrotterklräung sein, nur fällt es mir immer wieder auf, wenn ich Fußballspiele im Fernsehen sehe. Im Mittelfeld der Premier League oder auch der Primera Division wird bei weitem kein schlechterer Fußball gespielt als bei uns in der Bundesliga. Nur wird in England eben bis zum Umfallen gekämpft, da wird selten ein Ball verloren gegeben. Und natürlich ist das Spiel da auch härter und körperintensiver – aber meist im Rahmen der Regeln. Und ein FC Everton schafft dann dadurch auch mal den Sprung ins Viertelfinale des UEFA-Cup. Weil man sich nicht besonders umstellen muss.
Wir müssen uns dem europäischen Fußball anpassen, wenn wir wieder etwas erfolgreicher sein wollen. Mir kann keiner sagen, dass Fußball auf der Insel umso viel schneller gespielt wird, nur weil da ein paar Superstars spielen. Der Fußball ist schnellerer, weil viel mehr gelaufen wird, viel mehr von der Taktik rochiert wird, viel mehr Leidenschaft im Spiel steckt. Und sowas kann man lernen. Das sind Ansätze, die man den Spielern vermitteln kann. Und da sollten wir zuerst ansetzen. Für mich wirkte Schalke gestern nach 60 Minuten seelisch und körperlich platt. Und das kann einfach nicht sein. Aber das lässt sich abstellen. Und wenn man über 90 Minuten zumindest kämpferisch dem Gegner paroli bieten kann, dann erhöhen sich auch schon mal die Chancen auf Erfolgserlebnisse. Und dann kann man vielleicht auch mal über mehr Geld aus dem TV-Vertrag reden. Aber in aller erster Linie muss der deutsche Vereinsfußball zuerst die Strukturen schaffen. Denn auch mit 450 Millionen Euro von PREMIERE werden Spieler nicht laufbereiter und zeigen mehr Einsatz und Leidenschaft. Auch ein weißer Ritter nützt da nichts.
Sonst droht doch langsam der Weg zum Friedhof. Wie beruhigend, dass man es zumindest teilweise in der eigenen Hand hat. Bloß scheint dass noch keiner eingesehen zu haben. Es sind immer die anderen Schuld, mal die ARD, mal die DFL, mal PREMIERE, mal die geizigen Zuschauer. Aber dass manche Stürmer in der Bundesliga zurzeit Bewegungsradien wie Braunkohlebagger haben, hinterfragt keiner kritisch. Da sollte man zuerst ansetzen. Spieler kann man besser machen.
Die Beerdigung findet dann übrigens bei Sir Alex Ferguson im Old Trafford statt.


Freitag, 29. August 2008 13:09
Leidenschaft hat damit so viel zu tun wie die Parteizugehörigkeit des Bundeskanzlers. Wer ohne Einsatz Fußball spielt schafft es nicht in die Bundesliga. Was oft aussieht wie zuwenig Laufbereitschaft ist eine falsche taktische Aufstellung. Wenn du ständig zu weit weg vom Mann stehst brauchst du 5m um überhaupt ranzukommen und den Vorsprung machst du nicht mal eben weg.
Um es mal umzudrehen: Mit einem systematischen Ansatz haben es in den letzten Jahren mit Russland und Südkorea zwei Nationalmannschaften geschafft, ihre Position im Weltfußball signifikant zu verbessern.
Zenit St. Petersburg und ZSKA Moskau haben es auch in höhere europäische Sphären geschafft. Ohne Ronaldinhos oder Kakas einzukaufen. Russische Spieler sind grad in und wechseln für zweistellige Millionenbeträge in die Premier League.
Außer bei Hoffenheim sehe ich keinen übermäßig systematischen Ansatz in der Bundesliga. Allofs und Schaaf mit ihrer Transferpolitik sahen gut aus, allerdings muss bei Werder irgendwas während der Saison schieflaufen, dass sie es nicht schaffen, konstant gute Leistungen abzuliefern. Vielleicht schafft der HSV ja jetzt was mit Martin Jol, wobei “viel und gut einkaufen” jetzt noch kein systematischer Ansatz ist.
Leverkusen stand auch mal gut da und konnte keine beständige Leistung abliefern. Wenn man Erfolg auf Strukturen und System begründet steht man nicht dumm da, wenn Spieler ihre Leistung nicht abliefern oder verletzt sind.
Bei Schalke geht mir davon abgesehen die taktische Flexibilität ab. Stur 4-3-3 spielen egal was kommt ist zuwenig. Vor allem gegen Atletico.
Ich spiel mein System Widewidewitt wie’s mir gefällt widewidewitt egal wie der Gegner spielt.
Das funktioniert vielleicht wenn man gegen Cottbus, Nürnberg oder Gladbach spielt, aber nicht gegen die Größenklasse Atletico (oder gute Bundesligaclubs). Das schreit nach hohem Risiko. Vielleicht klappts (Hinspiel), vielleicht nicht (Rückspiel).
Wenn Klinsmann sagt er wolle zwei Systeme spielen lassen finde ich das schockierend wenig. Die Spieler müssen doch so flexibel genug sein, um kleine Variationen spielen zu können. Meinetwegen dass Rakitic und Altintop bei Schalke nicht in der gegnerischen Hälfte warten sondern bei gegnerischem Ballbesitzt maximal als äußere Mittelfeldspieler hinter dem Ball stehen.
Das große Augenmerk auf die Defensive in der Bundesliga hilft international wenig weiter. Spätestens wenn man das erste Gegentor fängt steht man mit dem Rücken an der Wand, weil man kein Konzept hat um selbst ein Tor zu schießen. Stattdessen wird bestenfalls blind angerannt. Im Vergleich zur spanischen und englischen Liga ist das Spiel nach vorne sehr, sehr langsam. Der Spielaufbau ist deutsche Wertarbeit die ihre Zeit braucht. Bei guter gegnerischer Defensive dauert es aber viel zu lange und alle Wege sind zugestellt.
Das Tor für Schalke fiel durch einen Freistoß. Im Rückspiel gab es eine Halbfeldflanke die für Ernst/Kuranyi zu einer Chance führt sowie zwei ganz ordentliche Vorstäße über außen, mit der Chance für Westermann. In 90 Minuten ist das zuwenig um eine gute Mannschaft zu sein.
Samstag, 30. August 2008 20:02
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