Mittwoch, 10. September 2008 10:05
Ich war gestern den ganzen Tag unterwegs, habe die Sonne genossen und zwei Zugfahrten hinter mir gehabt. In diversen Tageszeitungen, die ich gestern in die Hände bekam, standen Artikel von der spektakulären Aufholjagd von John McCain gegenüber Barack Obama in den Umfragen für die US-Wahl im November. 50% zu 46% für den Gouverneur von Arizona in den landesweiten Umfragen. Ich frage mich die ganze Zeit schon, wie McCain es schafft beständig in den Umfragen aufzuholen. Wollen sich die Amerikaner wirklich nochmal fünf Jahre Herrschaft der Republikaner antun, nochmal über das größte Defizit in der Geschichte der USA, über tausende Kriegstote im Irak und Isolation auf der Weltbühne stolpern? Waren acht Jahre George W. Bush nicht genug? In jedem anderen demokratischen Land wäre die jetzige Regierungspartei doch schon in den Umfragen abgeschmiert und ohne jegliche Chance auf den Wahlerfolg. Wie tickt also der amerikanische Wähler? Ich hatte bisher keine Antwort darauf. Seit gestern Abend bin ich wenigstens ein bisschen schlauer.
Anruf in den USA, bei meiner Gastmutter, zu der ich seit meinem Schüleraustauschjahr in den USA noch gute Kontakte habe. Sie hatte gestern Geburtstag, ich hatte vergessen ein Paket mit Gummibärchen, Pumpernickel und Schokolade hinzuschicken, von daher dann wenigstens der Anruf. Passte ja auch ganz gut. Geburtstag und US-Wahlkampf. Ich versuchte sie zuhause zu erreichen, dachte, sie hat sich wohl freigenommen. Also Anruf ins wunderschöne Oregon, ins Tal des Willamette River, 100 Kilometer südöstlich von Portland. Sie war da, hat sich gefreut. Über alles geredet, was so anstand, fast 90 Minuten. Ich habe ihre Geburtstagsvorbereitungen aus dem Zeitplan gebracht.
Meine Gastmutter würde ich schon als sehr konservativ bezeichnen. Sie arbeitet in der Gemeinde, engagiert sich politisch, wir sind damals zwei Mal pro Woche zur Kirche gegangen, meistens zweimal am Sonntag. Sie ist sehr religiös, liest viel in der Bibel. Aber sie ist trotzdem eine der tollsten Frauen auf der Welt, die ich kenne. Vor längerer Zeit haben wir schon mal über die US-Wahlen gesprochen, sie erzählte mir damals, dass sie von Barack Obama und seiner Art begeistert war und sie sich vorstellen kann ihn zu wählen. Sie war damals bei Obamas Rede in Portland. Als wir während des Gespräches auf die US-Wahlen gekommen sind und ich gefragt habe, wie es mit der Unterstützung für Barack Obama aussehe, sagte sie mir, dass sie weiter da ist, sie aber in Zweifel kam, ob sie ihn noch wählt, seitdem Sarah Palin an der Seite von John McCain auftritt.
Und sie hat mir dann einen Einblick gegeben in ihre Ansichten und auch in die Meinungen der anderen Leute, die sie kennt und mit denen sie über Politik spricht. Ihre Entscheidung für John McCain habe gar nicht so sehr mit einer Abhaltung gegen Barack Obama zu tun, vielmehr sei es eine Entscheidung für John McCain. Sie meinte, dass sie mit John McCain in vielen Punkten nicht konform gehe, ihn für zu liberal halte, jetzt aber ihre konservativen Ansichten durch Sarah Palin vertreten sieht. Die strikte Ablehnung von Abtreibung sei mittlerweile der Grund, warum sie wieder mehr zu McCain tendiert. Obama bringe zwar einen Politikwechsel, aber sei ihr in vielen Punkten zu liberal. Durch die Stärkung der konservativen Flügels bei John McCain könne sie sich wieder mehr vorstellen die Republikaner zu wählen. Als ich gefragt habe, ob die letzten acht Jahre nicht als Beweis dafür gelten sollten, dass es vielleicht an der Zeit sei, einen Regierungswechsel in Washington zu erwägen, meinte sie, dass sie das durchaus begrüßen würde, solange konservative Ansichten aber vertreten werden.
John McCain scheint also in der Tat ein Coup gelungen zu sein, der ihm die Chancen auf einen Wahlsieg erheblich vergrößert. Es ist nicht die Person McCain, es ist die Person Palin und ihre konservativen Ansichten. Dass letztendlich McCain gewählt wird, scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die Amerikaner scheinen jetzt ihre konservativen Wurzeln wieder zu entdecken, die vor allem von John McCain nur selten wirklich vertreten worden. Irgendwie musste er sich ja auch von George W. Bush abgrenzen. Aber jetzt das konservative Herz, die strikte Ablehnung von Abtreibung und das Erlauben von Waffenbesitz, wieder richtig zu schlagen. Man kann die Vereinigten Staaten von Amerika und seine Leute nicht immer verstehen, aber ich kann zumindest nachvollziehen, wie sie sich verhalten. Es gibt in den USA, gerade in den ländlichen Gebieten, eine sehr starke konservative Verwurzelung, die teilweise durch mehrere Generationen getragen wird. Und scheinbar kommt genau diese durch Sarah Palin wieder zum Wachsen.
Oregon ist bei weitem nun kein Musterbeispiel für einen konservativen Bundesstaat, ganz im Gegenteil, ich habe seine Menschen und Haltung damals überwiegend als sehr liberal empfunden. Barack Obama liegt hier in den letzten Umfragen auch deutlich vor John McCain. Aber wenn sogar hier schon einige darüber nachdenken von Obama zu McCain zu wechseln, wie ist es dann in den wirklich konservativen Staaten und gerade auch in den Swing-States? McCain scheint im Moment auf dem besseren Pfad zu sein.
Vielleicht scheint dieses Land in der Tat für change nicht bereit genug zu sein. Da möchte man lieber Verlässlichkeit und konservative Ansichten in Washington vertreten sehen. Die Politik, die dann zur Abstimmung steht, ist erstmal zweitrangig.