So scheint der amerikanische Wähler zu ticken
Ich war gestern den ganzen Tag unterwegs, habe die Sonne genossen und zwei Zugfahrten hinter mir gehabt. In diversen Tageszeitungen, die ich gestern in die Hände bekam, standen Artikel von der spektakulären Aufholjagd von John McCain gegenüber Barack Obama in den Umfragen für die US-Wahl im November. 50% zu 46% für den Gouverneur von Arizona in den landesweiten Umfragen. Ich frage mich die ganze Zeit schon, wie McCain es schafft beständig in den Umfragen aufzuholen. Wollen sich die Amerikaner wirklich nochmal fünf Jahre Herrschaft der Republikaner antun, nochmal über das größte Defizit in der Geschichte der USA, über tausende Kriegstote im Irak und Isolation auf der Weltbühne stolpern? Waren acht Jahre George W. Bush nicht genug? In jedem anderen demokratischen Land wäre die jetzige Regierungspartei doch schon in den Umfragen abgeschmiert und ohne jegliche Chance auf den Wahlerfolg. Wie tickt also der amerikanische Wähler? Ich hatte bisher keine Antwort darauf. Seit gestern Abend bin ich wenigstens ein bisschen schlauer.
Anruf in den USA, bei meiner Gastmutter, zu der ich seit meinem Schüleraustauschjahr in den USA noch gute Kontakte habe. Sie hatte gestern Geburtstag, ich hatte vergessen ein Paket mit Gummibärchen, Pumpernickel und Schokolade hinzuschicken, von daher dann wenigstens der Anruf. Passte ja auch ganz gut. Geburtstag und US-Wahlkampf. Ich versuchte sie zuhause zu erreichen, dachte, sie hat sich wohl freigenommen. Also Anruf ins wunderschöne Oregon, ins Tal des Willamette River, 100 Kilometer südöstlich von Portland. Sie war da, hat sich gefreut. Über alles geredet, was so anstand, fast 90 Minuten. Ich habe ihre Geburtstagsvorbereitungen aus dem Zeitplan gebracht.
Meine Gastmutter würde ich schon als sehr konservativ bezeichnen. Sie arbeitet in der Gemeinde, engagiert sich politisch, wir sind damals zwei Mal pro Woche zur Kirche gegangen, meistens zweimal am Sonntag. Sie ist sehr religiös, liest viel in der Bibel. Aber sie ist trotzdem eine der tollsten Frauen auf der Welt, die ich kenne. Vor längerer Zeit haben wir schon mal über die US-Wahlen gesprochen, sie erzählte mir damals, dass sie von Barack Obama und seiner Art begeistert war und sie sich vorstellen kann ihn zu wählen. Sie war damals bei Obamas Rede in Portland. Als wir während des Gespräches auf die US-Wahlen gekommen sind und ich gefragt habe, wie es mit der Unterstützung für Barack Obama aussehe, sagte sie mir, dass sie weiter da ist, sie aber in Zweifel kam, ob sie ihn noch wählt, seitdem Sarah Palin an der Seite von John McCain auftritt.
Und sie hat mir dann einen Einblick gegeben in ihre Ansichten und auch in die Meinungen der anderen Leute, die sie kennt und mit denen sie über Politik spricht. Ihre Entscheidung für John McCain habe gar nicht so sehr mit einer Abhaltung gegen Barack Obama zu tun, vielmehr sei es eine Entscheidung für John McCain. Sie meinte, dass sie mit John McCain in vielen Punkten nicht konform gehe, ihn für zu liberal halte, jetzt aber ihre konservativen Ansichten durch Sarah Palin vertreten sieht. Die strikte Ablehnung von Abtreibung sei mittlerweile der Grund, warum sie wieder mehr zu McCain tendiert. Obama bringe zwar einen Politikwechsel, aber sei ihr in vielen Punkten zu liberal. Durch die Stärkung der konservativen Flügels bei John McCain könne sie sich wieder mehr vorstellen die Republikaner zu wählen. Als ich gefragt habe, ob die letzten acht Jahre nicht als Beweis dafür gelten sollten, dass es vielleicht an der Zeit sei, einen Regierungswechsel in Washington zu erwägen, meinte sie, dass sie das durchaus begrüßen würde, solange konservative Ansichten aber vertreten werden.
John McCain scheint also in der Tat ein Coup gelungen zu sein, der ihm die Chancen auf einen Wahlsieg erheblich vergrößert. Es ist nicht die Person McCain, es ist die Person Palin und ihre konservativen Ansichten. Dass letztendlich McCain gewählt wird, scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die Amerikaner scheinen jetzt ihre konservativen Wurzeln wieder zu entdecken, die vor allem von John McCain nur selten wirklich vertreten worden. Irgendwie musste er sich ja auch von George W. Bush abgrenzen. Aber jetzt das konservative Herz, die strikte Ablehnung von Abtreibung und das Erlauben von Waffenbesitz, wieder richtig zu schlagen. Man kann die Vereinigten Staaten von Amerika und seine Leute nicht immer verstehen, aber ich kann zumindest nachvollziehen, wie sie sich verhalten. Es gibt in den USA, gerade in den ländlichen Gebieten, eine sehr starke konservative Verwurzelung, die teilweise durch mehrere Generationen getragen wird. Und scheinbar kommt genau diese durch Sarah Palin wieder zum Wachsen.
Oregon ist bei weitem nun kein Musterbeispiel für einen konservativen Bundesstaat, ganz im Gegenteil, ich habe seine Menschen und Haltung damals überwiegend als sehr liberal empfunden. Barack Obama liegt hier in den letzten Umfragen auch deutlich vor John McCain. Aber wenn sogar hier schon einige darüber nachdenken von Obama zu McCain zu wechseln, wie ist es dann in den wirklich konservativen Staaten und gerade auch in den Swing-States? McCain scheint im Moment auf dem besseren Pfad zu sein.
Vielleicht scheint dieses Land in der Tat für change nicht bereit genug zu sein. Da möchte man lieber Verlässlichkeit und konservative Ansichten in Washington vertreten sehen. Die Politik, die dann zur Abstimmung steht, ist erstmal zweitrangig.


Mittwoch, 10. September 2008 12:19
Vielen Dank für diesen Einblick! Das deckt sich in etwa mit meiner “Ferndiagnose”, dass es durch die Nominierung von Palin gelungen ist, die konservativen Schichten enorm zu mobilisieren, die sich vorher mit McCain nicht so anfreunden konnten, weil er teilweise zu liberal war.
Palin fungiert dabei so ein bisschen wie eine Art Projektionsfläche, dadurch, dass sie bisher ein unbeschriebenes Blatt war. Sie wurde mit recht einfachen Begriffen grob definiert (Hockey Mom, Abtreibungsgegnerin, Kreationistin, Pro-Drilling), ohne aber wirklich “durchdekliniert” zu sein. Dadurch bietet sie enorm viel Raum für die Projektion der eigenen Moralvorstellungen und Wünsche (beinahe so ein bisschen wie Obama für das andere Ende des Spektrums) und so kann sich jeder potentiell Konservative das reininterpretieren was für ihn/sie wichtig ist.
Für Obama/Biden geht es jetzt in erster Linie diese freien Stellen in Palins Profil möglichst negativ zu besetzen – und Dreck am Stecken hat sie ja scheinbar genug, wenn man einigen Bloggern aus Alaska Glauben schenken mag. Werden auf jeden Fall noch zwei spannende Monate!
Mittwoch, 10. September 2008 12:37
Die Frage, die sich dann stellt, ist aber, wie angreifbar Sarah Palin ist. Und für die Demokraten viel wichtiger. Können sie damit unentschlossene Wähler auf ihre Seite holen? Das Beispiel der letzten Tage war ja der Brückenbau in Alaska, dem Palin ja erst zugestimmt hat um dann im Wahlkampf mit John McCain zu sagen, sie war von Anfang an dagegen. Ich denke solche Beispiel müssen die Demokraten gezielt angreifen. Ich bin aker skeptisch, ob man damit die tief verwurzelte konservative Haltung einiger Amerikaner so verändern kann, dass sie dann Obama ihre Stimme geben.
Mittwoch, 10. September 2008 12:58
Bei der Aufholjagd von mcCain spielen m.E. zwei Effekte eine Rolle. Zum einen neigen die Wähler bzw. Demoskopen immer in Pendelausschlägen zu agieren und nachdem das Pendel in Sachen Obama und Obama-Mania in diesem Sommer voll zu seinem Gunsten ausschlug, geht es nun in die andere Richtung. Bei einem Wahltermin im November müsste das aber wieder Obama helfen…
Der zweite Punkt sind die Wählerschichten: die Schwarzen sind Pro-Obama. Die Latinos scheinen an McCain zu gehen. Übrig bleibt die weiße Mittelschicht und die weißen Arbeiter, von denen wir dank der demokratischen Vorwahlen wissen, dass sie nicht ohne weiteres Obama wählen.
Sarah Palin ist – da hat Hirngabel recht – derzeit noch die ideale Projektionsoberfläche für viele in dieser Schicht. Zumindest solange Palin ambivalent bleibt. Einerseits Abtreibungsgegnerin, andererseits ihrer eigenen Tochter (angeblich) die Wahl gelassen.
Unerfahrenheit und Inkompetenz wie sie Palin vorgeworfen werden, sind für die Öffentlichkeit kein KO-Argument gegen einen Vizepräsident, siehe Dan Quayle der unter Bush Sr.
Palin wird erst dann zum Problem, wenn es Obama & Biden gelingt, ein großes Thema zu platzieren, bei dem Palin sehr schlecht aussieht. Ein Skandal oder irgendein verheerender faux-Pas. Die Geschichte mit dem Brückenbau oder irgendwas wo sie “ge-flipflopt” ist, reicht für die Öffentlichkeit nicht aus.
Mittwoch, 10. September 2008 20:12
Den Eindruck bzgl. der “pendelnden” Demoskopen hatte ich auch, wie halt auch insgesamt die amerikanische Medienlandschaft sich immer sehr extrem in der Berichterstattung auf maximal zwei, drei Themen fokussieren zu scheint.
Bzgl. der Umfrageergebnisse gab es auch einen Artikel auf der Huffington Post, wo angemerkt wurde, dass die Zusammensetzung der Befragungsgruppen geändert worden seien und auf einmal wesentlich höhere Anteile an “republikanischen” Wählern aufweisen wurden. Keine Ahnung, wieviel Wahrheit darin steckt, zumal ja die HP auch eindeutig liberal/demokratisch ist.
Die Angreifbarkeit von Palin scheint ja durchaus gegeben zu sein. Ich glaube auch nicht, dass die “Bridge to nowhere”-Geschichte alleine ausreichen würde, um ihre Glaubwürdigkeit entschieden auszuhöhlen. Aber gegen sie läuft ja derzeit auch noch eine Art Ethik-Verfahren, da sie angeblich private Gründe in ihre Personalpolitik hat einfließen lassen. (Ex-Schwager sollte nach ihrem Willen aus der Polizei geschmissen werden, der Verantwortliche ließ das aber nicht zu – und wurde dann selbst entlassen)
Zudem soll es im Zuge der Ermittlungen rund um dieses Verfahren noch einige weitere Unstimmigkeiten gegeben haben.
Darüber hinaus gibts auch noch Kritik wegen der Verschwendung von Steuergeldern (nicht nur im Zusammenhang mit der Brücke), wie z.B. die Abrechnung von Reisekosten für Aufenthalte im eigenen Haus (wohl innerhalb der 20 Monate Phase als Gouverneur insgesamt für über 300 Tage).
Hinzu kommen dann noch ein paar weitere kleine Geschichten, wie Zugehörigkeit zu einer Partei, die die Unabhängigkeit Alaskas propagiert, sowie zu einer (wie beinahe üblich in den USA) etwas umstrittenen Kirchengemeinde. Oder ein Zwischenfall, wo Palin als Bürgermeistern angeblich die Verbannung einiger für sie moralisch fragwürdiger Bücher aus der örtlichen Bibliothek forderte. Auch dort verweigerte sich die zuständige Bibliothekarin und sollte dann von Palin gefeuert werden – was aber der Widerstand der Bürger verhinderte.
Alles nichts unbedingt richtig großes, aber doch viele kleine Aspekte, die das Bild von Palin im Gesamteindruck entscheidend trüben könnten, wenn es die Demokraten verstehen, dies auch vernünftig auszuspielen.
Sehr wichtig wird aber sicherlich das TV-Duell zwischen Palin und Biden sein. Da wird es ja nur eines von geben und da könnte es sicherlich eine Art Vorentscheidung geben, wenn Biden es schafft Palin auf intelligente Art, bloßzustellen.
Ich kann jedenfalls nur hoffen, dass es nicht nochmal vier Jahre Republikaner gibt, da es auf meinen Beruf (Tourismus in die USA) sicherlich bei weitem nicht so positive Auswirkungen hätte, wie eine Wahl von Obama.
Mittwoch, 10. September 2008 21:05
Yep, das Duell der VPs wird interessant, aber nach dem Auftritt von Sarah Palin, angeblich sogar mit teilweisen Ausfall der Teleprompter, würde ich nicht auf den Sieger wetten wollen…
Es ist gut möglich das “What’s the difference between a hockey mom and a pittbul? … Lipstick!” der Wendepunkt des Wahlkampfes darstellt.
Mittwoch, 10. September 2008 23:12
Keine Frage, die Nominierung von Palin war definitiv ein sehr guter Coup bislang!
Aber das Rennen habe ich ohnehin immer für absolut offen gehalten, auch wenn man manchmal den Eindruck haben konnte, es ginge nur noch um Obama. Die beiden Lager sind in den USA halt einfach größenmäßig zu eng beieinander, als dass man mit einem klaren Sieg für irgendwen rechnen könnte.
Eine Rede ist, Teleprompter oder nicht, aber immer noch was anderes, als ein direktes Rededuell, wo man nur bedingt auf einen gescripteten Text zurückgreifen kann, wie es noch bei der Acceptance Speech der Fall war – und wo sie sich ja quasi zwei, drei Tage nur drauf vorbereitet hat. Könnte definitiv ein “Make or break”-Abend werden…
Donnerstag, 11. September 2008 0:50
Mal aus der etwas näheren Warte in New York eingeworfen:
Jenseits all der Ablenkungsmanöver, die seit Jahrzehnten keiner besser inszeniert als die Strategen der Republikaner, und jenseits der Bereitschaft der meisten Journalisten, diesen Mist als Material für Geschichten zu akzeptieren und damit diesen Mist aufkocht, und jenseits aller gerne zitierten Umfragen findet der Wahlkampf eher im Kleinen statt.
Da geht es zu erst einmal darum: Wähler registrieren und mobilisieren. Pluspunkt für Obama. Da geht es zweitens darum, in ganz bestimmten Bundesstaaten konzentriert am Ball zu bleiben. Auch hier (bis jetzt): Pluspunkt für Obama. Und da geht es drittens darum, dass ein erheblicher Teil der Wähler am Ende je nach wirtschaftlicher Grundstimmung entscheidet. Die Stimmung ist katastrophal. Pluspunkt für Obama.
Viertens: Das Rennen ist jedes Mal knapp. Bush hatte es definitiv verloren (national sowie in Florida). Kerry 2004 fehlten in Ohio nur ein paar tausend Stimmen, und er hätte gewonnen (obwohl er national gesehen weniger Stimmen hatte). Fünftens: Der Obama-Apparat ist unermüdlich, kreativ, motiviert und jung. McCains Brigade, na, ja. Sie müssen über die Newskanäle Krach schlagen, damit sie überhaupt gehört werden.
Sechstens: der Schweine-Lippenstift-Spruch saß genau richtig. Erstens ist es in den USA ein alter Spruch und wurde auch von McCain im Wahlkampf schon angewendet. Zweitens hatte er Palin in seiner Rede bis dahin gar nicht erwähnt. Ich traue Obama und seinen Leuten zu, dass sie in dem Bereich noch richtig gut werden. Die Lady ist ja erst seit ein paar Tagen auf dem Tablett und hat bislang kein einziges Fernsehinterview gegeben. Sie lügt. Und sie hat Theater in Alaska. Stoff reichlich.