Beiträge vom 27. September 2008

“I think Senator Obama does not understand…”

Samstag, 27. September 2008 9:03

In der vergangenen Nacht also das erste TV-Duell zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten, Obama und McCain. In Oxford im US-Bundesstaat Mississippi gab es aber 90 Minuten Magerkost, keine Überraschungen, wenig Spektakuläres. Ehrlich gesagt: Ich hatte viel mehr erwartet.

Mit Ausnahme der ersten 30 Minuten, in denen sehr ausführlich und sachlich über die Finanzkrise gesprochen wurde, war es von beiden Kandidaten ein Herunterspulen ihrer bisherigen Aussagen des Wahlkampfs. Alles hatte sogar ich schon mal irgendwo wörtlich so gehört oder gelesen, von daher darf man sich schon fragen, on irgendein interessierter, unentschlossener US-Wähler, der tagtäglich und überall mit dem US-Wahlkampf in Kontakt kommt, irgendein Erkenntnisgewinn bekam und sich für einen Kandidaten entscheiden konnte. Denn darum sollte es beiden Anwärtern ja gehen. In einem TV-Duell wird man mit Sicherheit keine großen Wählerschichten verlieren, es sei denn man macht große Schnitzer. Aber gerade die Unentschlossenen können sich erstmals ein Bild machen, haben quasi den direkten Vergleich, können zu bestimmten Positionen die Einschätzungen der Kandidaten gegenüberstellen. Doch bekam sie gestern irgendeinen neuen Erkenntnisgewinn?

Nein, beide sprachen in ihren festen Strukturen. John McCain hat vor allem im Teil zur Außenpolitik Obama als den unerfahrenen, nicht geeinigten Kandidaten darstellen wollen. nd das gelang zumindest teilweise, von daher sah ich McCain zumindest inhaltlich im diesem Gebiet leicht vorne. Ungefähr 50 Mal begann McCain mit dem Satz “I think Senator Obama does not understand…” und setzte dann seine Liste fort. Obama sei nicht in Pakistan, im Iran, in Nordkorea und überall gewesen. Er habe sich nie ein Bild vor Ort gemacht. Von daher verbietet es sich, dass Obama über wichtige außenpolitische Sachverhalte entscheiden darf. Streng formuliert war das die Haltung von John McCain. Natürlich brachte der Senator aus Arizona auch seine Positionen zum Thema Außenpolitik deutlich hervor, ohne aber stets darauf hinzuweisen, wen er wo und überall schon alles getroffen habe. John McCain ist auf dem Bereich der Außenpolitik ein richtig toller Hengst und hat dies in jedem Satz weit und breit erklärt. Das ist legitim, hat mich aber persönlich stets genervt. Seine Via sollte doch den meisten Wählern bekannt sein. Barack Obama gab nur am Ende eine kleine persönliche Anekdote, als er an seinen Vater erinnert hat. Der Senator aus Illinois hat vor allem die acht Jahre Außenpolitik der Regierung Bush auseinandergenommen, den Irak-Krieg als falsch bezeichnet und McCain vorgeworfen, dafür gestimmt zu haben. Er habe also das bessere Urteilsvermögen in wichtigen außenpolitischen Entscheidungen. Brisant wurde es nur einmal, als es darum ging, wie man diplomatisch mit dem Iran oder auch Nordkorea umgehen sollte. Beide machten ihre bekannten Positionen hier deutlich und verstrickten sich dann in den üblich festgefahrenen Ansichten, sprich: Obama unerfahren in Außenpolitik, McCain nicht mit dem Urteilsvermögen, nicht daran interessiert Amerikas Stellung und Ansicht in der Weltpolitik zu verbessern.

Begonnen hatte die Debatte mit einer halbstündigen Diskussion über die aktuelle Finanzkrise. Beide betonten, dass Amerika in einer ernsten Krise sei und das dies Auswirkungen auf ihre Präsidentschaft habe. Eine neue Position wurde dann doch deutlich: McCain möchte eine umfassende Ausgabenbegrenzung, Obama weiter an seinen Investitionen festhalten und unnütze Ausagen, sprich Steuersenkungen für die Wohlhabenden und Unternehmen, zurücknehmen. Im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik sah ich Obama leicht vorne.

Insgesamt kommt dann von der inhaltlichen Ebene ein Unentschieden heraus. Rhetorisch sah ich ebenfalls beide gleichauf. Obama wirkte in seinen Aussagen sehr viel präsenter und präziser, McCain angriffslustiger und aggressiver. Ich bin gespannt, ob diese Strategie von McCain aufgeht. Die nächsten Umfragen werden es zeigen. Unter der Berücksichtigung, dass das Thema Wirtschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt, könnte ich mir vorstellen, dass McCain den Vorsprung nicht wesentlich vergrößern wird. Denn ich fand Obama in diesem Abschnitt des TV-Duells sehr viel überzeugender. Insgesamt hatte ich mir aber mehr erwartet, und zwar vor allem in der direkten Interaktion zwischen den Kandidaten, in der Auseinandersetzung über einzelne Positionen. Häufig war es ein Vortragen seiner eigenen Position mit dem Verweis darauf, dass der Gegenkandidat in diesem Punkt die falsche Ansicht habe und diese Versäumnisse aufweisen kann.

Mal schauen. Wenn das Thema Außenpolitik im Moment den Wahlkampf beherrschen würde, könnte John McCain sehr viel Rückenwind mitnehmen. So wird sich in den Umfragen vielleicht nur geringfügig etwas ändern. Zu wenig Überraschungen, zu viel Bekanntes. Und gerade im Bereich der Wirtschaft hat Obama durch einige sehr gute Aussagen punkten können. Richtig Bewegung könnte dann die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten geben. Denn beide stehen nicht so sehr im Rampenlicht und müssen für ihre Kandidaten werben. Insbesondere im Bereich der Außenpolitik hat dann hier McCain das Nachsehen, verfügt seine Kandidatin Palin über nicht den größten Horizont. Aber zum Glück hat der Senator aus Arizona da schon mal die Positionen abgesteckt. Es könnte aber im falschen Themengebiet gewesen sein. Im Moment sind für die Amerikaner die eigenen Dollarscheine wichtiger als Afghanistan oder der Irak. Und was nützt es dann, wenn McCain alle diese Länder schon besucht hat, wie er immer wieder betont hat? I do not understand that.

Thema: US Wahl 2008 | Kommentare (0) | Autor: medispolis