Die große Bremer Aufholjagd

Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Pisa-Studie am gestrigen Dienstag sind heute das beherrschende innenpolitische Thema in Bremen. Und scheinbar ist der Aufstand der Opposition im Keim erstickt worden, weil die Landesregierung aus SPD und Grünen politisch durchaus geschickt vermeldet hat, dass Bremen zwar weiterhin das Schlusslicht im deutschen Bildungssystem ist, es aber durchaus Verbesserungen gegenüber älteren Untersuchungen gibt. Das scheint zumindest verhindert zu haben, dass CDU, FDP und Linkspartei aus allen Kanonen feuern.

Führen wir uns nochmal die Ergebnisse der Pisa-Studie 2006 für Bremen vor Augen. Darin ist festzustellen: Bremen liegt im Bereich der Naturwissenschaften zwei ganze Schuljahre hinter Sachsen zurück und liegt als einziges Bundesland unter dem OECD-Durschnitt. Leichte Verbesserungen gab es auch bei der Lesekompetenz und im Bereich Mathematik. Ebenso konnte der Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Bildungserfolg etwas entschärft werden, liegt aber auch in Bremen noch deutlich über den wünschenswerten Vorgaben. Bremen liegt bei der naturwissenschaftlichen Kompetenz knapp vor Portugal und Italien, bei der Lesekompetenz ist die Slowakei sogar besser. 20% der 15-jährigen gehen in Bremen auf eine Hauptschule. Sachsen hatte diese Schulform komplett abgeschafft. Dass Hauptschule aber nicht gleich Bildungsmisserfolg heißt, zeigt Bayern. In Bayern sind 30,5% der 15-jährigen auf Hauptschulen. Bremen möchte jetzt die Hauptschule abschaffen. Klar ist die Hauptschule kein Zukunftsmodell par exellance, aber intensive Betreuung und kleine Klassen können sicherlich auch auf Hauptschulen zu Lernerfolgen führen.

Die innenpolitsche Debatte in Bremen begann also auf der Basis leicht verbesserter, aber immer noch sehr schlechter Ergebnisse. Die FDP hält sich mit Schmährufen gegen die Landesregierung zurück, fordert vielmehr einen Ausbau der Sprachförderung und der Ganztagsschulen. Auch die CDU gibt sich überraschend zurückhaltend mit Kritik an Rot/Grün und mahnt einen grundlegenden Wechsel in der Bremer Bildungspolitik an.

Und was sagt die Bildungssenatorin Renate Jürgens Pieper zu den Ergebnissen für Bremen. Sie äußert sich gegenüber SPIEGEL Online:

“Wir haben kleine Erfolge und wurden gelobt, weil wir den Anschluss in Lesen und in Mathematik gefunden haben. Das wird die Schulen weiter motivieren. Aber dieses Lob befriedigt uns natürlich nicht. Immerhin: Wir sind nicht abgehängt worden, unsere Aufholjagd hat sich gelohnt.”

Kann jemand hier eine Aufholjagd erkennen? Und wenn ja, auf wen soll wir denn aufgeholt haben? Wer war Bremens Orientierungspunkt? Ich finde es immer schade – und mache das auch zu einem Hauptvorwurf an diverse Politiker – wenn nicht ehrlich argumentiert wird und Ergebnisse besser dargestellt werden als sie schlicht sind. Die Ergebnisse Bremens verdienen bei weitem nicht das Prädikat “Aufholjagd”. Das ist schlicht nicht der Realität entsprechend. Und wenn alle Bildungspolitiker- und Experten so wild nach dieser Pisa-Studie sind, dann muss man sich auch an den Zahlen messen: Und die sind für Bremen ganz leicht verbessert – das will ich hier nicht wegschreiben – aber sie sind schlicht und einfach nicht zufriedenstellend und gut genug. Und da von einer Aufholjagd zu sprechen, ist blanker Hohn. Was macht denn Bremen, wenn die positiven Ansätze sich verfestigen und zu einer Besserung beitragen und wir in ein paar Jahren die rote Laterne abgeben? Was ist denn das dann? Das neunte Weltwunder oder sportlich gesprochen ein erneutes “Wunder an der Weser”. Wenn man bei so einem mäßigen Erfolg die rhetorische Latte schon so hoch hängt, dürften einem ganz schnell die Superlative ausgehen. Manchmal können unsere Politiker gerne auch mal kleine Brötchen backen. Denn eine Situation ehrlich und realistisch einzuschätzen verdient zumindest bei mir mehr Anerkennung als Fakten sich künstlich schön zu reden. Und die Aufholjagd macht sich bei Renate Jürgens Pieper auch an messbaren Erfolgen deutlich:

“Wir haben die Unterrichtszeiten verlängert und die Lernzeiten ausgeweitet, sowohl in den Ganztagsschulen als auch mit Lerncamps im Sommer und zu Ostern. Wir haben die Wiederholer-Quoten gesenkt, weil Sitzenbleiben demotiviert. Und wir haben verstärkt Schulschwänzer von den Straßen geholt.”

Und gerade mit diesem Statement sollte klar sein, dass Bremen erstmal noch ganz am Anfang steht. Keine Spur von Aufholjagd. Wenn man realistisch ist.

Autor: medispolis
Datum: Mittwoch, 19. November 2008 11:40
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Ein Kommentar

  1. 1

    Was nützt bitte die Schulzeiten verlängert???

    Nichts!!!

    Hatte auch mal 3x die Woche bis 16:45 Uhr, 1x bis 15:15 Uhr und am Freitag bis 13:00 Uhr. Und was hat es mir gebracht, außer dass ich schlechtere Noten bzw. Punkte bekommen hab?
    (Sowas ist natürlich keine Ganztagsschule hier, da man ja noch Hausaufgaben (wenn man sie nicht schon nebenbei im Unterricht erledigt hat) daheim machen muss. Ich frag mich irgendwie nur, was denn dann eine Ganztagsschule sein soll?)

    Achja, was hat’s mir gebracht?
    Nicht wirklich viel, außer dass ich nun weiß, was es bedeutet, wenn man nebenbei noch in einem Sportverein versucht wöchtenlich aktiv zu sein. Fast unmöglich alles auf unter einen Hut zu bringen. Und da heißt es immer, die Jugend bewegt sich zu wenig.

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