Der Selbstzerstörungsprozess der Young Gunners

In den Hauptrollen Trainer Arsene Wenger und der ehemalige Kapitän William Gallas, in den Nebenrollen die schreibende Sport-Zunft aus England, Regie führt die unberechenbare Premier League, die kleine Wackler und schwammige Entscheidungen einfach nicht erlaubt.

Fußball ist ein schnellebiges Geschäft. 08. November, kurz nach halb vier im Emirates Stadium. Der FC Arsenal London schlägt Manchester United nach toller Leistung mit 2:1. Erste leise Kritiken am Stil von Arsene Wenger, am Zusammenhalt der Mannschaft und dem Verhältnis zwischen Team und Fans verstummen schnell. Im Moment des Erfolgs werden Misserfolge, gerade beim FC Arsenal, sehr schnell vergessen und hinter sich gelassen. Mehr als zwei Wochen später: Der FC Arsenal hat nach Niederlagen daheim gegen Aston Villa und Manchester City den Anschluss an die Tabellenspitze vollends verpasst, hat scfln fünf Niederlagen auf dem Konto, was den schlechtesten Start in eine Premier League Saison markiert. Und wenn da nicht nur die sportliche Talfahrt wäre, haben sich die Gunners seit Donnerstagabend noch eine weitere Baustelle gegraben, die rückblickend kein besonders gutes Licht auf die Mannschaft, auf Trainer Arsene Wenger und die Strukturen im Verein werfen.

Donnerstagabend gibt der französische Kapitän der Gunners, William Gallas, der Nachrichtenagentur ap ein Interview, in welchem er Streitigkeiten innerhalb der Mannschaft der Öffentlichkeit preisgibt und gleichzeitig seinen Teamkamaraden die Fähigkeit abspricht um den Meistertitel mitkämpfen zu können und zu wollen. Sehr viel pompöser kann man eine Selbstmontage nicht beginnen. Donnerstagabend bitten diverse Journalisten den FC Arsenal um eine Stellungnahme bezüglich der Äußerungen von Gallas, doch der Verein schaltet auf stur und will zu den Äußerungen keine Stellung nehmen. Erst Freitagnachmittag bekommen die interessierten Journalisten wenigstens ein bisschen Nahrung, als bekannt wird, dass Gallas zumindest die Kapitänsbinde abgeben muss und für das Spiel gegen Manchester City nicht im Kader berücksichtigt ist. Mehr gibt es dazu vom FC Arsenal nicht zu hören. Chairman Peter Hill-Wood sagt nur, dass solche Dinge privat geregelt werden müssen. Sowohl Wenger als auch der Verein verpassen es hier klare Maßnahmen der Öffentlichkeit mitzuteilen, stattdessen versucht man sich im Ungefähren, versucht die Affäre um Gallas einfach auszusitzen und totzuschweigen. Die Vereinsführung des FC Arsenal macht keine gute Figur, auch Arsene Wenger nicht, der scheinbar kein Rezept hat, wie er mit solch einer Situation umgehen muss. Den Spieler öffentlich in Schutz nehmen oder via Presse ein Machtwort sprechen, dass das so nicht gehen kann? Denn Gallas ist schon öfters aufgefallen. Letzte Saison in Birmingham war er beim letzten Angriff und nach dem Spiel minutenlang auf dem Rasen geblieben und hat sich nicht der Mannschaft angeschlossen, vor ein paar Wochen wurde er vor einer Disko mit einer Zigarette gesehen. Die Zeit wäre also durchaus reif gewesen etwas härter durchzugreifen. Doch Wenger befand es für das Beste erstmal gar nichts zu sagen.

Kurz nach der 0:3-Niederlage bei Manchester City gibt Wenger im Spielertunnel ein Interview. Auf die Frage zur Situation um William Gallas gibt Wenger mies gelaunt ins Mikrofon, dass er zu diesem Thema heute nichts sagen werde und es dazu überhaupt niemals eine Stellungnahme des Vereins geben wird. Und genau mit dieser Spekulation heizte Wenger die Situation mehr an. Warum war es für Wenger so schwierig öffentlich zum Fall Galls Stellung zu nehmen, seine Entscheidung zu begründen. Normalerweise spricht Wenger über alles mit den Journalisten, sei es Wetter, Politik oder Weihnachten, nur zum Fall Gallas wollte er sich nicht äußern. Und so waberte dieses Thema seit 48 Stunden durch die Medien, gefüttert mit zwei Fakten (Verlust der Kapitänsbinde, Nicht-Berücksichtigung für das Auswärtsspiel), und ansonsten viele Spekulationen. Mit einer klaren Aussage noch am Donnerstagabend hätte man diesem Thema jeglichen Wind aus den Segeln hätte nehmen können. Es war sicherlich eine der schwierigsten Wochen für Arsene Wenger beim FC Arsenal, und er war damit schlicht überfordert.

Denn der Franzose hat sich dann doch noch auf der Pressekonferenz zur Causa William Gallas geäußert, aber nicht, wie man vermuten konnte zurückhaltend und selbstkritisch, sondern mit einer für Wenger-Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Medienschelte. “Ihr [die Journalisten] geht von Katastrophe zu Katastrophe, aber das wirkliche Leben spielt sich irgendwo dazwischen ab. Er [Gallas] war unter Druck von der Presse. Er nahm sich alle Probleme des Teams zu Herzen. Er ist ein Spieler, den ich beurteile, und er ist ein Mann, den ich beurteile.” Ein Lobelied auf Gallas in der Öffentlichkeit, Wenger wie immer loyal zu seinen Spielern. Was Tom Dart/The Times zu folgendem sehr schönen Satz formulierte: Wenger is consistent in his inconsistency. Gallas hat so ziemlich alle Regeln eines vernünftigen Teamgebildes verletzt, seine Mitspieler öffentlich kritisiert, und von Wenger gibt es in aller Öffentlichkeit lobende Worte. So schützend Wenger stets die Hand über seine Spieler gelegt hat, genau hier hätte er zeigen können, dass er Situationen entsprechend ihrer Umstände einschätzen kann und dies der Öffentlichkeit so mitteilt. Insgeheim hofft Arsene Wenger wohl, dass das Abgeben der Kapitänsbinde ausreichen muss um wieder Ruhe in den Verein zu bekommen. Und das genau ist es eben nicht: Die vereinsinternen Probleme scheint Wenger dadurch nicht zu lösen.

Und vielleicht hofft Wenger ja auch wieder auf den Erfolg, auf gute Spiele und positive Ergebnisse. Gegen Dynamo Kiew scheint das ja vielleicht noch zu funktuonieren, doch dann stehen in der Liga Chelsea, Wigan und die Partie beim FC Middlesbrough an. Klingt mit der Ausnahme der Partie an der Stamford Bridge nach lösbaren Aufgaben, aber genau solche Spiele haben die Gunners diese Saison schon zu oft verloren. Der FC Arsenal scheint nicht nur den Anschluss nach oben zu verlieren, sondern auch aus den Top Four rauszufliegen. Aston Villa macht derzeit auf und neben dem Platz den deutlich beständigeren Eindruck. Heute hat Arsene Wenger dann auf der Pressekonferenz vor dem CL-Spiel morgen gegen Kiew bestätigt, dass Cesc Fabregas neuer Kapitän bei den Gunners wird. Die BBC hat die Pressekonferenz auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Und wenn man sich die ersten Minuten so anschaut, dann merkt man, wie sehr die Journalisten bei Arsene Wenger derzeit an Kredit verloren haben. Dabei sollte eigentlich eher klar sein, dass Gallas Schuld an der Misere bei Arsenal ist und nicht die Pressevertreter.

Journalist: “Will Gallas be your captain?”

Wenger: “No, it will be Fabregas.”

Journalist: “Can I ask you why?”

Wenger: “I do not think I have to especially explain why.”

Journalist: “Is it a permanent thing?”

Wenger [unterbricht den Journalisten in seiner Frage]: “It is a permanent thing.”

Journalist: “How would you describe the last couple of days?”

Wenger: “Interesting”

Journalist: “Has it been difficult for you?”

Wenger: “Not more than that.”

Selten einen so schlecht gelaunten Arsene Wenger gesehen. Ich halte Arsene Wenger für einen der großartigsten Trainer in der Fußball-Welt, aber die letzten Tage haben gezeigt, dass Wenger ein bisschen Ziel und Orientierung verloren hat. Der Guardian fragte ganz süffisant, ob man sich schon mal auf eine Zeit nach Wenger vorbereiten muss. So ganz abwegig ist dies nicht. Seit vier Jahren verfolgt er jetzt die Strategie der jungen Spieler und setzt kaum noch auf erfahrung und Routine. Dieses Konzept und Arsene Wenger ist in den letzten Tagen an seine Grenzen gestoßen. Und vielleicht sollte sich Wenger auch mal fragen, warum Gallas den Weg über die Presse genommen hat und nicht mit dem Trainer zuerst gesprochen hat. Gallas wird gegen Kiew spielen, mangels Alternativen. Auf die Reaktion der Fans darf man gespannt sein.

Autor: medispolis
Datum: Montag, 24. November 2008 21:02
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