Ich habe es, glaube ich, schon mal erwähnt, dass ich leidenschaftlich gerne Bahn fahre und mich auch ein bisschen – auch dank familiärer beruflicher Erfahrung – mit Betriebsabläufen bei der Deutschen Bahn AG auskenne. Ich war nie ein großer Freund von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Gerade der Nahverkehr, der von der DB AG betrieben wird, hat sich in den letzten Jahren massiv verschlechtert, qualitativ wie auch quantitativ.
Von daher sehne ich immer so ein bisschen den Tag herbei, wo Mehdorn gehen muss, vorzeitig versteht sich. Gelegenheit gab es in den letzten Jahren ja genug. Defekte Radsätze, langwieriger Tarifstreit, Bonus-Zahlungen für den Vorstand und jetzt eben das Ausspähen von Mitarbeiterdaten zur angeblichen Korruptionsbekämpfung. Mehdorn sollte vielleicht lieber Verspätungen und dreckige Züge bekämpfen.
Nun aber bekommt das Mehdorn-Theater eine weitere Aufführung: Diverse Medien berichten, dass die Bahn AG vor drei Jahren die Daten aller Mitarbeiter überprüfen lies. Nach und nach kommen immer mehr schmutzige Details ans Tageslicht. Und es ist wie im Bahnalltag. Erst sind es fünf Minuten Verspätung, dann fünfzehn, dann fällt der Zug aus und es kommt ein Ersatzzug mit fünf Wagen, die man irgendwo auf einem Abstellgleis noch gefunden hat. Und dann gibt es von Hartmut Mehdorn heute Mittag diesen Brief an die Mitarbeiter [Hervorhebung von mir]
Auch wenn die abschließende datenschutzrechtliche Würdigung noch aussteht – aus heutiger Sicht waren wir hier übereifrig, und es gab eine falsch verstandene Gründlichkeit. Für die grundsätzlich sinnvolle und zulässige Maßnahme zur Korruptionsbekämpfung war es nicht nötig, den Kreis der Mitarbeiter, die in den Datenabgleich einbezogen wurden, so weit zu ziehen.
Tja, und jetzt hat man den Kreis so weit gezogen, dass er sich nicht mehr weiter ziehen lässt. Sozusagen eine Verzögerung im Betriebsablauf.
Und, die Bahn setzt noch einen drauf: Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat eine Abmahnung des Konzerns bekommen, weil er ein Memo zur Mitarbeiter-Rasterfahndung komplett veröffentlicht hat. Die Bahn muss jetzt schon Blogger einschüchtern, damit die internen Abläufe im Konzern nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wie tief kann ein Konzern und deren Vorstand innerhalb weniger Tage sinken?
Als ich heute Morgen auf dem Hauptbahnhof in Hannover war, sah ich, dass die große Anzeigetafel in der Bahnhofshalle stehen geblieben war. Zeigte heute Morgen immer noch die Verbindungen von gestern Abend um 21:00 Uhr. Da wollte Mehdorn wohl die Zeit anhalten. Aber die Zeit dreht sich weiter, die Bahn fährt weiter – hoffentlich ab morgen mit einem neuen Chef.