Rätselraten an der Ampel

Ich fuhr heute Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit, durch die kalte Luft und mit dem Sonnenaufgang über Hannover im Hintergrund ging es 30 Minuten in die Stadt. Mir war selten so kalt wie heute Morgen. Meine Ohren waren schon nach wenigen Minuten eingefroren, irgendwann waren Beine und Füße teilweise nicht mehr spürbar.

Auf halber Strecke warte ich an einer großen Kreuzung an der Ampel. Plötzlich hält neben mir mit extrem starker Bremse eine junge Frau, dick eingepackt, weiße Mütze, Handschuhe und bunter Schal. Ihr langes blondes Haar weht ein bisschen über ihre Schultern und in ihr Gesicht. Ich höre auf zu summen, und stelle meine Musik auf dem i-Pod etwas leiser und schaue kurz zu ihr rüber. Das Gesicht kenne ich doch irgendwo her, meine ich, denke ich. Ich schaue sie noch mal ein bisschen länger an – doch dann ist grün und sie braust davon. Kurze Zeit später wieder die nächste Ampel, wieder zwei Minuten warten. Ich komme 10 Sekunden später an als sie, selten jemanden gesehen, der so schnell fährt. Ich dachte, ich fahre immer schon schnell. Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren, schaue zu ihr rüber, lächele sie an. Sie nimmt ihr Kopfhörer raus, lächelt zurück. Ich frage: “Sag mal, ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber ich bin mir sicher, wir kennen uns. Aber frag mich nicht, woher.” Sie antwortet: “Geht mir auch so, komisch.” Und schon sind ihre Kopfhörer wieder in den Ohren, sie setzt ihre Mütze wieder auf, und ihre langen blonden Haare wehen wieder im Fahrtwind. Und schon ist sie weg, ich versuche dran zu blieben. Das will ich jetzt geklärt wissen. Jetzt gibt es mal länger keine Ampel, ich denke stärker nach, und ich meine, es würde mir wieder einfallen. Ich lege an Geschwindigkeit zu, und schaffe es sie einzuholen. Ihr Mountain Bike glitzert in den Sonnenstrahlen. Ihr bin wieder auf ihrer Höhe, Kopfhörer raus, rüberschauen, kurzes Lächeln.

Sie macht es ebenso. Ich frage: “Sag mal, hast du mal in Bremen gewohnt oder bist öfter mit dem Zug von dort nach Hannover gefahren? Auch kurz vor Weihnachten? Kann das sein, dass ich dir damals deinen schweren Koffer die Treppe runtergetragen habe? Sie antwortet: “Ja, stimmt genau, du warst das. Ja, ich habe in Bremen gewohnt und arbeite jetzt in Hannover.” Ich: “Ich bin da einfach nicht drauf gekommen, aber ich habe mich sofort an dich erinnert.” Ampel geht auf grün, sie braust fast schon wieder los, nicht um mir vorher noch ihre Karte in die Hand zu drücken. “Ruf mal an, wir können uns auf einen Kaffee treffen.” “Ja klar, gerne, ich melde mich.” Und schon war sie wieder weg.

Kurz vorm Büro kommt mir der Chef entgegen. “Was machen Sie denn schon hier, Sie haben doch noch 10 Minuten.” Tja, da hat meine Fahrradfahrt heute etwas weniger lang gedauert. Heute Nachmittag habe ich sie im Büro angerufen. Morgen gibt es einen Kaffee nach Feierabend. Und dann geht es sicherlich ganz gemütich mit dem Fahrrad aus der Stadt raus. Wobei so ganz kann ich mir das noch nicht vorstellen. Aber vieleicht kann sie ja auch langsamer fahren. Wenn ich schon solange ihretwegen gerätselt habe, muss es ja auch für morgen noch eine Überraschung geben.