Twitter-Missbrauch: #spd+, #spd-, cdu+, #cdu-, #fdp+…
Sonntag, 14. Juni 2009 13:29
Meine Stammleser wissen, dass ich ein großer Fan und Befürworter von Twitter bin. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich über Twitter schnell und einfach Nachrichten, Informationen und Botschaften wahrnehmen und versenden kann. Ich kann den DJs von BBC Radio 1 bei ihrer Arbeit zuschauen. Ich kann Coldplays USA-Tour verfolgen und ich kenne viele Follower, die mit Tipps auf lesenswerte Artikel aufmerksam machen. Und Newsseiten und Zeitungen nutzen auch immer häufiger Twitter und berichten auch aus dem Innenleben der Redaktionen, was ich stets interessant und unterhaltsam finde.
So ganz langsam geht mir Twitter aber zunehmend auf die Nerven. Schuld sind daran unsere politischen Parteien, manche Politiker, die über Twitter Botschaften versenden, und die Nutzer von Twitter, die sich so offen zu ihrer Parteizugehörigkeit bekennen, dass sie bei politischen Veranstaltungen der eigenen Partei oder des politischen Gegners alle 30 Sekunden einen Tweet absenden müssen, um ihre eigene Partei ins politisch richtige Licht zu rücken und den Gegner schlecht zu machen. Es ist irgendwie bezeichnend, dass sich Parteien darüber aufregen, wenn es im Europawahlkampf einige Elemente von Negative-Campaigning gibt, diese Form des Wahlkampfs aber täglich auf Twitter ausgetragen wird. Das ist dann auch eine Dimension mehr als bloß Unterschiede und Alternativen herauszustellen. Es ist schlicht peinlich, wenn via Twitter ständig die eigene Politik am politischen Gegner hochgezogen oder niedergemacht wird. Ich weiß bis heute nicht, wer davon profitieren soll.
Namen oder Personen tun hier nichts zur Sache. Es ist auch gar nicht mein Ziel oder mein Anlass für diesen Beitrag irgendwelche Akteure zu diskreditieren oder in ihrer politischen Arbeit zu kritisieren. Man kann mir auch hier gerne vorhalten, dass, wenn ich die Beiträge der Nutzer nicht mehr lesen will, sie auch entfollowen kann oder nicht mehr auf deren Twitter-Page vorbeischauen sollte. Das ist auch alles richtig. Und das lasse ich als Argument auch gerne gelten. Ich bin aber ein politisch sehr interessierter Mensch und mich interessiert schon, was die einzelnen Parteien, Politiker und Parteimitglieder über die aktuelle politische Lage denken. Und deswegen lese ich das auch. Ich kann eigentlich gut trennen, was davon sachlich richtig ist und was irgendwo zwischen Populismus und blanker Hilfslosigkeit anzusiedeln ist.
Und dann liest man es ständig wieder, die Hashtags #spd+, #spd-, #cdu+, #cdu-, #fdp+ und so weiter und so fort. Da wird pausenlos bei der Rede von Frank Walter Steinmeier von Mitgliedern und Anhängern der SPD jeder einzige Satz getwittert, und am Ende das fast schon legendäre #spd+. Das können sich die Anhänger der FDP und der Christdemokraten natürlich nicht bieten lassen und drehen jeden Satz des Kanzlerkandidaten ins Negative-Campaigning und werben für Angela Merkel als nächste Bundeskanzlerin. Da ist Angela Merkel an einem Donnerstagabend im ZDF bei Maybrit Illner zu Gast. Das ist ihr gutes Recht und ich habe die Sendung auch geschaut. Und was läuft nahezu gleichzeitig bei Twitter ab: Jeder Satz der Kanzlerin wird getwittert, egal, ob er noch so inhaltsreich oder schlicht ein Füllsatz war. Natürlich dahinter #cdu+. Erstaunlich wenig Gegenwehr gab es am Donnerstagabend von der SPD. Letzten Sonntag war Europawahl mit dem bekannten Ergebnis und den politischen Konsequenzen. Twitter war an diesem Sonntagabend für einen politisch interessierten Menschen nicht mehr lesbar, weil ständig und ohne irgendwelchen Hintergrund politische Statements, Aussagen und Urteile gepostet wurden, welche die eigene politische Partei in den Himmel lobten – und Missgunst und Schadenfreude dem politischen Gegner zuteil kommen ließen.
Wie gesagt: Ich bin durchaus ein Freund des Negative Campaigning, wenn es richtig und politisch klug eingesetzt wird, zur Herausstellung der eigenen Position und Unterscheidbarkeit von den anderen politischen Akteuren. Das ist ganz offensichtlich in 140 Zeichen nicht zu schaffen – und das braucht es auch gar nicht. Und die fünf Zeichen für den Hashtag machen den Sachverhalt vielleicht kürzer, aber nicht besser und klarer. Wie soll sich ein Bürger oder eine Bürgerin, welche sich gerne im Internet aufhält und vielleicht via Twitter einen Einblick in die Programmatik und Arbeit der Parteien bekommen möchte, ein vernünfitiges Bild erstellen, wenn auf den Unterstützerplattformen und Parteiaccounts jeder zweite Tweet eine Response oder ein Retweet mit irgendeiner völlig zusammenhanglosen Aussage ist. Twitter ist ein großartiges Instrument, auch für die politische Kommunikation. Keine Frage. Aber auch hier gilt meiner Meinung nach: Manchmal ist weniger eben mehr. Auch bei Twitter sollte im Rahmen politischer Kommunikation stets die Qualität der Quantität folgen und versuchen ein realistisches Abbild der politischen Strukture und Prozesse zu zeichnen.
Und da führt uns die Argumentation eben auch wieder zu Barack Obama, der Twitter als Wahlkampftool ins Leben gerufen hat. Ohne den Erfolg des Internetwahlkampfs von Obama würde die Aktivität der Parteien und Politiker bei Twitter heute sicherlich nicht stattfinden. Die Parteien wollen im Bereich des Internet-Wahlkampfs doch alles so gerne und so gut wie Barack Obama machen. Vielleicht tut dann ein Blick auf dessen Twitter-Account zu Wahlkampfzeiten noch einmal gut. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um pausenlos und ständig irgendwelche Inhalte aus dem Wahlkampfprogramm zu posaunen. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um von jeder Rede oder jedem Auftritt jeden Satz des Kandidaten bei Twitter zu versenden. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um bei jedem medialen Auftritt des politischen Gegners jeden Satz des Kandidaten auseinander zu nehmen und dann die eigene politische Position dranzuhängen. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht als Negative-Campaigning Instrument oder als minütlicher Live-Blog für Parteitagsreden.
Was Obama stattdessen machte: Einen, kleinen simplen Link versenden, der auf die Live-Übertragung der Rede im Internet hinweisen oder auf ein Live-Blog verweisen sollte. Und dann konnte sich jeder Interessierte ein eigenes Bild machen.
Meiner Meinung nach sollte Twitter hauptsächlich als Sprungbrett für die Angebote und Aktivitäten der Parteien im Netz fungieren. Die Parteien könnten viel stärker auf eigene Live-Blogs setzen um Reden und mediale Auftritte zu begleiten. Via Twitter kann man dann den entsprechenden Link setzen – und dies meinetwegen gerne auch mehrmals in bestimmten Abständen tun. Das soll nicht heißen, dass Kernaussagen und Stimmungen nicht via Twitter veröffentlicht werden dürfen, gerne manchmal auch polarisierend. Aber das darf eben nicht Überhand nehmen und nur der kleinste Teil politischer Kommunikation sein, weil Twitter schlicht auf 140 Zeichen begrenzt ist. Twitter kann die Tür für die politischen Angebote der Politiker und Parteien im Netz sein. Für interessierte Wähler und Wählerinnen bekommt man diese Tür aber schon vor Durchtritt zugeschlagen bekommen, wenn man liest, wie wenig überlegt manche Aussagen getroffen werden. Wenn jemand ständig diese Hashtags mit dem Plus und Minus liest, glaube ich, dass er dann keine Lust mehr hat den Parteien auf Twitter zu folgen.
Twitter scheint als Instrument politischer Kommunikation einen großen Hype zu erfahren. Es bekommt mehr Aufmerksamkeit, als es eigentlich verdient hat. So praktisch und brauchbar es auch ist. Twitter ist ein weiterer unter vielen Kommunikationskanälen, den die Parteien bedienen müssen. Aber es ist nicht das Ein und Alles im Wahlkampf – und schon gar nicht ein Kanal, in dem man pausenlos Reden live mittwittert und jede Aussage des politischen Gegners wertet. Das ist nicht der Sinn von Twitter. Komisch, dass die CDU oder die SPD mediale Auftritte des Gegners nicht live auf ihren Parteiseiten bloggen. Muss man stattdessen Twitter – ich bin geneigt, diesen Begriff zu verwenden, zumüllen.
Erste Konsequenz: Twitter kann als Startpunkt für eine politische Diskussion gesehen werden. Als Einsteig in die Online-Aktivitäten der Parteien. Und wenn die Parteien, Politiker und Parteimitglieder das qualitativ erreichen wollen, bin ich der Meinung, dass man sehr genau überlegen sollte, was und wieviel man twittert. Zweite Konsequenz: Twitter ersetzt nicht den Online-Wahlkampf, weil man jetzt eine Plattform oder einen Kanal gefunden hat, um seine politischen Inhalte und Botschaften zu verbreiten und an Multiplikatoren zu senden. Twitter ist ein kleiner Teil des Online-Wahlkampfs. Es wäre schön, wenn sich manche Parteien und Politiker daran wieder erinnern könnten. Manchmal kann ein unterhaltsamer Live-Blog auf der eigenen Parteiwebsite mehr wert sein als 140 Zeichen.
Schaut doch einmal bei Barack Obama vorbei. Der ist doch angeblich das große Vorbild.
Thema: Bundestagswahl 2009, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (5) | Autor: medispolis

