Mut zum Live-Blogging

Ich war doch recht erstaunt, als ich heute Nachmittag durch Zufall entdeckt habe, dass ZEIT Online über die Demonstrationen in Teheran live bloggt und dabei seinen Schwerpunkt auf die Berichterstattung im Internet via Twitter, Youtube und flickr gelegt hat.

Recht erstaunt deshalb, weil sich meiner Meinung nach die deutschen Online-Medien immer noch sehr schwer tun mit dieser Methode Nachrichten und Ereignisse zu begleiten. Dabei finde ich Live-Blogs bei Sportereignissen und politischen Debatten und Konflikten äußerst angenehm, weil sie über die schlichten Agenturberichte hinausgehen und durchaus auch subjektive Eindrücke und Meinungen mit einfließen lassen können. Man muss als Leser diesen Fakt eben nur wissen, um zwischen Tatsachen, verifizierten Meldungen und Meinungen unterscheiden zu können. Gerade die Krise im Iran bietet sich meiner Meinung nach hervorragend für diese Methode an. Leider habe ich bei den deutschen Medien bis auf den Live-Blog bei ZEIT Online nichts gefunden. Sollte mich jemand anders eines Besseren belehren, bitte ich recht herzlich um einen Kommentar.

Vorbilder für Live-Blogs sind mal wieder die BBC und der Guardian, aber auch viele amerikanische Medien nutzen diese Methode um ihre Leser über ein Ereignis zu informieren und diese gleichzeitig miteinzubinden in die Diskussion. Live-Blogs sind in erster Linie auch ein interaktiver Beitrag für die stets recht informativen Online-Auftritte. Gerade weil in erster Linie viele Agenturberichte übernommen werden, finde ich Live-Blogs die ideale Ergänzung. Wie es geht, zeigen der Guardian und die BBC, die fast alle bedeutenden Sport-Ereignisse und politischen Themen live mitbloggen. Beispiele: Live-Blog der BBC über Wimbledon, Live-Blog des Guardian zur Krise im Iran und zu Wimbledon, Live-Blog der Times zum Finden eines neuen Speakers für das House of Parliament. Und die angelsächsichen Medien bloggen fast alles live. Nicht nur Fußballspiele oder Parlamentsdebatten, sondern auch TV-Sendungen oder kulturelle Ereignisse. Stets unterhaltsam und amüsant. Es ist eine ideale Ergänzung zum täglichen Nachrichtengeschäft. Und manchmal besuche ich nur die Websites, um die Live-Blogs zu lesen.

Doch in Deutschland scheint sich dieses Instrument noch nicht entwickelt zu haben. Samstagnachmittag in der Bundesliga – es gibt ein, zwei zentrale Anbieter eines Live-Tickers. Regionale Medien bloggen kaum live. Bundestagsdebatte am Donnerstag. Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Phoenix überträgt. Auf keiner Nachrichtenseite oder Online-Portal der Zeitungen gibt es einen Live-Blog. Dabei würde sich das hier doch exzellent anbieten.

So ganz erschließt sich mir nicht, warum Live-Blogs in Deutschland so selten genutzt werden. Ist es die fehlende Zeit? Ist es das Geld? Natürlich sind Live-Blogs aufwändiger als das Veröffentlichen eines Artikels auf Basis von Informationen der Nachrichtenagenturen. Und für ein Live-Blog braucht man einen Mitarbeiter, der für ein paar Stunden nur eine Aufgabe hat. Ich kenne jetzt zu wenig die Strukturen im Online-Journalismus, aber aus meiner Sicht sind das keine unüberwindbare Höhen, zumal ein Live-Blog auch nicht auf Vollständigkeit angelegt sein muss, sondern durchaus  Leser zu Ergänzungen motivieren darf. Man kann Audio und Video-Elemente integrieren und Leser vielleicht Sachverhalte sogar veranschaulichen.

Von daher würde ich es begrüßen, wenn auch die deutschen Online-Medien mehr Mut zum Live-Blog zeigen würden.

Autor: medispolis
Datum: Montag, 22. Juni 2009 20:49
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