Lektüre-Tipp: Wohin steuert Deutschland?
Dienstag, 30. Juni 2009 23:01
Wir stehen ganz offensichtlich vor schwierigen wirtschaftlichen Zeiten mit großen Herausforderungen für die politischen Akteure und Institutionen unseres Landes. 2009 ist das Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise und das Jahr mit 16 Wahlgängen in Deutschland, der Höhepunkt am 27. September mit der Bundestagswahl. Über diesen Themenkomplex habe ich die letzten Tage ein wirklich exzellentes Buch gelesen: Wohin steuert Deutschland? Bundestagswahl 2009. Ein Blick hinter die Kulissen, herausgegeben von Matthias Machning, ehemals Leiter der SPD-Wahlkampfzentrale KAMPA, und Joachim Raschke, Parteienforscher und Politikberater aus Hamburg.
Die beiden Autoren schreiben aber nur die Einleitung und das Schlusswort. Die restlichen 350 Seiten füllen über 30 lesenswerte Aufsätze von Politikern, Journalisten, Demoskopen, Politologen und Politikberater. Alle Aufsätze behandeln ganz unterschiedliche Aspekte zur aktuellen politischen Situation in Deutschland, zu den Problemen der Parteien, zu möglichen Koalitionsoptionen und dem aktuellen Versagen der Politik bei der Kommunikation der Konsequenzen der Wirtschaftskrise. Rückbezug wird immer wieder auch auf die aktuellen Probleme des politischen Systems, wie Parteiverdrossenheit, sinkende Wahlbeteiligung und mangelndes Interesse an Demokratie und Politik genommen.
Das Buch gliedert sich in sieben Themenabschnitte, die mit den Schlagwörtern Führung, Strategie, Reform, Programme, Parteien, Bündnisfragen und Kommunikation. Natürlich sollte man ein bisschen politisches Interesse haben und mit den Problemen unseres politischen Systems vertraut sein, um diesem Buch folgen zu können. Aber man muss bei weitem kein Experte sein. Die Aufsätze sind auch für die Menschen geeignet, die Politik nur aus der Tagespresse wahrnehmen. Die Leistung dieses Buches ist, dass es auf knapp 350 Seiten die Probleme, Lösungsansätze und ein aktuelles Bild der politischen Lage in Deutschland zeichnet – und zwar aus unterschiedlichen Perspektiven. So schreibt Tissy Bruns, Leiterin des Parlamentsbüros beim Berliner Tagesspiegel, über die Rolle von Müntefering und Steinmeier für einen Führungsanspruch der SPD. Gabor Steingart vom SPIEGEL nennt sieben Lehren aus dem amerikanischen Wahlkampf 2008 und Elmar Wiesendahl, Parteienforscher in Hamburg, schreibt über die Union unter Angela Merkel im Wahljahr 2009. In der Rubrik Programme kommen fünf Politiker zu Wort, nämlich Andrea Nahles, Wolfgang Gerhardt, Jürgen Rüttgers, Gregor Gysi und Reinhard Bütikofer. Bitte im Hinterkopf behalten: Jürgen Rüttgers ist Mitglied der CDU. Wenn man seinen Aufsatz liest, wird das nicht unbedingt klar.
Mit am besten gefällt mir der Abschnitt Kommunikation und hier der Aufsatz vom Medienberater Michael Spreng, der seinen Aufsatz Frischzellenkur – unsere Demokratie braucht Erneuerung genannt hat. Ich stimme bei weitem nicht immer mit der Meinung von Spreng in seinem Blog Sprengsatz überein, aber diese sieben Seiten in dem Buch sind teilweise pures Gold. Ein Ausschnitt:
“Die Kluft zwischen Regierenden und Regierten wird immer größer, weil die meisten deutschen Spitzenpolitiker unfähig sind zu einfacher, verständlicher Sprache, zu kurzen Sätzen, klaren Botschaften, zu rhetorischen Figuren, zu Gleichnissen, zu Metaphern und zum Story-telling. Barack Obama erklärt die Missstände und die Notwendigkeit der Reform des amerikanischen Gesundheitswesens am Beispiel der Krankheit und des Todes seiner Mutter – eindrucksvoller und verständlicher geht es nicht. Mitleid mit dem, der Ulla Schmidts Ausführungen zur Gesundheitsreform hören muss. Und wenn Angela Merkel mal das Bild der schwäbischen Hausfrau bemüht, dann bleibt dies blass und blutleer – und wirkt deshalb aufgesetzt. [...]
Für die Wahlbeteiligung an der Bundestagswahl 2009 ist es eine schwere Hypothek, dass auch der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, der als Außenminister die diplomatische Tarnsprache liebt, keine klaren Botschaften formulieren kann, dass auch er rhetorisch weder befähigt noch ambitioniert ist. Die Wähler haben am 27. September die Qual der Wahl zwischen zwei nüchternen, emotionslosen, uncharismatischen Spitzenkandidaten, deren politischen Ideen und Zukunftsentwürfe wegen ihrer rhetorischen Unfähigkeit oder Unwilligkeit nebulös verborgen bleiben. Merkel gegen Steinmeier, das ist das personifizierte Programm zur Absenkung der Wahlbeteiligung.”
Zudem gibt es in diesem Abschnitt einen sehr interessanten Aufsatz über die Rolle und Arbeit von Demoskopen in der beschleunigten Stimmungsdemokratie. Bitte nicht übersehen, dass Jörg Schönenborn in einer leitenden Funktion beim WDR arbeitet und manchmal die Öffentlich-Rechtlichen für ihre Arbeit bei der Wahlberichterstattung lobt. Aber das ist wenn überhaupt das einzige kleine Manko an diesem sehr lesenswerten Buch. Mit Kritik an den Parteien und den politischen Akteuren wird dabei gerade in den letzten Abschnitten nicht gespart. Manche Artikel lassen sich sicherlich auch mal einen Nachmittag lang diskutieren. Aber das muss ja nicht verkehrt sein.
Wohin steuert Deutschland? Bundestagswahl 2009. Ein Blick hinter die Kulissen ist von Matthias Machning und Joachim Raschke herausgegeben und im Verlag Hoffmann und Campe erschienen. 1. Auflage 2009, 352 Seiten, 19,95 €. ISBN Nummer ist 978-3-455-50113-1.
Ich nehme nach dieser Lektüre viele neue Erkenntnisse und Informationen mit, die auch mir vorher noch nicht bekannt waren. Wer einen Überblick über die aktuelle politische Lage in Deutschland in Zeiten von Superwahljahr und Finanzkrise haben möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und was nehme ich vorerst als Fazit mit. Lassen wir noch mal Jörg Schönenborn zu Wort kommen. Der schließt seinen Aufsatz mit der Bemerkung:
“Für die Politik mag der Boden, auf dem sie sich bewegt, ja schwanken. Die Erwartungen der Wähler sind dagegen erstaunlich stabil. Und werden erstaunlich hartnäckig ignoriert.”
Aber wo genau Deutschland nun hinsteuert, können auch die Autoren nicht sagen. Nur eines steht fest: Es werden schwere Zeiten, vor allem auch in der Politik.
Thema: Bundestagswahl 2009, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis

