Vor der Premier League Saison 2009/2010: Ende der Fahnenstange ist erreicht

“Englischer Fußball hat ein unglaubliches Standing auf der ganzen Welt, nicht nur wegen der Spieler, sondern auch aufgrund seiner Geschichte, seiner Tradition und der Begeisterung der Fans. Die anderen Fußballigen in Europa können noch einiges lernen, auch die Primera Division. Madrid hat Kaka und Christiano Ronaldo, und Barcelona hat Xavi und Lionel Messi, aber, um ehrlich zu sein, die Premier League ist ein ganzes Stück weiter.”

Fernando Torres, Sürmer des FC Liverpool, über die aktuelle Situation der Premier League. Torres wechselte im Sommer 2007 von Atletico Madrid an die Anfield Road. [via Sky Sports]

Zwei Wochen vor Saisonstart der Premier League 2009/2010 hat Fernando Torres noch einmal herausstellen wollen, dass die höchste Fußballliga Englands trotz des Aufstrebens in Spanien immer noch die Top-Adresse in Europa ist. Damit scheint er insgesamt auch Recht zu haben. Aber Fernando Torres spricht fast nur die positiven Aspekte des englischen Fußballs an. Über 17 Jahre nach Gründung der Premier League kommen Vereine, Zuschauer und die großen Geldgeber langsam an ihre Grenzen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch die Insel erreicht, wenn auch nicht so offensichtlich, dann schleichend und noch nicht umfassend erkennbar. Die Premier League wird in den nächsten Jahren ganz sicher nicht auf dem absteigenden Ast sein, dennoch muss man feststellen, dass die Premier League nach den Wachstumsjahren seit der Jahrtausendwende, wo aus allen Herren Ländern Geld in die Vereine gepumpt wurde, langsam aber sicher auf Kurs Konsolidierung fährt. Gerade die Top Four werden davon betroffen sein.

Da nimmt Manchester United durch die Verkäufe von Christiano Ronaldo und Carlos Tevez über 115 Millionen Euro ein – und auch die Glazer Familie gibt ganz offenkundig bekannt, dass Sir Alex Ferguson rund 60 Millionen Euro für Transfers zur Verfügung stehen. Doch die teuren Transfers passieren nicht. Lediglich Antonio Valencia kostete richtig Geld. Gabriel Obertan war für die Red Devils fast schon ein Schnäppchen. Geld wäre da für die großen Würfe, aber scheinbar hat auch Manchester United erkannt, dass man nicht auf Teufel komm raus die Moneten verschwenden muss. Dann lieber behalten und eventuell zur Schuldentilgung nutzen. Eine Philosophie, die vor fünf Jahren für schwer vorstellbar gehalten wäre. Ähnliche Situation beim FC Liverpool, die auch immer wieder mit der angespannten Finanzlage konfrontiert werden. Die Besitzer der Reds, Tom Hicks und George Gillett, hangeln sich von Jahr zu Jahr durch ihre Finanzierungsvereinbarungen und Rückzahlungen mit der Royal Bank of Scotland. Pläne für ein neues Stadion sind bis auf weiteres auf Eis gelegt. Mittlerweile tauchen an der Anfield Road sogar Gerüchte auf, wonach der FC Liverpool Spieler verkaufen muss, um einigermaßen auf soliden Finanzen zu stehen. In den nächsten Wochen wird es also interessant, ob nach Arbeloa auch Xabi Alonso den Weg zurück nach Spanien geht. Lieber ein bisschen Geld in die Kasse kriegen und dafür sportliche Qualität abgeben. Vor fünf Jahren für einen Klub der Big Four eine nicht vermittelbare Philosophie.

Und was waren das noch für Zeiten, als die Transfersummen des FC Chelsea schon Anfang August die Grenze von 100 Millionen durchschritten hatten. Jetzt hat man für ein paar Milliönchen Yuri Zhirkov verpflichtet, für ein bisschen Handgeld kam auch Daniel Sturridge von Manchester City. Das war es dann aber auch. Zeichen, wonach immer auch mal wieder Ibrahimovic oder Andrea Pirlo auf dem Weg nach London sind, haben sich nicht bestätigt. Roman Abramovitsch soll durch die Finanzkrise fast 20 Milliarden Dollar verloren haben. Da kann man dann die Geldschatulle eben nicht mehr so weit öffnen. Oder anders formuliert: Was wir nicht ausgeben müssen, geben wir auch nicht aus. Lieber konsolidieren und schauen, dass wir die aus dem Ruder gelaufenen Finanzen wieder in Ordnung bringen. Nächstes Beispiel gefällig: Der FC Arsenal London hat durch Transfererlöse in diesem Sommer ein Plus von über 30 Millionen Pfund eingenommen. Adebayor und Toure wurden an Manchester City abgegeben, Thomas Vermaelen kam von Ajax Amsterdam. Letzte Woche dann die für Gunners-Fans ernüchternde Nachricht: Es stehe für weitere Transfers kein Geld zur Verfügung. Relativ schnell ruderte der Verein zurück und gab bekannt, dass Arsene Wenger alle Freiheiten habe für weitere Transfers. Geld spiele nur am Rande ein Rolle. Das klingt ganz nach einer Strategie: Wir geben uns nach außen als finanziell liquide und handlungsfähig. Intern wissen wir aber sehr wohl, dass wir sparen müssen. Und Arsene Wenger schicken wir in die Öffentlichkeit mit der Prämisse, das eigene Team stark zu reden und auf neue Transfers verzichten zu können. Wer den besten Torjäger der vergangenen drei Jahre abgibt und dort keinen Handlungsbedarf sieht, ist entweder blind – oder hat kein Geld. Oder in den letzten Jahren ein schmuckes, luxuriöses Stadion gebaut.

Vor allem die Aushängeschilder der Premier League, die in den letzten Jahren fast noch einmal in einer eigenen Liga gespielt haben und in der Champions League regelmäßig ins Viertelfinale vorgedrängt sind, befinden sich wohl oder übel in einer neuen Welt. Das kann der Premier League insgesamt nur gut tun. Bereits letzte Saison hat Aston Villa sportlich in die Phalanx der Big Four einbrechen können. In den nächsten Jahren wird sich die Premier League wieder ein Stück angleichen. Wenn man in den vergangenen Jahren vieles auf Pump bezahlt hat und jetzt von der Finanz- und Wirtschaftskrise getroffen wurde, kann man als Besitzer eines Premier League Klubs noch so viel leugnen. Es nützt nichts. Eine klare Ansage, dass gespart werden muss und die Geldspirale sich in den nächsten Monaten erstmal nicht weiterdreht, wäre die ehrlichere Antwort. Eine Antwort, die für die Fans aber sicherlich schwer vermittelbar ist. Vor allem, wenn dann ein Verein wie Manchester City – die Ausnahme der Regel – derzeit hochgezogen wird und durchaus als “nächstes Chelsea” in die Premier League Geschichte eingehen kann. Hier zeigen sich dann wieder die alte und bekannte Vorgehensweise der letzten Jahre: Geld spielt keine Rolle, die Gehälter können ins Unermessliche steigen. Wir lösen das dann alles später. Es ist ein bisschen paradox: Jetzt, wo die Big Four der letzten Jahre, einen massiven Sparkurs fahren müsse, fängt Manchester City, stets im Schatten vom Stadtrivalen United und nie die selbst gesteckten Ziele erreicht, den Angriff auf die Tabellenspitze an. Eigentlich müssten dann Arsenal, Chelsea, Liverpool und Man Utd nachlegen. Aber sie wollen und können es finanziell derzeit nicht. Erstmal müssen wieder die Einnahmen wieder die Ausgaben decken, zumal die Eintrittspreise bei vielen Vereinen auch gesenkt wurden. Wenn in der kleinen Krise auch noch die Zuschauer wegbleiben, könnte man den Laden dann auch gleich schließen.

Trotzdem steht es so schlecht, wie viele Kritiker meinen und insgeheim vielleicht auch hoffen, sicherlich nicht. In der Liga spielen immer noch die besten Spieler der Welt und die Begeiserung für die Premier League, medial wie von der Resonanz der Zuschauer, ist weltweit immer noch einzigartig. Insgesamt ist die Premier League in der Breite hervorragend aufgestellt. Einen Status Quo zu erhalten ist ja auch nicht die schlechteste Alternative. Nur nach oben geht es nicht mehr weiter. Und Geld ist ja immer noch da. Oder gibt es eine Liga in Europa, wo ein Aufsteiger wie der FC Burnley die finanziellen Möglichkeiten hat, für 3 Millionen Pfund einen Spieler von Hibernian Edinburgh zu verpflichten. Oder ein Team wie der FC Sunderland, seit Jahren gegen den Abstieg spielend, kann für über 8,5 Millionen Pfund neue Spieler holen. Das ist dann die eine Seite. Die andere Seite ist der FC Portsmouth, der Spieler verkaufen muss, kurz vor der Pleite stand und auch noch ein marodes Stadion hat. Wenn ich gesagt habe, dass sich die Liga insgesamt etwas annähren wird, dann zwischen den Top Four und dem Rest der Liga. Umso deutlicher könnte im Mittelfeld die Spaltung sein. Portsmouth ist derzeit Abstiegskandidat Nummer Eins. Vorerst für eine neue Saison: Frischgeld aus dem Mittleren Osten soll schon bereit stehen.

Und das Geld sprudelt in den nächsten Jahren ja auch weiter. Ab der Saison 2010/2011 nimmt die Premier League fast 1,8 Milliarden Pfund für die nächsten drei Spielzeiten ein. Im nächsten Jahr werden auch die TV-Rechte für das Ausland neu vergeben. Und von diesen fast 2 Milliarden Pfund profitieren alle Vereine, auch Mannschften wie Hull, Stoke oder Burnley. Das können Aufsteiger in die Primera Division nicht unbedingt von sich behaupten. Die Primera Division kann mit dem FC Barcelona oder Real Madrid vielleicht glänzen. Aber das Beispiel Premier League hat auch gezeigt, dass so ein Wirtschaften vielleicht ein paar Jahre gut geht. Länger nicht. Aber das sind auch Summen, wo die Premier League nicht mehr mithalten kann. Vielleicht hat man auf der Insel doch endlich erkannt, dass man so nicht weitermachen kann. Barca und Real als Anschauungsmodell und Erinnerung, wie schlecht man in den letzten Jahren gewirtschaftet hat. Ein Warnschuss sich wieder auf den Erhalt des Status Quo zu erhalten. Und das Vereinsgelände gehört in England immer noch den Vereinen.

Es wird interessant zu sehen sein, wie lange das neue Bewusstsein für solideres Wirtschaften in der Premier League anhält. Manchester City könnte in den nächsten Jahren bereits wieder die Liga dazu zwingen in die alte Philosophie zurückzukehren. Kommen wir noch einmal auf das Statement von Fernando Torres zurück. Natürlich ist die Premier League immer noch die angesehenste Liga der Welt. Wie wäre es in den nächsten Jahren, wenn man wieder mehr die Geschichte und die Tradition in den Vordergrund stellt und nicht weiter durch Schulden und unsolide Finanzen auffällt. Das schwarze Scharf Manchester City lässt sich sicherlich auch bald wieder einfangen. Wenn man nächste Saison nur Platz Sechs erreicht. Aus dem Status Quo besser werden – das ist die Aufgabe und Herausforderung für die nächsten Jahre in der Premier League.

Autor: medispolis
Datum: Sonntag, 2. August 2009 12:19
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Ein Kommentar

  1. 1

    Sehr lesenswerter Text.

    In England mischen sich moderne (Klubs gehören Finanzinvestoren und sind nicht mehr als Rendite-Tool oder Spielzeug) mit konservativen Werten (Stadion und Vereinsgelände werden i.d.R. nicht verkauft).
    Und die Preise sind durch die Bank am oberen Limit. Egal ob Gehälter, Transfersummen, TV-Rechte, Eintrittskarten oder Merchandise.
    Klaro, da sieht man auf den ersten Blick keine großen Möglichkeiten zur Einnahmesteigerung.
    Aber ist das so schlimm? Wofür sollte das ganze Geld denn überhaupt da sein?

    Ist es für die Premier League nicht gerade gut, dass auch wieder andere Vereine als die bekannten 4-5 die Liga dominieren?

    Ähnlich wie in Deutschland die Wolfsburger und Hoffenheimer Finanzkraft so manche verkrustete Struktur aufbricht.

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