Premier League 2009/2010: Saisonvorschau Manchester United
“Fußball ist so ein außergewöhliches Spiel, voll von Überraschungen. Man weiß eben nie, was passiert und wo man vor einer Saison steht,” sagt Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, der mit den Red Devils in seine 23. Saison geht und beim Auftakt am 16. August 2009 gegen Birmingham City zum 1277. Mal als Manager auf der Trainerbank bei Manchester United Platz nimmt.
Beeindruckende Zahlen kommen aber auch aus der jüngeren Vergangenheit von Manchester United. Man gewann drei Mal in Folge die englische Meisterschaft und hat zum Rekordmeister FC Liverpool nach Titeln aufgeschlossen. Zudem gab es 2008 den Gewinn der Champions League, 2009 unterlag man im Finale dem FC Barcelona. Im nationalen Pokal scheiterte man letzte Saison im Halbfinale am FC Everton. Insgesamt gab es neun Titel in den letzten drei Jahren. Vor jeder neuen Saison stellt sich der interessierte Beobachter dann jedes Mal die Frage, ob es Man Utd erneut schaffen kann, eine solche beeindruckende Bilanz in der neuen Saison zu erweitern. Und jedes Mal hatte ich in den vergangenen Jahren das Gefühl, dass diesem Projekt wenig im Wege stehe. Vor der Premier League Saison 2009/2010 habe ich zum ersten Mal erhebliche Zweifel, ob es für einen Titel reichen könnte. Sir Alex Ferguson hat mit seiner Aussage natürlich völlig Recht, dass man nie weiß, was passiert. Dennoch gibt es einige Kriterien, die ich gerne nennen möchte, welche nach meiner Ansicht dafür sprechen, dass Manchester United eine schwierige Saison als die vergangenen Jahre haben wird. Trotzdem positiv, wer das noch immer von sich behaupten kann. Da werden einige Vereine sicherlich neidisch.
Unter Vorbehalt, dass die Transferperiode erst Ende August endet, hat mich bisher die Transferpolitik von Manchester United nicht überzeugt. Mit den Abgängen von Christiano Ronaldo und Carlos Tevez fehlen Man Utd zwei ganz wichtige Stammspieler der vergangenen Jahre. Insbesondere die Abwesenheit von Ronaldo im Mittelfeld hinterlässt bei den Red Devils ein massive Lücke, die nicht so schnell und einfach zu füllen sein wird. Und auch wenn Carlos Tevez nicht immer konstante Leistungen gebracht hat, so hat er doch in jedem dritten Spiel für Manchester United getroffen. Das kann ein Dimitar Berbatov nicht von sich behaupten. Die Abgänge von Ronaldo und Tevez sind dann auch die einzigen prominenten Namen, die Manchester United verlassen haben. Jetzt stellt sich für die Fans in Manchester die Frage, ob Antonio Valencia, der von Wigan Athletic ins Old Trafford gewechselt ist, und Michael Owen die Leistungen kompensieren können. Insbesondere bei Michael Owen würde ich ein Fragezeichen setzen, nicht aufgrund seiner spielerischen Qualitäten, sondern vor allem auf seiner Verletzungsanfälligkeit und der langen Verletzungspausen in den letzten Monaten. Dass Valencia für kreative Momente im Mittelfeld sorgen kann und ein gutes Auge für den Mitspieler hat, durfte er in Wigan zeigen. Valencia sollte also die Zeit bekommen um sich zu entwickeln. Die wird Michael Owen sicherlich nicht bekommen – auch von den Fans nicht, die seinen Wechsel überwiegend kritisch beurteilt haben. Gespannt bin ich auf Gabriel Obertan, der aus Bordeaux auf die Insel gewechselt ist. Einerseits in puncto Vertrauen von Sir Alex, andererseits in seiner Durchsetzungsfähigkeit im Mittelfeld. Denn dort ist die Dichte von Man Utd immer noch beeindruckend. Insgesamt sehe ich den Kader schwächer als in den vergangenen Jahren. Die großen Aufgaben lasten nun, vor allem was die Torgefahr angeht, auf den Schultern von Wayne Rooney. Dass Rooney die Qualitäten und auch diese Gefahr vor dem Tor ausstrahlt, hat er hinlänglich bewiesen. Jetzt muss er noch einmal eine Schippe drauflegen und vielleicht auch in der Premier League eine Saison mit 20 Toren oder mehr abschließen. Auch davon ist der Tabellenplatz von Manchester United im Mai 2010 abhängig.
Manchester United hat insgesamt eine gute Vorbereitung gespielt. Man ist durch Südostasien getourt, war in Malaysia zu Gast, musste die Pläne aufgrund der Terroranschläge auf Hotels in Indonesien ein wenig ändern und war vor ein paar Tagen in München anwesend. Insgesamt gab es nur eine Niederlage, gegen den FC Bayern. Für die Spiele in Kuala Lumpur hätte Man Utd übrigens 400.000 Tickets verkaufen können. Auch global haben die Red Devils von ihrem Glanz und ihrer Begeisterungsfähigkeit wenig verloren. Doch die muss man in der nächsten Saison wieder unter Beweis stellen. Von vielen Experten wird Manchester United schwächer eingesetzt. Die Spieler wollen davon wenig wissen. Rio Ferdinand gibt zu Protokoll: “Wenn man Spieler verliert, spielt das Team natürlich anders, egal, welchen Spieler man abgibt. Wir haben mit Christiano und Carlos zwei wichtige Spieler verloren, aber Manchester United ist ein Verein, der nach vorne schaut und ein erfolgreiche Mannschaft bleibt. Wir mussten das in der Vergangenheit schon öfter erfahren – und schwächer sind wir nie geworden.” Aber diese Saison wird es besonders schwierig. Auch taktisch ist Manchester United ausrechenbarer. Konnte man mit Christiano Ronaldo noch flexibel von 4-4-2 auf 4-3-3 wechseln, fehlt jetzt diese Option. Oder man stellt Rooney auf die Außenbahn, was den Stürmer alles andere als glücklich machen würde und auch nie wirklich funktioniert hat. Und unklar ist auch, wie das Zusammenspiel von Rooney, Owen und Berbatov funktioniert. Der Neuzugang aus Newcastle hat in der Vorbereitung nicht eine Minute mit Rooney zusammen gespielt.
Alle diese negativen Anzeichen können aber durch einen Faktor ausgeglichen werden: Die Erfahrenheit, die Routine und die Cleverness von Sir Alex Ferguson. Und die wird diese Saison umso mehr gefragt sein, hat man mit dem aufstrebenden Stadtrivalen Manchester City doch einen weiteren Brennpunkt hinzubekommen, den es medial zu beackern gilt. Vorsorglich hat Ferguson schon mal angekündigt, dass City weiter ein kleiner Verein bleibt und immer im Schatten von Manchester United stehen wird. Aber es ist offensichtlich, dass das große Plakat von Carlos Tevez bei der Einfahrt in die Stadt Manchester auch Sir Alex nicht so wirklich schmecken wird. Dabei dürfte es United doch eigentlich ganz gelegen kommen, dass die mediale Aufmerksamkeit sich ein bisschen in Richtung City verschiebt und man im Old Trafford ganz in Ruhe arbeiten kann.
Wie gesagt, Fußball ist ein außergewöhliches Spiel, voll von Überraschungen. Man weiß eben nie, wo man vor einer Saisons steht. Manchester United wird dies vor der Premier League Saison 2009/2010 wohl so sehr bewusst wie noch nie. 2003 verlies der große David Beckham das Old Trafford, im Mai 2006 Ruud van Nistelrooy, damals Torelieferant bei Man Utd. Nächste Saison wurde Manchester United Meister. Geschichte kann sich wiederholen. Und es würde in die Historie passen, wenn man alleiniger Rekordmeister werden würde nach dem kleinen Umbruch in diesem Sommer. Richtig überzeugt bin ich davon aber nicht.
Zugänge: Antonio Valencia (Wigan Athletic), Gabriel Obertan (Girondins Bordeaux), Michael Owen (Newcastle United)
Abgänge: Christiano Ronaldo (Real Madrid), Carlos Tevez (Manchester City), Manucho (Real Valladolid), Richard Eckersley (FC Burnley), Frazier Campbell (FC Sunderland)
Meine Prognose: Ich glaube, dass United die Abgänge nicht komplett ersetzen kann. Auch letzte Saison hatte man schon Schwächephasen und profitierte erheblich von den Aussetzern der anderen Teams. Diese Saison reicht es nur zum 3. Platz.

