Beiträge vom 16. September 2009

Die Premier League schaut in die Zukunft: Talent-Quote und neue Regeln für die Klub-Finanzen

Mittwoch, 16. September 2009 18:10

Die englische F.A. ist bei weitem kein zimperlicher Fußballverband und deren zuständiger Chef für die Premier League, Richard Scudamore, eine Person, die zwar die große Öffentlichkeit scheut, und lieber intern die verrücktesten Ideen entwickelt. Zuletzt war das die Verlegung eines zusätzlichen Premier League Spieltages ins asiatische und amerikanische Ausland, was der englischen F.A. vor allem von den Fans viel Kritik einbrachte. Nun scheinen seit schon längerer Zeit Konzepte bei der F.A. entwickelt worden sein, die gestern in Absprache mit allen Premier League Klubs verabschiedet wurden. Das ist man von Scudamore und seinen Kollegen gar nicht gewohnt, dass man mit handfesten Beschlüssen an die Öffentlichkeit geht, und die Medien nicht als Testexperiment für einen weiteren Gedankengang verschwendet.

Erster Beschluss ist die sogenannte Home-grown-Quota, auf deutsch wohl am passendsten mit Talentquote übersetzt. Danach müssen…

  • ab der kommenden Saison 2010/2011, zum Ende jeder Transferperiode, von den maximal 25 Spielern in einem Teamkader mindestens acht “home grown”-Akteure sein
  • Ein Spieler mit diesem Status ist derjenige, welcher bereits mindestens drei Spielzeiten bei einem englischen oder wallisischen Klub unter Vertrag stand und zwischen 16 und 21 Jahren alt ist.

Richard Scudamore äußert sich dann auch wie folgt: “Es wird die Vereine hoffentlich ermutigen, mehr in die Jugendarbeit zu investieren und junge Talente zu fördern. Selber entwickeln anstatt zu kaufen – das ist unsere Absicht bei diesem Plan.” Und der britische Sportminister ergänzt: “Diese Schritte werden die Klubs ermutigen jungen Talenten eine Chance zu geben und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Klubs wieder mehr Übersicht über ihre Finanzen haben.”

Auch wenn die Maßnahmen schon mal vorübergehend diskutiert wurden, kommt ihre Einführung zur neuen Saison dann doch eher schnell und ein wenig überraschend. Aber sie sind richtig. Anstatt in Europa groß einzukaufen, können Talente gefördert werden, was zukunftsorientierter und weniger teuer ist und gleichzeitig auch der Nationalmannschaft eine Perspektive gibt. Und zu anderen wird man die Diskussionen um den Kauf junger Talente aus dem Ausland, wie er zuletzt beim FC Chelsea bestraft wurde und bei Manchester United gemutmaßt wurde, im Ansatz vermeiden können. Diese Regel wird das nicht verhindern. Als Auflage gibt es aber immerhin die Regel, dass die Spieler dann professionell in England und Wales ausgebildet werden müssen und nicht irgendwo geparkt werden, damit sie keine andere Mannschaft kauft. Fast 60 Prozent der Spieler aus der Premier League kommen übrigens aus dem Ausland.

Einer ist der Regelung aber noch nicht so ganz glücklich. Rafael Benitez scheint nur mit viel Bauchschmerzen dem Plan etwas Positives abzugewinnen. Der Spanier sagte gestern: “Vielleicht wird dieser Schritt zu schnell geschehen. In der Champions League hatten wir eine Übergangszeit von zwei, drei Jahren um die Anzahl von englischen Spielern im Kader zu erhöhen. Das Problem in England ist, dass die Lücke zwischen den Jugendakademien und der ersten Profimannschaft zu groß sind. Es wird deshalb schwierig sein Qualität zu erhalten, aber wir werden unser Bestes geben. Die Anzahl der Spieler ist nicht das entscheidene Kriterium, die Qualität ist sehr viel wichtiger.” Die Sorgen von Benitez haben einen logischen Hintergrund: Im Kader vom FC Liverpool sind fast 90 Prozent Spieler, die keinen englischen oder wallisischen Pass haben. Diese Saison schafft man es nur mindestens acht von 28 Spielern aus England in den Kader aufzunehmen, weil man Spieler aus England auf der Liste hat, die aber nie im Kader für ein Pflichtspiel in der Premier League stehen. Und genau diese Schummel-Taktik soll damit auch unterbunden werden. Da muss sich der FC Liverpool anstrengen. Aber der Schritt ist ja auch gewaltig: Von 25 Spielern im Kader dürfen ab der neuen Saison nur noch 17 über 21 sein und müssen irgendwo in England oder Wales schon einmal Fußball gespielt und trainiert haben. Der Daily Telegraph rechnet vor, dass vor allem der FC Chelsea Probleme bei der Erreichung der neuen Regel bekommen kann. Der Kader umfasst derzeit 26 Spieler plus zusätzlich 11 Spieler, die sich in einem Ausleihegeschäft befinden. Von den 26 Spielern erfüllen sind sieben aus England, dabei allerdings schon einige über 21 Jahre. Mit den Neuverpflichtungen im diesen Sommer in persona Daniel Sturridge und Ross Turnbull wird man die Kriterien aber fast erfüllen. Nur der Kader muss verkleinert werden. Gar keine Probleme hat übrigens der FC Arsenal, auch wenn im aktuellen Kader nur vier Spieler sind, die einen englischen Pass haben. Bei der Einführung der Regel sind aber weitere 12 Spieler bereits drei Jahre bei Arsenal unter Vertrag gewesen und erfüllen somit die Bedingungen für die Home-grown-quota, deren Name vielleicht ein bisschen verwirrend ist, schließt er doch ausländische Talente weiter mit ein. Diese müssen allerdings eine Ausbildung auf der Insel bekommen.

Außerdem hat die Premier League angesichts der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise und vor dem Hintergrund der Beinahepleite des FC Portsmouth, von der jahrelang keiner etwas mitbekommen hat, vier neue Regeln für die Klub-Finanzen aufgestellt:

  • Alle Klubs müssen zum 01. März jeden Jahres die Bestätigung für einen unabhängig durchgeführten Finanzabschlüsse durch einen Wirtschaftsprüfers an die Premier League überreichen,  inklusive aller Materialien und Ergebnisse des Wirtschaftsrprüfers.
  • Darüberhinaus müssen zum 31. Närz jeden Jahres weitere Informationen über die Klubfinanzen an die Premier League überreicht werden, sodass die Premier League so früh wie möglich prüfen lassen kann, ob ein Verein finanziell auf die falsche Bahn geraten könnte.
  • Eine jährliche Prüfung an die Premier League, dass ein Klub keine ausstehenden Schulden bei einem anderen Verein hat.
  • Und zusätzlich eine jährliche Prüfung an die Premier League, dass ein Klub nicht verschuldet ist hinsichtlich der Einkommenssteuer, der Sozialversicherung und der Lohnsteuer.

Ich kenne mich zu wenig mit Wirtschaft und Finanzen aus, um das jetzt im Detail alles bewerten zu können. Es zeigt aber eben, dass die Premier League aus dem Fall des FC Portsmouth und den hohen Schulden in der Premier League überhaupt lernen möchte und solche Fälle für die Zukunft ausschließen möchte. Ein aktueller Fall zeigt, dass auch gerade in diesen Punkten Handlungsbedarf besteht. David Conn vom Guardian berichtet heute in seinem Inside Sport Blog, dass Hull City immer noch keine Auskunft über die Geschäftszahlen aus dem Jahr 2007/2008 gegeben hat. Es darf nur spekuliert werden, warum die Zahlen noch nicht bekanntgegeben wurden, möglicherweise auch größere finanzielle Probleme. Aber solche verspäteten Geschäftsberichte wird es unter den neuen Regeln nicht mehr geben. Die neuen Vereinbarungen sind für alle Klubs bindend. Bei Verstößen sind entsprechend drastische Strafen angekündigt worden. Es wird Zeit für Hull City, die Berichte anzufertigen.

Man sieht, dass sich was tut in der Premier League. Bereits im Januar diesen Jahres hatte ich angedeutet, dass es so nicht mehr weitergehen wird in der Premier League. Nach und nach zieht man jetzt die richtigen Schritte – für mehr finanzielle Stabilität und der Förderung junger Talente im eigenen Land.

Thema: Premier League, Wirtschaft | Kommentare (1) | Autor: medispolis