Wenn Studenten europaweit Credit-Points sammeln sollen
90 Credit-Points während des Studiums in Siegen, 30 Kreditpunkte während des Auslandssemesters in Sarragossa, Anrechnung von 10 Credit-Points für das Praktikum in London und vielleicht noch einmal 10 Credit-Points im Wahlpflichtbereich durch Sprachkurse, optional dann noch am besten vor Ort in Frankreich. Kann man sich dann sicherlich auch irgendwie anrechnen lassen.
So oder so haben sich die Macher des Bologna-Prozesses den europäischen Studienraum vorgestellt, europaweit lernen und studieren. Eine Illusion, für viele protestierende Studenten in diesen Tagen und Wochen eine kleine Utopie. Man kann sich über viele Dinge im deutschen Bildungssystem aufregen, vor allem in der Universitäts- und Hochschullandschaft. Zu volle Seminare, überfüllte Hörsäle und vielleicht auch Studiengebühren. Aus meiner Sicht ist der größte Fehler, den die deutsche Bildungspolitik bei der Umsetzung von Bologna gemacht hat, die gefühlte Begrenzung des Bachelor-Studiums auf sechs Semester und des Master-Studiums auf vier Semester. Denn vom eigentlichen Beschluss der Kultusministerkonferenz heißt es, dass ein Bachelor-Studium mindestens sechs Semester dauern muss, und höchstens acht Halbjahre. Vielleicht hätte man das viel besser kommunizieren sollen und acht Semester zum Regelfall und nicht zur Ausnahme machen sollen. Gleichzeitig würde ich mir eine flexiblere Regelung bei den Masterstudiengängen wünschen.
Und da hat man zumindest einen Fehler oder einen Irrtum begangen, der so schnell nicht wieder verändert werden kann. Mittlerweile ist der Konkurrenzdruck unter den Universitäten so immens groß, dass ich keine Möglichkeit sehe, dass eine Universität sich traut den Bachelor auf acht Semester auszuweiten. Sollte das zum Beispiel die Uni Düsseldorf tun, würden sich etliche Studenten für Duisburg, Bochum oder Dortmund entscheiden, wenn man dort noch in sechs Semestern zum ersten Studienabschluss kommt. Die überfüllten Lehrpläne in den Bachelor- und Masterstudiengängen sind aus meiner Sicht das Hauptproblem. Man kann nicht mehr nach links oder rechts schauen, sein Wissen vertiefen, Praktika in den Semesterferien absolvieren oder für ein Semester ins Ausland gehen ohne gleich ein siebtes Semester anhängen zu müssen. Geschweige denn während des Studiums zu arbeiten, was nicht zu unterschätzen ist, einmal von der persönlichen Entwicklung, aber auch von finanzieller Seite.
Ich bin ein Freund von Studiengebühren, solange sie überwiegend direkt in die Qualität der Lehre fließen und die Universitäten in einem transparenten Prozess genau darlegen, für welche Posten die Gebühren verwendet werden. Gleichwohl sehe ich aber auch die Tatsache, dass sich viele Studenten aus eher sozial schwachen Familien die 700 Euro inklusive Verwaltungsgebühren nicht leisten können. Ein flexiblerer Lehrplan ausgedehnt auf acht Semestern würde die Gelegenheit während des Studiums Geld zu verdienen wesentlich erhöhen. Damit sind dann vielleicht auch die Studiengebühren eher zu händeln.
Viele sprechen ja schon davon, dass sich in Deutschland eine neue Protestkultur entwickelt hat. Soweit würde ich noch gar nicht gehen. Aber ich finde es großartig, dass in Politik, Medien und Gesellschaft als Folge der Proteste über die Sorgen und Belange der Studentinnen und Studenten diskutiert werden. Erfolg hat das leider nur, wenn sich die Politik zu grundlegenden Veränderungen bekennt und diese dann auch zur Umsetzung vorschreibt. Ansonsten – so bitter es klingen mag – war die ganze Aktion viel Lärm und nichts.
Noch einmal zurück zum europäischen Bildungsraum. Von der Idee eigentlich ein wunderbares System, in Europa zu studieren, Praktika und Jobs zu absolvieren und sich das alles im Heimatland anrechen zu lassen. Nur scheitert gerade in Deutschland die Verwirklichung dieser Idee vor allem an der Umsetzung von Bologna. Ich wäre zum Beispiel sehr gerne in meinem Masterstudiengang hier in Düsseldorf für ein Semester nach Reading oder Nottingham gegangen (um zu studieren, nicht um täglich BBC und Sky Sports News zu schauen!), aber ich bekomme ein Auslandssemster einfach aufgrund von Pflichtveranstaltungen nicht in die Regelstudienzeit, zumal es auf der Insel auch noch Trimester gibt und sich das fürchterlich mit unseren Semestern überschneidet. Hat sich was von einheitlichem europäischen Bildungsraum! Und nur um auf die Insel für ein Semester zu gehen gleich das Studium um ein ganzes Jahr zu verlängern, sehe ich dann auch nicht ein.
Über viele Kleinigkeiten wird sich dieser Tage unter den Studierenden beschwert, was vernünftig und auch richtig ist. Doch werden die vielfältigen Probleme des Studiums dadurch gelöst, wenn der Bafög-Satz steigt oder ein, zwei Lehrende mehr eingestellt werden? Vielleicht ein wenig. Aber der Gedanke des Studiums sich selbstständig zu bilden, sein Wissen zu vertiefen und dies möglichst auch noch aus unterschiedlichen Perspektiven wird dadurch nicht verbessert. Und das dann alles mit privaten Aktiväten, Praktika und Nebenjobs zu verbinden bleibt weiterhin für viele scheinbar eine Mamutaufgabe. Von daher muss die Entschlackung der Lehrpläne und ein flexibleres Studieren mit der Ausweitung der Regelstudienzeit des Bachelor auf acht Semester dringend umgesetzt werden. Das wird sicherlich nicht einfach, aber es löst nebenbei hoffentlich gleich noch einige Problembereiche mit. Und nur weil der Bafög-Satz um ein paar Euro steigt und es mehr Stipendien gibt, ändert sich für den Großteil und die Rahmenbedingungen des Studierens doch eher wenig. Der große Wurf ist das bisher nicht. Europäischer Bildungsraum sollte auch heißen auf die Nachbarländer zu schauen, sich auszutauschen und zu prüfen, was man insgesamt besser und anders machen muss aufgrund bestimmter nationaler Erfahrungen. Doch momentan scheint jede Nation ihre Bildungssuppe noch selbst zu kochen. Viel Spaß beim Auslöffeln.







Sonntag, 22. November 2009 12:25
Amen!