Das Bsirske-Lächeln
Ist es Ihnen durch den Konsum der Nachrichtensendungen der letzten Tage auch schon aufgefallen, das sogenannte Bsirske-Lächeln? Frank Bsirske ist Chef der Vereinten Dienstleistungsgesellschaft Verdi, eine der größten Gewerkschafteb im DGB mit über zwei Millionen Mitglieder. Und als Chef von Verdi ist er derzeit an den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst beteiligt und vertritt die Interessen der Arbeitnehmer.
So weit so gut. Da derzeit nun gerade wieder Tarifverhandlungen stattfinden, genießen die Gewerkschaften mal wieder ein wenig mediale Präsenz, ganz vorne dabei natürlich ihr Chef. Ich weiß nicht, ob das beabsichtigt ist, was Bsirske macht, aber ich habe es jetzt schon so oft in Tageszeitungen oder in Berichten im Fernsehen gesehen, dass sein Verhalten wirklich ritualisiert scheint. Und es ist eine Szene, die mich derzeit immer wütender macht. Wenn ein TV-Beitrag gedreht wird, dann sitzen die Verhandlungsführer an einem runden Tisch, komischerweise sind die Kamerateams stets hinter Bsirske aufgebaut. Er muss sich also ein wenig drehen, um in die Kamera zu schauen. Und das macht er dann auch, immer wieder. Fährt den Stuhl ein wenig zurück, schiebt ihn ein wenig zur Seite und dreht sich leicht nach links rum. Nicht vollständig, sondern nur ein wenig seitlich. Nicht weiter erwähnenswert. Wenn da nicht dieses fast schon arrogant wirkende Lächeln wäre, was umso mehr auffällt, weil alle anderen Verhandlungspartner sich gerade so quälen überhaupt nur ein wenig Mimik in ihr Gesicht zu bekommen. Nicht so Frank Bsirske. Ein wenig zur Seite gedreht, gerade hingesetzt, und dann kommt dieses Lächeln in die Kamera. Mund bleibt zu, aber die Lippen zieht er ausdrücklich nach oben – so als würde er sich innerlich richtig freuen über seine Verhandlungsposition. Noch mehr nach innen, als er schon nach außen zeigt. Keine Spur von schwierigen Verhandlungen. Da sitzt jemand, dem es gut zu gehen scheint. Und jemand, der nicht ganz verstanden hat, dass er sich zumindest bei mir nicht gerade beliebt macht in diesen Tagen.
Am Donnerstag wird hier in Düsseldorf die Rheinbahn von Verdi bestreikt, den ganzen Tag lang. Alle U-Bahnen, Straßenbahnen und fast alle Busse. Man möchte durch die Warnstreiks seine Forderungen nach fünf Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes deutlich machen. Zunächst ist es einmal das gute demokratische Recht der Gewerkschaft zu Streiks aufzurufen und auch Streikmaßnahmen durchzuführen, gleichzeitig kann ich es auch ein wenig verstehen, wenn man als Gewerkschaft in Tarifverhandlungen mit maximalen Forderungen geht oder zumindest seine Position deutlich macht. Was ich aber gar nicht verstehen kann: Dass man wie vernebelt an Forderungen festhält, die schlicht nicht realistisch wirken und sich überhaupt kein Stück bewegt. Und so habe ich derzeit eher wenig Verständnis für die Politik der Gewerkschaften – und das Lächeln von Frank Bsirske macht meine Meinung nicht gerade förderlicher. Es kann bei einer Lohnerhöhung von fünf Prozent doch auch für Bsirske nicht gerade verwunderlich wirken, dass man sich nach zwei Verhandlungen nicht einig geworden ist. Und jetzt so zu tun, als wären Warnstreiks notwendig, halte ich für ein ziemlich unglaubwürdiges Verhalten. Hätte man nicht gleich Streiks ausrufen können? Und ganz ehrlich: Wie soll eine schnelle Verhandlungslösung aussehen, wenn Bsirske partout an der Forderung von fünf Prozent Lohnerhöhung festhält? Ich habe von der Gewerkschaft noch kein vernünftiges Argument gehört, warum man es rechtfertigen könnte in Zeiten von fast bankrotten Kommunen, hochverschuldeten Ländern und einem Staat, der insgesamt an seiner Neuverschuldung zu ersticken droht, dass die Beschäftigten fünf Prozent mehr Lohn bekommen sollten. Wäre da nicht etwas mehr Vernunft auf Seiten der Gewerkschaften angebracht? Und bereits jetzt nach zwei Verhandlungsrunden zu einem Streik zu greifen, ist aus Sicht von vielen Menschen, die dadurch betroffen sein werden, fast schon blanker Hohn.
Eigentlich stehe ich immer auf Seiten der Beschäftigten, wenn es um mögliche Lohnerhöhungen geht. Aber dieses Mal muss ich auch dank des irgendwie sehr angeberhaften Verhalten von Bsirske sagen, dass ich wenig Verständnis für Verdi habe. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn in Düsseldorf noch Schnee gelegen hätte und viele Menschen auf Öffis angewiesen wären? Ich wette, Bsirske wäre persönlich nach Düsseldorf gekommen und hätte sich lächelnd an eine Haltestelle gestellt. Ob ihm das Lachen noch vergeht? Schwierig zu sagen. Letzlich ist das ja keine unkomfortable Situation, in der die Gewerkschaft derzeit ist. Jetzt kommt es darauf an, ob eher die Gewerkschaften oder die Arbeitgeber vernünftig agieren. Kann mir das bei dem in sich hinein lächelnden Bsirske nur schwer vorstellen, dass der nicht als Letzter auch noch lachen will.


Mittwoch, 3. Februar 2010 21:20
Gehören zu solchen Verhandlungen nicht mind. 2 Parteien? Wenigstens haben die Gewerkschaften einen Standpunkt. Die Arbeitgeber haben meines Wissens ja noch nicht mal ein Angebot abgegeben.
Donnerstag, 4. Februar 2010 0:31
Natürlich gehören zu solchen Verhandlungen immer zwei Parteien – und ja, es ist auch richtig, dass von den Arbeitgebern noch kein Angebot kam. Die Gewerkschaften mögen zwar einen Standpunkt haben, wenn der aber völlig irrealistisch und arrogant ist. Sich überhaupt nicht bewegen bei den Lohnforderungen und gleich nach der zweiten gescheiterten Sitzung einen Streik ausrufen, ist der momentanen finanziellen Lage nicht angemessen. Da hätte ich mir von ver.di einfach ein bisschen mehr Weitsicht gewünscht.
Donnerstag, 4. Februar 2010 9:03
Na ja, so lange von den Arbeitgebern kein Angebot kommt, können sie ja gar nicht wissen, in welche Richtung sie sich bewegen sollen. Ich bin nun wirklich kein Gewerkschaftsfreund, finde die Warnstreiks auch ziemlich übertrieben (zumal ja ein Angebot der Arbeitgeber für die nächste Sitzung angekündigt wurde – ich weiß allerdings nicht, ob das vor oder nach den Ankündigungen für Warnstriks war). Den Vorwurf, sich nicht zu bewegen, halte ich aber für verfrüht. Wenn nach dem ersten Angebot der Arbeitgeber immer noch nichts geht, ist das etwas anderes.
Donnerstag, 4. Februar 2010 12:55
Naja, so geht das doch jedes Mal. Von den Arbeitgebern kommt ein ebenso schwachsinniges Angebot wie “bleibt alles beim alten” oder gar Arbeitszeitverlängerung. Die Gewerkschaft sagt dann “wir wollen zillionen% Erhöhung!”
Fünf Prozent sind schon relativ moderat für eine Einstiegsforderung. Der Marburger Bund ist mal mit 20% reingegangen. Die letzten Verhandlungen zum öffentlichen Dienst vor drei Jahren (? oder war das TdL?) gingen ja mit 8% los.
Solange die Arbeitgeber nicht mindestens Inflationsausgleich hinlegen wirds wohl bei den auf beiden Seiten schwachsinnigen Ausgangspositionen bleiben. Und dies ganze unnötige Getänzel mit Warnstreiks und blabla könnte man sich sparen, wenn beide Seiten vernünftig, am gemeinsamen Wohle orientiert, handeln würden…
Montag, 8. Februar 2010 20:30
In Hannover ist genau die von Dir beschriebene Situation eingetreten. Die Straßen sind großteils unbefahrbar da abseits der Hautverbindungen kaum noch gestreut und geräumt wird und heute hat die Üstra den ganzen Tag gestreikt. Und Bsirske? Stand grinsend auf dem Opernplatz.