Den Ernst der Lage noch nicht erkannt
Hannover verliert mit 1:2 bei Hoffenheim. Mirko Slomka kommt nach dem Spiel zum Interview bei Sky und sagt Folgendes: “Ich kann meinem Team keinen Vorwurf machen.” Auch Präsident Martin Kind meldet sich am Samstagabend noch zu Wort: “Die Mannschaft kämpft, lebt und will. Das hat sie deutlich gezeigt.”
Da frage ich mich schon ein bisschen, welche zweite Hälfte Slomka und Kind in Sinsheim gesehen haben. Gut, es waren im Vergleich zu den ersten beiden Spielen in der Ära Slomka erste Ansätze einer Verbesserung zu sehen, wobei das auch nicht wirklich schwierig zu bewerkstelligen war. Trotzdem ist das von der Performance immer noch nicht so, als dass ich sagen würde, es gebe Anzeichen von Hoffnung auf eine baldige Leistungssteigerung und die Möglichkeit auch mal wieder drei Punkte einzufahren. Ich habe immer noch nicht das Gefühl, als hätte man bei Hannover 96 den Ernst der Lage erkannt. Man steht nach 21 Spielen auf Platz 16 der Tabelle mit gerade mal 17 Punkten. Da sollte man sich beziehungsweise muss man sich auch schon mal mit dem Thema Abstieg auseinandersetzen. Das ist ja nun kein Schreckgespenst mehr an der Leine, sondern leider eine durchaus realistische Konsequenz der schwachen Saison. Die nächsten drei Partien sind gegen Werder Bremen, Dortmund und Wolfsburg. Da kann mich von vorneherein von Punktgewinnen ausgehen, die sind aber endlich nötig. Von den letzten sechs Spielen in der Rückrunde hat 96 vier Hammeraufgaben zu erledigen, in Hamburg, München und Leverkusen, zudem empfängt man in der AWD-Arena Schalke 04. Es wird also endlich Zeit, dass man endlich wieder Punkte sammelt.
Trotzdem kann ich immer noch nicht sehen, dass es sowas wie Hoffnung für 96 in den nächsten Wochen geben kann. Bei allen kleinen Verbesserungen gestern bei Hoffenheim. Insbesondere das Defensivverhalten in den letzten Minuten der ersten Hälfte und die pure Harmlosigkeit nach dem Anschlusstreffer in der zweiten Hälfte waren Ausdruck einer Verunsicherung und der mangelnden Qualität in vielen Mannschaftsbereichen. Warum für Hannover 96 die nächsten Wochen nicht wirklich einfacher werden, möchte ich in fünf Punkten kurz deutlich machen:
Neuzugänge: Ich glaube schon, dass Elson und Arouna Koné eine Verstärkung für 96 bedeuten, insbesondere Koné hat mit seinem Torerfolg gezeigt, dass er eine Bereicherung sein kann. So einen Torschuss habe ich von Hanke, Forsell und Stajner die letzten Jahre nicht einmal gesehen. Gleichzeitig sind es aber eben auch nur zwei Neuzugänge in einem Team mit 11 Spielern. Der Effekt dürfte also begrenzt sein. Überhaupt ist die Transferpolitik von 96 die letzten Jahre unter aller Kanone. Mir fallen wenige Transfers ein, die wirklich in Hannover eingeschlagen haben und dem Team über mehrere Spielzeiten hinweg qualitativ geholfen haben. Da fällt es dann natürlich auch schwer von Seiten der Fans irgendwie so etwas wie Vertrauen zur Transferpolitik der Roten aufzubauen. Aus meiner Sicht machen Sportdirektor und Präsident keinen guten Job, haben es nicht geschafft, die Mannschaft wirklich zu verstärken. Wenn man Erfolg haben will und vor der Saison teilweise Wünsche wie das Erreichen der internationalen Plätze ankündigt, muss man einfach finanziell mehr investieren.
Formkrise der Spieler: Was nützen zwei gute Neuzugänge, wenn sechs bis sieben andere Spieler seit Monaten in einer Formkrise stecken. Insbesondere aus dem Mittelfeld kommen von den etablierten Spielern wie Bruggink, Stajner, Rosenthal oder Baltisch kaum Impulse. Da ist es dann für Stürmer natürlich auch schwierig sich in Szene zu setzen. Gleichwohl kann man von Mike Hanke eben aber auch mal erwarten, dass er sich ein wenig mehr bewegt, vor allem, wenn er als einziger Stürmer aufgestellt ist. Die Probleme offensiv, die Probleme aber auch defensiv. 96 lässt viel zu viele Chancen zu, die Positionen der Außenverteidiger waren nie wirklich exzellent besetzt, da lässt man viel zu viele Gelegenheiten für die Fans zu. Fromlowitz spielt höchstens eine durchschnittliche Saison. Neben den Formkrisen kommt dann eben noch eine erhebliche Anzahl von Verletzten hinzu, seit Jahren sammeln sich die Wehwehchen in Hannover. Ob man sich damit vereinsintern mal näher beschäftigt hat, warum das so ist?
Erfahrung im Abstieg: 96 hat in den vergangenen Spielzeiten zwar nie wirklich Bäume ausgerissen, aber die fehlende Erfahrung im Abstiegskampf könnte ein weiterer negativer Faktor sein. So schlecht wie jetzt stand 96 noch nie in der Tabelle da. Weiß 96 und haben es die Spieler verinnerlicht, wie Abstiegskampf funktioniert, auf was es in solchen Spielen ankommt? Ohne jetzt anderen Vereinen zu nahe zu treten, habe ich den Eindruck, dass Bochum, Köln, Freiburg, Nürnberg und auch Hertha sehr viel wissen, wie man in solchen Spielen auftritt.
Identifikationsfigur auf dem Platz: Nach dem Schicksalsschlag durch den Tod von Robert Enke hat man den Eindruck, dass es auf dem Platz nicht wirklich einen Spieler gibt, der das Team mitzieht, der die Mannschaft nach Rückständen wach rüttelt, der die Mitspieler bei guten Situationen lobt, der sie pusht in den entscheidenen Phasen des Spiels. Jemand, der mal ein Zeichen setzt, der sich auch mal mit dem Schiedsrichter anlegt (im Rahmen der Regeln natürlich). Die gesamte Mannschaft wirkt zu brav auf dem Platz. Eine Mentalität, die im kräftetreibenden und nervenzehrenden Abstiegskampf nicht zielführend ist. Natürlich war der Tod von Robert Enke eine Zäsur und eine extreme Belastung für das Team, aber so ein Ereignis muss man auch mal hinter sich lassen, so schwer es fällt. Das darf ich von solchen Menschen erwarten. Man muss dazu eben nur bereit sein.
Stimmung in Hannover: Die Fans sind enttäuscht von der Mannschaft, die hohen Erwartungen in Hannover sind mal wieder nicht erfüllt worden. Gegen Nürnberg kamen gerade mal 26.000 Zuschauer in die AWD-Arena. So etwas wie ein klares Bekenntnis zum Verein, ein Unterstützen in schwierigen Zeiten, das permanente Anfeuern während des Spiels, der Stadionbesuch auch gegen vermeintlich kleine Mannschaften – all das findet nicht mehr statt. Aber es wäre gerade in dieser schwierigen Phase sowas von notwendig. Eine Verbindung von Fans und Vereinen, scheinbar ist es dazu jetzt schon zu spät, vor allem, wenn weiterhin die Erfolge ausbleiben. Auch das kann ein entscheidener negativer Faktor im Abstiegskampf sein. Wenn ich sehe, wie die Hertha zum Beispiel versucht ihre Fans im Abstiegskampf zu mobilisieren, wenn ich feststelle, wie die Fans des 1. FC Nürnberg ihr Team anfeuern und das mit der derzeitigen Stimmung in Hannover vergleiche, sind da riesengroße Unterschiede zu erkennen. Wo ist das Aufeinanderzugehen beider Gruppen, wo ist das Entgegenkommen des Vereins gegenüber den Fans. Wenn der Verein eine solch lethargische Außendarstellung abgibt, wie soll da irgendein Funke der Mobilisierung auf die Fans überspringen? Im Moment wirkt das alles so, als bereite man sich schon auf die eigene Beerdigung vor. Die hannoverschen Medien haben nach der Verpflichtung von Slomka zumindest ein, zwei Tage versucht sowas wie Aufbruchstimmung zu konstruieren. Da war sogar von “Slobama” zu lesen. Im Nachhinein hat das eher geschadet als genutzt, und die Aufbruchstimmung hat auch nicht lange angehalten. Mittlerweile gibt es auch in den Medien nur noch selten positive Artikel über 96.
All das sind nur einige von vielen Puzzleteilen, die das derzeitige Innenleben und Außenbild von Hannover 96 ausmachen. Es ist schlimm – und ich habe den Eindruck, dass viele das noch gar nicht begriffen haben. Momentan sehe ich den Abstieg als sehr viel wahrscheinlicher als den Klassenerhalt. Da sind Verbesserungen in Hoffenheim ein kleines positives Puzzleteil in einem Strom von vielen negativen. Noch möchte ich mir nicht ausmalen, was passiert, sollte 96 absteigen. Das wäre für die Stadt, den Verein und die ganze Region eine mittlere Katastrophe. Und das Positive ist ja, dass noch genug Zeit da ist um die Entwicklung umzukehren. Nur muss man damit jetzt langsam mal anfangen. Weg von den Durchhalteparolen – sondern auf die Spieler setzen, die sich wirklich dafür einsetzen den Klassenerhalt schaffen zu wollen. Und wenn dann eben nur 14 übrig bleiben, dann hat der Kader für ein Spiel eben nur so viele. Und dann reicht es eben von der sportlichen Führung auch nicht zu sagen, dass dann irgendwann auch mal ein Sieg rausspringen muss, wie Herr Slomka das zur Protokoll gab. Die Mannschaft will, wie Herr Kind ausführt, ist schlicht übertrieben. Da waren gestern mindestens die Hälfte, die nicht wollen oder eben nicht können. Wobei das im Endeffekt diegleichen Auswirkungen für die Mannschaft hat. Aber eben nicht für die sportliche Führung. Denn die hätte sehen müssen, dass das Team mehr Verstärkungen braucht, gerade auch aufgrund der Anfälligkeit von Verletzungen. Wenn Slomka meint, er könne seinem Team keinen Vorwurf machen, übersieht er weite Teile der zweiten Hälfte. Das ist schlicht realitätsfremd, wie so vieles gerade bei Hannover 96. Wenn man sich nicht endlich mit der Wirklichkeit anfreundet, dann gehen langsam aber sicher die Lichter aus.


Montag, 8. Februar 2010 12:06
Die Zäsur war ganz klar der Tod von Robert Enke, wobei ich dann doch erstaunlich finde, wie sich die Mannschaft seitdem in ihre Einzelteile aufgelöst hat.
Der 1. FC Köln hat sich bspw. in der Saison 91/92 nach dem tragischen Tod von Maurice Banach noch vom 11. Tabellenplatz auf den 4. Platz hochgearbeitet.
Montag, 8. Februar 2010 23:54
Apropro “hohen Erwartungen”, ich frage mich seit Jahren, warum man bei der kleinsten Siegesserie sich im UEFA Cup äh neuerdings natürlich in der Europa League sieht.
Warum hat man in Hannover eigentlich regelmässig so eine Brille? Ich versteh einfach nicht, warum man seit Jahren sich als eines der besseren Mittelmäßigen Teams sieht…
Mittwoch, 10. Februar 2010 7:53
Grundsätzlich muss ich dir leider weitgehend zustimmen, nur das von dir gewünschte “permanente Anfeuern während des Spiels” kann ich wahrlich nicht mehr sehen.
Findest du es ernsthaft hilfreich, wenn die Kasper in einem Teil der Nordkurve sich 90 Minuten selbst feiern, völlig unabhängig vom Spielstand? Gegen Bayern mag das trotz deutlichem Rückstand noch ok gewesen sein, aber bei einem 1:3-Zwischenstand gegen Nürnberg Heile Welt zu spielen finde ich nicht förderlich.
Mittwoch, 10. Februar 2010 15:27
Kein Mensch muss ‘heile Welt’ spielen, nur habe ich von diversen Leuten, die im Stadion beim Heimspiel gegen Nürnberg waren, gehört, dass nach dem 1:3-Rückstand so gut wie keine Untersützung von den Fans mehr kam. Und das finde ich außergewöhnlich und kenne ich auch nicht. Ich habe schon Spiele in der AWD-Arena gesehen, die waren schlechter als der Auftritt gegen Nürnberg. Und da wurden trotzdem die Spieler auch noch in der 85. Minute für gute Aktionen mit Beifall bedacht. Und das scheint immer zu verschwinden. Wäre nur ein Beispiel für das gestörte Verhältnis zwischen Fans und Spielern/Verein.
Mittwoch, 10. Februar 2010 19:49
Naja, Ich würde zum Beispiel Szabolcs huszti und Robert Enke als Transfererfolge sehen. DIe haben dem Verein respektive der Mannschaft Erfolg und ein Gesicht gegeben.