Die Lüge von besseren Studienbedingungen ohne Studiengebühren
Ich finde es mittlerweile eine leidige Debatte über Studiengebühren zu diskutieren, aber das ständige Fordern vieler Parteien nach Abschaffung dieser, hat mich dann doch dazu veranlasst, ein paar Zeilen zur Verteidigung der Studiengebühren zu schreiben. Vor der Landtagswahl an Rhein und Ruhr bringen sich ja jetzt wieder alle Parteien in Position. Im Wahlprogramm der SPD für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist zum Beispiel zu lesen:
” Wir meinen es mit der Förderung der Chancengleichheit Ernst. Darum werden wir den gebührenfreien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen – vom Kindergarten bis zum Hochschulstudium – garantieren.”
Man möchte verhindern, dass Bildung eine Ware wird, die sich keiner mehr leisten kann. Auch die Grünen sind gegen die Studiengebühren und machen das in ihrem Wahlprogramm auch sehr deutlich. Und dann sind da noch folgende Forderungen in der Hochschulpolitik zu lesen:
“Wir Grünen wollen diesen Trend umkehren und wieder Verantwortung übernehmen: für die bauliche, sachliche und personelle Ausstattung der Hochschulen, für zusätzliche Studienplätze und für die notwendige Kurskorrektur im Rahmen der Umstellung auf Bachelor und Master. Wir Grünen wollen eine soziale Öffnung unserer Hochschulen und deutlich mehr jungen Menschen ein Studium ermöglichen.”
Das klingt ja alles ganz toll, ist vielleicht auch nett gemeint von den Grünen. Nur muss mir noch mal einer erklären, wie man das finanzieren möchte und gleichzeitig auf Studiengebühren verzichtet. Und so ziehen viele Politiker dieser Tage mit der populären Forderung durchs Land die Studiengebühren abzuschaffen – ohne auch nur einen Schritt weiter zu denken, was das konkret für die Hochschulen und damit auch für die Studienbedingungen bedeutet. Es scheint dieser Tage schon zu viel verlangt, von Politikern weiter als bis zur ersten Straßenecke zu denken. Denn eines ist klar: Hochschulen brauchen Geld.
Ab dem Sommersemester 2010 gibt es nur noch fünf Bundesländer, die zusätzlich zu den Semesterbeiträgen Studiengebühren erheben, nämlich Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Das Saarland hat unter der Jamaika-Koalition die Gebühren wieder abgeschafft – ab diesem Sommersemester gibt es keine Gebühren mehr. Jetzt hat man einen Flickenteppich in Deutschland, der keinem weiterhilft. Nicht wirklich von Vorteil: Gut, man könnte meinen, die Mehrheit hat schon keine mehr – also ganz abschaffen. Umgekehrt wäre es richtiger: alle wieder nachziehen oder überhaupt mal einführen.
Studiengebühren sind wichtige Einnahmen für die Hochschulen und Universitäten, wenn sie diesen vollständig überlassen werden. Hochschulen und Universitäten brauchen Geld, sei es für die Lehre, für technische Ausstattung, für Tutorenstellen und lange Öffnungszeiten der Bibliotheken. Alle, die Studiengebühren abschaffen wollen, sollen mir mal sagen, wie sie die fehlenden Einnahmen für die Bildungseinrichtungen aufbringen wollen – gerade auch in Zeiten klammer, hoch verschuldeter Haushalte von Bundesländern und Bund. Da habe ich bisher noch keine vernünftige Antwort gehört. Ich habe die sehr gute Erfahrung mit Bremen und Düsseldorf an zwei Universitäten studiert zu haben bzw. zu studieren – und wenn mir jetzt noch einer sagt, dass Studiengebühren keine positiven Auswirkungen auf die Studiensituation haben, dann ist das aus meinen Erfahrungen schlicht falsch. Ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, kann das aber gerne nachholen, wenn gewünscht.
Das beste Beispiel, was das Fehlen von Studiengebühren anrichtet, sieht man dieser Tage in Hessen. Im Juni 2008 hat die linke Mehrheit im hessischen Landtag die Studiengebühren wieder abgeschafft. Am dem Wintersemester 2008/2009 wurde das Portmonee der Studierenden wieder geschont. Nach einer Initiative diverser Hochschulpräsidenten wurde erreicht, dass es als Ausgleich für die fehlenden Studiengebühren rund 96 Millionen Euro pro Jahr vom Land Hessen geben soll. Geld, das dringend gebraucht wird und auch nicht weniger werden darf, zumal in den nächsten Jahren noch mehr Studenten an die Universitäten kommen. Und jetzt bekommt Hessen die Quittung: Die Landesregierung hat am Wochenende angekündigt, im Jahr 2011 den Hochschulen 30 Millionen Euro weniger Geld zur Verfügung zu stellen. Die Kürzung wird mit der schwierigen Finanzlage des Landes Hessen von der Wissenschaftsministerin Kühne-Hörmann (CDU) begründet. Hätte man jetzt doch Studiengebühren als Ausgleich und verlässliche Einnahmequelle. Die Uni-Präsidenten der hessischen Hochschulen reagieren verärgert. Allein die TU Darmstadt müsse 2011 fast neun Millionen Euro einsparen.
30 Millionen Einsparungen, obwohl man jährliche Ausgleichzahlungen zugesagt hat. Wie soll das bitte zusammengehen? Und wie soll das passen mit Deutschlands Anspruch einen Spitzensplatz in Bildung und Forschung zu erreichen? Bildung darf keine Ware sein, behauptet die SPD, aber es gibt einen globalen Wettbewerb um hoch qualifizierte Menschen. Und das ist auch ein Standortfaktor für Deutschland, den man eben nicht umsonst bekommt. Und will man einen Spitzenplatz, indem man mit der Gießkanne durchs Land zieht und ein paar Exzellenzinitiativen gründet? No way, please!
Studiengebühren bleiben ein richtiges und notwendiges Instrument um den Finanzbedarf der Hochschulen zu decken. Wir können da gerne mal über die soziale Verträglichkeit solcher Gebühren diskutieren, nur wie soll das möglich sein, wenn Politiker partout solche Gebühren ausschließen, ohne mal einen Schritt über die Konsequenzen eines solchen Planes nachzudenken. Es wäre wünschenswert, wenn den Vorteil solcher Studiengebühren auch einige mehr in der Politik sehen würden und die Abschaffung dieser nicht immer gleich mit einer Erhöhung der Chancengerechtigkeit gleichsetzen (als würde die in der Universität erstmals anfangen) und mal ein dauerhaftes, nachhaltiges Konzept für die Hochschulfinanzierung entwickeln anstatt mit populären, zur kurz gedachten Forderungen über die Marktplätze der Republik zu ziehen. Bis dahin bleibt die Gleichung bessere Studienbedingungen ohne Studiengebühren eine Lüge. Irgendwann fliegt uns der Boomerang fehlender Studiengebühren und Einnahmen für die Universitäten noch um die Ohren. Vielleicht nicht jetzt, aber spätestens in ein paar Jahren. Damit verspielen wir Zukunft und Chancengerechtigkeit.


Donnerstag, 1. April 2010 13:35
Felix, du triffst den Nagel auf den Kopf.
Das Hauptproblem ist m.E. mehr das Fehlen eines funktionierendes Stipendiensystems. Zudem erkennen viele zu spät ob das gewählte Studienfach überhaupt passt.
Ich persönlich habe nach 2 Monaten gemerkt, dass mein Erststudium nicht gepasst (v.a. Umfeld). Danach habe ich schnellstmöglich nach Alternativen umgeguckt. Das ich dann ein Jahr mehr oder weniger warten verloren habe, lag schlicht daran, dass mein Zweitstudium auch nur im Wintersemester angeboten wird.
Ich kenne Fälle (Freundeskreis), dort wurde das Studium vor der Abschlußarbeit geschmissen, obwohl alle Scheine vorhanden war.
Prinzipiell war und bin ich für Studiengebühren. Das was rot/dunkelrot/grün als Chancengleichheit bezeichnen ist nur ein Deckmantel.
Es muss ein faires und vor allem transparentes Stipendiensystem her und zwar schleunigst.
Wobei vielleicht müssen erst die Studenten bemerken, dass es ohne nicht gehen kann. Statt Revolten und Demonstrationen, sollte man sich hinsetzen und die Zeit in eine schnellere Beendigungszeit investieren.
Desweiteren halte die Bologna-Reform für zum Großteil richtig (Bachlor in 6 Semester, Master in 4 weiteren Semester). Die persönliche Entwicklung kann nicht Aufgabe der FHs/Unis sein.
Nicht umsonst bieten die Firmen/Unternehmen zahlreiche Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten an.
Donnerstag, 1. April 2010 18:45
Ich halte grundsätzlich die Bologna-Reform für richtig, würde mir da aber mehr Flexibilität wünschen, zum Beispiel den Bachelor auf 8 Semester verlängern inklusive einem Praxissemester und einem Semester im Ausland.
Re: Stipendien-System
Wenn man es so macht wie die Bundesregierung, oder zumindest wie der derzeitige diskutierte Vorschlag, hilft das aber auch wenig. Stipendien sollen ja eben gerade für die da sein, die nicht so gute Chancen beim Zugang zu Bildung, aber trotzdem etwas im Kopf haben. So wie das jetzt aussieht, bekommen ehe nur wieder diejenigen Stipendien, die es gar nicht nötig haben. Und nebenbei bemerkt: So ein System zieht man auch nicht über Nacht auf, vor allem, wenn man auch die Wirtschaft mit im Boot haben will. Da gebe ich wenig Hoffnung, dass so ein Programm die Situation für alle Studierende wirklich verbessert. Alibi-Politik ist es auch nicht, aber ein großer Wurf wäre es nicht.
Freitag, 2. April 2010 23:46
Aha, wir können also mal eben ein paar Milliarden der Hotel-Branche in den A**** blasen, aber einige 100 Millionen für Bildung kann man dem Staat nicht zumuten? Stimmt, da sollten wir lieber Studiengebühren erheben, die Kindern aus sozial schwächeren Familien das Studieren nahezu unmöglich machen…
Und was meinst du mit Chancengleichheit? Chancengleichheit unter allen, die studieren wollen und können? Oder Chancengleichheit zwischen denen, die es sich leisten können und englischen Elite-Studenten?
Samstag, 3. April 2010 13:07
Die soziale Verträglichkeit von Studiengebühren ist doch eine ganz andere Dimension der Diskussion. Was ich deutlich machen wollte, ist, dass Universitäten und Hochschulen für gute Forschung und Lehre Geld benötigen. Und in Zeiten klammer Haushalte und Sparvorschlägen in der Bildungspolitik (siehe Hessen), sind Studengebühren eine gute und verlässliche Einnahmeseite. Chancengleichheit heißt für mich in erster Linie vor allem, dass diejenigen, die studieren, dies hier in Deutschland unter den bestmöglichen Bedingungen tun können. Und das geht ganz offensichtlich nur mit Studiengebühren.
Die soziale Verträglichkeit von Studiengebühren steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. Wir können gerne darüber diskutieren, dass Studierende aus sozial schwächeren Familen unterstützt werden (was ja durch das Bafög zum Teil schon geschieht). Auch eine Staffelung von Studiengebühren ist eine überlegenswerte Idee. Auch das von Sunny weiter oben schon angesproche Stipendiensystem wäre eine Lösung. Oder eine flexiblere Lösung im Bachelor und Master-System (sprich 8 Semester Bachelor) um Zeit für die Arbeit oder einen Nebenjob zu haben. Nur durchs Land ziehen und sagen, dass durch die Abschaffung von Studiengebühren die Chancengerechtigkeit erhöht wird, ist ein Treppenwitz. Denn dadurch geht die Studienqualität derjenigen, die studieren, rapide bergab. Das kann es auch nicht sein! Ich will, dass sich jeder ein Studium leisten kann, nur geht dies nicht, wenn man einfach sagt, man schafft die Studiengebühren ab. Das verschlchtert nämlich die Studiensituation. Was nützt es dir dann, wenn du studierst und tust dies unter schlechten Bedingungen? Gar nichts.
Freitag, 23. April 2010 9:34
@Felix: Du gehst dabei von der Annahme aus, dass Studiengebühren als zusätzliche Einnahme dazu kommen.
In der Realität lief es aber zumindest zum Teil anders, d.h. die Landesregierung im Saarland z.B. hatte die Gelder zur Uni über mehrere Jahre nicht erhöht, d.h. für den infaltions- und Lohnkostenausgleich wurden quasi die Studiengebühren herangezogen.
Aber selbst wenn: Wir brauchen mehr Bildung und mehr Absolventen als Arbeitskräfte für die Wirtschaft, d.h. jede Investition die eine Regierung in Bildung steckt bekommt sie mindestens zurück. Sicherlich auch mit Zinsausgleich.