Premier League 2009/2010 #34, Tottenham Hotspur – FC Arsenal 2:1
Wenn zwei Teams in ein Spiel hineingehen mit der Prämisse, dass dieses gewonnen werden müsse, dann kann man durchaus erwarten, dass einem Spektakel geboten wird. Arsene Wenger hat unmissverständlich geäußert, dass seine Gunners alle restlichen fünf Saisonspiele erfolgreich gestalten müssen um überhaupt noch theoretische Chancen auf den Meisterschaftstitel zu haben. Nach dem Ausscheiden gegen den FC Barcelona stand jetzt wieder Ligaalltag gegen die Spurs an. Und das Team von Harry Redknapp braucht drei Punkte um Anschluss an Manchester City zu halten. Mit einem Sieg würde man auf einen Punkt rankommen, zudem gibt es noch das direkte Duell am 5. Mai in Eastlands. Die Spurs schieden am Wochenende im FA-Cup gegen Portsmouth aus. Beide Teams mit Niederlagen in den Pokalwettbewerben suchen jetzt wueder den Erfolg in der Liga. Sehr viel brisanter war die sportliche Ausgangslage lange nicht mehr in diesem Nord London Derby, und dann kommt die besondere Atmosphäre eines Derbys noch hinzu. Wie gesagt beste Voraussetzungen für ein tolles Fußballspiel.
Die Gäste aus dem Emirates hatten eine Reihe von hochkarätigen Stammkräften zu ersetzen, Gallas, Arshavin, Fabregas und Song fehlten alle verletzt. In der Innenverteidigung bekam Sol Campbell den Vorzug neben Thomas Vermaelen, Eboue startete über rechrs an Stelle von Walcott. Robin van Persie saß zunächst auf der Bank. Auch die Spurs mit zahlreichen Wechseln im Vergleich zum Auftritt in Wembley am Sonntag. Defoe und Pavlyuchenko stürmten, in der Innenverteidigung konnte Ledley King mal wieder von Beginn an spielen. Tottenham muss immer noch auf Aaron Lennon verzichten, dafür gab es das Premier League Startdebüt von Danny Rose im Mittelfeld der Spurs.
Gute äußere Bedingungen an der White Hart Lane und – wie sollte es anders sein – eine fantastische Stimmung samt den erwarteten Buhrufen für Sol Campbell. Es war ein schwungsvolles, temporeiches Spiel von Beginn an, das beide Abwehrreihen vor die ein oder andere Herausforderung stellte. Aber die Defensive stand, die Offensive beider Teams lief sich häufig fest. Arsenal hatte Glück in der 9. Minute, als Vermaelen gerade noch so sein Bein in den Schuss von Pavlyuchenko stellen kann. Tottenham ging nach 11 Minuten in Führung – und durch was für ein Tor. Nach einer Ecke kann Almunia eigentlich gut und sicher den Ball wegfausten, doch die Faustabwehr verwandelt ausgerechnet der Debütant Danny Rose per Volley aus 25 Metern direkt. Wunderschönes Tor, ein Strich, keine Chance für Almunia. Hat sich nicht gerade angebahnt, aber vielleicht brauchte es eines weiteren Beweises, dass im Fußball nicht immer alles vorhersehbar ist, schon gar nicht im Derby. Nach 20 Minuten musste Thomas Vermaelen verletzungsbedingt den Platz verlassen, ohne Einwirkung des Gegners beförderte er den Ball ins Aus und fasste sich dann ans Knie. Silvestre und Campbell bildeten fortan die Innenverteidigung, da wird der Altersdurchschnitt erheblich nach oben gebracht. Arsenal übernahm dann Mitte der ersten Hälfte die Kontrolle über das Spiel ohne sich aber wirklich zwingende Torchancen zu erarbeiten. Entweder kam der letzte Pass nicht präzise genug oder ein Verteidiger der Spurs hatte seinen Fuß dazwischen. Tottenham ließ die Gunners gewähren und streute nur noch sporadisch gelungene Offensivbemühungen ein. Dass es trotzdem ein ansehnliches Spiel war, lag am hohen Tempo und großen Einsatz beider Teams. Wenig Highlights bis zum Halbzeitpfiff, fünf Minuten vor der Pause war Modric tauchte Modric frei vor Almunia auf, der Spanier konnte aber glänzend den Winkel verkürzen. Bei Arsenal zwei Defizite: defensiv immer anfällig, wenn die Spurs schnell und direkt spielten und offensiv einfach nicht genau und präzise genug in den Zuspielen. Das war recht problemlos für die Spurs zu verteidigen. Mit der knappen Führung gingen beide Mannschaften in die Kabine.
Danny Rose wurde zu Beginn der zweiten 45 Minuten verletzungsbedingt durch David Bentley ersetzt, bei Arsenal gab es keine Spielerwechsel. Und was für ein Auftakt in der zweiten Hälfte. Knapp 90 Sekunden nach Anpfiff gingen die Spurs mit 2:0 in Führung. Nach einem Traumpass von Jermain Defoe in die Schnittstelle der Gunners-Abwehr steht Gareth Bale am langen Pfosten ganz frei, kann noch einen Schritt gehen und dann Almunia überwinden. Bale mit seinen einzigen beiden Premier League Treffern, beide gegen Arsenal, getrennt durch zweieinhalb Jahre. Sagna hatte das Abseits aufgehoben – was das exzellente Zuspiel von Defoe nicht schmälern soll. Arsenal wieder desorientiert in der Defensive, und die Spurs schlagen eiskalt zu. Alles, was man sich in der Halbzeitpause vorgenommen hat, war damit wieder über Bord geworfen. Wenger brachte Walcott für Sagna, Eboue spielte jetzt den Rechtsverteidiger. Danach beruhigte sich das Geschehen. Die Spurs hatten das Spiel im Griff. In der 68. Minute dann das Comebakck von Robin van Persie, kam für Denilson. Arsene Wenger setzte also alles auf eine Karte. Und sie mussten ja auch etwas bwwegen. Viel zu wenig kam von Arsenal über die gesamte Partie und vor allem nach dem Rückstand. Die Spurs, die Sonntag noch in der Verlängerung spielten, waren den Gästen körperlich wie spielerisch eine Klasse überlegen. Harry Redknapp brachte Eidur Gudjohnson für Jermain Defoe, Tottenham zog sich zum Starten von Kontern tief in die eigene Hälfte zurück. Und Arsenal blieb nur das Hoffen auf die traditionell starke Schlussphase in dieser Saison. Bisschen wenig, wenn man nahezu chancenlos mit 0:2 nach 75 Minuten bei den Spurs zurücklag. Beste Chance für Arsenal in der 80. Minute, als Van Persie ein Zuspiel wunderbar mit der Brust annahm und direkt abzog, aber Gomes im Tor der Spurs den Ball blitzschnell über die Querlatte lenkte. Nach der Ecke wird ein Schuss von Rosicky noch unglücklich von der Spurs-Abwehr abgefälscht, Kugel geht ganz knapp am Tor vorbei. Ein kurzes Aufatmen des Patienten, mehr war es aber auch nicht. Bis zur 84. Minute. Dann Doppelchance für die Gunners. Freistoß von van Persie aus zentraler Position in den Knick, aber Gomes mit einer weltklasse Parade, lenkt den Ball noch am Tor vorbei. Dann Kopfball Campbell, der Brasilianer im Tor der Spurs bekommt die Fingerspitzen noch an den Ball und hat die Querlatte im Bündnis mit sich. Und in der 85. Minute der fällige Anschluss, weil Walcott sich auf rechts gut in Position für eine Flanke bringt und Bendtner in der Mitte sich wieder gut durchsetzt und den Ball einschiebt. Sechster Saisontreffer des Dänen – wieder in der Schlussphase. Arsenal wachte ganz spät auf. Und dann wurde es ein Sturmlauf in den letzten Minuten. Vier Minuten Nachspielzeit waren angezeigt.
Und so besiegen die Spurs den FC Arsenal letzlich verdient mit 2:1. Die letzten zwei Siege der Spurs gegen Arsenal in einem Nord London Derby ereigneten sich, nachdem Tottenham in den ersten 10 Minuten des Spiels getroffen hatte. So wie heute, mit zwei Chancen zwei Tore. Eine Qualität, welche die Gunners heute nicht hatten. Arsenal damit so gut wie aus dem Titelrennen. Rechnerisch ist die Meisterschaft zwar noch möglich, auch weil Chelsea am Samstag selbst noch zu den Spurs muss, aber nach der Leistung heute fällt es schwer Arsenals Ansprüche auf die Trophäe zu konkretisieren und als reale Möglichkeit zu begreifen. Das war schlicht zu wenig, mit Ausnahme der letzten 10 Minuten. Da sieht man mal, wie sehr van Persie den Gunners gefehlt hat. Die Spurs hingegen sind komplett im Rennen um den vierten Platz dabei und können am Samstag gegen Chelsea dem nächsten Stadtrivalen ein Bein stellen. Arsenals Titelträume sind heute wohl zerplatzt, die Spurs dürfen weiterhin von der Champions League träumen. Zwei Vereine, sechs Kilometer voneinander entfernt, gefühls- und stimmungsmäßig liegt heute Abend eine halbe Ewigkeit dazwischen.

