Premier League 2009/2010 #37, FC Liverpool – FC Chelsea 0:2
Sonntag, 2. Mai 2010 16:23
Noch zweimal 90 Minuten ohne Punktverlust bestehen – und dann ist der FC Chelsea London englischer Meister 2009/2010. Zweimal, das klingt nicht unbedingt dramatisch, zumal das letzte Spiel daheim gegen Wigan geht. Bloß hatte man an diesem Sonntag noch eine der schwersten Hürden vor sich, gegen den FC Liverpool an der Anfield Road. Die Reds, die im Gegensatz zu den Blues so gar nichts mehr zu verlieren haben, wollen eine mäßige Saison zumindest für die Fans verschönen. Denn auch wenn man mit drei Punkten wohl Manchester United zum Meister machen würde, gäbe es nicht viel mehr Prestige und Anerkennung von den Fans, wenn man den FC Chelsea besiegen würde. Und es wäre vielleicht auch das passende Abschiedsgeschenk für Rafael Benitez, im seinem wohl letzten Heimspiel an der Anfield Road. Der Spanier, der Liverpool in seiner ersten Saison zum Champions League Titel führte, ist Sinnbild für die Reds in dieser Saison: Zu viele Baustellen außerhalb des Spielfeldes, zu viele Gerüchte, zu viele Diskussionen um Cash als um Tore und Triumphe. Da kann man zumindest mit einem tollen Spiel einiges vergessen machen. Rekordmeister im englischen Fußball hin oder her.
Chelsea konnte seit elf Spielen nicht mehr an der Anfield Road gewinnen, hat seit 2005 nur ein Tor in Ligaspielen an der Mersey erzielt. Liverpool veränderte seine Aufstellung im Vergleich zum Ausscheiden in der Europa League auf zwei Positionen. Maxi Rodriguez, der im Europapokal nicht spielberechtigt war, ersetzte Ryan Babel, Javier Mascherano spielt weiter auf der Rechtsverteidigerposition, weil Glen Johnson weiter verletzt ist. In der Innenverteidgung ersetzt Kyrgiakos Daniel Agger. Der Däne rückt dann auf die Linksverteidigerposition. Alles nicht so optimal. Bei Chelsea kehrt der Kapitän John Terry nach seiner Sperre zurück, Paulo musste deshalb wieder auf der Bank nehmen. Vom Personal und den Möglichkeiten offensiv zu spielen, geht der FC Chelsea hier ganz als Favorit in die Bank.
Nach der inbrünstigen Intonation von You never walk alone ging es dann los. Chelsea mit Anstoß in der ersten Hälfte, spielte in den blauen Trikots von links nach rechts, Liverpool wie immer ganz in rot. Nach zehn Minuten die beste Chance für den FC Liverpool. Nach einem Einwurf spielt Liverpool schnell, Gerrard mit dem Pass von der rechten Seite in die Mitte, wo Aquilani viel zu viel Platz hat. Der Italiener mit einem fantastischen Distanzschuss, der sogar noch die Latte streichelt. Insgesamt in der Anfangsphase verteiltes Spiel, beide bemühten sich um einen geordneten Spielaufbau und wollten partout nicht die Defensive vernachlässigen. Große Torchancen blieben aus, mit Ausnahme der Gelegenheit von Aquilani. Dass das eine Spazierfahrt für Chelsea werden könnte, war nach 10 Minuten überhaupt nicht zu sehen. Liverpool sehr konzentriert, fragt sich eben nur, wie lange die Reds dies im Spiel durchhalten können. Chelsea agierte vorsichtig, überließ Liverpool zum großen Teil das Mittelfeld, hin und wieder griff man aber sehr früh an und machte die Räume eng. Zwischendurch wollte man mal zeigen, dass man auch dabei ist. Aber man braucht ja auch nicht auf Teufel komm raus die Tore schießen, man hat 90 Minuten Zeit und demonstriert die Stärke jederzeit einen Gang höher schalten zu können. Was Liverpool exzellent machte in den ersten 20 Minuten, war das Zustellen der Flügel, die eigentliche Schwachstelle im Spielsystem der Reds. Aber Agger auf Links und Mascherano auf rechts hatten gegen Malouda und Kalou überhaupt keine Probleme, gewannen fast alle Zweikämpfe.
Mit Verlaufe der ersten Halbzeit wurde es ein füchterlich anzuschauendes Fußballspiel, insbesondere Chelsea enttäuschte auf ganzer Linie, kam überhaupt nicht ins Spiel. Einige Glanzlichter kamen, wenn überhaupt, nur vom FC Liverpool, die sich ganz gut durch das Chelsea-Mittelfeld kombinierten, im Abschluss aber immer wieder kläglich scheiterten. Da fehlte einfach ein Fernando Torres. Und wenn Chelsea schon keine Tore schießen will, macht das eben Liverpool für die Blues. Zumindest fast. 33 Minuten waren gespielt, als der Kapitän der Reds, Steven Gerrard, einen unglaublich blöden Rückpass auf Reina spielte. In das riskante Zuspiel sprintet Drogba und legt den Ball an Reina vorbei ins Tor. Chelsea auf dem Weg Richtung Meisterschaft – und sie haben dafür überhaupt nichts getan. Ein Spiegelbild der Saison vom FC Liverpool. Und plötzlich war Chelsea da, Lampard verzog völlig freistehend aus knapp 20 Metern in der 36. Minute. Liverpool geschockt vom Rückstand. Zwei Minuten später bekommt Kyrgiakos in allerletzter Sekunde das Bein vor den einschussbereiten Anelka. Das hätte das 0:2 sein können. Kurz vor der Halbzeit musste Benitez verletzungsbedingt wechseln, brachte Ryan Babel – bekannt für Tore in Duellen gegen die Big Four – für Maxi Rodriguez. Mit dem 10 für Chelsea ging es in die Pause, zumindest durch die letzten Minuten der ersten Halbzeit teilweise verdient. Liverpool offensiv zu umständlich und defensiv mit dem einen haarsträubenden Fehler.
Es gab keine Wechsel in der Halbzeitpause – und am Spiel änderte sich im Vergleich zu den letzten Minuten der ersten Hälfte wenig. Liverpool schien sich schon aufgegeben haben, auch Mascherano und Agger auf den Außenbahnen längst nicht mehr so präsent und zielstrebig wie in den ersten 45 Minuten. Chelsea versuchte schon kurz nach Wiederanpfiff den Sack zuzumachen, hatte aber ein wenig Pech im Abschluss, als Kalou sich mit schönem Solo bis zur Grundlinie durchtankte, in der Mitte dann aber keinen Abnehmer fand. Chelsea tat gut daran auf das 2:0 zu gehen, denn auch wenn es nur 1:0 nach 50 Minuten stand und Liverpool seelisch und körperlich nicht mehr an diesem Spiel teilnahm, war die Führung dennoch knapp. Und nach 54 Minuten die Konsequenz, die schon lange angedeutet hatte. Lampard macht das 2:0. Ein Pass hebelt die Reds-Abwehr aus, Anelka hat alle Zeit der Welt in die Mitte zu passen, wo Lampard nur noch einschieben braucht. Game over. Zu allem Überfluss verletzte sich auch noch Jamie Carragher bei der möglichen Verhinderung des Gegentores, Daniel Ayala kam für ihn in die Partie. Liverpool kann einem leid tun, wirklich. Die Reds versuchten noch mal alles, Chelsea hatte zahlreiche Konterchancen. Das 3:0 lag eher in der Luft als ein Anschlusstreffer des FC Liverpool. Kuyt verletzte sich im Kopfballduell mit Terry, musste den Platz verlassen um die Blutung zu stillen. Der Fußballgott hatte sich gegen Liverpool gestellt. Es ging alles schief. Das Spiel plätscherte dem Ende entgegen. Liverpool konnte nicht mehr, Chelsea brauchte nicht mehr. Und wenn Chelsea mal wollte, war der überragende Reina zur Stelle.
Die Blues sind auf dem besten Weg zur Meisterschaft, Manchester United muss gegen Sunderland schon gewinnen um noch Chancen zu haben. Für Liverpool bleibt nach 90 enttäuschenden Minuten – nicht von der Leistung, denn die war gepaart mit der Einstellung in den ersten 35 Minuten mehr als ordentlich – der Weg in die Europa League. Die Reds stehen vor einem Neuanfang. Und das muss nicht immer schlecht sein.
Thema: Premier League | Kommentare (0) | Autor: medispolis

