Europa League Finale 2010, Atletico Madrid – FC Fulham 2:1 n.V.

Wenn man unter anderem den Titelverteidiger Schachtar Donzek, Juventus Turin und den Hamburger SV auf dem Weg ins Finale besiegt, dann kann man durchaus als leichter Favorit in das erste Finale der Europa League gehen. Doch das ist für Fulhams Trainer Roy Hodgson, von der League Managers Association auf der Insel gerade zum Trainer des Jahres gewählt, gar nicht von oberster Priorität: “Es mir egal, ob wir als Favorit in ein solches Spiel gehen. Die viel wichtigere Frage ist, ob wir wirklich gewinnen wollen, ob wir uns so gut vorbereitet haben wie irgend möglich und ob wir alles geben – und die Antwort ist ein deutliches, deutliches Ja.” Roy’s boys go for glory, stehen ein Spiel vor dem größten Triumph der Vereingeschichte. Fulham, im Südwesten Londons gelegen, immer im Schatten der großen Stadtrivalen Arsenal, Chelsea und Tottenham, aber ausgestattet mit viel Tradition und Leidenschaft. An der Themse hat man nicht jeden neumodischen Kram mitgemacht und sich so viel Tradition bewahrt, dass man Fulham eigentlich mögen muss. Gestern Abend gehörte ihnen die große Fußballbühne. Gegner Atletico Madrid steht ebenfalls ein wenig überraschend im Finale der Europa League. Wer Galatasaray Istanbul, Sporting Lissabon, den FC Valencia und den FC Liverpool ausschaltet, kann man mit Fug und Recht behaupten, etwas Besonderes geleistet zu haben. Auch wenn dabei ein bisschen Glück dabei war. Häufig kam man über die Auswärtstorregel weiter, machte das Weiterkommen immer erst im Rückspiel klar, teilweise sogar in allerletzter Minute, wie im Rückspiel in Istanbul, als Diego Forlan eine Minute vor Schluss den Treffer zum Weiterkommen erzielt. Eine gehörige Portion Glück gepaart mit der Nevenstärke Spiele auch noch in den letzten Minuten zu entscheiden – das brachte Atletico ins Finale nach Hamburg.

Und Fulham überzeugte in nicht nur von der kämpferischen Seite, sondern spielte auch teilweise richtig schönen, effektiven und zielstrebigen Fußball. Nur zwei Teams im Wettbewerb haben weniger Schüsse auf das eigene Tor zugelassen als der FC Fulham. Die Mannschaft von Roy Hodgson hat fast jede fünfte Torchance zu einem Treffer genutzt, der fünftbeste Wert aller Clubs im Wettbewerb. Zudem hat Fulham mehr Schüsse als jedes andere Team geblockt und spielte die zweitmeisten Tackles (Zahlen der ITV-Analyse entnommen). Und die extrem starke Defensive wird im Besonderen von Diego Forlán gefordert werden. Zuletzt im Rückspiel in Liverpool hat der Uruguayer gezeigt, dass er nicht viele Chancen zum Torerfolg braucht und über 90 Minuten auch nicht oft am Ball sein muss. Es wird ganz interessant zu sehen sein, wie Fulham mit der starken Offensivreihe der Spanier umgeht. Man kann den Triumph beider Vereine gar nicht hoch genug einschätzen. Für Fulham ist es das erste Mal, das sie im Europapokal spielten. Insbesondere auch auch für Atletico Madrid, weil die Mannschaft von Quique Sanchez Flores nur eine durchschnittliche Saison in der Liga spielt. International wird man nächste Spielzeit nur bei einem Triumph in Hamburg spielen. Es ist paradox: Die Auswärtsstärke von Atletico, die sie in der Europa League so ausgezeichnet hat, gibt es in der Liga gar nicht. Nur zwei Siege in 19 Spielen stehen zu Buche.

Es war eine traumhafte Atmosphäre in Hamburg, das Stadion gut gefüllt, viele Fans waren aus Spanien und England an die Elbe gekommen. Atletico spielte mit der Erfolgself der letzten Wochen aus der Europa League. Also die volle Offensivkraft, mit Forlan und Aguero als Stürmer, flankiert von Simao und Reyes auf den Außenbahnen. Zwei defensive Sechser mit Raul García und Aussuncao sollen verhindern, dass Fulham schnelle Konter initiiieren kann. Auch Fulham ohne große Personalsorgen im 4-4-1-1, Duff und Zamora haben sich rechtzeitig fit gemeldet. Also wieder Zamora ganz vorne im Sturm, Gera dahinter ein wenig zurückhängend, Clint Dampsey als Reserve auf der Bank. Murphy und Davies für die kreativen Momente im Mittelfeld.

Nach der Eröffnungszeremonie ging es dann um 20:45 Uhr pünktlich los. Fulham mit Anstoß in den dunklen Trikots von links nach rechts in der ersten Hälfte, in der Atletico zu Beginn den Ballbesitz kontrollierte, ließ den Ball ganz gut durch die eigenen Reihen laufen. Die Nervösität war beiden Teams anzumerken, beide spielten nur zögerlich nach vorne, bloß nicht zu viel Risiko. Nach 11 Minuten das erste Highlight in diesem Spiel. Murphy verliert den Ball beim Spielaufbau im Mittelfeld, schneller Konter der Spanier, Aguero legt auf Forlan auf, dessen Schuss den Pfosten noch berühte. Atletico in den ersten Minuten mit mehr Ballbesitz, setzten Atletico früh unter Druck und provozierten diesen einen bedeutenden Fehler. Fulham war aber auch bemüht nach vorne zu spielen, zeigte einige gute Kombinationen im Mittelfeld, es fehlte aber der letzte finale Pass, der Gefahr für das Tor von De Gea bedeutete. Die besseren Möglichkeiten hatte Atletico, Schwarzer kann den Freistoß von Reyes nach einer guten Viertelstunde erst im Nachfassen festhalten. Nach 18 Minuten die erste Chance für Fulham zumindest etwas so wie Torgefahr anzudeuten, aber Gera’s Volleyabnahme ging doch deutlich über das Tor, zwei Minuten später rettete da Gea vor Davies. Atletico machte das sehr geschickt, gaben Fulham nur so viel Platz, dass sie nicht gefährlich nahe dem eigenen Tor kommen konnten und stand dann selbst defensiv sehr kompakt. Die Cottagers hatten Mühe den Abwehrriegel zu knacken, gleichzeitig spielte Atletico auch dank individueller Klasse von Aguero und Reyes sehr schnell nach vorne. Exzellente Raumaufteilung und Spielaufbau bei den Spaniern. Fulham wirkte häufig ein wenig ratlos, die Zuspiele in die Spitze waren viel zu ungenau, sodass Zamora sich kaum in Szene setzen konnte. Atletico ging nach 32 Minuten mit 1:0 in Führung, natürlich durch Forlan, und weil Fulham wieder zu weit von den Gegenspielern stand. Forlan steht letzlich am Ende einer Reihe von einem schönen Sprint von Reyes, der in die Mitte flankt, und einer Kopfballverlängerung von Aguero und Simao, Forlan sprintet in die Lücke zwischen den beiden Innenverteidigern und lässt Schwarzer keine Chance. Zwei Vorwürfe an Fulham: Wie gesagt zu weit weg von den Gegenspielern, aber auch nicht früh genug angegriffen und nicht auf einer Linie. Ein Schritt nach vorne und Forlan hätte im Abseits gestanden. Aber wie oft hat Fulham schon gezeigt, dass sie ein Rückstand überhaupt nicht schockt? Und es hat ganze fünf Minuten gedauert! Zamora verspielt zunächst eine gute Chance, der Ball geht wieder raus zu Gera, der den Ball butterweich in die Mitte gibt, die Kopfballverlängerung der Atletico-Abwehr geht genau auf den Fuß von Davies, der den Ball volley nimmt und flach ins Tor hämmert. Richtig viel Kontrolle brachte das nicht ins Spiel von Fulham, Madrid blieb das bessere Team, weil Fulham stets Schwierigkeiten hatte sich aus der eigenen Defensive zu befreien. Schwarzer verhinderte nach einem strammen Schuss von Forlan den Rückstand. Mit dem aus Fulham eher glücklichen 1:1 ging es in die Halbzeit.

Es gab keine Wechsel in der Halbzeitpause. Fulham kam viel besser aus der Kabine als in den ersten 45 Minuten, spielte aber weiterhin zu häufig durch die Mitte, wo Atletico kaum Platz zum Kombinieren zuließ. Nach 55 Minuten ging Bobby Zamora, der wenig brauchbare Zuspiele bekam. Und die, welche vielversprechend waren, verwertete er mangelhaft. US-Boy Clint Dampsey kam für ihn in die Partie. Die Cottagers blieben das bessere und torgefährlichere Team im zweiten Abschnitt. Nach einer Stunde kann Davies einen Abpraller in der Atletico-Abwehr nach der Flanke von Gera von links aufnehmen, aber de Gea kann fanstastisch halten. Duff zieht nach ein paar Minuten später nach schöner Einzelleistung knapp am Tor vorbei. Von Madrid kam gar nichts mehr, gefühlt ein Ballkontakt von Forlan nach 15 Minuten in der zweiten Hälfte. Insgesamt konnte die zweite Hälfte an die Spannung und Dynamik der ersten 45 Minuten nicht anknüpfen. Einzig ein Freistoß von Aguero eine Viertelstunde vor Schluss brachte etwas Beschäftigung für Schwarzer. Gegen Ende der regulären Spielzeit wurde Atletico wieder stärker, setzten die Fulha-Defensive wieder mehr unter Druck, aber wenn Hodgson den Cottagers etwas beigebracht hat, dann ist es gute Defensivwerk. Fulham konnte alle Flanken sicher abfangen, auch wenn die Kraft ein wenig verloren ging. Folgerichtig ging es dann in die Verlängerung, 1:1 stand es nach 90 Minuten. Couragierte zweite Hälfte vom FC Fulham, von Atletico kam gerade zu Beginn einfach zu wenig für die Offensive.

Verlängerung und Atletico Madrid. Da war doch was. Auch beim FC Liverpool schaffte man das Weiterkommen erst in der Verlängerung durch einen Treffer von Diego Forlan. Und Geschichte sollte sich wiederholen. Fulham kämpfte in der Verlängerung mit den Kräften, schaffte es aber immerhin zu verhindern, dass die Spanier zu wirklich ganz großen Torchancen kam. Auch Atletico merkte man in den letzten Minuten die Müdigkeit ein wenig an, im Gegensatz zu den Cottagers reichte es aber noch für halbwegs strukturiertes Bild. Die Erlösung für Atletico kam dann drei Minuten vor Schluss. Aguero setzt sich auf links gut durch, zieht Richtung Strafraum, präsziser Pass auf Forlan, der den Ball eigentlich nur wenig berüht, zudem springt der Ball noch an das Bein von Hangeland, aber es reicht, dass der Ball über die Torlinie geht. Atletico im sieben Himmel – und Hugh Grant und Lilly Allen sind auf der Tribüne den Tränen nahe.

Am Ende gewinnt Atletico verdient mit 2:1 und ist Sieger der Europa League 2009/2010. Mit Ausnahme der ersten 20 Minuten in der zweiten Hälfte waren die Spanier das klar bessere Team. Fulham schwanden am Ende auch die Kräfte. Trotzdem ist es natürlich extrem bitter, so kurz vor Schluss den Siegtreffer zu kassieren. Roy Hodgson nach dem Spiel: “Ich bin sehr stolz auf meine Spieler. Unsere Leistung heute Abend fasst sehr gut das zusammen, wofür wir stehen. Man kann nach einer Niederlage nie fröhlich sein, aber ich kann meine Mannschaft nicht kritisieren. Unglücklicherweise war das Schicksal gegen uns, wenn es um das Hochheben der Trophäe ging.”

Autor: medispolis
Datum: Donnerstag, 13. Mai 2010 12:12
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