Darf die Daily Mail das?

Fangen wir vorne an: Am Sonntag veröffentlicht die Wochenendausgabe der Daily Mail einen Artikel über Lord Triesman, noch gar nicht so lange Präsident des englischen Fußballverbandes FA, Labour-Politiker und Vorsitzender des Organisationskomittees für Englands Bewerbung zur Fußballweltmeisterschaft 2018. Für den englischen Fußball also keine ganz unwichtige Person, erhoffen sich doch viele Fußballfans einen Zuschlag von der FIFA für das Turnier auf der Insel und hatten durchaus guten Grund zu hoffen, dass die skandalgebeutete FA wieder ein wenig Anerkennung und Glaubwürdigkeit erhält.

Am Sonntag steht im Sportteil der Daily Mail ein großer Artikel vom Sportkorrespondenten Ian Gallagher mit einem äußerst brisanten Vorwurf. Demnach soll in in mehreren Treffen, unter anderem mit seiner Ex-Gebliebten Melissa Jacobs, Triesman unter vielen weiteren unfassbaren Gesprächsfetzen folgendes gesagt haben: Er besitze Informationen, wonach Spanien seine Bewerbung für die Weltmeisterschaft 2018 zurückziehen würde, wenn Russland – ebenfalls Bewerber für die WM in acht Jahren – Spanien dabei helfe, Schiedsrichter bei der in knapp drei Wochen beginnenden WM in Südafrika zu bestechen. Im Gegenzug würde Spanien seine Bewerbung zu Gunsten von Russland zurückziehen. Ein hochrangiger Sportsfunktionär, eine ehemalige Geliebte und ein handfester Skandal, der ganz England bewegt – vor allem, nachdem das Organisationskomittee zwei Tage vorher die offizielle Bewerbung für die WM auf der Insel vorgelegt hat. Eine Geschichte wie gemalt für den englischen Boulevard, wie gemalt für die Daily Mail.

An einem frühen Sonntagmorgen bringt die Geschichte die Medienwelt in Aufruhr. Die BBC und Sky News fahren Sondersendung, die Telefone in den Call-In-Sendungen laufen heiß. Und innerhalb von ein paar Stunden war Lord Triesman seinen Job als FA-Präsident und Vorsitzender der Bewerbungskommission los. Sportminister Hugh Robertson sprach von der “absolut richtigen Entscheidung“. Es sei nichts verloren, so Robertson, bezüglich Englands Bewerbung um die Austragung der Weltmeisterschaft 2018. Und jetzt wird landauf landab über die Konsequenzen für Englands Chancen zur Austragung der WM gestritten, also um die Konsequenzen der unfassbaren Entgleisungen von Lord Triesman trotz des schnellen Rücktritts. Den Scherbenhaufen, den Triesman hinterlassen hat, ist groß. Wieder für Vertrauen bei der FIFA werben, sich bei den Spaniern und Russen entschuldigen und von den Äußerungen zu distanzieren, verhindern, dass es jetzt und zukünftig eine Allianz gegen die englische Bewerbung gibt – und vor allem wieder für Stabilität und Glaubwürdigkeit in der FA sorgen, nach innen, und nach außen, gegenüber der eigenen Bevölkerung und der FIFA. Keine leichte Aufgabe – und sicherlich eine Aktion, die man sich bei der FA trotz der Unbeliebtheit von Triesman bei einigen – auch bei der FIFA Exekutive – sicherlich lieber gespart hätte.

Ob die Vorwürfe nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, interessiert derzeit keinen. Inwieweit die Anschuldigungen verfolgt werden, steht auch noch nicht fest. Und ob die FA auch einen positiven Schub aus der Affäre mitnehmen kann, lässt sich noch nicht abzeichnen. Spätestens aber am 2. Dezember, wenn die Gastgeber für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 bekanntgegeben werden.

Nun ist der englische Boulevard alles andere als zimperlich, wenn es um solche Skandale geht. Da nimmt man kein Blatt vor dem Mund, ist gnadenlos und bereut nichts. So eine Story bringt nur eines – eine höhere Auflage. Und das sollten die Engländer eigentlich gewohnt sein. Umso erstaunlicher ist die Diskussion, die sich dieser Tage auf der Insel abspielt. Immer häufiger wird sich die Frage gestellt: Darf die Daily Mail das? Hätte man nicht einmal aus Rücksicht auf Englands Chancen eine exklusive Story zurückhalten können um der Gesellschaft und dem Bewerbungskomittee diese Peinlichkeit zu ersparen? Hätte die Daily Mail auf eine Veröffentlichung verzichten sollen? Bei BBC Five Live gingen die Meldungen da heute Vormittag weit auseinander. Für mich ist die Sache klar: Rein normativ betrachtet kann man der Daily Mail überhaupt keinen Vorwurf machen. Zur Aufgabe der Medien gehört die Kontrolle der Eliten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Und wenn sich diese Infos, die der Daily Mail vorlagen als einwandfrei glaubwürdig und wahrhaftig erwiesen haben, spricht nichts gegen eine Veröffentlichung. Was eben viel fragwürdiger ist als das eigentliche Veröffentlichen der Informationen ist die Unternehmung an diese Infos heranzukommen. Muss man Gespräche mitschneiden und belauschen, muss man Journalisten teilweise gezielt auf einzelne Personen ansetzen um irgendwann schon den ein oder anderen Skandal zu finden. Zumal bei der Vergangenheit von Triesman: Labour Politiker, man munkelt er sei nur auf den großen Stuhl Football Association gekommen, weil er in der Politik genug Verbündete gehabt hat. Da freut sich die Daily Mail, eher konservativ ausgerichtet, natürlich besonders, wenn sie einen Funktionär aus dem gegnerischen politischen Lager absägen kann. Und die andere Frage: Muss die Daily Mal wirklich jede Information erkaufen und bekommen? Es ist noch unklar, wie teuer die brisanten News von der ehemaligen Geliebten von Triesman waren, aber sie dürften gekostet haben.

Bleibt am Ende nur die Konsequenz zu sagen, dass die Daily Mail nicht falsch gehandelt hat – oder anders formuliert – nicht unüblich. Klar ist das mögliche Erkaufen und das Ansetzen von Journalisten auf bestimmte Personen kein Gütesiegel. Nur gerade in England sollte man das gewohnt sein. Heißt auch: Man muss vorsichtig sein, was man in der Öffentlichkeit äußert und zu wem man es tut. Dass die Daily Mail die Infos dann auch veröffentlicht hat, überrascht nicht und ist auch nicht verwerflich. Wenn man etwas kritisieren möchte, dann lediglich die zum Teil eher fragwürdigen Methoden zur Erlangung der Infos. Kann man an diesem Fall eigentlich von Schuld sprechen? Triesman wusste ja sicherlich nicht, dass seine Gespräche irgendwann mal in der Zeitung stehen. Und die Daily Mail hat ihre Pflichten als journalistisches Kontrollorgan erfüllt. Es wurden Fehler gemacht – und die Fehlerkette begann bei Triesman.

Nachfolger von Triesman im Bewerbungskomittee soll nach Recherchen des Guardian Geoff Thompson werden, ehemaliger Chairman der FA und mit scheinbar sehr guten Kontakten zur FIFA. Das ist auch better nötig. Sonst könnte es im Dezember doch heißen: Die Daily Mail hat dafür gesorgt, dass England die Weltmeisterschaft 2018 nicht austragen wird.

Autor: medispolis
Datum: Montag, 17. Mai 2010 15:07
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Ein Kommentar

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    Und die Titanic hat im Juli 2000, wie aufmerksame Zeitgenossen wissen, die WM nach Deutschland geholt.

    Interessant wird die Betrachtung doch erst, wenn wir das mal theoretisch auf dem deutschen Markt durchspielen: Bild, im Boot mit FIFA-Exekutivler Franz (seine anderen Funktionen mal außen vor) seit vielen Jahren, gefährdet die/eine WM-Bewerbung? Undenkbar.

    In England geht das. Aber die Diskussion, die Mail habe unpatriotisch gehandelt, die auch unter/von Journalisten geführt wird, ist schon bezeichnend. Im Übrigen, ich wiederhole das, mag die Mail ein Drecksblatt sein, in Sachen FIFA und internationale Sportpolitik war sie aber einige Jahre weltweit ganz mit vorn, in Person von Andrew Jennings, dem man damals lange Zeit sogar Recherchereisen und eben RECHERCHE bezahlt hat. Ebenfalls: Undenkbar in Deutschland.

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