Beiträge vom 24. Mai 2010

Und was nun, Herr Wenger?

Montag, 24. Mai 2010 23:42

Die vergangene Premier League Saison des FC Arsenal London lässt sich grob zusammengefasst aus zwei Blickwinkeln betrachten. Die einen sagen, dass die Gunners mit dem dritten Platz eine sehr gute Saison gespielt haben und nur wegen der zahlreichen Verletzungen, unter anderem von Fabregas, Arshavin, Ramsey und Walcott, letzlich nicht länger im Meisterschaftskampf vertreten war. Und das die Mannschaft überhaupt im April noch um den Titel mitgespielt habe, zeige doch, wie viel Potenzial dieses Team habe, wenn alle Spieler mal eine komplette Saison gesund und verletzungsfrei bleiben. Die anderen sagen, dass Arsenal wieder mal an der Unerfahrenheit gescheitert sei, dass die Spieler insgesamt nicht gut genug seien und der Kader auch im Vergleich zu den Teams vom FC Chelsea und Manchester United nicht breit genug aufgestellt sei. Die Gunners scheitern stets in den wichtigen Spielen in der Meisterschaft, besonders gegen die direkten Konkurrenten um den Titel. Sollte Trainer Wenger in der Sommerpause nicht endlich in den Kader investieren, dann bleibe der FC Arsenal auch in der nächsten Saison ohne Titel – dann seit sechs Jahren, zuletzt gewann man 2005 den FA-Cup. Und wahrscheinlich steckt in beiden Sichtweisen die exakte Beschreibung der vergangenen Spielzeit des FC Arsenal. Wieder einmal zeigte man in den entscheidenen Spielen gegen die Big Four viele Schwächen, war nicht auf den Punkt genau fokussiert. Gleichzeitig muss man den Gunners aber zugute halten, dass sie besonders viele enge Spiele in den letzten Minuten erst gewonnen habe, das Team, was Mentalität, Moral und Geschlossenheit angeht, sehr positiv weiterentwickelt hat. Aber aus Sicht vieler Fans noch nicht weit genug. Umso erstaunlicher war das Ankündigen von Arsene Wenger Anfang diesen Monats, dass er plane, den Kader sukzessive zu verstärken um einen neuen Angriff auf die Meisterschaft zu starten. Einen Prozess, den Wenger die vergangenen Jahre nie begonnen hatte. Aber scheinbar hat auch der Franzose spätestens jetzt erkannt, dass Unerfahrenheit gepaart mit Verletzungen und Formschwäche einiger Spieler zu viele unbekannte Variablen über eine Saison hinweg sind. Also Risiko minimieren: Neue Spieler kaufen, Fans glücklich machen, positive Stimmung vor der neuen Spielzeit erzeugen. Wenn es denn so einfach wäre. Denn Transfers sind nur die eine Baustelle, die Wenger dieser Tage zu bearbeiten habe. Der Kader muss umgebaut werden, zahlreiche Verträge sind neu zu verhandeln. Nachfolgend ein Überblick über die dringendsten Probleme, die Wenger bevorstehen, und ein paar Antworten auf die Fragen, die sich viele Gunners-Fans für die Sommerpause stellen.

DER KADER DER MANNSCHAFT

Torhüter

Viele Arsenal-Fans wünschen sich nichts sehnlicher als einen neuen Torwart. Ich glaube aber, dass das nicht das dringendste Problem für Wenger ist. Vielleicht sehe ich das aber auch zu Manuel Almunia-freundlich, bin ich doch durchaus ein Freund und Unterstützer des Spaniers. Natürlich hatte er auch diese Saison seine Schwächen und fürchterliche Fehler, gleichzeitig hatte er aber auch häufig gezeigt, dass er ein richtig guter Torwart ist, erinnert sei zum Beispiel an das Viertelfinalhinspiel in der Champions League gegen den FC Barcelona. Trotzdem deuten die Zeichen auf Abschied, Almunia war gegen Ende der Saison nicht mehr erste Wahl, Fabianski stand zwischen den Pfosten – und zeigte, dass er überhaupt keine Alternative ist, aber eine große Anhängerschaft im Trainerstab hat. Alternativen für die Torwartposition sind immer noch Vito Mannone und eines der wohl größten Torwarttalente in Europa derzeit, der Pole Wojciech Szczesny, dem sicherlich die Zukunft gehört, aber wohl noch mehr Spielpraxis außerhalb des Vereins als Leihspieler braucht. Was also tun aus Sicht von Wenger? An Almunia festhalten oder eine Neuverpflichtung? Joe Hart soll auf dem Zettel von Wenger sein, hin und wieder wird auch mal Shay Given genannt. Manuel Neuer war mal kurz im Fokus der Gunners, die Sunday Times berichtete am Wochenende, dass Fulhams Mark Schwarzer vor dem Wechsel in den Nordosten der Stadt stehe.

Abwehr

Hier sind die Situation und Aufgaben für Wenger schon sehr viel klarer und präziser. Thomas Vermaelen hat sich in der Innenverteidiung als Glücksgriff par excellance erwiesen, braucht aber einen Partner, den Wenger im Sommer finden muss. Hört man das Rauschen im Blätterwald, dürfte Sol Campbell noch einmal einen Vertrag für ein Jahr erhalten, trotzdem kann der beim besten Willen in seinem Alter dann nicht erste Wahl sein. Gallas wird den Verein wohl verlassen, ebenso Silvestre und Senderos. Keine Schwierigkeiten auf den Positionen der Außenverteidiger. Barcary Sagna und Gael Clichy beziehungsweise Kieran Gibbs haben noch Verträge und spielen eine sehr wichtige Rolle in den Überlegungen von Wenger. Wer könnte der Partner für Vermaelen sein? Laut Sunday Times ist Wenger auch an Per Mertesacker von Werder Bremen dran. Klingt irgendwie überhaupt nicht vorstellbar, aber reizvoll für beide Seiten sicherlich.

Mittelfeld

Unglaublich großes Potential im Mittelfeld der Gunners. Vieles wird eben davon abhängen, ob Fabregas in London bleibt oder nicht. Wenn nicht, muss definitiv Ersatz her. Ansonsten dürften Eboue, Alex Song, Denilson, Diaby und Nasri im Verein bleiben. Große Hoffnungen aller Arsenal-Fans ruhen auf einer schnellen und vollständigen Genesung von Aaron Ramsey. Dann hätte man eine sehr gute Basis und Balance von Defensive und Offensive im Mittelfeld. Unklar ist noch der Verbleib von Thomas Rosicky und Jack Wilshere. Wilshere war in der zweiten Saisonhälfte an die Bolton Wanderers ausgeliehen und steht jetzt ganz hoch im Kurs bei Premier League Aufsteiger Newcastle United. Fran Merida wird den Verein defintiv in Richtung Atletico Madrid verlassen.

Angriff

Was würde der FC Arsenal ohne Robin van Persie machen? Der Niederländer ist gesetzt im Angriff bei den Gunners und kommt hoffentlich nächste Saison ohne Verletzungen aus. Und wenn er dann im August wieder die sehr gute Frühform von letztem Jahr hat, dann könnte man vielleicht ja mal die 25-30 Tore in Angriff nehmen. Flankiert werden könnte van Persie vom Neuzugang Marouane Chamakh aus Bordeaux. Mehr dazu weiter unten. Theo Walcott und Arshavin dürften ebenfalls beim Verein bleiben, wenngleich sich um den Russen immer wieder Gerüchte halten, dass Barcelona ihn gerne haben würde. Vor ein paar Wochen gab Arshavin in einem Lifestyle-Magazin zu Protokoll, dass er nächste Saison bei Barca spielen würde. Aber wer wird das eigentlich nicht? Die Gerüchteküche ist erstmal wieder geschlossen. Es wäre schön, wenn Arshavin bleiben würde und vielleicht wieder stärker an die Form der Hinserie anknüpfen könnte, seit Januar hat er mich nicht mehr so richtig überzeugt. Niklas Bendtner wird sicherlich auch dem Verein die Treue halten, wird aber spannend und interessant, wie der Däne mit dem gestigenen Konkurrenzdruck im Sturm umgeht. Da fällt er quasi in die Ära Van Persie/Adebayor zurück, die er eine ganz Zeit vor sich hatte. Sollte Bendtner bleiben, dürfte für Eduardo und Carlos Vela – trotz des sehr schönen Tores gegen Fulham beim Saisonabschluss – kein Platz mehr sein, zumal wenn Wenger sich noch einen weiteren Stürmer angeln sollte.

Einmal Arsenal mit oder ohne Fabregas

Es war schon ein Schock, als Cesc Fabregas verkündete, dass er Wenger bitten möchte, ihm einen Wechsel zum FC Barcelona zu ermöglichen. Und es kam überraschend, brauchte der Verein doch mehrere Tage um sich endlich öffentlichkeitswirksam durchzuringen, dass man alles versuchen werde, Fabregas in London zu behalten. Und von Wenger hörte man nicht einen Ton, er schickte die Geschäftsführung vorne weg. Wie wahrscheinlich ist nun ein Wechsel von Fabregas nach Spanien? Ganz ehrlich, ich kann es nicht beantworten. Immer wieder neue Zahlen fliegen durch die Zeitungen, das spanische Blatt El Mundo nannte jetzt ein konkretes Angebot von 45 Millionen Euro für Fabregas von Barca als letztes kleine Puzzlestück. Wenn man überlegt, dass Barca sich Ibrahimovic rund 46 Millionen Euro kosten ließ, dürfte die Bereitschaft zu Einigung beim FC Arsenal noch vergleichsweise gering ausfallen. Sollte Fabregas den Verein wirklich verlassen, würde er eine nicht zu ersetzende Lücke bei den Gunners hinterlassen, nicht unbedingt von der spielerischen Seite. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch ohne Cesc Spiele gewinnen kann und Nasri immer mehr den Part des Spaniers erfüllen kann, wenn er von Wenger nicht wieder auf den Flügel geschickt wird. Vielmehr steht der integrative Charakter, den Fabregas der Mannschaft gab, in Gefahr. Er konnte sein Team mitreißen, entweder mit dem unglaublichen Comeback im Dezember gegen Aston Villa oder auch nach der schweren Verletzung von Ramsey im Spiel bei Stoke City. Wer soll diese Rolle von Fabregas dann ausfüllen? Das weiß wohl auch Wenger nicht, fest steht aber nur, dass bei einem möglichen Wechsel des Spaniers Wenger dringend adäquaten Ersatz braucht. Geld ist dann vorhanden, Namen werden derzeit noch keine gehandelt, was gut ist, denn viele Gunners-Fans haben immer noch die Hoffnung, dass Fabregas eine weitere Saison an der Themse bleibt. Ausgang völlig offen. Und ein Ziel hat Barcelona schon mal nicht erreicht: Eigentlich wollte man am vergangenen Wochenende den Deal perfekt machen.

Der Chamakh-Deal: Auswirkungen auf die Formation der Gunners

Ich freue mich auf Marouane Chamakh und denke, dass er Arsenal im Sturm durchaus die Qualität geben kann, die den Gunners immer so ein wenig fehlt, nämlich das Toreschießen und die Chancenverwertung. Sollte der Marokaner in der Startelf bei Wenger stehen, dürfte sich die Formation der Gunners nächste Saison leicht modifizieren. Spielte Wenger letzte Saison häufig nur mit einer Spitze – meist Bendtner – oder mit drei Spitzen, wobei Arshavin und Walcott/Eduardo immer leicht zurückhängend agierten – dürfte Arsenal in der kommenden Spielzeit vielleicht wieder zum klassischen 4-4-2 zurückkehren mit Van Persie und Chamakh als Stürmer. Im Moment fehlt mir die Vorstellung für ein 4-3-3 mit Van Persie als zentralem Part und Chamakh und Arshavin/Walcott eher auf den Flügeln. Insgesamt aber für Arsenal, auch weil der Transfer ablösefrei durchgeführt werden konnte, ein sehr guter Transfer, gibt er Wenger doch offensiv mehr Spielraum, mehr Alternativen und hoffentlich auch mehr Torgefahr und mehr Tore.

Vertragsverlängerung von Arsene Wenger

Wengers Vertrag endet am Ende der kommenden Saison, bisher hat der Franzose bei den Gunners immer vorzeitig verlängert, meist über ein Jahr bevor der aktuelle Kontrakt ausläuft. Diesmal lässt sich Wenger sehr viel Zeit. Im Umfeld des Vereins und von vielen Menschen, die nahe am Klub beteiligt sind, ist immer wieder zu lesen, dass Wenger seinen Vertrag gerne verlängern würde, er es aber aus seiner Sicht von mehreren Faktoren abhängig macht. Entscheidend dürfte sein, ob Wenger im Sommer die Wunschspieler bekommt, inwieweit Arsenal in der neuen Spielzeit wieder um die Meisterschaft in der Premier League mitspielt. Und vielleicht viel wichtiger: Ob Arsenal endlich wieder einen Titel holt. Viele Fragezeigen, aber Wenger hat es mehr oder weniger selbst in der Hand.

Und das sind nur ein paar Brennpunkte, Aufgaben und Hürden, die der FC Arsenal in der Sommerpause zu lösen haben wird. Wenger sollte sich Gedanken darüber machen, wie er Nasri noch stärker in die zentrale Rolle im Mittelfeld einbauen kann und wie Arshavin wieder einen Mehrwert für das Team darstellt und nicht lustlos und gelangweilt seine Kilometer abspult. Interessantes auf dem Platz und auch neben dem Spielfeld. Gestern schlugen Meldungen auf, die aber heute schon wieder umgehend dementiert wurden, wonach der Nigerianische Milliardär Aliko Dangote 16% der Anteile am Verein von der indischen Unternehmerin und langjährigem Aufsichtsratmitglied Nina Bracewell-Smith abkaufen würde. Bracewell-Smith sucht schon längere Zeit nach einem Käufer für ihre Anteile am Verein. Gerüchten zufolge sollte immer wieder auch US-Tycoon Stan Kroenke an den Anteilen interessiert sein. Er würde dann damit aber deutlich über 30% Anteile besitzen und müsste förmlich eine Übernahme des Vereins einleiten. Darüber wurde zwar immer wieder spekuliert, realistisch scheint es aber nicht. Auch der andere große Anteilseigner, der Milliardär Alisher Usmanov aus Usbekistan, möchte seinen Anteil nicht erhöhen. Dangote könnte mit dem Erwerb zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Bracewell-Smith wird ihre Aktienpakete los und müsste nicht mehr länger mit Kroenke zusammenarbeiten. Den beiden wird ein eher unterkühltes Verhältnis nachgesagt. Denn Kroenke hatte Bracewell-Smith einst aus dem Aufsichtsrat geworfen.

Aber das werden die kleinsten Sorgen von Wenger sein, wenngleich Journalisten ihn nahezu auf jeder Pressekonferenz nach den Hintegründen fragen. Er sagt dann immer, dass seine Aufgaben und seine Arbeit auf dem Fußballplatz liege. Und die ist in diesem Sommer ja auch umfangreich genug.

Thema: Premier League | Kommentare (2) | Autor: medispolis

Zitat des Tages: Montag, 24. Mai 2010 – Reality of Dubai

Montag, 24. Mai 2010 12:25

“My initial feeling about Dubai was that here you have a place that’s an autocracy by definition, but it’s socially wide-open,” he said. “I bought into the hype of Dubai, that you have economic and social freedoms that no one will impinge upon. The reality is if you don’t do anything to offend anyone, you’ll never know the reality.”

Interessante und sehr lesenswerte Story im San Francisco Chronicle über Arbeitsmethoden und Untersuchungen der Sicherheitsbehörden in Dubai. Wirtschaftliche und soziale Freiheit sind scheinbar schwieriger denn je zu erreichen. Auch für die Arbeit von Journalisten.

Thema: Zeitungen/Zeitschriften, Zitat des Tages | Kommentare (1) | Autor: medispolis