WM-Erlebnisse abseits des heimischen Fernsehers
Donnerstag, 24. Juni 2010 22:53
Ich konnte die letzten beiden Tage, Mittwoch und Donnerstag, nicht so umfangreich wie gewohnt die WM verfolgen. Ich habe zwar alles mitbekommen, aber irgendwie meist nur zwischen Tür und Angel, meist schon auf dem Sprung zum nächsten Termin oder der nächsten Aufgabe. Was aber auch daran liegt, dass Mittwoch und Donnerstag meine beiden Uni-Tage sind mit zahlreichen Seminaren und Vorlesungen. Theoretisch hätte ich an beiden Tagen fernbleiben können, da ich noch keinerlei Fehlzeiten habe. Allerdings musste ich am Mittwochnachmittag ein Konzept für eine mögliche Forschungsstudie vorstellen und auch heute waren neben den Präsenzvorstellungen zahlreiche andere Termine auf dem Campus zu erledigen, sodass es eigentlich nur von Nachteil gewesen wäre an beiden Tagen nicht hinzugehen. Und dann in den Vorlesungen oder während der Präsentation den Livestream laufen lasse, wollte ich auch nicht. Dann hätte ich ja auch gleich nach Hause gehen können.
Dann also der umständliche Weg, für einen Fußballfan während der WM nicht unbedingt einfach zu schlucken. Zumal wenn England spielt. Mittwochnachmittag, kurz vor vier. Halbwegs pünktlich aus dem Seminarraum raus, auf der Treppe im Live-Blog von allesaussersport schnell die Aufstellung angeschaut und dann erstmal aufs Fahrrad gesetzt. Von der Uni weg, kurz am Rhein entlang, weiter durch Flehe nach Unterbilk. Am Südring mal wieder die lange rote Ampelphase. Schnell das iPhone aus der Hemdtasche gekramt, durch die Tweets gelesen, wollte wieder losfahren, da springt die Ampel schon wieder auf rot. Eine Ampelphase verpasst. Habe ich wirklich so lange gelesen? Sonst stehe ich da immer eine halbe Ewigkeit. Weiter geht es, durch Unterbilk, an der Bilker Kirche vorbei auf die Rheinprommenade. Wieder viel los, Fußgänger latschen auf dem Radweg, aber eine lange Strecke ohne Ampeln und Autos. iPhone raus, beim Fahren schauen, wie es bei den Engländern steht. Beim Scrollen bloß nicht auf das Handy schauen, sondern geradeaus. Funktioniert nicht. Da ich keinen Massenunfall auslösen möchte, halte ich doch kurz an. Weiter 0:0, dann beruhigt die letzten Minuten weiter am Rhein entlang, über den Burgplatz, durch den Hofgarten nach Pempelfort. Im Park sonnen sich die Menschen, der Radweg ist leer, Zwischenstand schauen. Verdammt, ein Tor verpasst, Defoe macht das 1:0 für England. Ich hätte es doch fast geschafft bis nach Hause. Fahrrad gar nicht erst in den Keller bringen – kann ich ja in der Halbzeit erledigen, sondern nur draußen an die Laterne lehnen. In die Wohnung stürmen, TV an, alles stehen und liegen lassen. In der Pause wird für Ordnung gesorgt und das Fahrrad in den Keller gebracht. Die zweite Halbzeit kann ich dann ganz in Ruhe verfolgen. Hätte ich unterwegs nicht ständig angehalten und die Zwischenstände überprüft, hätte ich es vielleicht geschafft rechtzeitig zum Tor von Defoe zuhause zu sein.
Mittwochabend in großer Runde das Deutschland-Spiel geschaut, bin immer noch nicht ganz schlüssig, wie ich die Leistung insgesamt und die Chancen vor dem England-Spiel einordnen soll. Vielleicht dazu mehr am Freitag und Samstag. Eigentlich schaue ich Fußballspiele sehr gerne alleine oder in kleiner Runde zu zweit oder dritt. Aber es hat auch seinen Reiz und den Spaß mit 10-15 Menschen zu schauen. Und immer wieder köstlich zu sehen, wie die Frauen aufschreien, falls der Ball mal nur in Nähe des Tores kommt oder ein Spieler frei vor Neuer auftaucht. Und immer wieder bewundernswert, wie interessiert und teilweise auch bewandt einige Menschen sind, die sonst eher Fußball schauen oder meist nur während EM und WM. Ich muss nochmal genauer untersuchen, warum gerade EM und WM so eine Fußballeuphorie auslösen können und sich das in der Breite dann zum Beispiel nicht auf die Bundesliga überträgt. Und das allerbeste: Zu den Kommentatoren kann jeder seinen Senf dazugeben.
Donnerstagmorgen, kurz vor halb zehn. Ich sitze in der Sonne auf dem Campus, Milchkaffee geholt, draußen schon über 20 Grad. Wenn ich denke, dass ich bis 18:00 Uhr heute hier rumhängen würde, steht mir die Unlust ins Gesicht geschrieben. Es ist erstaunlich leer für einen Donnerstag in der Uni. Obwohl wir zur Stoßzeit in die Mensa gehen, ist es um kurz vor eins so leer, dass wir fünf Minuten später unser Essen haben. Da genießen wohl einige Menschen das schöne Wetter. Letzte Veranstaltung für diese Uni-Woche, Vorlesung zu Medienpsychologie, ein Thema, von dem ich wenig Ahnung habe, also sollte ich die Vorlesung besuchen, damit ich wenigstens mal einen Eindruck von der Thematik bekomme. Nebenbei aktualisiere ich alle drei Minuten meine Twitter-Timeline, zehn Reihen weiter vor uns schauen Studenten auf den ZDF-Livestream, irgendwann ist es soweit, dass auch Komliltonen in den hinteren Reihen Fußball schauen und der Professor sich die Zwischenstände durchsagen lässt. Bei jedem Tor gegen die Italiener jubelt der halbe Hörsaal. Ich wäre jetzt gerne zuhause. Thema ist interessant, also kann ich es gerade noch verkraften 90 Minuten meiner kostbaren Zeit der Medienpsychologie geschenkt zu haben.
Kurz vor sechs, diesmal kein Stress mit dem Rad auf dem Nachhauseweg. Auf dem Burgplatz sogar noch Bekannte getroffen und spontan für ein Bier angehalten. Im Hintergrund läuft die Zusammenfassung von Italien gegen die Slowakei. Ich habe keine Lust mich umzudrehen, sondern schaue lieber in die Sonne und auf den Rhein. Wochenende.
Thema: Alltägliches, WM 2010 | Kommentare (0) | Autor: medispolis

