Sonntag, 25. Juli 2010 12:04
Die Nachricht über das Aus der Hannover Scorpions vom vergangenen Donnerstag hat mich extremst getroffen, vielleicht weil sie auch einfach so unvorbereitet kam. Drei Tage später realisiert ein Fan die Situation so langsam. Von daher habe ich mir mal ein paar Gedanken gemacht zur aktuellen Situation der Hannover Scorpions, formuliert in einigen Thesen, welche ich nach und nach ausführen möchte. Derweil gibt es – ich bin seit gestern früher Nachmittag in Hannover – noch keine Neuigkeiten aus dem Umfeld der Scorpions. Ob es Lösungen, Verhandlungen oder sonstige Anstrengungen gibt, weiß derzeit wohl nur ein kleiner Zirkel an Beteiligten. Für die Öffentlichkeit sollten sich dann mehr konkrete Nachrichten in den nächsten Tagen ergeben.
1. Es geht gar nicht um die Hannover Scorpions, das Team ist nur Drohpotential.
Wie sehr ist der Konflikt um die Betreibung der Tui-Arena eigentlich auch eine Krise der Hannover Scorpions? Direkt ist sie erstmal keine, denn die Mannschaft von Trainer Toni Krinner hat die Lizenz für die kommende Spielzeit erhalten und damit alle finanziellen und strukturellen Anforderungen der DEL-Geschäftsführung erfüllt. Indirekt ist sie dann aber eben doch eine Krise, weil der Eigentümer der Scorpions, Günter Papenburg, gleichzeitig Betreiber der Tui-Arena ist, also aus seiner Sicht eine exzellente Drohkulisse aufbauen kann. Jetzt sagen die eine, es wäre ein strukturelles Defizit, dass Papenburg beide Funktionen gegeneinander ausspielen kann. Das mag schon sein, nur vergessen die meisten Beobachter in diesem Fall, dass es die Hannover Scorpions und die Tui-Arena ohne Günter Papenburg vielleicht gar nicht mehr geben würde. Und eines ist ja auch klar: Die Arbeit, welche die Hanover Scorpions in den letzten Jahren unter Hans Zach, mit Geschäftsführer Marco Stichnoth und eben Eigentümer Papenburg geleistet haben, verdient größten Respekt und Anerkennung. Von daher wäre es vorschnell zu behaupten, es wäre jetzt eine Krise der Hannover Scorpions. Dem Verein ging es in den letzten Jahren schon viel schlechter als dieser Tage. Natürlich hatte die unerwartete Meisterschaft auch finanzielle Belastungen dank Prämien und des neuen Vertrages für Torhüter Travis Scott. Aber Günter Papenburg war eben auch bereit weiter in die Hannover Scorpions zu investieren. Trotz zurückgehender Zuschauerzahlen, die aber immer noch über dem Niveau der Krisensaison 2007/2008 liegen. Dass gespart werden musste, dürfte jedem klar gewesen sein, deshalb gab es mit Paul Manning von den Hamburg Freezers nur einen Neuzugang. Aber es bestand ja auch kein Grund für Neuverpflichtungen, weil das Team der Meistersaison komplett in die neue Spielzeit ging. Also keine Krise der Hannover Scorpions, aber – auch im Hinblick auf die Meisterschaft – eine schöne Drohkulisse für Herrn Papenburg. Und welcher Unternehmer würde diese Chance verstreichen lassen…
2. Die Tui-Arena als Sinnbild für Hannovers Umgang mit dem Expo-Gelände
Die Stadt Hannover feiert diesen Sommer gerade das 10-jährige Jubiläum der Weltausstellung Expo 2000, von der die Stadt damals in Zuge eines neuen Nahverkehrssystems extrem profitiert hat. Gleichzeitig erweiterte man das große Messegelände und baute auf dem Weltausstellungsgelände die Tui-Arena, den gläsernen deutschen Pavillon und schuf Platz für die anderen Nationenbauten. Zehn Jahre später hat man immer noch kein durchdachtes Konzept entworfen, wie man eigentlich mit diesem großen Gelände umgeht, es gestaltet und in das Stadtbild integriert. Zehn Jahre danach. IKEA baute eine Niederlassung, BMW bekam Grundstücksfläche für ein Autohaus, die Fachhochschule hat sich in einigen Bauten niedergelassen. Aber ansonsten liegt das Gelände brach. Da hat die Stadt eine riesengroße Chance vertan lassen. Ich kenne das Weltausstellungsgelände in Lissabon sehr gut , wo man es zum Beispiel exzellent geschafft hat, die weiträumigen Anlagen auch nach der Expo sinnvoll zu nutzen, durch Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen, Parkanlagen und Wohnräume. Heute ist in der portugiesischen Stadt der Park der Nationen entstanden. In Hannover hat man sich nie wirklich Gedanken gemacht, wie man das Gelände nutzen kann und der Stadt dadurch einen Mehrwert zu schaffen. Das Gelände ist jetzt einfach da. Und auf diesem Areal steht auch die Tui-Arena, die vor zehn Jahren alle in Hannover wollten, Stadt, die Messe AG. Und jetzt will keiner mehr etwas von ihr wissen. Zehn Jahre danach.
3. Wenn es gut läuft, jubelt Hannover. Wenn es schlecht läuft, interessiert es einfach keinen.
Lena, der Bundespräsident, der Klassenerhalt von Hannover 96. Wenn es Hannover gut geht für ein paar Tage, haben sich alle ganz schnell lieb und die Politik sonnt sich im Scheinwerferlicht. Treten Probleme auf, zieht man immer ganz schnell den Schwanz ein und geht allen Schwierigkeiten aus dem Weg. Und das über viele Jahre hinweg. Das fängt bei so grundlegenden Entscheidungen wie die architektonische Umgestaltung der Innenstadt an und hört auf bei ellenlangen Diskussionen um ein Feuerwerk beim Maschseefest, dem größten Fest der Stadt, das fortan ohne Feuerwerk auskommen muss, weil die Bewohner am Maschsee es zu laut finden. In dieser Stadt gönnt man sich nicht den gemeinsamen Erfolg, es sei denn Lena oder 96 machen von sich reden. In Hannover dauert eben alles viel zu lange. Das lähmt die Stadt, macht sie unsicher in ihren politischen Entscheidungen. Bloß nichts verändern, bloß nichts anpacken. Es könnte ja schief gehen. Und wo sich andere Städte im letzten Jahrzehnt verändert haben, ist Hannover stehen geblieben. Das mag seine Langweiligkeit erklären, die viele Außenstehende der Stadt zu schreiben. Für die Einwohner hat das Charme. Die Stadt könnte noch so viel mehr aus sich herausholen, wenn alle mal mit anpacken und nicht ständig im Weg stehen. Die Politik genauso wie die vielen Bewohner, die sich über Hannover scheinbar immer nur freuen, wenn es was zu feiern gibt.
4. Hannover Scorpions vs. Hannover Indians
Dazu gehört auch das Verhältnis von Fans der beiden Eishockeymannschaften, der Scorpions und Hannover Indians. Rivalität finde ich gut, macht das doch auch sehr reizvoll, zumal ich zu beiden Vereinen sehr gerne hingehe, weil das Stadion am Pferdeturm schon einen besonderen Charme hat. Ich finde es klasse, dass Hanover zwei Eishockeyprofimannschaften hat. Von daher geht es mir auch immer noch nicht in den Kopf, wie es nahezu alle Indians-Fans schaffen mit Häme, Galgenhumor und Fundamentalkritik gegen die Hannover Scorpions zu stänkern. Wie kann man so eindimensional denken? Ist es vielleicht einfach nur Freude am Leiden anderer Fans, weil es selbst einem nicht mehr so gut geht, weil die Fanzahlen zurückgehen, weil die Harmonie zwischen den unterschiedlichen Fangruppen auch schon mal größer war? Ich weiß aus gut unterrichteter Quelle, dass auch die Indians finanziell nicht auf Rosen gebettet sind und bei einigen Sponsoren um vorzeitige Überweisung von Geld gebeten haben. Das ist mir aber auch erstmal egal, ich hätte mir gewünscht, wenn von den Indians ein großes Zeichen der Unterstützung gekommen wäre, für den Eishockeysport in der Stadt. Aber so kocht jeder wieder sein eigenes Süppchen. Made in Hannover.
5. Ticketpreise in der Tui-Arena zu senken, ist keine Lösung
Eine Forderung, die ich in den letzten Tagen immer wieder gehört und gelesen habe, ist die Forderung nach Senken der Ticketpreise für Spiele der Hannover Scorpions. Das mag zwar populär klingen, aber irgendwie muss sich ein Verein ja auch refinanzieren. 10-15 Euro für eine ermäßigte Karte sind völlig angebracht, vielleicht gebe es aber ein wenig Spielraum bei den regulären Preisen, gerade in der regulären Saison. Ein dauerhaftes Senken der Ticketpreise wäre aber keine Lösung, zumal es von Firmen schon zahlreiche Freikarten gibt. Und ob dann die Arena dann sukzessive mehr Zuschauer anlockt, ist auch fraglich. Dazu kommt diese unfassbare Story, dass sich die hannoverschen Verkehrsbetriebe und die Hannover Scorpions nicht auf die Kombiticket-Regelung einigen konnten, also Eintrittskarte gleich Fahrkarte. Die Arena erreicht sich aber fast nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn man bequem anreisen möchte. Das passt eben ins Gesamtbild für diese Stadt.
6. Die DEL-Rahmenbedingungen verschärfen die Situation bei den Klubs, auch bei den Hannover Scorpions
“Das ist eine unschöne Situation”, meint DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. “Wir basteln derzeit am Spielplan für die nächste Saison. Dabei gehen wir wie bisher von 15 Teams aus. Die müssen erst einmal in Hannover ihre Angelegenheiten klären”, hört man aus dem Ligabüro in Köln. Es ist wie ein Zu-Kenntnis-Nehmen der Situation, beunruhigt scheint es die DEL nicht zu haben. Natürlich sind die Probleme bei den Frankfurt Lions, den Hannover Scorpions, den Kassel Huskies, den Krefeld Pinguinen und auch die Krise bei den Kölner Haien im Frühjahr immer vereinsspezifisch, auch in der Interaktion mit den jeweiligen Städten. Doch die DEL scheint immer noch nicht erkannt zu haben, dass sie zwar nicht Auslöser der Probleme sind, aber zu einem großen Teil auch Ursache. Das fängt bei der unermesslich großen Anzahl unbedeutender Spiele an und geht über mangelnde Free-TV-Präsenz und dem Wille zur Veränderung an. Alle weiteren Probleme sind bekannt.
7. Was weiß der neue Trainer Toni Krinner?
Ich habe das Gefühl und den Eindruck, dass Toni Krinner als neuer Trainer und Nachfolger von Hans Zach vielleicht noch eine kleine Schlüsselrolle bekommt. Jedenfalls werte ich so seine Aussage, dass er sich erst in den nächsten Tagen äußern und die Vorgänge kommentieren möchte. Es dürfte vielleicht noch interessant werden, mit welchen Aussagen, Forderungen und Hintergründe Krinner nach Hannover geholt wurde.
8. Wie geht es weiter mit den Hannover Scorpions?
Es dringt wenig nach außen. Donnerstag wurde die Öffentlichkeit über die Schwierigkeiten informiert. Freitagmittag soll sich Geschäftsführer Marco Stichnoth mit einigen Spielern getroffen haben um das weitere Vorgehen zu beraten und zu erklären. Über das Wochenende soll verhandelt werden. Bisher dringen keine Informationen in die Öffentlichkeit. Zu Beginn der Woche soll es erste konkrete Infos geben. Es bleibt spannend und interessant. Vorerst. Denn es könnte auch ganz schnell vorbei sein.