Quo vadis, Deutsche Eishockey Liga?
Erinnert sich noch jemand an den Samstagabend, 22. Mai 2010? Nein, Champions League Finale zwischen Bayern München und Inter Mailand meine ich nicht. Vielmehr das Halbfinale in der Eishockey-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland-Russland. Sonnenschein und Wärme im ganzen Land, die Kneipen und Restaurants sind bereits am Nachmittag gefüllt. Man hat das Gefühl, dass der Zuspruch und die Begeisterung für deutsches Eishockey mit dieser Weltmeisterschaft rapide gestiegen ist. Die Medien sprechen schon von einem kleinen Sommermärchen. Zwei Tage zuvor besiegte die deutsche Eishockeynationalmannschaft im Viertelfinale die Schweiz durch ein Tor von Philip Gogulla mit 1:0, am besagten Samstagabend absolvieren sie das nächste ganz große Spiel und verlieren ein wenig unglücklich mit 1:2 gegen die Russen. Am Ende wird es ein 4. Platz, so gut wie seit 30 Jahren nicht mehr. Und alle deutschen Eishockey-Fans hatten sich durch die WM erhofft, das Eishockey mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und Gesellschaft rücken würde und viele noch eher uninteressierte Menschen einen Zugang finden zu dieser so tollen Sportart.
Fünf Wochen später dürften sich alle Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen der deutschen Eishockey-Fans in Luft aufgelöst haben. Das ging schneller, als ich befürchtet hatte. Und es lässt mich fassungs- und ratlos zurück. Gestern am späten Abend tauchten erste Meldungen auf, wonach die Frankfurt Lions keine Lizenz für die kommende Spielzeit in der DEL erhalten werden. Kurze Zeit später bestätigte der Verein auf seiner Internetseite entsprechende Meldungen. Und das würde das Ende für die Lions bedeuten. An einen Neuanfang in einer unteren Liga wird derzeit nicht gedacht. Und es ist nicht irgendein Verein, der demnächst wohl zu Grabe getragen wird. Publikumsmagnet für die Region Rhein-Main, spielstarke Mannschaft mit vielen sehr guten Spielern, Playoff-Viertelfinalist der vergangenen Saison, Platz zwei nach der Vorrunde. In der Saison 2003/2004 deutscher Meister, in der darauffolgenden Saison schließen sie die reguläre Saison als Tabellenerster ab, scheiden dann aber unglücklich im Halbfinale aus. Da geht der DEL also ein Aushängeschild verloren. Die Probleme in Frankfurt waren bekannt. Bereits vor einigen Wochen gab es erste Gerüchte über einen möglichen Lizenzentzug, seit April wird händeringend versucht die Finanzierungslücke zu schließen, doch die Lions fanden keinen Investor, Zuschüsse von der Stadt Frankfurt gab es keine. Bis man sich vor knapp einer Woche mit der Stadt Frankfurt doch noch auf nicht näher definierte und ausgeführte Rahmenrichtlinien für eine finanzielle Unterstützung einigen konnte. Bei der DEL-Geschäftsführung hat das wohl keinen Eindruck hinterlassen. Die DEL ist nicht davon überzeugt, dass die Lions wirtschaftlich leistungsfähig sind und in der DEL eine Saison überleben können. Von daher dürften sie eben nicht mitspielen. Damit hatte man dann doch nicht gerechnet, schien die Vorzeichen doch positiver als noch im April und Mai.
Und damit ja auch alle schlechten Nachrichten auf einmal kommen, haben die Kassel Huskies gleich nachgelegt und ebenfalls mitteilen lassen, dass ihnen die Lizenz verweigert wurde. Damit will sich der Klub aber nicht abfinden und behält sich vor das DEL-Schiedsgericht anzurufen. Die Huskies berufen sich dabei auf ein Urteil des Landgerichts Köln, das eine einstweilige Verfügung gegen einen Aussschluss der Kassel Huskies aus der DEL erlassen hat. Die DEL-Geschäftsführung lässt sich davon nicht beeindrucken. Und in Kassel erkennt man wohl auch bald ein, dass sie nicht am längeren Hebel sitzen. Es dürfte also sehr wahrscheinlich sein, dass die DEL kommende Saison ohne die Frankfurt Lions und Kassel Huskies spielen wird. Wie man das den Eishockey-Fans in Deutschland vermitteln will, interessiert mich sehr. Erste Gelegenheit dazu gibt es schon morgen, wenn die DEL auf der Gesellschafter-Versammlung in Köln Details zum Lizenzverfahren und deren Ergebnisse vorstellt. Dann werden auch die Hannover Scorpions, die Eisbären Berlin und die Kölner Haie erfahren, ob sie die Auflagen der DEL erfüllen können. Irgendjemand hat vergangene Woche in Hannover das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Scorpions vor der Pleite stehen und die Lizenz nicht bekommen würde. Der Verein könne wegen hohen Prämienzahlungen durch die Meisterschaft für die kommende Saison sein finanzielles Überleben nicht garantieren. Der Verein war blitzschnell mit einem Presse-Statement und hat jegliche Meldungen über Pleite und fehlende Lizenz zurückgewiesen. Und alles, was ich aus Hannover die letzten Tage gehört habe, bekommen die Scorpions die Lizenz. Wann dann die nächsten finanziellen Schwierigkeiten bei den Scorpions und der DEL auftreten, steht ja auf einem ganz anderen Blatt.
Die Probleme der DEL sind ja längst deutschlandweit bekannt. Nur habe ich mittlerweile jegliche Hoffnung auf Reformfähigkeit und Mut zur Veränderung bei der DEL-Geschäftsführung verloren. Ich sehe einfach nicht, wie die DEL in den nächsten Jahren aus ihrer Krise herauskommen soll, wenn seitens der DEL-Chefs nicht endlich ein Reformplan erarbeitet wird. Sonst werden irgendwann nach und nach die kleinen Vereine an den Rand der Exsistenz getrieben. Und dass ein Verein wie die Frankfurt Lions Insolvenz anmelden müssen, sollte mehr als ein Warnzeichen für die DEL sein. Natürlich argumentiert die DEL durchaus richtig, dass die Vereine schlecht wirtschaften und ihre Ausgaben zum Teil völlig aus dem Ruder haben laufen lassen. Nur sollte doch spätestens jetzt auch der DEL aufgefallen sein, dass diese Krise nicht mehr vereinsspezifisch abläuft, sondern die ganze Liga betrifft. Das ist ein Treffen von 16 Sorgenkindern. Noch. Wenn es so weitergeht, werden es immer weniger. Zwei haben sich ja schon verabschiedet. Und wer jetzt frohlockt, dass die Liga dadurch endlich kleiner wird, öffnet auch zwei Flaschen Sekt und steht bereits an einem Dienstagabend im Oktober drei Stunden vor Einlass vor der Arena, wenn Iserlohn und Krefeld gegeneinander spielen. Nichts gegen die beiden sympathischen Vereine, aber das ganze Konzept DEL muss völlig auf den Prüfstein. Dass Teams mit Spielen in großen Mehrzweckarenen im Oktober, wo Eishockey ein paar tausend Fans interessiert, nicht gewinnbringend arbeiten können, müsste doch mittlerweile auch Gernot Tripcke, Chef dieser Zirkusveranstaltung, aufgefallen sein. Scheinbar nicht.
Ist die DEL noch zu retten? Ja, wenn man endlich die nötigen Reformen einleitet. Nicht den großen Kahlschlag zu Beginn, sondern erst müssen die Teams gesund werden, Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass überhaupt nicht jede Saison die halbe Liga ums finanzielle Überleben kämpft. Und mit 10 Teams finde ich die DEL dann schon wieder unattraktiv. Ein paar Stellschrauben sind durchaus einfach zu verändern. Weniger Spiele in der regulären Saison, längere Playoff-Serien, Sky entgegenkommen bei der Anzahl der TV-Übertragungen, auf das Free-TV zugehen bezüglich Magazine und Zusammenfassungen. Denn noch einmal sei betont, dass Sky mitnichten das Übel an der schlechten TV-Präsenz von Eishockey in Deutschland schuld ist. Mittlerweile kann man ja schon froh sein, dass die sich überhaupt noch erbarmen die DEL zu zeigen. Die Free-TV-Rechte liegen auf dem Markt. Zwei Parteien, die DEL und ARD/ZDF/Sport 1 stehen sich gegenüber. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich die DEL bewegt und den Sendern entgegenkommt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sport 1 an Magazinen und Spielberichten interessiert ist. Alles weitere dazu hat Marc Hindelang vor einigen Wochen mal bei Starting6 ausgeführt.
Wie gesagt, das sind nur kleine Stellschrauben. Einen Vorschlag für eine große Lösung habe ich derzeit auch nicht, wie die Finanzen der Vereine wieder in die richtige Bahn kommen können. Doch es ist dringend nötig, sollte sich die DEL und Eishocky in Deutschland insgesamt etablieren. Dafür ist es noch nicht zu spät, die Weltmeisterschaft hat es ja gezeigt. Wer Vorschläge für den großen Wurf hat, bitte in den Kommentaren melden. Was übrigens die größte Stellschraube in den nächsten Monaten sein dürfte, ist das ehe schon durchgerüttelte Verhältnis der DEL-Geschäftsführung mit den Fans wieder zu verbessern. Exemplarisch die Situation bei der Meisterfeier in Hannover. Beide Fangruppen feiern ausgelassen ihre Mannschaften. Als DEL-Geschäftsführer Tripcke vorgestellt wird, gibt es von über 10.000 Fans ein gellendes Pfeifkonzert. Zu Recht. Und es sollte Tripcke zu denken geben. Und das Bedauerliche: Er hat bis heute noch nichts getan, um den Fans entgegenzukommen. Ein weiter so kann es nicht geben.
Keine einfachen Wochen für Eishockey in Deutschland. Es macht traurig, nachdenklich, auch ein bisschen wütend. Man redet sich ein, dass es noch nicht zu spät ist für eine umfassende Reform, für Veränderung und Konsolidierung. Fürs Heilen des Patienten. Nur hat der Arzt scheinbar daran kein Interesse. Vielleicht gibt es ja das erste Rezept morgen auf der Versammlung in Köln. Es wäre ganz Eishockey-Deutschland zu wünschen, nur habe ich den Glauben daran verloren. Saisonstart übrigens am 9. September in der Tui-Arena in Hannover. Wir sollten uns auch bis dahin auf weitere Hiobsbotschaften einstellen. Gute Nachrichten gab es für die DEL in letzter Zeit einfach viel zu selten.


Freitag, 2. Juli 2010 16:12
Wobei ja Ligenleiter/Präsidenten/Comissioner landauf, landab, ob DEL, DFB, NHL, ausgepfiffen werden. ;)
Großer Wurf?
Ich werfe mal single entity in den Raum. Das MLS-Modell. Alle Vereine “gehören” der Liga, alle Spieler, Trainer, Sportdirektoren stehen bei der Liga unter Vertrag, nicht bei den Clubs. Verbunden mit einem harten Salary Cap und Revenue Sharing exklusive Tickets und Logen.
Das wichtigste Ziel der DEL muss zuerst sein, die Finanzen in den Griff zu bekommen. Alles andere muss dem untergeordnet werden. Durch single entity zieht man dem gegenseitigen finanziellen Aufrüsten den Zahn, weil tatsächlich nur ausgegeben wird, was eingenommen wird.
Direkt danach kommt das Steigern der Relevanz, was aber aufgrund der bekannten Vorbehalte des Free TV nicht wirklich einfach wird.
Nur, da gibt es keine Illusionen, will man in Deutschland dauerhaft eine Profiliga haben, geht’s so nicht weiter, weil Ausgaben und Einnahmen schlicht nicht passen.