Ganz subjektiv: Die Tops und Flops der WM 2010
Ich bin immer noch nicht so richtig über das WM-Finale weggekommen. Ich knabbere immer noch an den 120 Minuten – und ich weiß auch gar nicht so richtig warum. Vielleicht liegt es an der wie ich finde völlig überzogenen Kritik an Howard Webb, vielleicht an meinen etwas zu hohen Erwartungen an das Finale. Vielleicht einfach auch nur über meinen ziemlich chaotischen und stressigen Sonntag. Rekapitulieren wir noch einmal: Wie gesagt, ich hätte jetzt nicht unbedingt gedacht, dass wie ein Offensivspektakel und Feuerwerk an schönen Toren sehen, aber ich hatte mir schon erhofft, dass wir spielerisch einige Highlights sehen, schnelles, direktes Spiel. Eben den Fußball, den beide spielen können und der beide in den letzten zwei Jahren auch ausgezeichnet hat. Stattdessen hatten die Niederlande keinen Game Plan, hächstens den die Spanier so oft zu treten und zu foulen, wie es irgendwie möglich war.Für mich als Fußball-Fan, völlig neutral in diesem Spiel, nur schwer zu ertragen. Wie gesagt, ich sehe so viele Fußballspiele im Jahr, die richtig schlecht sind. Aber ich kann damit leben, wenn beide Teams einfach mal einen schlechten Tag haben. Ich denke dann nicht länger nach, wenn Sunderland und Stoke sich 0:0 trennen. Das kann ich dann unter eher mäßigem Fußball abhaken, stört mich auch nicht. Was ich aber eben gar nicht leiden kann, sind diese ganzen überflüssiegen Fouls und ein Verhalten der Niederländer gestern, die nach dem Spiel auch noch den Schiedsrichter beschimpfen und über 120 Minuten null Fairplay gezeigt haben. Ebenso wie einige Spanier, die permanent gelbe Karten gefordert haben. Einfach eklig. Bitte nicht so schnell wieder.
Womit wir dann auch bei Schiedsrichter Howard Webb wären. Nochmal: Sicherlich keine gute Leistung, aber auch nicht völlig schlecht in einem verdammt schwierigen Spiel. Zwei Fehlentscheidungen sind erkennbar: de Jong hätte mit der roten Karte vom Platz gemusst, Van Bommel auch insgesamt vom Platz gestellt werden müssen. Ansonsten waren da keine groben Schnitzer drin. Sicherlich einige kleine Wackler. Aber die Niederlande haben garantiert nicht das Gegentor kassiert, weil ihnen vorher ein Eckball verwehrt wurde. Und die Aktion gegen Elia muss man überhaupt nicht als Foul deklarieren. Webb hatte gehofft, er kommt mit den gelben Karten durch dieses Spiel. Das war okay. Denn ich hätte mal den Aufschrei gesehen, was passiert wäre, wenn Webb drei Niederländer vom Platz geschickt hätte. Zur Erinnerung: Webb hatte nach einer richtigen Entscheidung bei der EM 2008 – dem Elfmeter gegen Polen – Morddrohungen erhalten. Das könnte vielleicht eine Rolle gespielt haben, dass er vorsichtig mit ganz extremen Entscheidungen war. Armselig war vor allem das Verhalten der Holländer, die nach dem Spiel sich sogar noch beschwert haben. Wenn Webb konsequent die harte Linie gepfiffen hätte, wären die Niederlande doch untergegangen in der zweiten Hälfte. Das war seitens der Spieler ganz mieses Fairplay gestern Abend. Und Webb jetzt noch als Sündenbock zu suchen, ist armselig. Wie gesagt: Nicht die beste Leistung, auch den groben Fehler nach dem Foul von de Jong. Ansonsten mit seinen Assistenten an der Linie alles perfekt richtig gesehen. Aber Webb konnte in diesem Spiel nur verlieren. Alternative wäre gewesen, er hätte drei rote Karten in Halbzeit 1 verteilt. Und dann wäre es auch wieder nicht richtig gewesen.
Blöder Fußballabend also gestern, ganz subjektiv betrachtet. Aber vielleicht hatte ich meine Erwartungen auch ein wenig zu hoch angesetzt. Nichts desto trotz waren es vier schöne Wochen bei der WM in Südafrika, von daher jetzt meine 10 Tops und Flops von der WM 2010, in loser Reihenfolge, ganz subjektiv. Anmerkungen gerne in den Kommentaren, ich fordere keine Übereinstimmung mit meiner Sichtweise überein. Alles weitere übernehmen die Schiedsrichter, gell?
Die Tops der WM in Südafrika
1. Deutsche Nationalmannschaft: Auch wenn es nur ein dritter Platz geworden ist – für einige ist der scheinbar ja nichts wert – war ich schon überrascht und erfreut über unser Team. Spielerisch und taktisch hat mir das über weite Strecken sehr gut gefallen.
2. Uruguay: Dem Team habe ich gerne zugeschaut. Forlan ist und bleibt ein großartiger Spieler. Und mein persönliches Highlight: Der entscheidene Elfmeter im Viertefinale gegen Ghana, von Sebastián Abreu getreten. Sehr cool und lässig.
3. Chile gegen Honduras: Nach vielen enttäuschenden Spielen zu Beginn in der Vorrunde war das richtig nett anzuschauen, was beide Teams an einem Mittwochmittag da veranstaltet haben. Großes Kompliment. Die Hoffnung kam zurück, dass noch guter Fußball gespielt werden kann.
4. Honda: Ich kannte Keisuke Honda vor dieser WM noch nicht, hatte von ihm noch nichts gehört. Wenn sich ein Spieler bleibend in mein Gedächtnis versetzt hat, der da vorher noch nicht so verankert war, dann Honda. Tolle Freistoßtore, war maßgeblich an dem guten Turnier von Japan beteiligt. Der wird uns sicherlich noch häufiger begegnen.
5. Südafrika: Wenn man so will ein guter Ausrichter des Turniers. Tolle Eröffnungs- und Abschlussfeiee, tolle Stadien, was man so liest sehr bemüht um Gastfreundschaft. Wenige Zwischenfälle. Kompliment.
6. Asamoah Gyan: Wie fühlt es sich an, Sekunden vorher das Halbfinale verschossen zu haben und dann als Erster ins Elfmeterschießen gehen zu müssen? Und dann so cool und dominant zu verwandeln. Solche Geschichten schreibt auch nur der Fußball.
7. Dramatik: Der Siegtreffer der USA in der Nachspielzeit gegen Algerien durch Landon Donovan, da hatte man Gänsehaut vor dem Fernseher.
8. Medien: Faszinierend, mit welcher Hingabe und Freude hauptsächlich englische und amerikanische Journalisten, auch einige ganz wenige deutsche Korrespondenten, via Twitter die WM ein wenig erfahrbar gemacht haben. Mit News, Eindrücken und als Rückkanal für Fragen und Kritik. Überhaupt hat mir die mediale Begleitung überwiegend sehr gut gefallen, zumindest das ich ich regelmäßig sehe, lese und höre. Und wenn ich noch kurz auf den gestrigen Schlussfilm der BBC hinweisen kann…so wird es gemacht.
9. Kuss in der Mix-Zone: Kiss me. Wobei mich die Reaktion bei Niederlage auch interessieren würde.
10. Marcel Reif: Top-Kommentar, überhaupt während der ganzen WM. Bei den deutschen Spielen und nicht zuletzt gestern Abend oder bei Brasilien-Portugal. Immer noch Deutschlands bester Kommentator, wie ich finde.
Die Flops der WM in Südafrika
1. Englische Nationalmannschaft: Da hatte ich mir viel erhofft. Ein lebloses Team mit vielen Superstars, das nicht zusammenpasst. Bitte ganz schnell Besserung für 2014 und die WM vielleicht im eigenen Land in acht Jahren.
2. Schiedsrichter: Nicht gestern Abend, aber insgesamt war das zu wechselhaft in den Entscheidungen und mit sehr schmerzhaften Fehlern. Das nicht gegebene Tor von Lampard, den Abseitstreffer von Tevez, die Kartenflut bei Deutschland-Serbien. Schiedsrichter waren schon mal beliebter.
3. Frankreich: Ich hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass Frankreich weit in diesem Turnier kommt, aber dass sich eine Mannschaft intern so auseinandernehmen kann, hat mich dann schon überrascht. Man kann da nur einen guten Neuanfang wünschen, wobei es schlimmer wohl nicht mehr kommen kann.
4. Christiano Ronaldo: Einer von vielen Superstars, der bei dieser WM weit hinter seinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Und manchmal möchte man ihm, Rooney oder Lampard hinterherrufen, dass ihr doch alle in einem Team spielt. Star sein ist eins, aber wirkliche Stars sind gute Teamspieler, die eine Mannschaft in schwierigen Zeiten nach vorne bringen.
5. Teams aus Afrika: Elfenbeinküste, Nigeria, Südafrika alle mit viel zu hohen Wünschen und Träumen in diesem Turnier. Kein Team hat micht davon überzeugt. Schade, ich hätte es ihnen sehr gegönnt. Nur Ghana hat den Stolz des afrikanischen Kontinents ein wenig hochgehalten.
6. Ungerechtigkeit: Das ist doch fies, was Luis Suarez da gemacht habe, konnte man in ganz vielen Blogs, Foren und auf News-Sites lesen. Das wäre doch ungerecht mit der Hand auf der Linie zu klären. Doch was kann Suarez dafür? Das ist wenn schon eine Ungerechtigkeit des Fußballs, dass die Verhinderung eines klaren Tores nur mit der Möglichkeit ein Tor zu schießen bestraft wird. Da waren wieder viele mit dem moralischen Zeigefinger unterwegs. Schuld, dass es kein Tor war, war letzlich nur Gyan.
7. Paul: Haben wir nichts Besseres zu tun, als den ganzen Vormittag zu warten, was so eine Krake veranstaltet? Scheinbar nicht, denn die ganze Welt hat zugeschaut, alle großen Nachrichtensender live berichtet. Und es war doch Fußball-WM. Und irgendwie werde ich das Gefühl ja nicht los, dass das SeaLife in Oberhausen dringend Geld braucht.
8. Sitzplätze: Besonders in der Vorrunde viel zu viele leere Plätze. Von ausverkauft war das häufig wenig zu sehen, schade, richtig schade. Und dann noch diese Tröten, aber egal, das fand ich gar nicht schlimm.
9. FIFA-Zeitlupen: Ernüchternd, wie oft die FIFA Einfluss auf das Einspielen von Zeitlupen genommen hat.
10. Finale: Alles oben schon geklärt, schlechter hätte der Abschluss einer netten WM nicht sein können. Da werde ich ein paar Tage wohl dran noch innerlich mit mir ringen müssen. 2014 bitte wieder mehr schönen Fußball.
Da ich gerade ein wenig am Traffic-Plugin gespielt habe und deshalb seit Monaten auch mal wieder auf die Besucherzahlen geschaut habe: Vielen Dank fürs Lesen. Das waren ja doch noch einmal deutlich mehr als sonst. Hat micht gefreut. Es war ein innerer…so das war es jetzt aber auch mit der WM hier.


Dienstag, 13. Juli 2010 0:52
Kurze Nachfrage, weil England ja deine Enttäuschung Nr. 1 ist, und weil viele ja ebenso überrascht waren.
Wieso diese hohen Erwartungen an England dieses Mal? Anders gefragt: Was sollte dieses Mal anders als in den letzten 40 Jahren wo England in keinem großen Turnier auch nur ins Finale kam? Angeblich gute Spieler hatten sie auch schon vorher, einen ausländischen Trainer gab es auch schon.
Ich wundere mich halt im Stillen, dass England trotz allem immer wieder als Mitfavorit genannt wird und dauerhaft als “ein Großer” gilt, obwohl die Nationalmannschaft seit buchstäblich Jahrzehnten nichts getan hat um das zu untermauern.
Dienstag, 13. Juli 2010 7:57
England ist für mich eine von 10 hier genannten Enttäuschungen, es gibt kein Ranking, ist lediglich – wie geschrieben – eine lose Reihenfolge.
Die hohen Erwartungen waren vor allem auf drei Säulen basierend: die sehr überzeugende Qualifikation (auch im Vergleich zur EM 2008), die überwiegend gute Form der Spieler in der vergangenen Saison (v.a Rooney, Lampard, Barry, Milner). Die haben alle überzeugende Spielzeiten gehabt. Und nicht zuletzt hatte man endlich mal das Gefühl, einen internationalen sehr erfahrenen Trainer zu haben, von dem man hoffte, er würde das Team exzellent einstellen und durch die WM führen können. Dass man damit letzlich auf der Insel falsch lag, ist offensichtlich. Und auch wenn man bei den letzten großen Wettbewerben nicht gut abgeschnitten hat, waren die Ausgangs- und Rahmenbedingungen selten so gut wie in diesem Jahr.
Dienstag, 13. Juli 2010 9:59
Erstaunlich, wie total subjektive Eindrücke sich überlagern können. Vielen Dank für die WM Berichterstattung.
Einen WM-Flop möchte ich noch hinzufügen:
Die Bildregie. Und zwar egal von wem. Es ist eine Unart während der Ball im Spiel ist, den Bildausschnitt zu verändern. Ich möchte den ballführenden Spieler an der Seitenlinie NICHT in groß sehen, sondern sehen, wie die Situation um ihn herum aussieht (kommen Abwehrspieler hinzu, kommt ein Mitspieler zur Hilfe, gibt es Passoptionen). Solche Bilder können in der Nachberichterstattung gezeigt werde. Während der Ball läuft muss der Bildausschnitt so groß wie möglich sein.
Und wenn sich dann noch der total überschätzte Regisseur Volker Weikert meldet reicht’s mir vollends.
P.S.: Gilt für alle Fußballübertragungen.
Dienstag, 13. Juli 2010 18:11
Schönes Ranking, da gibt es bei mir viele Übereinstimmungen. Vor allem bei Marcel Reif stimme ich dir zu, der hat mir (bis aufs Halbfinale) wirklich gut gefallen.
Gar nicht zustimmen kann ich dir bei deiner Bewertung von Webb. Natürlich verhalten sich die Spieler auf beiden Seiten unfair, aber als Schiedsrichter hat er die Aufgabe, die Regelverstöße zu unterbinden. Das hat er in der ersten Halbzeit nicht getan. Wer die Latte für einen Platzverweis so hoch legt, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Spiel aus dem Ruder läuft. Die gelbe Karte gegen van Bommel war ok, gerade auch um keine Hektik aufkommen zu lassen. Als er dann aber de Jong nicht Rot gezeigt hat, gab er das Spiel aus der Hand. Bei der Tätlichkeit von Iniesta hatte er dann wohl ein schlechtes Gewissen und gab ihm nicht mal Gelb(-Rot). Ich finde es ja gut, wenn Schiedsrichter ein Spiel laufen lassen wollen und den Spielern Freiheiten geben, solange es fair bleibt. Aber letztlich liegt es an den Spielern. Die Holländer wollten kein faires Spiel und da hat es Webb versäumt, ihnen die Grenzen aufzuzeigen.
Natürlich rechtfertigt das nicht das unsportliche Verhalten der Spieler. Ich glaube aber, dass es mit einem besseren Schiedsrichter nicht ganz so schmutzig geworden wäre.
Dienstag, 13. Juli 2010 21:09
Natürlich wäre die Alternative gewesen, zwei niederländische Spieler mit roten Karten vom Platz zu stellen, was regelkonform gewesen wäre. Das bestreite ich ja gar nicht und halte es auch für ein Fehler von Webb. Im Prinzip ging es mir darum einfach ein wenig Verständnis für Webb zu zeigen und nicht pauschal nur auf der schlechten Leistung herumzutreten. Denn insgesamt war das vor allem auch in Abstimmung mit seinen Linienrichtern sehr stark. Dass ihm das Spiel dann aus dem Ruder gelaufen ist, liegt auch an ihm, klar.
Mittwoch, 14. Juli 2010 8:19
Ok, ein wenig Verständnis für Webb sollte man haben, da hast du sicher recht. Vor allem wenn es jetzt schon wieder mit Morddrohungen losgeht. Grundsätzlich halte ich Webb auch für einen guten Schiedsrichter.
Trotzdem schade, dass anscheinend keiner der Beteiligten einem WM-Finale so richtig gewachsen war. Vor allem den Spaniern hätte ich ein schöneres Finale gegönnt.