Vor der Premier League Saison 2010/2011: One Last Shot
Die Vorfreude steigt langsam wieder. In 11 Tagen beginnt die neue Premier League Saison. Schafft Chelsea den Titel zu verteidigen? Kann Arsene Wenger Arsenal endlich wieder zu einem großen Titel führen? Und wie stark wird Manchester City sein? Das sind nur ein paar Fragen, welche die kommende Spielzeit wieder eindrucksvoll beantworten wird. Bevor ich an dieser Stelle in den nächsten Tagen in mehreren Vorschauserien die sportlichen Aspekte der neuen Premier League Saison aufgreifen möchte, soll es zunächst heute ein paar einleitende Bemerkungen und Gedanken zur höchsten englischen Fußballliga vor der Spielzeit 2010/2011 geben. Da ließe sich sicherlich noch viel erwähnen und diskutieren, ich habe mir einige Aspekte herausgegriffen, die lohnenswert sind hier noch einmal ausführlicher dargestellt zu werden.
Nach der WM ist vor der Premier League: Konsequenzen des frühen Ausscheidens der Three Lions vorerst nicht für die Liga
Nach dem blamablen Abschneiden der englischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika mit der deutlichen Niederlage im Achtelfinale gegen Deutschland, haben auch die Strukturen der Premier League sehr schnell ihr Fett abbekommen. Zu viele ausländische Spieler, die Nachwuchsarbeit wird nur unzureichend gefördert, die Profis sind durch die vielen Spiele und die fehlenden Winterpause am Ende der Saison müde und können bei sportlichen Großereignissen nicht mehr ihre beste Leistung abrufen, weil sie müde und erschöpft wirken. Vorerst wird es aber keine spürbar nachhaltigen Veränderungen geben, vor allem nicht in dieser Spielzeit. Erste Entscheidungen könnten frühstens zur nächsten Saison 2011/2012 fallen. Aktueller Stand der Überlegungen ist derzeit, dass man die Wiederholungsspiele im FA-Cup abschafft, damit man der Premier League zwei Wochen Pause im Januar gewähren könnte. Ob das letztendlich auch umgesetzt wird, ist eine weitere Dimension. Alle 20 Vereine müssten zur Abstimmung gebeten werden, erforderlich ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit, sechs Vereine dürften also höchstens ihr Veto einlegen. Wobei eine Winterpause mittlerweile schon Konsens zu sein scheint, strittig ist noch die Implementierung im Januar. Die Einführung einer Winterpause steht schon seit Jahren auf dem Wunschzettel vieler Trainer (siehe ein Interview von Arsene Wenger aus dem Januar 2004), sechs Jahre danach ist wenig passiert. Es wäre überraschend, wenn man sich jetzt innerhalb einer Spielzeit auf eine neue Regelung verständigen könnte. Aller Befürworter einer Winterpause bekommen Stoff durch eine umfangreiche Datenerhebung von IMScouting, welche die Spielzeiten der europäischen Top-Ligen in zwei Hälften eingeteilt und geschaut haben, wie sich die Anzahl der Treffer der Mannschaften verändert hat. Nur fünf Teams haben in der zweiten Saisonhälfte weniger Tore erzielt, drei davon kommen mit Liverpool, Arsenal und Man Utd aus der Premier League. Die Bilanz des FC Chelsea hingegen widerspricht der Bilanz. Es könnte ein weiteres Indiz sein, ein Mittel zur Unterstützung für die Einführung einer Winterpause, wobei Korrelation und Kausalität gerne noch einmal überprüft werden dürften.
Zweiter wesentlicher Kritikpunkt war die mangelnde Nachwuchsarbeit im englischen Fußball, wofür die Premier League maßgeblich verantwortlich sei. Die Nationalmannschaft sei zu alt, junge, gute Spieler würden zu wenig nachkommen. Dabei wurde gerne übersehen, dass Spieler wie Theo Walcott und Darran Bent von Capello nicht mitgenommen wurden. Vergleicht man die A-Nationalmannschaft mit der Aufstellung der englischen U21 im Finale gegen Deutschland im Juni 2009, kann man feststellen, dass nur James Milner aus der Startelf auch den Sprung in die erste Mannschaft von Capello gefunden hat, der eben bei dieser WM auch ganz klar die Trumpfkarte Erfahrung ausspielen wollte. Er hätte genauso gut auch Joe Hart ins Tor stellen können. Dennoch ist die Sehnsucht nach spielstarken, jungen englischen Nationalspielern scheinbar riesengroß. Als Arsene Wenger am Sonntag mal seine Gedanken zu einem möglichen Nationalmannschaftseinsatz von Jack Wilshere der Presse offenbarte, überschlugen sich die Journalisten mit Schlagzeilen und Meldungen, dass Wenger unbedingt einen Einsatz seines Mittelfeldspielers fordere. Dabei war das gar nicht die Intention des Franzosen, sondern vielmehr der Wunsch vieler Medien. Die Premier League versucht sich dem Problem des fehlenden englischen Fußballnachwuchses anzunehmen. Ab der kommenden Saison wird erstmals die Home-grown-player-rule greifen, so etwas wie eine Talentquote (siehe dazu meinen Blogeintrag vom September 2009). Am Ende der Transferperiode zum 31. August 2010 muss jede Mannschaft in ihrem 25-Spieler-Kader mindestens acht “home-grown” players haben. Als ein solcher Spieler gilt man, wenn man im Alter von 16 bis 21 mindestens drei Spielzeiten bei einem englischen oder einem Klub aus Wales unter Vertrag stand. Diese Regel beinhaltet auch, dass man seinen Kader mit mehr als 25 Spielern vergrößern kann, wenn diese “home-grown” sind. Das heißt aber auch, dass der Kader bei fehlenden “home-grown” Spieler entsprechend kleiner wird. Arsenal hat zum Beispiel nach derzeitigem Stand nur sechs Spieler, die diese Bedingung erfüllen, darf also deshalb insgesamt nur 23 Spieler nominieren. Liverpool hat nur fünf Spieler, darf also maximal vorerst einen Kader von 20 Spielern haben. Ausführliche Erklärung bei der BBC.
Money, Money, Money: Die Finanzen der Premier League
Vor einem Jahr stand die beginnende Premier League Saison noch unter den Eindrücken der Wirtschafts- und Finanzkrise mit hohen Verlusten für die Besitzer der Vereine und massiven Sparkursen der Klubs. Man scheint aus den Erfahrungen der letzten 12 Monate ein wenig gelernt zu haben und kontrolliert die Ausgaben sehr viel stärker. Chelsea hat sich von einem Großteil seiner Spieler, die nur auf der Bank sitzen und Geld kosten, getrennt, Arsenal dreht schon seit Jahren bei Transfers jeden Penny viermal um. Und Manchester United sitzt immer noch auf den Transfererlösen von Christiano Ronaldo. Was dabei aber nicht vergessen werden darf sind die immer noch teils enormen Schulden der Besitzer-Familien. Trotzdem ist man vorsichtiger beim Ausgeben des vielen Geldes geworden. Bei den Transfertätigkeiten in diesem Sommer ist man vorsichtig und bedacht vorgegangen. Mit einer Ausnahme, dazu unten später mehr. Doch dass die Premier League weiter im großen Geldfluss schwimmt, dürfte auch unmissverständlich sein. Ab dieser Saison tritt für drei Spielzeiten der neue TV-Vertrag mit BSkyB und ESPN UK in Kraft, der fast 1,8 Milliarden Pfund für die nächsten drei Saisons ausschüttet. Zudem steigen die Einnahmen aus dem Trikotsponsoring (via Allesaussersport-Facebookpage) bei einigen Vereinen oder bleiben gleich, sinken tun sie aber nur bei Newcastle und Sunderland. Die Zuschauerzahlen sind letzte Saison trotz Wirtschafts- und Finanzkrise nur leicht gesunken, das dürfte sich dank verbesserter wirtschaftlicher Lage und leicht rückläufigen Ticketpreisen vielleicht wieder verbessern. Zudem hat man die intensive Vorbereitungsphase wieder für einen globale Werbetour genutzt. Blackburn und Everton waren unter anderem in Australien, Man Utd, Man City und die Spurs in den Vereinigten Staaten. Das globale Interesse an der Premier League ist weiterhin enorm groß, wenn in Toronto 40.000 für ein Testspiel der Red Devils gegen Celtic Glasgow antreten – bei Ticketpreisen zwischen 75 und 165 US-Dollar. Mehr über die Erschließung des US-Marktes durch die Premier League gibt es bei EPL Talk zu lesen. Die Premier League ist also schon mit sehr viel schlechteren Rahmenbedingungen in eine neue Spielzeit marschiert. Trotzdem hat ein Sinneswandel stattgefunden: Starke Kontrolle der Ausgaben bei aber weiter stark steigenden Einnahmen. Es könnte schlechter sein.
Manchester City: Fluch oder Segen für die Premier League?
Kein Verein hat in der Sommerpause die Fans so polarisiert wie Manchester City. Der Geldhahn war dauergeöffnet und wer stand nicht alles auf dem Wunschzettel in Eastlands. Messi, Balotelli, Dzeko, Özil um nur einige zu nennen. Manchester City unternimmt in der nächsten Saison den letzten Versuch endgültig in die Phalanx der Big Four einzubrechen. Und die Story der Citizens ist schon Saisonbeginn die vielleicht interessanteste und dürfte es auch während der 38 Spieltage bleiben. Das Scheitern in der vergangenen Saison – denn etwas anderes als der fünfte Platz mit dem verlorenen direkten Duell gegen die Tottenham Hotspur – scheint Spuren hinterlassen zu haben. Und da Geld vorerst weiter keine Rolle spielt, versucht man jetzt noch einmal den Großangriff auf die Ligaspitze. Wie ein kleines gekränktes Kind, das sich beweisen will. 200 Millionen Pfund haben die Besitzer der Abu Dhabi United Group dafür zur Verfügung gestellt. Und es sind noch Scheine in der Kriegskasse. Rund 28 Millionen Pfund ließ man sich den Wechsel von Yaya Toure vom FC Barcelona kosten, David Silva vom FC Valencia kam für 24 Millionen Pfund, Jerome Boateng für schlappe 11 Millionen Pfund. Bereits im Sommer 2009 gab Manchester City 120 Millionen Pfund aus. Jetzt wurde noch einmal von den Besitzern des Vereins mehr Geld zur Verfügung gestellt. Und es dürfte offensichtlich sein, dass City sich bis zum Transferschluss am 31. August noch ein paar große Namen angeln wird. Ist das nun Segen oder Fluch für die Premier League? Die einen sagen, das hätte mit Fußball nicht mehr viel zu tun und zeige nur die Geldgier und dass Premier League Vereine Spielbälle ausländischer Milliardäre seien. Die andere Fraktion, zu der ich mich auch zählen würde, sieht das ganze mehr unter dem sportlichen Aspekt. Mit der Aufrüstung der Citzens ist ein weiterer potentieller Kandidat für die Plätze 1-4 entstanden. Sportlich macht das den Wettbewerb also durchaus reizvoller. Wenn City nicht wieder so unter seinen Möglichkeiten spielt wie in der vergangenen Spielzeit, was ebenso die Frage aufwirft, ob Roberto Mancini der richtige Trainer für diese Star-Truppe ist. Eigentlich stand er zum Ende der vergangenen Saison mehr denn je in Frage. Jetzt will man aber an ihm festhalten und er verspricht Erfolg. Sollte der sich in den ersten Monaten nicht einstellen, dürfte Mancini ganz schnell weg sein.
Das Kartenhaus FC Liverpool: Wer rettet es vor dem Zusammenfallen?
Ob der richtige Trainer beim richtigen Verein ist, kann man sich auch beim FC Liverpool fragen. Roy Hodgson, ehemals FC Fulham, soll die Reds wieder zurück in die Erfolgsspur bringen und eine Saison in der Europa League schadlos überstehen und am besten nebenbei noch um den Titel in der Premier League kämpfen. Keine leichte Aufgabe. Zumal die Arbeit von Hodgson wieder mit allzu vielen Unbekannten auskommen muss. Wie ist die Form von Steven Gerrard und Fernando Torres in der kommenden Spielzeit? Bleiben sie eine komplette Saison verletzungsfrei? Mit Jovanovic aus Lüttich, Joe Cole vom FC Chelsea und Wilson von den Glasgow Rangers hat man den Kader sinnvoll ergänzen können, was nach den Abgängen von Benayoun und vermeintlich auch Mascherano dringend nötig war. Und bis jetzt konnte man auch Gerrard und Torres halten. Sportlich bisher alles aufgegangen, was die finanziellen Probleme an der Anfield Road sicherlich nicht kleiner macht. Der Verein hat immer noch einen Kredit von 237 Millionen Pfund bei der Royal Bank of Scotland, der dringend und schnell abbezahlt werden muss. Die US-Besitzer Hicks und Gillett können das wohl nicht erreichen, schieben sie den Termin für eine Rückzahlung immer weiter voraus. Hilfe könnte jetzt aus China kommen. Der chinesische Milliardär Kenny Huang, Aktienhändler an der New Yorker Wall Street und Chairman der QSL Sports group aus Hongkong, hat mit einem der wohl finanzstärksten Investmentfonds in Asien im Rücken ein Angebot für den FC Liverpool vorgelegt. Er würde, so melden diverse Medienberichte, den Kredit bei der Bank of Scotland abbezahlen und gleichzeitig die US-Besitzer der Reds rauszuschmeißen, indem er die Schulden des Vereins versucht abzubezahlen und dann Kontrolle über den Verein zu bekommen. Er habe Fernando Torres gebeten mit eventuellen Wechselentscheidungen noch zu warten, was darauf schließen lässt, dass ein möglicher Deal des Chinesen schon in den nächsten Tagen passieren könnte. Aus China wird Druck ausgeübt auf die Verwaltung beim FC Liverpool. Huang habe mehrere Leckerbissen im Angebot, unter anderem stellt er auch in Aussicht, dass unter seiner Übernahme auch das neue Stadion für den FC Liverpool gebaut werden würde. Der Guadian meldet, dass vor allem der Preis einer Übernahme noch als Hinderung im Weg stünde. Hicks und Gillett sollen den Wert es FC Liverpool mit knapp 800 Millionen US-Dollar (504 Millionen britische Pfund) beziffert haben. Experten gehen davon aus, dass beide den Preis senken müssten, sollte es zu einer Einigung kommen. Das dürfte interessant werden, ob die US-Besitzer dazu bereit wären und auf einen erheblichen Profit verzichten würden. Jetzt wird man sehen, wie sehr ihnen der Verein am Herzen liegt oder ob sie am Ende ihrer dreijährigen durchwachsenen Amtszeit noch einmal das Optimale für ihre Konten herausholen wollen.
Also die optimale Lösung für den FC Liverpool? Das Angebot des Chinesen klingt verlockend. Abbezahlen der Schulden bei der Royal Bank of Scotland, das Ausbezahlen der US-Besitzer und zusätzliches Geld für Transfers. Realistisches Szenario oder mehr Wunsch als Verstand? Das dürfte in den nächsten Tagen zu klären sein. Und völlig offen bleibt immer noch die Intention von Huang hinter seinen Unternehmungen. Große Liebe zum FC Liverpool kann es erstmal nicht sein. Viel Risiko also für die Reds, wobei wirklich schlimmer als jetzt kann es ja schon gar nicht mehr werden.
Also auch abseits der Spielfeldes viele Themen, welche die Premier League reizvoll und ein wenig unberechenbar machen. Ab Morgen geht es dann aber ganz ums Sportliche mit der Saisonvorschau für den FC Chelsea London.


Dienstag, 3. August 2010 14:07
Ich würde noch ein paar Vor- oder Nachteile der neuen “home grown” Regelung aufzählen. Zudem sollte erwähnt werden, dass die “Squad List” durch beliebig viele “Under 21″ Spieler aufgestockt werden kann. Wobei hier schon die Ungerechtigkeiten einer Definition deutlich werden. Under 21 sind Spieler die ab dem 01.01.1989 geboren sind (Saison 10/11). Wenn jmd also am 27.12.1988 geboren wurde ist er einen Großteil der Saison 21 Jahre alt und trotzdem kein Under 21 wie zB jmd der nur wenige Tage älter wäre
Die nächste unsinnige Definition ist, dass die Limitierung der Squad List (maximal 17 Spieler welche nicht home grown sind) erst mit dem Schließen des ersten Transferfensters (Ende August) greift. So kann zunächst beliebig getestet werden, welche Spiele in die finale Squad List aufgenommen werden, obwohl die Saison bereits angelaufen ist. Erste Verletzungen oder Formschwächen können einem Spieler somit die halbe Saison kosten, da erst wieder in der nächsten Transferperiode Änderungen vorgenommen werden können.
Und was passiert mit Spielern die kurz vor dem Sprung von der Reserve in die A-Mannschaft stehen? Diese Spieler sind unter Umständen bereits über 21 Jahre und könnten sich durch Verletzungen von Stammspielern der A-Mannschaft in dieser beweisen, erhalten nun aber keine Möglichkeit mehr sich zu beweisen da sie sicherlich nicht zur 25 Mann Squad List gehören werden. Hier verschwinden evtl eine Menge an Talenten an/in die/den unteren Ligen.
Vereine werden versuchen immer jüngere Spieler aufzunehmen, damit diese später als home grown gelten. Dies wird sich jedoch nicht nur auf englische Spieler begrenzen
Vorteil ist sicherlich, dass größere Teams keine unendliche Tiefe in ihre Mannschaft mehr bringen können. Gute Spieler können sich somit mehr auf die Liga verteilen und könnten einen stärkeren Wettbewerb in die Liga bringen.
Dienstag, 3. August 2010 15:02
Danke dir für deine Ergänzungen. Einen Punkt, den ich mir auch notiert hatte, aber vorhin vergessen in meinen Text mit aufzunehmen, ist natürlich auch die Tatsache, dass die Player Rule nicht primär an erster Stelle die Problemen im englischen Fußballnachwuchs aufhebt. Denn wie du richtig erwähnt hast, kann man natürlich auch junge Spieler zwischen 16 und 18 aus dem Ausland holen und dann nach drei Jehren mit in die Regelung aufnehmen. Nichts desto trotz ist es natürlich für die Vereine nun schwieriger und kostenaufwändiger auf englischen Nachwuchs komplett zu verzichten.
Und die meisten Vereine erfüllen diese Regelung auch. Lediglich Arsenal, Chelsea, Liverpool und mit Abstrichen je nach Kaderaufstellung die Tottenham Hotspur hat die neue Regelung keine Auswirkungen auf die Vereine.