Premier League 2010/2011: Saisonvorschau FC Chelsea London
Es hätte in der ersten Saison von Carlo Ancelotti an der Stamford Bridge fast nicht besser laufen können. Trotz des eher frühen Ausscheidens in der Champions League konnte man am Ende die englische Meisterschaft feiern, der Italiener schaffte sehr schnell seinen Spielern die Systemumstellung auf ein 4-3-3 beizubringen und einzuimpfen. Die Belohnung für Spieler wie Trainer war eine beeindruckende Offensive mit 103 Saisontoren – so viele wie noch nie in der Historie der Premier League. Wie gesagt: Es hätte für Ancelotti nicht besser kommen können.
Denn mit seiner Spielphilosophie und dem Umgang mit der Mannschaft hat er für die Vorbereitung auf die neue Spielzeit alle Argumente auf seiner Seite. Und kann sein Team ganz nach seinen Wünschen zusammenstellen. Wenn man so will beseitigt Ancelotti gerade die Altlasten aus der Ära vor seiner Amtstätigkeit im Südwesten Londons. Ballack, Belletti, Joe Cole und Miroslav Stoch mussten den Verein verlassen, viele Nachwuchsspieler wurden an unterklassige Vereine ausgeliehen. Mit Yossi Benayoun vom FC Liverpool kam bisher nur ein namenhafter Neuzugang, was ebenso an den immer noch wackeligen Finanzen des FC Chelsea liegt. Dazu weiter unten mehr. Und Ancelotti wird nicht müde, die Fähigkeiten des Israeli gegenüber Joe Cole zu betonen. Benayoun passe sehr viel besser in sein taktisches Konzept. Punkt. Aus. Es widerspricht ihm keiner. Chelsea ist jetzt Ancelotti.
Und wie gesagt, dem FC Chelsea hätte nichts Besseres passieren können. Kurzer Rückblick: 2003 kaufte Roman Abramovitsch die Blues, ein Jahr später kam Jose Mourinho vom Champions League Sieger FC Porto an die Stamford Bridge. Es folgte ein Phase des Erfolgs, eine Konstante beim FC Chelsea. Meister 2005 und 2006 – und der russische Milliardär pumpte weiter reichlich Frischgeld in den Verein. In den ersten vier Jahren fast eine halbe Milliarde Pfund. Im September 2007 entließ man nach mäßigem Saisonstart Jose Mourinho und begann damit eine Phase des Suchens nach dem richtigen Weg, auf dem Platz und auch neben dem Spielfeld, bedingt durch die hohen Verluste von Abramovitsch durch die Wirtschafts- und Finanzkrise. Innerhalb von 20 Monaten versuchte man es mit drei Trainern. Zunächst Avram Grant, der immer nur als Übergangslösung gedacht wurde, dann in der Champions League aber dermaßen erfolgreich war, dass man ihn nur schwierig vor die Tür setzen konnte. Die Beziehung zwischen dem FC Chelsea und Luis Felipe Scolari war gefühlt nicht mehr als ein One-Night-Stand, im Winter 2009 versuchte Guus Hiddink die Zepter an der Bridge zu schwingen. Als Übergangslösung bis zum vergangenen Sommer, weil das Management der Blues Zeit brauchte endlich mal wieder einen erfahrenen Trainer zu finden, den man nicht gleich nach vier Monaten allein schon wegen des Standings vor die Tür setzen konnte. Und mit Carlo Ancelotti ist dann ein echter Glücksgriff gelungen. Das unruhige Fahrwasser mit den vielen Trainerwechsel soll hinter sich gelassen werden. Aufräumen mit der Vergangenheit.
Ancelotti soll jetzt der neue Mourinho werden, plus eine offensivere Spielweise und den Gewinn der Champions League. Da kommt es dem Italiener entgegen, dass er gleich in der ersten Saison die nationale Meisterschaft gewonnen hat und sich jetzt etwas verstärkter auf den Europapokal konzentrieren kann. Deswegen gibt es zukünftig nur noch punktuelle Verstärkungen des Kaders unter der Prämisse, was den Verein weiter bringt, nicht mehr, was viel Geld kostet und toll wäre, wenn er hier spielen würde und bei der Konkurrenz nicht. Bei den Blues ist man vorsichtig geworden mit dem unbewussten und fließigem Geldausgeben. Nur noch wenn nötig. Das war es bei Yossi Benayoun, der sowohl offensiv Akzente setzen kann, aber im Gegensatz zu Joe Cole auch defensiv effektiver zurückarbeiten kann. Das wird aller Voraussicht nach auch bei Ramires sein, der in den nächsten Tagen wohl offiziell zum FC Chelsea wechselt. Dafür greifen die Blues auch erstmal wieder richtig in den Geldbeutel. Rund 17 Millionen Pfund soll der 23-jährige Mittelfeldspieler von Benfica Lissabon. Ramires soll vor allem im rechten Mittelfeld eingesetzt werden und die vakante Position nach dem Abgang von Michael Ballack übernehmen.
Ansonsten bleibt der Kader fast vollständig zusammen und ist nahezu identisch mit der Mannschaft der vergangenen Saison. Es gab immer wieder mal Gerüchte, dass Didier Drogba von Manchester City heftig umworben wird und Ashley Cole nach der verkorksten WM der englischen Nationalmannschaft die Flucht mit einem Wechsel zu Real Madrid sucht. Ancelotti lässt Cole aber nicht gehen – und die Story mit Drogba war bei den Blues wohl nicht mal auf der Tagesordnung. Ricardo Carvalho hatte immer wieder auch mal angekündigt, dass er die Londoner in diesem Sommer verlassen möchte. Konkrete Angebote scheinen aber noch nicht vorzuliegen.
Wie geht der FC Chelsea also in die neue Saison? Im Tor ist Peter Cech trotz einiger Aussetzer in der letzten Saison weiter die unangefochtene Nummer 1. Unklar ist noch, ob Cech bis zum Saisonstart nach seiner Verletzung an der Wade rechtzeitig fit wird. Das hofft Ancelotti, beim Community Shield am kommenden Wochenende wird der Tscheche aber noch nicht fit sein. Hilario oder Turnbull werden ihn dann vertreten. Die Verteidigung bleibt wohl unverändert, mit Ashley Cole auf links, Ivanovic auf rechts oder alternativ an der Seite von Terry in der Innenverteidigung. Die Position könnte eben auch Carvalho einnehmen. Und dann gibt es in der Offensive viele Alternativen. Lampard ist im Mittelfeld gesetzt, ebenso wohl auch Drogba im Sturm. Essien und Obi Mikel könnte im Mittelfeld den defensiveren Part übernehmen, oder alternativ Ramires auf rechts mit entweder Benayoun oder Malouda auf links. Da gibt es also enorm viel Variabilität, wird interessant zu sehen sein, wer sich in den Kämpfen um einen Stammplatz am Ende durchsetzt.
Es gab Saisonvorbereitungen, die waren an der Fulham Road im Südwesten Londons hektisch, verschwenderisch mit Geld, gestreut mit Gerüchten mit immer neuen möglichen Wechseln und horrenden Transfersummen. Davon hat sich der FC Chelsea endgültig verabschiedet. Carlo Ancelotti dürfte es gefallen.
Zugänge: Yossi Benayoun (FC Liverpool), Matej Delac (Inter Zapresic)
Abgänge: Michael Ballack (Bayer Leverkusen), Joe Cole (FC Liverpool), Juliano Belletti (Fluminense), Miroslav Stoch (Fenerbahce Istanbul)
Prognose: Ich bin selten gut in Vorhersagen, wenngleich ich letzte Saison den Titel der Blues korrekt vorhergesagt habe. Eigentlich müsste man noch bis zum Ende der Transferperiode warten. Dennoch dürfte Chelsea – das ist ja klar – wieder ein Favorit für den Titel sein. Erfahrener Trainer, eingespielte Mannschaft. Größter Nachteil könnte der brüchige Defensive sein. Peter Cech hat seine besten Tagen manchmal schon hinter sich, Carvalho und Terry waren letzte Saison weit von ihrer Bestform entfernt. Müsste ich mich jetzt entscheiden, vergebe ich den 2. Platz am Ende der Premier League Saison 2010/2011 für den FC Chelsea.

