Premier League 2010/2011: Saisonvorschau Manchester United
Donnerstag, 5. August 2010 18:31
Sir Alex Ferguson ist auf seiner letzten Mission. Und damit meine ich gar nicht unbedingt seinen dritten möglichen Champions League Titel mit den Red Devils. Der dürfte ihm primär egal sein, hat er mit Manchester United sowieso schon alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Aber auf einen weiteren Titel dürfte auch Sir Alex schlielen: die 19. englische Meisterschaft für Man Utd, unter seiner Trainerschaft wäre es die 12. Und damit wäre man alleiniger englischer Rekordmeister und hätte den FC Liverpool, den großen Rivalen im Nordwesten Englands, überholt. Und Fergie hätte endlich den besten Grund seine Trainerkarriere auf einem weiteren Höhepunkt zu beenden. Nun gibt es einen neuen Anlauf für die neue Mission. Am kommenden Sonntag im Community Shield gegen den FC Chelsea sitzt Sir Alex zum 1333. Mal auf der Trainerbank für Manchester United, bevor es dann übernächsten Montag, am 16. August, mit dem Heimspiel gegen Newcastle United in die neue Saison geht. Eigentlich schon alles erreicht, aber das letzte kleine Mosaiksteinchen fehlt noch in der Erfolgsbilanz. Ein kleines Mosaiksteinchen, das Sir Alex immer weiter antreibt. Und das ihn vor seiner 25. Saison als Trainer bei Manchester United ihn auch kein bisschen amtsmüde wirken lässt.
Und viel von einem möglichen ruhmreichen Karriere-Ende für Sir Alex hängt auch von seinem Stürmerstar Wayne Rooney ab, der eine beeindruckende vergangene Saison spielte, gegen Ende der letzten Spielzeit aber wegen zahlreicher Verletzungen in eine kleine Formkrise rutschte und die blöderweise aus Sicht der englischen Fußballfans auch mit durch die Weltmeisterschaft schleppte. Für seine mäßigen Leistungen in Südafrika wurde Rooney heftig kritisert, er wirkte hilflos, viele Experten fanden seine Form unverständlich. Wie kommt Rooney nach dem enttäuschenden Sommer in die neue Spielzeit und kann – das ist die viel wichtigere Frage für die Red Devils – seine tolle Form aus der letzten Saison konservieren und vielleicht sogar noch mal steigern? Für eine erfolgreiche Spielzeit von Man Utd ist dies zwingend erforderlich, fällt der offensive Erfolg mit der Form und der Torgefährlichkeit von Wayne Rooney. Momentan ist er unsetzbar für Manchester United. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Rooney auch in der Schlussphase der vergangenen Saison fit und torhungrig gewesen wäre? Manchester United könnte schon englischer Rekordmeister sein. Alternativen sind zwar vorhanden im Sturm, doch allen voran Dimitar Berbatov hat zwar viele gute Spiele gemacht, 21 Tore in zwei Spielzeiten sind aber einen Tick zu wenig um Rooney gegebenfalls auch einmal länger zu ersetzen. Gabriel Obertan, vergangene Saison von Girondins Bordeaux, hat einige gute Ansätze gezeigt, aber erst in diesem Monat bei einem Vorbereitungsspiel in den USA sein erstes Tor für Manchester United erzielt. Vergangene Saison konnte er keinen Erfolg beisteuern. Deshalb wird es sehr interessant zu sehen sein, wie sich Youngstar Federico Macheda in das Team integriert. An ihm werden große Erwartungen und Hoffnungen geknüpft, nicht erst seit seinem tollen Siegtreffer zum 3:2 nach 1:2-Rückstand im Heimspiel gegen Aston Villa im April 2009. Der große Durchbruch sollte schon vergangene Saison gelingen, einige Verletzungen warfen ihn zurück. Jetzt soll der nächste Versuch unternommen werden sich dauerhaft in den erweiterten Profikader zu spielen. In der Vorbereitung hat er mit Toren und Spielwitz geglänzt, daran darf es in der kommenden Saison nicht fehlen. Manchester United braucht ihn.
Überhaupt müssen sich ein paar weitere Dinge im Vergleich zur letzten Saison bei Manchester United verändern. Sieben Niederlagen haben eine eventuelle Meisterschaft verhindert, zudem konnte man selten überzeugend gewinnen, von viel Spielfreude und Harmonie im Spiel war selten etwas zu sehen. Da hat man die Abwesenheit von Christiano Ronaldo schon bemerkt. Zudem wirkte man defensiver mit der langen Verletzung von Rio Ferdinand und den ständigen Wechsel-Gerüchten um Nemanja Vidic seltsam anfällig. Dass man dann trotzdem noch bei all den Problemen und Schwierigkeiten um den Titel mitspielt, zeigt dann auf der anderen Seite eben auch die große Qualität in diesem Kader und der Einfluss von Sir Alex Ferguson, der sein Team stets hervorragend einstellte und vorbereitete.
Und um den Titel zu erreichen, ist Manchester United meiner Meinung nach noch nicht gut genug aufgestellt. Dabei darf nicht vergessen, dass die Transferkasse durch den Verkauf von Ronaldo zu Real Madrid immer noch gut gefüllt ist, 80 Millionen Euro liegen da noch unberührt rum. Die große Frage ist eben, ob Sir Alex dieses Geld für weitere Transfers zur Verfügung hat. Da gibt es unterschiedliche Meinugen – die eine Hälfte der Experten sagt “Ja”, die andere “nein” – und so richtig weiß es eigentlich keiner. Außer Sir Alex. Es wäre nötig. Ryan Giggs und Paul Scholes sind großartige Spieler, die Spiele entscheiden können, aber sie sind schon alt und auch verletzungsanfällig. Über Berbatov habe ich schon einige Worte verloren. Und Michael Owen als großen Heilsbringer zu bezeichnen machen nicht mal die optimistischsten United-Fans. Diego Forlan stand bei Sir Alex in diesem Sommer ganz hoch im Kurs, der Uruguayer hat sich jetzt aber entschlossen in Spanien zu bleiben. Mesut Özil wird immer wieder mal genannt, Interesse seitens der Red Devils soll wohl bestehen. Aber ansonsten war das ein ziemlich frustrierender Sommer auf dem Transfermarkt. Man schnappte dem FC Arsenal Chris Smalling vor der Nase weg. Der Innenverteidiger dürfte sich aber durch die Vertragsverlängerung von Vidic erstmal in der zweiten Reihe anstellen, ist aber eine gute Alternative, sollte sich Rio Ferdinand mal wieder eine verletzungsbedingte Auszeit gönnen. Zudem konnte der mexikanische Nationalspieler Hernandez verpflichtet werden. Man hat hohe Erwartungen und Hoffnungen an ihn, er hat sein Können gezeigt, ist schnell, hat einen guten Torabschluss, aber er braucht in seiner ersten Saison in der Premier League sicherlich ein wenig Anlaufzeit und ein paar Spiele, bis er sich mit dem Tempo in der höchsten englischen Spielklasse vertraut macht. Auf lange Sicht eine sehr gute Verpflichtung, aber bringt er schon den kurzfristigen Erfolg? United braucht also weitere Verstärkungen, nach aktuellen Medienberichten ist man an Lassana Diarra von Real Madrid interessiert. Das große Konzept und die Wahrscheinlichkeit für hilfreiche Transfers fehlt aber ein wenig.
Also liegt die große Last erstmal auf den Schultern von Scholes, Giggs und auch Darran Fletcher. Dabei kommt aber auch die zähe und für United unglückliche Verletzung von Owen Hargreaves hinzu, der den Saisonstart definitiv verpassen wird. Überhaupt wird es mit Interesse zu verfolgen sein, wie sich der ehemalige Spieler von Bayern München nach seiner langen Abwesenheit wieder auf dem Spielfeld und im dicht gedrängten Mittelfeld von den Red Devils zurecht findet. Kurz nochmal zurück zu Darran Fletcher, die sich hervorragend über die vergangenen Spielzeit entwickelt hat und mittlerweile zu einer echten Stütze im Team von Sir Alex geworden ist. Nicht umsonst trug er auf der Vorbereitungstour durch die USA die Kapitänsbinde. Fletcher hat es verinnerlicht, technische Sicherheit zu kombinieren, gleichzeitig aber auch das Offensivspiel von United anzukurbeln und in Szene zu setzen. Und so setzt Sir Alex auf viele vertraute Kräfte. Im Tor hat sich seit Jahren ja schon nichts verändert, Edwin van der Sar hat seinen auslaufenden Vertrag noch einmal um ein Jahr bis zum Ende der Saison 2010/2011 verlängert. Die Innenverteididung spielt seit Jahren mehr oder weniger erfolgreich zusammen. Mit Rafael, John O’Shea und Jonny Evans stehen genug Ersatzmöglichkeiten bereit. Wie gesagt, das Mittelfeld ist mit Scholes, Fletcher, Giggs, Nani, Anderson, Michael Carrick, Antonio Valencia dicht besetzt, nachrückende Kräfte wie Darron Gibsen – die Bayern Fans aus dem CL-Viertelfinale dürften sich dunkel erinnern – noch gar nicht berücksichtigt. Die Dichte im Mittelfeld fehlt Sir Alex aber eben ein wenig im Sturm. Was der große Vorteil der Red Devils sein könnte, ist die große Variabilität im System. Ob nun 4-3-3 mit Nani und Valencia in den offensiven Rollen auf den Außenpositionen, einem 4-2-2 mit Rooney und Berbatov in den Spitzen oder einem 4-2-3-1 mit Rooney als einiger, teils noch zurückfallender, Spitze. Man Utd kann vielleicht wie keine andere Mannschaft mehrere taktische Systeme spielen und nahezu perfekt den Stärken und Schwächen des Gegners anpassen. Und das wird wieder die große Hoffnung für Sir Alex sein – auf seiner vielleicht letzten Mission.
Zugänge: Chris Smalling (FC Fulham), Javier Hernandez (Chivas de Guadalajara), Marnick Vermijl (Standard Lüttich)
Abgänge: Ben Foster (Birmingham City), Zoran Tosic (ZSKA Moskau)
Prognose: Eingespieltes Team mit vielen starken Spielern. Vieles hängt von Wayne Rooney im Sturm ab. Er ist praktisch nicht zu ersetzen. Die Konkurrenz im Mittelfeld überdeckt einige weitere Schwächen in der Defensive. Man Utd muss man auf der Rechnung haben, aber mit dem Weggang von Ronaldo spielt United stets ein wenig schlechter – und dieser Trend setzt siich in der kommenden Saison fort. Deshalb steht am Ende ein 3. Platz.
Thema: Premier League | Kommentare (0) | Autor: medispolis

