Premier League 2010/2011: Saisonvorschau FC Liverpool
Es fällt schwer beziehungsweise ist nahezu unmöglich in diesen Tagen sich sportlich mit dem FC Liverpool zu beschäftigen. Schon taucht der Verein von der Merseyside wieder vermehrt in den Wirtschafts- und Finanzressorts der Zeitungen auf, leider wie so häufig in den vergangenen Jahren. Warum sollte dieser Sommer dann eine Ausnahme sein? Man kann es mit beißendem Humor formulierten, wie es der Guardian getan hat (“You’ll never wok alone”) oder man kann sich ernsthaft über die Zukunft des FC Liverpool Sorgen machen. Sind die sportlichen Probleme der vergangenen 24 Monate nicht schon groß genug gewesen, müssen sich Fans und Anhänger im Umfeld der Reds täglich damit beschäftigen, ob ihr Verein zukünftig Spielball eines milliardenschweren Investmentfonds aus Ostasien wird. Es gibt einfachere Zeiten für einen Fußballfan.
Wenn man sich an das Jahr 2005 zurückerinnert. Der Triumph in der Champions League gegen den AC Mailand, zwei Jahre später verpasst man den erneuten Gewinn, wieder im Finale gegen die Italiener. Zwischenzeitlich hatten sich im Februar 2007 die US-Milliardäre Tom Hicks und George Gillett den FC Liverpool, immer noch einer der wertvollsten Fußballklubs der Welt, gekauft. Seitdem ging es bergab. Hicks und Gillett wurden von der Finanzkrise stärker getroffen, als Liverpool sportlich von den häufigen Ausfällen von Fernando Torres. Die Fans wollten die Besitzer loswerden, es wurden Protestmärsche veranstaltet, der ehemalige Trainer Benitez verkrachte sich mit beiden über Geld für neue Spieler und hatte mehrmals gedroht die Brocken hinzuschmeißen. Im März 2009 verlängerte der Spanier trotzdem seinen Vertrag um fünf weitere Jahre bis 2014 bei dem Verein, der ihm so ans Herz gewachsen ist. Um dann Ende 2010 seinen Abschied zu verkünden, der Verein kam ihm mit der Entlassung vor. Nachdem der FC Liverpool finanziell immer größere Scherbenhaufen ansammelte, verzeichnete man auch ein sportliches Tief nach dem anderen. Frühes Ausscheiden in der Gruppenphase der Champions League, das erklärte Ziel des Europa League Finales nicht erreicht und zu allem Überfluss die Qualifikation für die Champions League verpasst. Und jetzt soll durch den Chinesen alles anders werden, jemand, der sich noch nie zu der Premier League geäußert hat, der keinerlei weiteres sportliches Engagement zeigt, der aber große Träume, wie den Stadionneubau, die Tilgung aller Vereinsschulden und den Rauskauf der US-Besitzer, verspricht? Es gibt einfachere Zeiten für Fans des FC Liverpool, aber wann waren die zuletzt einfach?
Und es lässt sich Stand 7. August 2010 doch auch viele positive Zeichen entdecken, und die sind vor allem sportlich geprägt. Fernando Torres und Steven Gerrard bleiben trotz aller Abwerbungsversuche eine weitere Saison bei den Reds. Bei Gerrard war das schon eher wahrscheinlich – interessant, ob der überhaupt mal woanders gegen den Ball tritt – aber ein Abgang von Torres war schon bedrohlich nahe. Umso mehr auch ein Erfolg für den neuen Trainer Roy Hodgson, der aus Fulham kam, und gleich mal vor dem Saisonstart schon ein Ziel erreicht hat. Mit Innenverteidiger Danny Wilson von den Rangers, einem Klub in finanziellen Nöten, konnte man ein junges Talent für wenig Geld an den Verein bitten und hat jetzt fast schon ein Überbedarf an Innenverteidigern (Daniel Agger, Kyrgiakos, Jamie Carragher, Martin Skrtel, um mal die bekanntesten zu nennen). Könnte mir also durchaus vorstellen, dass Agger auf die Linksverteidigerposition wechselt. Rechts ist man mit Glen Johnson ja durchaus prima besetzt. Joe Cole soll etwas schaffen, das Ryan Babel nie wirklich erfüllen konnte, Druck und Torgefährlichkeit über die Flügel zu erzeugen. Babel darf sich das dann mal anschauen, Yossi Benayoun hatte genug bei den Reds und spielt jetzt beim FC Chelsea London. Sollten Gerrard und Torres fit sein, muss man sich in Liverpool offensiv wenig Sorgen machen.
Das gilt dann schon eher für die Defensive. Was man durchaus schon bei der Anzahl der Gegentreffer sieht. Und Defensive fängt ja schon im Mittelfeld an. Vergangene Saison kassierte der FC Liverpool 35 Gegentore, damit liegt man immer noch, die gesamte Premier League betrachtend, ganz vorne. Sehr viel entscheidender ist die Tendenz. 2006/2007 und 2008/2009 kassiertem man jeweils 27 Tore, 2007/2008 28. Das waren letztes Jahr also sieben Tore mehr als im Schnitt der letzten drei Jahre. Der FC Liverpool hat es immer noch nicht geschafft den Abgang von Xabi Alonso zu kompensieren. Diese Lücke im defensiven Mittelfeld könnte sich noch verschärfen, sollte Xavier Mascherano den Verein verlassen. Bei einem passenden Angebot von einem großen Verein ist Liverpool bereit den Argentinier ziehen zu lassen. Was die Probleme nicht kleiner macht, zumal man auf dem Transfermarkt keine defensiven Mittelfeldspieler in Hülle und Fülle findet. Lucas und auch Alberto Aquilani sind höchstens passable Vertreter, und zieht man Steven Gerrard zurück in die defensivere Rolle, geht Liverpool viel an offensiver Power verloren. Maxi Rodriguez eignet sich ja nur bedingt für defensive Aufgaben. Und sollte Liverpool wieder die ersten drei Plätze angreifen wollen, dann muss defensiv wieder mehr Ordnung und Stabilität herrschen.
Wieder keine einfache Saison für den FC Liverpool. Vielleicht wird eine schnelle Einigung mit Asien bis zum Ende des Monats für ein wenig Ruhe sorgen. Aber kann der Chinese einen hervorragenden defensiven Mittelfeldspieler aus dem Hut zaubern? Roy Hodgson scheint sich gut eingefunden zu haben an der Anfield Road. Die Leistungen in den Testspielen und in der Europa League Qualifikation haben gezeigt, dass er sehr schnell eine Startformation gefunden hat, die Platz für die WM-Fahrer lässt, aber gleichzeitig den jetzigen Akteuren schon genug Möglichkeiten gibt sich einzuspielen. Hodgson hat sehr große internationale Erfahrung und kann – siehe Fulham – aus wenig sehr viel machen. Zu wünschen wäre es dem FC Liverpool. You never walk alone.
Zugänge: Danny Wilson (Glasgow Rangers), Jonjo Shelvey (Charlton Athletic), Joe Cole (FC Chelsea), Milan Jovanovic (Standard Lüttich)
Abgänge: Albert Riera (Olympiakos Piräus), Yossi Benayoun (FC Chelsea)
Prognose: Ganz viel hängt von drei Faktoren ab. Gerrard und Torres sollten verletzungsfrei durch die Saison kommen, das Gerangel um eine Übernahme muss schnell geregelt sein, und die Defensive bräuchte bei einem eventuellen Weggang von Mascherano einen neuen Anstrich. Gehen diese unbekannten Variablen zu Gunsten der Reds auf, könnte es am Ende vielleicht der 4. Platz sein, der für die finanzielle Konsolidierung zwingend notwendig wäre. Wenn nicht – was eher wahrscheinlich scheint – sieht man Man City und vielleicht auch die Spurs wegziehen. Also meine Prognose: 5. Platz.


Sonntag, 8. August 2010 13:23
sehr schöner Artikel – gefällt mir gut :-)