Halb geöffnete Bezahlschranken
Ich habe die vergangenen Tage für eine kleine wissenschaftliche Untersuchung über Bezahlschranken (“Paywalls”) im Internet recherchiert. Nach Tagen der Recherche bleibt bei mir immer noch eine Frage offen. Aber dazu weiter unten mehr.
Mittlerweile ist die Einrichtung von Bezahlinhalten bei Zeitungen im Web immerhin in der öffentlichen Wahrnehmung, in der Umsetzung zwar immer noch ein Experiment und Testballon. Im Juni zog die Londoner Times inklusive ihrer Sonntagsausgabe die Vorhänge hoch und ließ Bezahlschranken einrichten. Mit bisher mäßigem Erfolg. Wie erwartet und prognostiziert bleiben die Leser weg. Um knapp zwei Drittel sind die Zugriffe zurückgegangen, andere Studien sprechen teilweise sogar von einem Rückgang um 90 Prozent. Das sieht in erster Linie sehr dramatisch aus, für eine abschließende Betrachtung sollte man aber vielleicht bis Ende des Jahres warten. Dass man keine großen Zuwächse durch die Schaffung von Bezahlinhalten erlangen würden, war innerhalb der Times sicherlich jedem klar. Wenn man sieht, dass das Wall Street Journal über mehrere Jahre hinweg die Abonnentenzahlen für Online-Inhalte stetig ein wenig steigern konnte, sind Urteile über den Sinn von Bezahlinhalten verfrüht. Eine andere Frage ist eben, wie lange Murdoch die Geduld hat seine Strategie durchzuziehen.
Aber scheinbar meint er Murdoch es ernst. Gerüchte entstanden gestern, dass im Laufe des Oktobers auch die News of the World hinter den Bezahlschranken verschwindet. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus. Der Guardian spekuliert darüber, dass kurz danach auch Murdochs anderes Boulevardblatt, The Sun, nur noch per Bezahlung online Inhalte liefert. Das wäre trotz des breiten britischen Boulevardzeitungsmarktes dann schon ein Zeichen, wenn die NOW und The Sun diesen Schritt gehen würden. Ganz anders die Situation bei der Times. Da gibt es genug vernünftige Alternativen sich andernorts zu informieren, zum Beispiel beim Guardian oder dem Daily Telegraph.
Es gibt wohl tausend Meinungen und Ansichten zu diesem Thema, über den Sinn und Unsinn von Bezahlinhalten im Internet. Ich wäre bereit für guten Journalismus und besondere journalistische Produkte zu bezahlen. Womit wir wieder bei meiner Frage wären. Ich kann verstehen, dass sich die Expansion der Zeitungen in der Online-Welt irgendwie rentieren muss, dass man wirtschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigen muss und sich unabhängiger vom Werbemarkt und Anzeigengeschäft machen möchte. Dass leuchtet mir ein, von daher verstehe ich es aber nicht, warum man nicht nur einige Inhalte, zum Beispiel besonders gute journalistische Leistungen oder eine tägliche Kolumne eines sehr guten Journalisten, mit einem kleinen Preis versieht, alle übrigen Inhalte, wie Agenturmeldungen oder sonstige Klickstrecken offen für alle Leser lässt. Würde man mit einem solchen Schritt nicht guten hochwertigen Journalismus belohnen, gleichzeitig aber verhindern, dass Leser in Scharen davon laufen und somit auch die Wahrscheinlichkeit für Werbe- und Anzeigenkunden sinkt?
Man lässt also 70% der Inhalte weiter frei verfügbar, für 30% müssten die Leser bezahlen. Das setzt auf der anderen Seite natürlich 30 Prozent guten, spannenden und lesenswerten Journalismus voraus. Aber der wird dann ja auch entsprechend bezahlt. Ich könnte mir zum Beispiel sehr gut vorstellen, für den Football Weekly Podcast des Guardian zu bezahlen, für die SPOX-Blogschau oder für einige Sportartikel der Süddeutschen Zeitung. Ich könnte mir auch vorstellen für einige politische Analysen bei der ZEIT oder dem SPIEGEL Geld zu bezahlen, aber eben nicht für simple Zusammenstellungen von Agenturmeldungen. Es muss schon etwas Besonderes sein. Vielleicht wäre das ja mal ein Experiment nur einen Teil als Bezahlschranke einzurichten- für ganz besondere Inhalte. Und solchen Content, den man ehe überall lesen kann, lässt man unbezahlt.
Warum Bezahlschranken immer gleich ganz oder gar nicht? Vielleicht wäre ein Mittelweg ja die Lösung.

