Für Hannover 96 gibt es noch ganz viel zu tun!
Ich war am Samstag in der AWD-Arena und sah ein durchschnittliches Bundesligaspiel, allerdings mit sehr interessanten und dramatischen letzten 30 Spielminuten. Hannover 96 schlug Eintracht Frankfurt mit 2:1. Und ich fand, das war verdient. Glück hatten beide Teams, einmal durch den Lattentreffer von Ya Konan und den Pfostenkopfball von Marco Russ. Trotzdem hat 96 in der zweiten Hälfte ab der 60. Minute das Tempo weiter erhöht und deutlich mehr Spielanteile als die Hessen. Ergebnis geht also völlig in Ordnung.
Es war also ein guter Saisonstart von Hannover 96, dennoch sollte man jetzt nicht in große Begeisterung ausbrechen. Die Niedersachsen haben noch viele Punkte zu erledigen und Aufgaben in den nächsten Wochen zu bewältigen. Aber alles lösbare Angelegenheiten, die auch ein wenig Zeit brauchen. Die sollten alle Beteiligten bekommen. Nachfolgend ein paar Punkte und Gedanken, die mir hauptsächlich während des Spiels in der AWD-Arena aufgefallen sind. Der pasenden Übersicht halber nach Mannschaftsteilen sortiert. Beginnen möchte ich aber mit zwei anderen Punkten.
Verletzung von Carlitos: Es war der erste Schock für die 96-Fans am Samstag. Carlitos verletzte sich bereits nach wenigen Minuten ohne Einwirkung des Gegners und zog sich einen Kreuzbandriss zu. Er wird mindestens ein halbes Jahr ausfallen. Für den Neuzugang aus Portugal, an den man in Hannover große Hoffnungen und Erwartungen knüpfte, natürlich der größte anzunehmende Unfall. Aber auch für die Mannschaft. Eigentlich muss jetzt Ersatz her. Die Hannoversche Allgemeine zitiert in ihrer Montagsausgabe Jörg Schmadtke mit den Worten, dass er sofot Ersatz beschaffen könne, er brauche nur das Okay von Präsident Martin Kind.
Harmonie im Verein: Wobei wir bei der nächsten kleinen Baustelle wären, dem Verhältnis von Trainer Mirko Slomka, Sportdirektor Jörg Schmadtke und Präsident Martin Kind, das – wenn man die Interviews von Martin Kind in den letzten Tagen gelesen und gehört hat – ziemlich in die Brüche gegangen, wohl unter anderem verursacht durch das peinliche Pokalaus in Elversberg. Martin Kind scheint sehr enttäuscht und verärgert über die Spieler gewesen zu sein (“Die Spieler sollen arbeiten, bis sie kotzen“). Aber eben auch umso mehr noch über Trainer Slomka und Manager Schmadtke, die es nicht geschafft haben, das Team in der Vorbereitung so zusammenzustellen und zu formen, dass es die erste Pokalrunde gegen einen Viertligisten übersteht. Ich glaube nicht, dass Martin Kind Angst um sein Geld und seine Investitionen in den Verein hat. Er wollte aber deutlich machen, dass er von allen – Spielern wie Trainerstab – mehr Verantwortung braucht. Zumal Slomka die Ursache für die Pokalniederlage vor allem seinen Spielern in die Schuhe schob. Slomka und Schmadtke schien alles andere als glücklich über die Äußerungen von Martin Kind. Keine Ahnung oder Idee, wie nachhaltig dieser Konflikt sich bei Hannover 96 noch auswirkt. Eine erste Hürde könnte er nehmen, sollten sich Schmadtke und Kind sehr schnell auf einen Nachfolger von Carlitos einigen könnten.
Torhüter: Florian Fromlowitz hat das Vertrauen von Slomka bekommen und ist die unumstrittene Nummer 1 bei den Roten, auf dem Feld und auch durch das Trikot signalisiert. Solider Auftakt des Schlussmannes, ein paar bekannte Schwächen beim Rauslaufen und der Strafraumbeherrschung, war sonst aber kaum gefordert. Die Torhüterposition ist das geringste Problem.
Abwehr: Starker Auftakt von Steven Cherundolo auf der rechten Verteidigerposition, bleibt zu hoffen, dass er verletzungsfrei durch diese Saison kommt. Flanken waren noch nie seine Stärke, aber dafür gibt es andere Spieler. In der Defensive sehr ordentlich. Das gilt weitesgehend auch Für Haggui und Pogatetz, wenngleich beide Spieler noch zu viele kleine Fehler im Spielaufbau hatte, sich hin und wieder verschätzt haben oder zu langsam im Stellungsspiel waren. Nichts dramatisches, summiert sich dann aber über 90 Minuten. Die Innenverteidigung ist noch stark verbesserungswürdig, vor allem wenn die richtigen Brocken kommen. Christian Schulz auf der linken Außenbahn in der Defensive war mit Abstand der schwächste Akteur am Samstag, nicht nur vor dem Gegentreffer. Hatte massive Probleme in der Rückwärtsbewegung, teilweise sehr langsam, verlor die wichtigen Zweikämpfe. Ist man von Schulz eigentlich gar nicht gewohnt. Mangels Alternativen wird Schulz die Linksverteidigerposition weiter bekleiden. Verbesserung nötig – dringend.
Mittelfeld: Nach der frühen Verletzung spielten Pinto, Konstantin Rausch, Manuel Schmiedebach und Moritz Stoppelkamp, Neuzugang aus Oberhausen. Wenn man sich vorstellt, dass letzte Saison auf diesen Positionen noch Balitsch, Bruggink, Schlaudraff und Elson spielten, merkt man wohl am deutlichsten, dass Hannover 96 sich nicht gerade verstärkt hat im Mittelfeld – um es vorsichtig zu formulieren. Deshalb muss auf den längeren Ausfall von Carlitos auch reagiert werden. Pinto mit solider Vorstellung am Samstag, mehr aber auch nicht. Konstantin Rausch auf links mit guten Ansätzen im Spiel nach vorne, nicht nur wegen seines Tores. Hatte aber Schwierigkeiten bereits im Mittelfeld defensiv zu agieren. Da hat er insgesamt zu wenig unternommen und zu viele Vorstöße der Frankfurter nicht unterbinden können. Man hat gemerkt, dass die beiden jungen Spieler im Team, Schmiedebach und Stoppelkamp, schon nervös waren. Beide gerade in der Anfangsphase des Spiels mit vielen Fehlern im Spielaufbau, mit ungenauen Zuspielen und schlechtem Positionsspiel. Das wurde im Laufe des Spiels besser. Dass beiden noch ein wenig die Erfahrung und Übersicht fehlt, ist mir bei Schmiedebach zweimal negativ aufgefallen, als er zwei gute Kontermöglichkeiten durch ein blöden Fehlpass und zu langes Ballhalten vergab. Auch hier noch ausbaufähig.
Sturm: Ich hatte immer schon ein sehr positiven Eindruck von Didier Ya Konan, wenn er noch ein wenig mit seiner Chancenverwertung arbeitet, ist das ein Stürmer, der Hannover weitergeholfen hat und definitiv weiterhilft. Pluspunkt: seine Schnelligkeit und Kopfballstärke bei vergleichsweise kleiner Größe. Mohamed Abdellaoue, der Neuzugang aus Norwegen, hatte einige sehr vielversprechende Ansätze, mehr aber auch nicht. Und mehr konnte man auch noch nicht erwarten, wurde wenig in Szene gesetzt und konnte mit den Laufwegen seiner Mitspieler auch nicht viel anfangen. Hat sich aber reingehängt – erinnert sei die Szene vor dem 1:0 an der Seitenlinie – war engagiert, hat gekämpft und gerackert. Und so einen braucht 96 im Sturm. Wenn er dann noch Tore schießt, umso besser für die Roten.
Gesamteindruck: Es war okay, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und es sind drei Punkte für den Klassenerhalt. Die nächsten Gegner heißen Schalke (A), Leverkusen (H), Wolfsburg (A) und Werder Bremen (H). Da sollte man nicht unbedingt mit Punkten am Fließband rechnen, umso wichtiger waren die drei Zähler gegen Frankfurt. Was in der Partie gegen die Hessen wieder verschärft aufgefallen ist, bleibt die fehlende Spielstärke der Roten, wenn sie selbst aktiv das Geschehen in die Wege leiten müssen. 96 reagiert besser, als dass es agiert. Viele Spieler im Spielaufbau insbesondere in der ersten Hälfte. Das Aufbauspiel von 96 krankt außerdem auch daran, dass sich insgesamt zu wenig bewegt wird, häufig muss lange Zeit nach Anspielstationen gesucht werden, es wird selten mal dem Ball entgegengekommen. Am Samstag ist mir aufgefallen, dass fast alle Spieler über 90 Minuten ihre Positionen kaum verlassen haben. Das wirkte alles sehr statisch. Ich hätte mir zum Beispiel mal gewünscht, dass Schmiedebach ein wenig mehr auf rechts rückt, Pinto etwas mehr zentraler agiert. Da gab es aber kaum Rotation. Was mir noch negativ aufgefallen ist: 96 hat sehr spät erst die Frankfurter im Spielaufbau gestört. Da war eine viel zu große Lücke zwischen Mittelfeld und Defensive. Das Mittelfeld hat dort insgesamt zu wenig gestört und versucht die Angriffe frühzeitig schon zu stören. Dass die Abwehr dann Probleme hat und nicht zu hoch stehen darf, ist auch klar. Aber 96 fehlt im neuen System und mit den neuen Spielern ein Abräumer vor der Abwehr, so wie es Balitsch die letzten Spielzeiten recht erfolgreich gemacht hat. Schmiedebach, Stoppelkamp und Pinto haben das nicht wirklich antizipiert oder hatten keine Lust dazu. Da wirkte es sich positiv aus, dass Frankfurt am Samstag nicht den Druck auf das defensive Mittelfeld der Niedersachsen aufbauen konnte.
Also insgesamt noch viel zu tun, viel Feinarbeit. Die schwierigen Spiele kommen erst noch. Und es wäre nicht schlecht, wenn sich der Verein geschlossen nach außen präsentieren könnte. Davon würden auch die Spieler profitieren.

