Ich muss zugeben, dass ich selten so enttäuscht, niedergeschlagen und schlecht gelaunt war wie am vergangenen Mittwoch nach der unglücklichen und unnötigen Niederlage von Werder in der Champions League gegen Twente Enschede. Normalerweise hake ich die Niederlagen meiner Lieblingsvereine ganz schnell ab und freue mich auf das nächste Spiel. Doch diesmal gelang das einfach nicht, zu enttäuscht war ich. Nicht unbedingt über die Leistung, sondern einfach über das Ergebnis nach den 90 Minuten. Es gibt solche Spiele in einer Saison, die wichtig sind, in denen man sich viel vornimmt und dann einfach gar nichts gelingen will. So eine Partie hatte Werder. Und wenn dann auch noch eigenes Unvermögen hinzukommt, ist es doch nur selbstverständlich, dass man ohne viel Selbstbewusstsein zum nächsten Spiel nach Stuttgart reist.
Auch wenn das jetzt blöde klingen mag, aber ich hatte ziemlich sicher mit einer Niederlage in Stuttgart gerechnet, natürlich aber nicht in der Höhe. In den vergangenen Jahren hat es Werder häufig ausgezeichnet, dass sie nach einem ganz schwachen Spiel meist gleich die nächste Offensivgala hingelegt haben. Was dann die schon seit Jahren existierenden Probleme, vor allem in der Defensive, ein wenig überdeckt. Und vielleicht auch Thomas Schaaf und Klaus Allofs ein wenig geblendet hat. Wieso die Defensive groß verstärken und umbauen, wenn man vergangene Saison auf Platz 3 der Abschlusstabelle landete und sich, wenn auch glücklich, für die Champions League Gruppenphase qualifiziert hat?
Jetzt folgte ein gutes Spiel gegen Enschede mit leider fürchterlichem Endergebnis und eine katastrophale Leistung gegen Stuttgart. Grund zur Sorge und Beunruhigung ja, Grund für Hysterie, Panik und unüberlegte Handlungen keineswegs. Wenn jetzt wieder einige aus dem Loch kriechen und alles, was in den letzten Jahren ganz offensichtlich insgesamt sehr gut funktioniert hat, in Frage stellen, kann ich das verstehen, finde es aber den falschen Weg. Und wenn man den Rücktritt von Schaaf und eventuell auch Allofs fordert, wäre es nicht verkehrt, wenn man sinnvolle und produktive Vorschläge für eine mögliche Nachfolge gleich in einem Zug nennt. Viele gibt es da eben nicht.
Die Fakten: Wie steht Werder Bremen da?
Man steht nach 11 Spieltagen mit 14 Punkten im Mittelfeld der Bundesligatabelle, sieben Punkte Rückstand auf Rang 3, fünf Zähler vor dem Relegationsplatz. Vor den beiden schlechten Spielen gegen Nürnberg und Stuttgsrt holte man aus den letzten vier Spielen 10 Punkte. Und weil es jetzt zweimal nicht geklappt hat, wird gleich alles in Frage gestellt. Dass Probleme und Defizite vorhanden sind, will ich gar nicht abstreiten. Dazu weiter unten mehr. In der Champions League enttäuschte man. Und das ist der Fakt, der mich am meisten enttäuscht hat. So erfahren in der Königsklasse, so wenig Ertrag diese Saison. Werder in dieser Saison schlicht nicht gut genug für die Champions League. Dass man im Vergleich zu Inter und vielleicht auch den Spurs die schlechteren Einzelspieler hat, mag stimmen, doch hätte man mit Erfahrung, Ruhe und Konzentration diese Nachteile kompensieren können, wenn man gewollt hätte. Jetzt hat man den Knacks in der Champions League blöderweise in die Liga mitgenommen. Vielleicht ist es gar nicht so unpassend angesichts der Position im Mittelfeld der Tabelle, wenn wir in der Rückrunde nicht mehr international spielen. Die finanziellen Folgen sind nicht absehbar, aber ich habe schon das Vertrauen, dass die Geschäftsführung nicht die Finanzen an einem Einzug ins Viertelfinale der Champions League ausrichtet. Im DFB-Pokal schied Werder unglücklich aus. Es ist eine Mischung aus eigenem Unvermögen, Inkonstanz in den Leistungen, Pech und Verunsicherung. Alles Kompnenten, die lösbar sind. Viel schwieriger scheint der mannschaftliche Zusammenhalt geworden zu sein. Das ist Aufgabe von Allofs und Schaaf – und es muss schnell gelöst werden. Und Trainer und Manager sollten nicht die Scheu haben, Arnautovic einfach mal zwei Spiele auf die Tribüne zu setzen, wenn er sich nicht wie ein Profi benimmt. Werder hätte den großen Umbruch verpasst, das ist kein Team mehr, Schaaf wirkt ratlos, erreicht wohl die Mannschaft nicht mehr. All das geistert jetzt durch den Blätterwald. Was nur zur Verunsicherung aller Beteiligten beiträgt. Nötig wäre mal eine schonungslose Fehleranalyse und Blick auf die letzten Jahre um zukünftige Krisen möglichst selten vorkommen zu lassen. Und da müssen sich auch Allofs und Schaaf kritisch hinterfragen. Es wäre aber fatal daraus zu folgern, dass ich persönliche Konsequenzen fordere. Diese Stufe der Krise wird hoffentlich nicht bestiegen.
Was sich Klaus Allofs und Thomas Schaaf vorwerfen lassen müssen
Eigentlich muss man nur auf die Anzahl der Gegentore schauen – und schon ist alles gesagt. 27 Gegentreffer in den ersten 11 Spielen, zweitschlechteste Abwehr der Liga. Der langwierige Ausfall von Naldo in der Innenverteidigung und von Sebastian Boenisch auf Linksaußen wirkt sich da natürlich auch negstiv aus, aber das wissen Schaaf und Naldo ja eben nicht seit Oktober, sondern das war in Ansätzen bereits im Sommer erkennbar. Wenn man in der Bundesliga, Champions League und im DFB-Pokal vorne mitspielen möchte, ist die Defensive qualitativ und quantitativ einfach nicht gut und umfassend genug besetzt. Und mit Verletzungen muss immer gerechnet werden. Schaut man sich die Bilanz der Gegentreffer an, ist eine klare negative Tendenz erkennbar.

Werder bekommt im Schnitt einfach zu viele Gegentore. 50 in der Saison 2008/2009 sorgten dafür, dass man sich nicht über die Liga für den interantionalen Wettbewerb qualifizieren konnte. Letzte Saison war es mit der sehr starken zweiten Saisonhälfte erträglicher. Schaut man sich die jetzige Zahl von 27 Gegentreffern an, wird die 50 mehr als nur realistisch. Und damit würde man ziemlich sicher nicht mehr im Europapokal vertreten sein. Was viel nachhaltige Auswirkungen haben könnte als eine Niederlage gegen Stuttgart. Aber bis dahin wäre ja noch genügend Zeit es zu ändern. Wie sollte Werder vorgehen? Zu allererst Hoffen auf schnelle Genesung von Naldo, Boenisch und Fritz und dann muss es im Winter Verstärkungen für die Defensive geben, keine Frage. Und zu Not muss man dann auch mal ein wenig Geld in die Hand nehmen und ein paar Risiken eingehen. Besser als nächste Saison gar kein Geld aus den internationalen Wettbewerben zu erhalten. In der Meistersaison 2003/2004 lagen die Gegentore auch bei 38, davon kassierte man aber neun an den letzten beiden Spieltagen, als man schon Deutscher Meister war. Ein Relikt aus besseren Zeiten. Die Defensive braucht Neuzugänge, aber insgesamt muss die ganze Mannschaft defensiver eingestellt sein. Vielleicht wäre es mal an der Zeit an der Spielphilosophie ein wenig zu schrauben, denn Werder hat schlicht nicht die defensive Klasse derzeit um bedingungslos nach vorne spielen zu können. Und das klappt ja auch nur, wenn man vorne die Treffer macht. Das geschieht derzeit nicht, die hohen Niederlagen und die vielen Gegentreffer sind die folgerichtige Konsequenz.
Mikael Silvestre: Von meinem Hoffnungsträger zum Sündenbock der Fans
Als Werder kurz vor Transferschluss die Verpflichtung von Mikael Silvestre bekanntgab, hielt ich das zunächst für einen guten Transfer. Und habe das auch in diversen Konversationen auf Twitter mitgeteilt. Silvestre habe trotz seiner geringen Spielpraxis eine Chance verdient, gerade bei den bekannten Schwächen von Werder auf den Außenpositionen. Ich hatte gehofft, Silvestre könnte mit seiner Erfahrung und Umsicht defensiv mehr Stabilität geben, mittlerweile steckt er sich bei den hypernervösen Mertesacker, Pasanen und Prödl aber mit dem Defensivvirus an. Und spielt weit davon entfernt, wie er spielen könnte – und das, nebenbei bemerkt, zu Beginn auch gezeigt hat. Man muss schlicht konstatieren, dass Silvestre nicht die erhoffte Verstärkung bisher ist. Da lag ich meiner Einschätzung falsch. Aber was ja nicht ist, kann ja hoffentlich noch werden.
Allerdings darf man bei aller Kritik an Allofs bezüglich der Transferpolitik nicht vergessen, dass mit der Rückkehr von Pizarro und der Verpflichtung von Wesley zwei ordentlich gute Taten vollbracht wurden. Es ist also zu einseitig zu sagen, Werder habe in den letzten Jahren eine mangelhafte Transferpolitik aufs Parkett hingelegt. Nur sieht man die vielen Schwächen viel schneller als die Erfolge, gerade in der jetzigen Phase. Und was auch nicht übersehen werden darf – das soll aber keine Entschuldigung sein – dass mit Naldo, Fritz und Boenisch eben drei wichtige Spieler in der Verteidigung fehlen. Zudem spielen viele Akteure seit Wochen unter ihren Möglichkeiten. Bargfrede, Hunt und auch Marin sein an dieser Stelle erwähnt, die Liste ließ sich ergänzen. Im offensiven Mittelfeld hat man eigentlich die nötige Tiefe im Kader und die Variation, blöd nur, wenn derzeit fast alle Spieler ihrer Form hinterherlaufen. Deshalb weitere Aufgabe für Schaaf und Allofs im Winter: Ein weiterer Stürmer zur Entlastung von Pizarro und Almeida und damit Hunt, Arnautovic und Marin sich ganz auf ihre Aufgaben im Mittelfeld konzentrieren können und damit vielleicht auch einen größeren Beitrag zur defensiven Absicherung leisten können.
Die Werder-Fans: Rückendeckung in schwierigen Zeiten oder Abspielstation für Häme?
Haben die Werder-Fans schon alles wieder vergessen? 2003/2004 Meister und Pokalsieger, 2009 erneut in Berlin erfolgreich, in den letzten sieben Jahren sechs Mal für die Champions League qualifiziert. Vizemeister 2006 und 2008, im UEFA-Cup Finale 2009 und im Pokalfinale 2010. Natürlich setzen solche Erfolge auch höhere Standards, aber Werder hatte sieben sehr erfolgreiche Jahre zuletzt. Das sollte und darf nicht vergessen werden. Schwächephasen und kleinere Krisen gab es immer zwischendurch, bisher wurden alle gemeistert, unter der Federführung von Schaaf und Allofs. Warum diesmal nicht wieder? Wenn man in den letzten Jahren mit sportlichen Tiefschlägen immer mit der ruhigen Strategie erfolgreich gefahren ist, wieso jetzt in Panik verfallen und jeden Stein umdrehen? Und das sollten sich die viele Fans im Stadion auch einmal bewusst werden. Unmutsbekundungen über ein schlechtes Spiel gerne, aber Spieler permanent auspfeifen geht einfach gar nicht. Und damit tun die Fans der Mannschaft keinen Gefallen. Wenn es nicht so gut läuft, sollte man zusammenrücken, Spieler, Umfeld und Fans. Es ist doch keinem geholfen, wenn Silvestre jetzt zum Sündenbock für die Unzufriedenheit der Fans gemacht wird. Ein trauriges Bild, das einige Werder-Fans in den letzten Tagen abgegeben haben. Und da kann ich auch den Ärger von Thomas Schaaf verstehen.
Was im Umfeld von Werder jetzt nicht passieren sollte
Bitte keiner Trainerdiskussion, auch wenn es ganz viele Zeitungen in Deutschland, insbesondere in Hamburg, herbeireden wollen. Und die Werder-Fans, die Schaaf nicht länger an der Seitenlinie sehen wollen, müssen dann auch mal sagen, wie es ohne Schaaf weitergehen soll. Aber vielleicht können sie es sich auch gar nicht vorstellen. Auch wenn es blöd klingen mag, sind in der jetzigen Phase Hysterie, Panik und Schnellschussaktionen die falschen Ratgeber. Neben den kurzfristigen Maßnahmen zur Eindämmung der Krise muss bei Werder auch langfristig einiges passieren. Der Vertrag mit Almeida läuft aus und sollte verlängert werden. Es muss ein Konzept entwickelt werden, wie Werder auch mit finanziellen Ausfällen zurecht kommen kann. Und nicht zuletzt: Es muss mal ein wenig Geld in die Hand genommen werden – es sollte ja noch ein wenig in der Hinterhand sein – um die Defensive im Winter zu stärken. Und vielleicht am wichtigsten: Innnerhalb der Mannschaft muss sich was ändern. Es gab ja auch in den letzten Jahren immer mal ein paar Spannungen. In der jetzigen Phase wäre es nicht verkehrt, die persönlichen Wünsche hintenanzustellen. Frings mag ein Leader sein, auch neben dem Platz. Ich weiß aber nicht, wie es ankommt, wenn er sich in der Presse beklagt.
“Ich schäme mich für uns”, sagte Tim Wiese nach der Partie in Stuttgart. Der Torhüter ist derzeit vielleicht der einsamste Mann auf dem Platz. Angesprochen, wie er denn es sehe, wenn ständig in der 80. Minute noch Konter auf ihn zurollen. Wiese findet keine wirkliche Erklärung. “Ja, das ist halt das, was wir die ganzen letzten Jahre falsch machen.” Und das ist das, was mich derzeit ein wenig ratlos macht. Man erkennt seit Jahren die Probleme, gelöst hat man sie noch nicht. Aber ob es wirklich ein anderer Trainer könnte?
Weitere Artikel zur Krise bei Werder Bremen:
Tobias/Meine Saison: Kein Abschied von Thomas Schaaf
Johan/Werder-Fußball-Blog: Abschied von Thomas Schaaf
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Werderblog: Es war eine schöne Zeit mit Ihnen, Herr Schaaf
Worum-Blog: Schneid abgekauft – was nun?
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