Wenn im September eine neue Saison in der deutschen Eishockey-Liga startet, ist das der Moment, auf den alle 14 Teams hinarbeiten: das DEL-Finale. In der Serie Best of five stehen sich ab heute die Grizzly Adams Wolfsburg und die Eisbären Berlin gegenüber, das drittbeste Team der Vorrunde gastiert am Freitag zunächst beim Hauptrunden-Primus in Wolfsburg. Die Grizzlys stehen zum ersten Mal in einem DEL-Finale.
Und an dieser Stelle wären wir schon bei einer Dimension dieses Finales, die fernab der Überlegenheit des Teams von Pavel Gross diese Serie prägen wird. Wolfsburg hat die Hauptrunde und auch die Playoffs in einer Art und Weise dominiert, die jedem Finalgegner Schrecken einjagen müsste. Es sei denn, dieser Gegner heißt Eisbären Berlin. Denn was Wolfsburg vermeintlich an Finalerfahrung fehlt, haben die Eisbären aus der Hauptstadt fast schon im Blut. Aber zunächst einmal zu den Wolfsburgern. Die Behauptung, dass die Grizzlys überhaupt noch nie ein Finale gespielt haben, stimmt nicht ganz. 2009 wurden sie Pokalsieger gegen die Hannover Scorpions. Doch reicht das an nötiger Voraussetzung für eine Finalserie gegen die Eisbären Berlin? Sonst war für Wolfsburg bisher das Tor zum Finale immer verwahrt. 2009 im Viertelfinale gegen Hannover raus, 2010 im Halbfinale gegen Augsburg. Da ist der Finaleinzug 2011 fast schon der nächste logische Schritt gewesen. Die Mannschaft hat sich kontinuierlich weiter entwickelt und will jetzt ihren ersten großen Titel. Jene großartige Erfahrung, welche die Eisbären Berlin schon mehrmals feiern durften. Viermal gewannen die Eisbären die deutsche Meisterschaft, zuletzt 2009 gegen Düsseldorf. Auch das Jahr davor feierte man den Titel. 2010 reichte es nicht für die Meisterschaft, als Ersatz nahm man die European Trophy mit in die heimische Glasvitrine. Will sagen: Wenn eine Mannschaft weiß, wie man Titel gewinnt, dann sind es die Eisbären Berlin. Fragt sich nur, ob die Bären noch hungrig auf weitere Erfolge sind.
Dass sie es sind, haben sie am Dienstag in Spiel 5 in Düsseldorf gezeigt, wo man souverän, abgeklärt und erfolgreich einen 3:1-Sieg einfuhr. Es war die vielleicht beste Leistung bis dato in den Playoffs 2011. Das ist zum einen erfreulich, wenn die Spieler von der Leistung da sind, wenn es wirklich drauf ankommt. Zum anderen haben die Duelle gegen den ERC Ingolstadt und die DEG aber offenbart, dass die Eisbären von der völligen Dominanz und Souveränität der vergangenen Jahre noch ein gutes Stück entfernt sind. In Spiel 1 und 3 in Düsseldorf agierte man taktisch viel zu offen und machte in den spielentscheidenen Phasen die Fehler, etwas, was von den Eisbären bis 2009 kaum gewohnt war. Auch in Spiel 3 im Viertelfinale gegen Ingolstadt vor heimischer Kulisse ließ man sich die Butter vom Brot nehmen – nur um dann wieder zu zeigen, wie stark, selbstbewusst und kompromisslos man eigentlich auftreten kann. Spiel 4 in Ingolstadt war der erneute Beweis. Schaut man auf die Grizzlys Adams Wolfsburg, kann man die bisherigen Playoffs eigentlich recht schnell abhaken. Zwei Sweeps gegen Köln und Krefeld. Man konnte die bärenstarke Form der letzten Spiele aus der Hauptrunde in die Playoffs mitnehmen. Zwei Punkte schränken die angebliche Souveränität der Wolfsburger aber ein wenig ein. Der Gegner im Viertelfinale hieß nur Köln und in der Serie gegen die Pinguine waren alle Spiele eng und umkämpft mit dem stets glücklicheren Ausgang für Wolfsburg. Das ist dann natürlich in erster Linie individueller Qualität zu verdanken, nur hätten die Spiele 2 und 3 genauso gut an Krefeld gehen können. Vom Ergebnis dominant und souverän, die Spiele der Wolfsburger waren es nicht durchgängig. Es duellieren sich zwei Teams auf Augenhöhe. Blickt man auf die Bilanz der direkten Duelle, spricht diese eine klare Sprache für die Mannschaft von der Spree. Die letzten acht Duelle gewannen alle die Eisbären. Gewöhnlich spricht man bei solchen Teams von Angstgegner, nicht aber in den Playoffs, wo Serien meist gar nichts wert sind oder zumindest nur eingeschränkt gelten.
Die beiden größten Trümpfe der Gastgeber von der Aller sind die exzelltente Defensive – die Grizzlys stellten die beste Abwehr der Hauptrunde – und der in den Playoffs überragende Stürmer Ken Magowan. Mit seinen neun Treffern hat der Kanadier, der 2008 vom Zweitligisten SC Riesersee nach Wolfsburg wechselte, Maßstäbe gesetzt. Mit Jochen Reimer hat Wolfsburg in den Playoffs den stärksten Torhüter gehabt. Fast 95% aller Schüsse hat Reimer, der im Sommer zum EHC München wechselt, gehalten. Auf Platz 2 in der Liste folgt übrigens Rob Zepp von den Eisbären. Der deutlichste Vorteil könnte sich bei den Special Teams zeigen. Wolfsburg hatte in der Hauptrunde schon ein gutes Powerplay und das Überzahlspiel in den Playoffs nochmal verbessert, die Quote liegt bei knapp 27 Prozent. Nun sind insbesondere die Eisbären während der laufenden Saison nicht unbedingt für erfolgreiches Unterzahlspiel bekannt gewesen. Das hat sich in den Playoffs aber insgesamt ein wenig verbessert, gleichwohl hat die Serie gegen Düsseldorf gezeigt, dass, wenn man schnell spielt und zwei schlagfertige Schützen an der blauen Linie hat, die Chancen auf Powerplay-Tore groß sind. Das könnte der Schlüssel für Wolfsburg zum Titel sein. Mit Jan-Axel Alavaara und Sebastian Furchner hat Wolfsburg zwei Akteure in ihren Reihen, die von der blauen Linie treffen können. Dazu die spielstarken und schnellen John Laliberte, Tyler Haskins und Norm Miley. Das werden keine entspannten Nachmittage für Zepp im Berliner Tor.
Und die Eisbären? Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung. Stefan Ustof fast 500 DEL-Spiele, Florian Busch über 300 Spiele, Andre Rankel ebenso, Frank Hördler ein paar weniger. Und das um nur mal einige Zahlen zu nennen. Und den Berlinern fehlt mit Denis Pederson noch ein weiterer Routinier verletzt. Mit Rob Zepp hat Berlin einen sehr guten Torwart und spielt in fast jedem Spiel mit vier Reihen. Don Jackson vertraut auch seinen jüngeren Spielern. Das ersetzt und ergänzt die Verantwortung und Erfahrung der ersten und zweiten Sturmreihe. Von den Statistiken ist Berlin jetzt gar nicht so auffällig, positiv wie negativ. Mannschaftliche Geschlossenheit bringt den Erfolg. Das überragende Publikum in der ausverkauften O2-World tut das Übrige dazu bei. Und dann hat Berlin mit Don Jackson einen Trainer, der 2008 und 2009 schon mit den Eisbären Meister wurde und schon mal den Stanley Cup in die Höhe recken durfte. Spieler wie Trainerteam sind erfahren im Gewinnen von Titeln. Spieler und Trainer wissen, was sie zu tun haben.
Die Bilanz zwischen beiden Teams aus den letzten Hauptrunden lassen wir jetzt mal außen vor. Es wird sicherlich eine engere Serie, als die Hauptrundenspiele es vermuten lassen. Wolfsburg geht ausgeruht in diese Finalserie, Berlin ist im Spielrhythmus und hat bisher keinerlei Anzeichen von Müdigkeit aufkommen lassen. Wenn Wolfsburg Spiel 1 zuhause gewinnt und schnell in das erfolgreiche Powerplay reinfindet, haben sie ganz gute Chancen. Laufstark sind beide Teams, Wolfsburg noch ein wenig mehr als Berlin. Ob es also so viele Strafen geben wird, bleibt abzuwarten. Berlin muss eigene Unterzahlspiele tunlichst vermeiden. Wenn ich mich festlegen würde, reichen Berlin die größere Erfahrung gegen die starken Wolfsburger Individualkünstler und das perfekte Powerplay. Die Eisbären gewinnen die Finalserie 2011 mit 3:1.