Es ist aus Sicht eines Gunners-Fan schon nicht mal mehr tragisch, dass man nach jeder Saison und im Vorfeld einer neuen Spielzeit mit denselben Gedanken auseinandersetzen muss. Behalten wir unsere Topspieler, wer kann das Team verstärken, wann gibt Wenger endlich mal das ganze Geld aus? Und vielleicht viel wichtiger: Wann gewinnt der FC Arsenal endlich mal wieder einen Titel? Die letzten Wochen haben nicht unbedingt zur kollektiven Beruhigung beigetragen, dass es nächste Saison soweit sein könnte. Für Arsene Wenger ist noch ganz viel zu tun. Zentralste Aufgabe wird es auch werden das Team nach dem enttäuschenden letzten Saisondrittel wieder mental und psychologisch aufzubauen.
Im Mai 2010 schrieb ich in einem längeren Blogeintrag zur Situation beim FC Arsenal die folgenden Zeilen. Sie sind aktueller denn je. Kontinuität bei den Gunners. Nur ernüchternd aus Sicht vieler Fans:
“Wieder einmal zeigte man in den entscheidenen Spielen gegen die Big Four viele Schwächen, war nicht auf den Punkt genau fokussiert. Gleichzeitig muss man den Gunners aber zugute halten, dass sie besonders viele enge Spiele in den letzten Minuten erst gewonnen habe, das Team, was Mentalität, Moral und Geschlossenheit angeht, sehr positiv weiterentwickelt hat. Aber aus Sicht vieler Fans noch nicht weit genug. Umso erstaunlicher war das Ankündigen von Arsene Wenger Anfang diesen Monats, dass er plane, den Kader sukzessive zu verstärken um einen neuen Angriff auf die Meisterschaft zu starten. Einen Prozess, den Wenger die vergangenen Jahre nie begonnen hatte. Aber scheinbar hat auch der Franzose spätestens jetzt erkannt, dass Unerfahrenheit gepaart mit Verletzungen und Formschwäche einiger Spieler zu viele unbekannte Variablen über eine Saison hinweg sind.”
In Kurzform: Wieder kein Titel trotz großer Erwartungen. Insgesamt vielleicht weiterentwickelt. Jetzt drohen Abgänge, neue Spieler müssen her. Für die nächste Saison soll endlich ein Titel her. The same procedure as every year.
Aber der Reihe nach: In der letzten Saison gab es auch viele positive Aspekte und Erscheinungen. Man stand im Carling Cup-Finale, scheiterte im Achtelfinale der Champions League an einem übermächtigen Gegner. Man zeigte teilweise brilliante Leistungen gegen die Big Four, war auswärtsstärkste Mannschaft der Liga. Jack Wilshere spielte eine blendende Saison im defensiven Mittelfeld. Das ist die eine Seite. Die andere lautet: Unnötige Heimniederlagen gegen West Brom, Newcastle und Tottenham. Viele Führungen verspielt. Im Sturm nicht breit genug aufgestellt. Und defensiv zu viele Fehler gemacht. Es reicht zu einer sehr guten Mannschaft, zum Top-Team fehlt noch ein ganzes Stück. Wie jedes Jahr.
Und wie jeden Sommer hat Arsene Wenger von den Besitzern des Vereins und der Aktienholding ausreichend Geld zur Verfügung gestellt bekommen um neue Spieler zu kaufen. Um auslaufende Verträge zu verlängern. Um Stars längerfristig ans Team zu binden. Nur scheint Geld dafür nicht mehr die entscheidene Komponente zu sein, sondern Titelgewinne. Im Vergleich zu vielen anderen Top-Teams in Europa hat Arsenal zwar eine Menge Geld, aber keine Titel in den letzten Jahren vorzuweisen. Make your math, Mister Wenger!
Bisher nur Abgänge: Arsenal auf dem Transfermarkt
Noch hat Wenger kein Vollzug bei neuen Spielern gemeldet. Das Team geht nächste Woche auf Asienreise, also fraglich, ob dann Wenger viel Zeit hat kostenintensive Spielerwechsel einzufädeln. Linksverteidiger Gael Clichy hat die Gunners in Richtung Manchester City verlassen. Nachwuchshoffnung Mark Randall wurde zu Viertligist Chesterfield ausgeliehen. Es ist also bisher erstaunlich ruhig in der Geldbörse vom FC Arsenal gewesen. Das macht viele Arsenal-Fans nervös. Und es heißt viel, wenn man schon Anfang Juli während der Sommerpause tagsüber beim Kauen der Fingernägel erwischt wird, wenn man sieht, dass eines der vielen Gerüchte bezüglich neuer Spieler für Arsenal nicht eingetreten ist. Da ist es nicht mal mehr beruhigend, dass junge Spieler wie Carlos Vela (war ausgeliehen an West Bromwich Albion), Henri Lansbury (Leihe an Norwich City) und Jay Emmanuel-Thomas (Ausleihe an Cardiff City) wahrscheinlich wieder ins Emirates zurückkehren. Das mag Arsenals Zukunft sein. Für die Gegenwart Titel zu gewinnen sind sie alle noch nicht gut genug.
Wie weiter ohne Fabregas und Nasri?
Auch so ein Kassenschlager in jedem Sommer eines Arsenal-Fans: Wenger steht vielleicht vor seiner wichtigsten Saison bei den Gunners. Der Franzose steht vor einer großen Herausforderung. Fraglich, wie langer Wenger mit seinem dauerhaften Optimismus die Fans und das Umfeld noch ruhig halten kann. Erstes großes Ziel wird die Qualifikation für die Champions League im August sein. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, sollte Arsenal doch Europa League spielen müssen. Und dass man überhaupt in solche Situation hineingerutscht ist, hat sich das Team durch die schwachen Leistungen am Saisonende selbst ermöglicht. Da wird sich Wenger noch so anstrengen können: Mittlerweile scheint es ziemlich sicher, dass Fabregas London in Richtung Barcelona verlassen wird und Nasri bei Manchester City unterschreibt. Das berichten heute übereinstimmend der Independent und die Daily Mail. Arsenal scheint bereit Fabregas für 35-40 Millionen Pfund zum FC Barcelona abzugeben, während Nasri, der noch ein Jahr Vertrag hat, für rund 23 Millionen Pfund nach Eastlands wechselt. Letzte finanzielle Details sind zu klären. Aber als Arsenal-Fan scheint es nicht verkehrt sich langsam damit anzufreunden, Nasri und Fabregas nächste Saison nicht mehr im Trikot der Gunners zu sehen. Und das ist auch Wenges Philosophie: Er versucht alles die Stars zu behalten. Aber wenn er sieht, dass er sie nicht halten werden kann, lässt er sie gehen. Das trifft in erster Linie auf Fabregas zu, der zu seiner großen Liebe Barcelona zurück will.
Ein möglicher Wechsel von Samir Nasri hätte noch eine andere Komponente, die von Wenger-Kritikern immer wieder hervorgebracht wird. Wenger will es verhindern, dass die Gehälter bei Arsenal in schwindelerregende Höhen schießen. Finanzielle Kosolidierung first. Das verhindert zum Beispiel auch eine Vertragsverlängerung von Nasri. Eigentlich darf man Nasri in der derzeitigen Form nicht abgeben und ihm lieber einen neuen hochdotierten Vertrag geben. So würden es wohl auch Man Utd, Chelsea und Man City machen. Aber leider eben nicht Arsenal. Da werden die möglichen 40 Millionen Pfund aus dem Fabregas-Transfer lieber als Reserve aufs Konto gelegt. Wenger könnte bald auch EU-Sparbeauftragter für Griechenland werden. Arsenal hätte ja das Geld für Vertragsverlängerungen und neue Transfers. Wenger will es einfach nicht zum Fenster rausschmeißen. Der Franzose spricht weiterhin von punktuellen Verstärkungen. Sollten Fabregas und Nasri gehen, bräuchte es aber mehr. Da würde eine erfolgreiche Mittelfeldachse wegbrechen. Berücksichtigt man darüberhinaus noch, dass beide offensiv wichtige Tore schießen können und ihr Team durch schwierige Phasen führen können, ist es fast schon besser, Nasri noch eine Saison in London spielen zu lassen und ihn dann ablösefrei ziehen zu lassen.
Punktuelle Verstärkungen reichen nicht: das Problem Innenverteidigung
Offensiv mag der FC Arsenal ganz gut besetzt zu sein. Defensiv hat die letzte Saison wieder eindrucksvoll offenbart, dass die Qualität für Titel nicht reicht. Mit Sagna auf rechts und Gibbs auf links ist man ja nicht schlecht aufgestellt. Ich denke, dass Wenger sich auch noch Ersatz für Clichy holt. Sorgenkind ist und bleibt die Innenverteidigung. Größtes Fragezeichen steht ausgerechnet hinter Thomas Vermaelen. Der Belgier hat fast die komplette letzte Saison verletzt gefehlt. Sollte er fit bleiben und an seine Form aus 2009/2010 anknüpfen, ist eine Baustelle fast geschlossen. Koscielny und Djourou spielten ordentlich und können sich vielleicht nochmal steigern. Trotzdem sind drei sehr gute Innenverteidiger eigentlich zu wenig. Song zurückziehen ist die völlig falsche Option, Sebastien Squillaci zeigte zuletzt große Schwächen und verlor bei Arsenal-Fans ganz viel Kredit. Aufgabe für Wenger: den Transfer eines erfahrenen Innenverteidigers möglich machen. Phil Jones wäre ein möglicher Kandidat gewesen. Doch der Ex-Rovers zog Manchester United vor. Zu teuer für Wenger. Phil Jagielka vom FC Everton wird immer mal wieder gehandelt. Die Liste lässt sich fortsetzen: Gary Cahill von den Bolton Wanderers, Mamahdou Sakho (Paris St. Germain), Jan Vertoghen (Ajax Amsterdam), Christopher Samba (Blackburn Rovers), oder Kyle Bartley (Celtic Glasgow). Alles Namen, die immer mal wieder genannt werden. Spieler, die Wenger teilweise seit Jahren auf dem Zettel hat. Bloß hat noch keiner den Rasen des Emirates Stadium als Arsenal-Spieler betreten. Das ist die Ernüchterung, mit der Arsenal-Fans immer wieder konfrontiert werden.
Problemfälle im Kader: Bendtner, Arshavin, Almunia, Chamakh, Denilson
Bei all dem ganzen Theater nach Neuverpflichtungen darf nicht übersehen werden, dass Arsenal noch eine Menge Altlasten mit sich schleppt, Spieler, welche die hohen Erwartungen nicht mehr erfüllen können, keine Lust mehr haben oder noch darauf hoffen, eine zweite Chance zu bekommen. Zumindest zwei Namen können wir vielleicht demnächst aus der Liste streichen. Die BBC meldete heute Nachmittag, dass Arsenal nicht länger mit Almunia und Bendtner plane. Für Denilson sollen einige Interessenten, unter anderem auch Bayern München, vor der Tür stehen. Fragt sich, wie die Zukunft von Andrej Arshavin aussieht. Potential beim Russen ist definitiv da, nur zeigen konnte er es letzte Saison nur selten, fiel stattdessen durch Unlust und Teilnahmelosigkeit auf. Bekommt Arshavin noch eine Chance? Angeblich stand ein Wechsel zu seinem ehemaligen Verein Zenit St. Petersburg kurz bevor. Aber Sie wissen ja, wie das ist mit Gerüchten und Arsenal in diesen Tagen. Sie werden selten wahr. Auf einen Arshavin in der Form der Vorsaison lässt sich definitiv verzichten. Auch noch nicht final ist die Zukunft von Marouane Chamakh geklärt. Paris St. Germain hat zwar ein Angebot für den Stürmer abgegeben, Chamakh möchte aber gerne in London bleiben und sich nochmal beweisen. Dann müssen deutlich mehr als sieben Tore wie in der Vorsaison kommen.
Wer könnte noch kommen? – ein wenig Spekulation und Hoffnung?
Klar ist, dass Arsenal sich noch verstärken muss. Bisher ist ja überhaupt kein prominenter Neuzugang verkündet. Anfang der Woche könnte endlich Vollzug gemeldet werden. Der Wechsel von Gervinho soll in trockenen Tüchern sein. Mittwoch war er bereits zum Medizincheck in London, am Montag soll er offiziell vorgestellt werden. Knapp 11 Millionen Pfund soll Arsenal bezahlt haben, Gervinho bekommt einen 4-Jahres-Vertrag. Ich begrüße den Transfer, habe zwar letzte Saison nur wenig von Gervinho gesehen. Aber von der Spielweise sollte er hervorragend zu van Persie in den Sturm passen. Bleibt zu hoffen, dass die Verpflichtung von Gervinho der Startschuss für weitere Transfers ist. Was gibt es noch zu tun? Szczesny braucht sicherlich noch einen erfahrenen Rückhalt, einen Torhüter, der den Polen noch fördern und etwas beibringen kann. Es wird ein Linksverteidiger und ein Kämpfer im Mittelfeld benötigt – zumal Alex Song im Winter beim Afrika-Cup verweilen wird. Je nach Verbleib von Nasri ein kreativer Kopf mit Spielmacherqualitäten. Die Liste an Innenverteidigern ist, wie weiter oben gelesen, ja lang. Da sollte sich jemand die nächsten Wochen finden. Wäre Per Mertesacker nicht verletzt, könnte man den Bremer auch auf diese Liste setzen. Yoann Gourcuff von Olympique Lyon, Leighton Baines vom FC Everton für die linke Seite, Juan Mata vom FC Valencia. Ich will die Liste der Namen nicht länger machen. Und sogar mit Karim Benzema könnte ich mittlerweile leben.
Fest steht vor allem, dass sich endlich was tun muss. Gervinho war hoffentlich nur der Anfang. Die Floskel Arsene knows ist langsam ausgereizt. Geld ist da. Geld wird kommen. Gute Spieler sind auf dem Markt. Jetzt ist es an der Zeit für Wenger über seinen Schatten zu springen: Time to deliver, Mister Wenger.