Und was nun, Herr Wenger? [Season 2011/2012, Episode 3]
Januar 2012, 22 Spiele sind in der Premier League Saison 2011/2012 gespielt, der FC Arsenal hat 36 Punkte, 18 Zähler Rückstand auf Tabellenführer Manchester City. Noch nie standen die Gunners in der Ära von Arsene Wenger so schlecht da zu diesem Zeitpunkt in der Saison.
Es herrscht Ratlosigkeit beim Verein. Und auch bei den meisten Fans, mir eingeschlossen. Ich habe keine Erklärung für die mäßige Leistung gegen Manchester United in der ersten Hälfte finden können. Viele Gedanken, viele Notizen, aber kein Schema, das die vielen Fehlpässe, mangelnde Abstimmung im Mittelfeld und die geringe Kreativität in der Offensive klären könnten. Mangelnde Erfahrung als Begründung fällt weg. Und dass Arsenal schönen Fußball spielen kann, haben sie 20 Minuten in der zweiten Halbzeit demonstriert. Nur warum erst dann?
Der Verein bewegt sich in eine dramatische Situation. Die Qualifikation für die Champions League steht auf ganz wackeligen Füßen, die Gunners können noch nicht mal sicher sein, sich überhaupt für Europa zu qualifizieren. Schlechter kann die sportliche Lage auch im Hinblick auf eine Vertragsverlängerung von Robin van Persie eigentlich nicht sein. Die aktuelle Lage ist kritisch.
Was ist los beim FC Arsenal, wo liegen die Gründe für das mangelnde sportliche Abschneiden? Zwei Sachverhalte sind ganz offensichtlich, die auch als Hauptgründe für die sportliche Krise angeführt werden können. Blöd nur, dass im Verein keiner darauf reagiert.
Zu viele Verletzungen
Die Liste der verletzten Spieler ist schlicht zu lang. Es ist ja fast schon paradox, dass ausgerechnet Robin van Persie noch keine Saisonspiel verletzt gefehlt hat. Mit Thomas Vermaelen, der mittlerweile wieder fit ist, Sagna, Carl Jenkinson, Kieran Gibbs und Andre Santos fiel nahezu der gesamte Defensivverbund aus. Auf den Außenverteidigerpositionen spielten Innenverteidiger. Das erschwerte Druck über die Flügel aufzubauen. Mit Jack Wilshere und teilweise jetzt Mikel Arteta fehlen die Schaltstellen im defensiven Mittelfeld, jene Spieler, die Impulse für das Offensivspiel geben sollen. Ersatz in persona Abou Diaby fehlt ebenfalls verletzt. Zu allem Überfluss hatte sich vor dem so wichtigen Spiel gegen Manchester United auch Thierry Henry verletzt. Viele Spieler kommen in den nächsten Wochen zurück. Hoffentlich ist es noch nicht so spät.
Zu viele wichtige Spieler im Formtief
In Abwesenheit von Jack Wilshere musste insbesondere Aaron Ramsey viele Spieler absolvieren. Der Waliser wirkte in den letzten Spielen müde und erschöpft, was völlig verständlich ist, zumal Ramsey vor einem Jahr noch mit Beinbruch verletzt an seinem Comeback arbeitete und erst im Frühjahr wieder den Spielbetrieb aufnahm. Theo Walcott hatte einen guten Saisonstart, spielt in den letzten Wochen aber auch zu unkonstant. Chamakh im Sturm ist ein Schatten seiner selbst. Die ständigen Bekundungen, dass er irgendwann seine Form finde und den Durchbruch bei Arsenal schaffen werden, klingen wie Durchhalteparolen. Gleiches gilt für Andrej Arshavin, der spätestens nach dem Spiel am Sonntag sich endgültig aus den Herzen der Fans gedribbelt hat.
Der FC Arsenal hat eigentlich nur eine starke Achse derzeit im Team. Das sind Torhüter Szczesny, Koscielny in der Innenverteidigung, Song im defensiven Mittelfeld (zum Glück ist der nicht beim Afrika-Cup!) und Robin van Persie im Sturm. Und diese Achse reicht einfach nicht um ganz vorne mithalten zu können.
Die Stimmung bei den Fans ist gereizt, man ist unzufrieden über die sportliche Situation. Die Auswechselung von Alex Oxlade-Chamberlain war das Ventil, in dem es sich entladen hat. Es ist verständlich, nur kann man Wenger da nicht den größten Vorwurf machen. Hätte Arshavin den entscheidenen Pass gespielt, wäre Wenger der Held gewesen. Man kann mit Spielerwechseln richtig oder falsch liegen, Wenger liegt häufig richtig. Die Fans haben überreagiert, vielleicht war es auch gar nicht die Auswechselung an sich, sondern die generelle Unzufriedenheit. Wenger hat Recht. Er muss seine Auswechselungen nicht rechtfertigen. Die starre Haltung des Trainers wie die Reaktion der Fans zeigt, wie angespannt die Lage bei den Gunners ist.
Der FC Arsenal hat die letzten drei Spiele verloren und war teilweise nicht wieder zu erkennen. Viele Abspielfehler in der Vorwärtsbewegung, ein ganz langsamer Spielaufbau mit vielen Querpässen. Das kennt man von Arsenal gar nicht. Das Offensivspiel hat wenig Dynamik. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison. Mittlerweile wissen die Gegner perfekt, wie gegen Arsenal verteidigt werden muss. Swansea hat es vorgemacht. Und da Arsenal weiterhin defensive Aussetzer produziert, werden solche Spiele stets knapp verloren.
Und den großen Vorwurf, den man Arsene Wenger machen muss, ist, dass er für diese Situation und diese Entwicklung keinerlei Lösungsmöglichkeiten hat. Seine Sturheit bloß keine neue Spieler zu kaufen, steht im krassen Widerspruch zu der Notwendigkeit. Im Prinzip hat Arsenal einen brauchbaren Stürmer. Das soll reichen? Natürlich kommen einige wichtige Spieler demnächst zurück ins Team. Aber kann es der Anspruch der Gunners sein, um Platz fünf mitzuspielen? 39 Tore geschossen, 33 Treffer kassiert. Beides sind im Vergleich zu den Konkurrenten die schlechtesten Werte. Wenger scheint jeglichen Bezug verloren zu haben, wenn er öffentlich sagt, dass kein Bedarf für Neuverpflichtungen besteht.
Wenger geht ein hohes Risiko ein: Sollte es am Saisonende nicht für die Champions League reichen, dürfte es das für Wenger bei Arsenal gewesen sein. Nicht weil er rausgeschmissen wird, sondern weil sogar er dann sicherlich erkennt, dass er dem Verein nicht weitergeholfen hat. Nicht nur Wenger geht ein hohes Risiko ein, auch der Verein steht vor einer immensen Herausforderung: In der Europa League zu spielen kann sich Arsenal eigentlich nicht leisten, zumal dann wichtige Spieler, wie Van Persie oder Walcott, nur schwierig zu halten sein werden. Wenn sich Arsenal und Wenger schon weigern exorbitant hohe Gehälter zu zahlen und damit einen klaren Wettbewerbsnachteil gegenüber Tottenham, Chelsea und den Klubs aus Manchester hat, wäre es zumindest angemessen, dieses Geld in einen breiten Kader zu stecken. Und der ist zumindest in der Offensive nicht gegeben.
Es wäre ein fatales Zeichen, sollte van Persie am Saisonende den Verein verlassen, weil er sportlich keine Perspektive im Verein sieht. Wenn Wenger so weitermacht, steigen die Chancen auf dieses bedauerliche Ereignis.
Die nächsten Hürden heißen Aston Villa im FA-Cup, dann Bolton auswärts in der Liga. Es folgt ein Heimspiel gegen Blackburn, bevor es zum FC Sunderland geht. Klingt alles machbar, nur hat Arsenal zuletzt genau solche Spiele verloren.
Wenger hat in den letzten Tagen viel Kredit bei den Fans verspielt. Es wird Zeit brauchen, bis die Fans wieder zufrieden sind. Eigentlich helfen nur Siege – oder vielleicht mal ein, zwei neue Spieler. Sonst heißt es bald: In Arsene we trusted.

