Wenn ein Fußballspieler seit acht Jahren bei einem Verein aktiv ist und seit 2004 bei diesem Klub, der den Anspruch hat Titel zu gewinnen, nur ein einziges Mal Pokalsieger wird und jetzt vor der Frage steht, ob er seinen Vertrag verlängern soll oder lieber zu einem Klub, der Titel garantieren kann, wechselt, dann hat der Verein wenig ausschlaggebende Argumente auf seiner Seite. So ähnlich stellt sich derzeit die Lage um die Vertragsverlängerung von Robin van Persie beim FC Arsenal dar. Es ist das wichtigste Sommerprojekt von Trainer Arsene Wenger und Vorstandvorsitzendem Ivan Gazidis: ein neuer Vertrag für Robin van Persie, dem Torschützenkönig der vergangenen Premier League Saison. Doch der Kampf scheint verloren zu gehen für den FC Arsenal. Regelmäßig bis im Viertelfinale der Champions League zu spielen scheint für van Persie verständlicherweise nicht befriedigend genug zu sein.
Mit großer Spannung war das Treffen von Wenger, Gazidis, van Persie und dessen Berater am Mittwoch erwartet worden. Trainer und Verein haben nur ein Ziel, nämlich die Vertragsverlängerung von van Persie. Intern scheint sich der FC Arsenal darauf geeinigt zu haben, finanziell bis an die Schmerzgrenze zu gehen für eine Gehaltserhöhung des Niederländers. Das heißt: deutlich mehr Geld, aber mit Blick darauf, dass das Gehaltsgefüge bei den Gunners nicht völlig aus dem Ruder läuft. Fakt ist aber auch: Es ist immer noch deutlich weniger Gehalt, als die finanziellen Schwergewichte der Premier League ihren Superstars bezahlen. Der Daily Mirror berichtet in seiner Freitagsausgabe, dass Arsenal ein Wochengehalt von 130.000 Pfund angeboten haben soll. Zum Vergleich: Yaya Toure und Sergio Aguero verdienen bei Manchester City 200.000 Pfund pro Woche. In solche Kategorien würde Robin van Persie nicht zwangsläufig vorstoßen wollen. Der Niederländer würde das sicherlich gerne mitnehmen, viel wichtiger scheint ihm aber die Möglichkeit, Titel zu gewinnen. Und da war er in den letzten acht Jahren bei Arsenal schlicht an der falschen Adresse. Und er wurde mehrmals enttäuscht, als nach dem fehlenden Titelgewinn Arsenal wieder keine Superstars holte und häufig in der letzten Stunde hektische Transfers tätigte. Zum ersten Mal in den vergangenen Jahren findet beim FC Arsenal ein Umdenken statt: mehr Investitionen in neue Spieler, frühzeitges Kümmern um Vertragsabschlüsse und der Aufbau einer Mannschaft, die potentiell um den Titel mitspielen kann, ergänzt durch einen breiten Kader mit einem Konkurrenzkampf um zentrale Schlüsselpositionen im Team. Für Robin van Persie findet das Umdenken bei Arsenal zwei Jahre zu spät statt.
Und so kann als Ergebnis des ersten Gesprächs festgehalten werden: Robin van Persie hat das Angebot von Arsenal abgelehnt und keinen neuen Vertrag unterschrieben. Weitere Gespräche finden erst nach der Europameisterschaft statt. Es scheint daher sehr wahrscheinlich, dass van Persie die Gunners verlässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Arsenal noch mehr Geld auf den Tisch legt. Und die Interessenten für van Persie stehen Schlange: Juventus Turin und Manchester City sollen deutliches Interesse gezeigt haben. Verliert Arsenal nach Adebayor, Clichy und Nasri einen weiteren Spieler nach Eastlands? Fakt ist: Arsenal hat diverse Zwischenschritte nicht erreicht. Und vielleicht hätte der Verein eher mit Verhandlungen beginnen müssen, vielleicht schon letztes Jahr.
Ziel 1: Klärung der Vertragsverhandlungen vor der Europameisterschaft
Robin van Persie ist jetzt zur niederländischen Nationalmannschaft gefahren. Er wird erst im Juli wieder in London sein. Und erst dann finden weitere Gespräche statt. Arsenal hat damit nicht erreicht, vor der EM alle Unklarheiten zu beseitigen. Und jetzt schweben die Verhandlungen wieder in der Luft. So wie immer bei Arsenal. Weiteres Problem für die Gunners: Sollte van Persie eine herausragende EM spielen, dürfte das Interesse an ihm nicht gerade geringer werden. Arsenal wäre in einer noch schlechteren Ausgangsposition.
Ziel 2: Arsenal kann und will Superstars halten
Eine Vertragsverlängerung vor der EM wäre ebenso ein deutliches Zeichen an den Verein, die Spieler, die Fans und die europäischen Spitzenklubs gewesen: Schaut her, wir können unsere besten Spieler doch halten. Wir zahlen zwar nicht das meiste Geld, wir haben aber das beste Gesamtpaket und sehen zukünftig wieder eine große Chance um Titel mitzuspielen. Doch jetzt scheint die Story schon anders geframt zu werden: Arsenal schafft es in jedem Sommer nicht, seine Stars zu halten, egal, ob nun zu wenig Geld geboten wird oder es keine erfolgreiche sportliche Perspektive gibt: Nasri weg, Fabregas weg, Clichy weg. Und bald van Persie weg? Es könnte ein Teufelskreis werden für die Gunners: Die besten Spieler gehen, weil sie woanders Titel gewinnen können. Es werden zwar neue Spieler geholt, die aber noch nicht gut genug sind, Titel zu gewinnen. Und bald gehen dann wieder die Spieler, die jahrelang den Verein durch die Saison getragen haben.
Der FC Arsenal hat nicht mehr viele Argumente auf seiner Seite: Titel müssen her. Auch wenn ich das hier schon seit drei Jahren regelmäßig schreibe, wird es nicht weniger dringend. Arsenal muss zeigen, dass sie Titel gewinnen können. Dann fällt es auch leichter, Topstars zu holen beziehungsweise deren Verträge zu verlängern. Song und Walcott sind die nächsten mit auslaufenden Verträgen in nächster Zeit. Titel sind auch deshalb so wichtig, weil sie das letzte fehlende Puzzleteil in einem ansonsten wunderbaren, fast schon perfekten Umfeld sind. Arsenal geht es finanziell so gut wie keinem anderen Topklub in der Premier League. Die Kredite für den Stadionneubau werden schneller als geplant zurückgezahlt. Ansonsten steht genug Geld für Investitionen zur Verfügung. Financial Fairplay braucht Arsenal nicht zu interessieren. Der Klub hat ein großartiges Stadion, leidenschaftliche Fans, ein exzellentes Trainingsgelände, einen hervorragenden Trainer, eine bewegte Geschichte und einen starken Zusammehalt im Team. Arsenal wird international gelobt für seine offensive, attraktive Spielweise. Was allerdings fehlt, ist der ganz große Erfolg (und diese Saison ein wenig die defensive Stabilität). Und zudem liegt der Verein in einer der großartigsten Städte der Welt. Die Frau von Robin van Persie hat dies mehrfach bekäftigt. Wenn es nach ihr ginge, würde sie London nicht mehr verlassen wollen. Blöderweise will ihr Ehemann Titel gewinnen.
Das Thema können wir also für die nächsten Wochen erstmal beiseite legen. Das dürfte Anfang Juli wieder spannend werden. Wie ambitioniert und vehement geht Arsenal auf van Persie zu um ihn auf alle Fälle zu halten? Mehr Geld müsste fließen und vielleicht wäre der ein oder andere Transfer in der Zwischenzeit als Zeichen für Investitionen in die Mannschaft kein schlechtes Zeichen. Podolski war ein guter Anfang, mehr aber auch nicht. Van Persie hatte insbesondere im letzten Sommer immer wieder gefordert, dass der Kader verstärkt werden müsste. Wenger wollte nicht. Es ist also wenig verwunderlich, dass van Persie vom Franzosen ein wenig enttäuscht ist und somit am längeren Hebel sitzt. Und wie sehr bewegt sich van Persie trotz aller Widrigkeiten auf Arsenal und Wenger zu, hört auf die Wünsche seiner Familie, mit dem Wissen im Hinterkopf, vorerst keine Titel zu holen?
Nach dem Abgang von Nasri zu Manchester City hat Arsene Wenger angekündigt, nie mehr einen Spieler nach Eastlands zu verkaufen. Aber Wenger hat auch gesagt, dass Fabregas und Nasri den Verein nicht verlassen würden. In Sachen Transfers gibt es bei Arsenal keine Konstante, außer, dass die Superstars regelmäßig den Verein verlassen. Es würde mich also nicht überraschen, wenn van Persie in der nächsten Saison bei Man City spielen würde. Hoffentlich kommt es nicht dazu.
Ich bin mir mittlerweile leider auch sicher, dass er Arsenal noch in diesem Sommer verlassen wird. Und was womöglich noch schlimmer ist: Tief in mir weiß ich genau, dass er damit auch die richtige Entscheidung trifft.
Abgesehen vom einem zufällig mal abfallenden nationalen Pokal kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir in den nächsten drei bis vier Jahren irgendwie die Meisterschaft holen könnten. Von City, United und Chelsea wird mindestens ein Team immer vor uns liegen, und selbst falls wir mal bis zum letzten Spieltag im Titelrennen sein sollten, wird uns der letzte Killerinstinkt fehlen. Abgesehen von den Unterschieden hinsichtlich der Qualität sind uns diese Teams auch in Sachen Reife und Abgezocktheit nun einmal derartig enteilt, dass es in den nächsten Jahren einfach nicht zum ganz großen Wurf reichen kann.
Wobei ich nicht einmal behaupten würde, dass es diese Chancenlosigkeit ist, die mich am meisten frustriert. Ich komme eigentlich auch ohne Titel ganz gut klar, solange die Mannschaft zu begeistern weiß, wir Fans uns mit den Spielern identifizieren können und Arsenal am Ende vor Tottenham steht. Man darf nicht vergessen, dass tausende andere Klubs über unsere Problemchen nur lachen könnten, da sie den Europapokal Jahr für Jahr nur an den Bildschmirmen miterleben und stattdessen irgendwo in den Niederungen des Fußballs herumdümpeln. Nein, das ist wirklich nicht das Hauptproblem, damit komme ich klar.
Es ist etwas anderes, was mich am meisten schmerzt: Wenn ein Spieler, der wie Robin van Persie lange an unseren Verein geglaubt hat und bei Arsenal seine größten Erfolge feiern wollte, nach vielen Jahren frustriert einsehen muss, dass er bei uns keinen Schritt weiterkommt. Mit dem Typus Söldner kann man relativ einfach abschließen, doch die Abgänge von verdienten Lieblingen Fàbregas oder eben nun van Persie sind weitaus schwieriger zu verdauen. Ich werde zwar bis zuletzt hoffen, dass alles doch noch mal anders kommt und sich die Gegebenheiten schlagartig ändern, habe aber ehrlich gesagt den Glauben daran verloren. Bleibt also eigentlich nur zu hoffen, dass es am Ende wenigstens nicht die Citizens werden, sondern ein Verein, der Robin van Persie auch verdient hat: Madrid oder Barcelona. (Zwei Klubs, die theoretisch übrigens auch recht zahlungskräftig wären – anders als beispielsweise Turin.)