Montag, 4. Januar 2010 12:44
Ich war einmal ein leidenschaftlicher Tageszeitungsleser. Jeden Morgen vor der Schule bin ich extra eher aufgestanden als notwendig um genug Zeit für die ausführliche Zeitungslektüre zu haben, während und nach dem Frühstück. Meine Eltern hatten zwei Tageszeitungen abonniert und die beide auch morgens spätestens pünktlich um 06:00 Uhr im Briefkasten waren. Zuerst immer der Sportteil der Neuen Presse, dann meist der Politikteil der HAZ, wenn dann noch Zeit blieb ein kurzer Blick in den Lokalteil. Das Lesen der Tageszeitung war mein Start in den Tag, ich fühlte mich gut informiert und sah die Tageszeitung als festen Bestandteil in meinem Leben. Standen längere Zugfahrten auf dem Programm, kaufte ich mir ein, zwei verschiedene Ausgaben, im Urlaub war ich morgens der erste, der sich entweder Süddeutsche, FAZ oder die Welt holte, je nachdem, was es gerade im europäischen Ausland gab.
Doch so ganz allmählich verschwand die Tageszeitung immer mehr aus meiner Alltagsroutine. Ich zog von zuhause aus, und mittlerweile habe ich seit fünf Jahren keine Tageszeitung mehr abonniert. Hin und wieder lese ich zum Zeitvertreib mal eine im Zug oder im Urlaub, aber nie mehr wirklich ein bewusster und geplanter Kauf, wenn überhaupt spontan und ich keinen anderen Lesestoff mehr habe. Das Internet hat die Tageszeitung als Informationsmedium bei mir vollständig abgelöst, nicht von einen Tag auf den anderen, sondern allmählich in einem schleichenden Prozess. Nun musste ich vorgestern für ein Uni-Projekt einiges recherchieren und war fast ein wenig gezwungen, mir diverse Zeitungen zu kaufen. Also habe ich acht Tageszeitungen geholt, drei regionale und fünf überregionale und war dann damit bei der Lektüre am Wochenende damit konkfrontiert, warum es für mich überhaupt keinen Sinn mehr macht, Tageszeitungen zu lesen geschweige denn zu abonnieren.
Damit das hier nicht falsch verstanden wird. Ich möchte gar nicht die Diskussion um die toten Printmedien zu sehr neu aufleben lassen, weil ich glaube, dass es immer noch hervorragende journalistische Leistungen bei diversen Zeitungen in Deutschland gibt. Aber für mich reicht das eben längst nicht mehr als Argument zum Kauf aus, eben weil mein Mediennutzungsverhalten sich rapide verändert hat und Tageszeitungen mir kaum noch einen Mehrwert an Informationen und Hintergründen geben. Dabei lese ich liebend gerne das Streiflicht in der Süddeutschen. Die Seite 3 der SZ hielt ich mal für das Beste, was im deutschen Printjournalismus gibt und für Artikel von Raphael Honigstein über den englischen Fußball in der SZ würde ich sogar seperat bezahlen. Wirklich gut geschrieben sind immer wieder auch die Artikel des Medienjournalisten Imre Grimm in der HAZ. Aber das alles reicht eben nicht mehr aus mich zum Kauf einer Tageszeitung zu bewegen.
Dabei scheine ich als Student, Mitte 20, mit erstem akademischen Abschluss eigentlich wie gemacht für den Tageszeitungsleser, vor allem mit meinen Studienfächern Politik, Medien und Kommunikation. Ich bin auch einer der wenigen, der bei uns im Studiengang keine Tageszeitung liest oder abonniert hat, morgens in der Bahn Richtung Uni ist die Zeitungsleserdichte extrem hoch. Doch die Lektüre am Wochenende hat mir mal wieder gezeigt, dass Zeitungen mir überhaupt keinen Mehrwert bieten.
Kurzer Einschub zu meinem Medienverhalten, wie ich Informationen und Nachrichten aufnehme. Ich schmeiße morgens meinen Feedreader an, lese mich durch die abonnierten Feeds von 20 Nachrichtenportalen, und schaue dann bei der BBC, dem Guardian und der New York Time vorbei. Wenn ich tagsüber zuhause bin, lasse ich meistens Twitter laufen, wo die wichtigsten Nachrichten sowieso recht schnell aufschlagen. Abends schaue ich meistens Nachrichten im TV, entweder Tagesschau, BBC World, CNN oder Sky News und bevor ich ins Bett gehe, gehe ich einmal über die Internetseiten der HAZ, des Weser-Kurier und der Rheinischen Post und schaue noch kurz bei den Medienseiten der großen überregioalen Tageszeitungen vorbei. Damit habe ich mein Informationsbedürfnis abgedeckt, merken kann ich mir da sowieso alles nicht, aber meine Interessen sind damit bedient und alles Wichtige bekomme ich auch schnell, unkompliziert und direkt mit (ja, und bisher ist auch noch alles kostenlos). Und ich bekomme eben einigermaßen auch noch das mit, was vor meiner Haustür in Düsseldorf stattfindet und in meinen Heimatstädten Hannover und Bremen.
Wenn es also überhaupt noch einen Grund gibt eine Zeitung zu abonnieren, dann aus meiner Sicht nur für die lokale Berichterstattung, ansonsten musste ich bei der Lektüre der Zeitungen am Wochenende feststellen, dass ich kaum Informationen bekam, die ich am Vortag nicht schon im Feedreader hatte oder irgendwo anders gelesen hatte. Ich war erstaunt, wie viel Agenturmaterial gerade in den regionalen, aber auch in den überregionalen Zeitungen übernommen wird. dpa- und ap-Meldungen im Überfluss sind natürlich das Kaufargument für eine Zeitung, dann kann ich doch gleich den Newsticker laufen lassen, um mal ein Beispiel zu nennen. Sportberichte bekomme ich heute in zahlreichen Blogs viel ausführlicher und besser als in der regionalen Tageszeitung. Ergebnisse und Tabellen bekomme ich aktuell im Internet schon am Vortrag. Zeitungen müssen mir etwas bieten, dass mir noch nicht bekannt ist oder dass von solch guter journalistischer Qualität ist, dass ich am Kauf gar nicht vorbeikomme. Streiflicht, Seite 3 und die umfassenden Artikel im Sportteil wären ein Argument für die SZ. Nur wird dadurch die Zeitungskrise, wenn es sie denn gibt, nicht gerade kleiner, weil die Süddeutsche sowieso schon viele Menschen lesen. Aber es muss wohl ein Wunder passieren, dass ich nochmal eine regionale Tageszeitung kaufe oder abonniere.
Nun liegt das ganz offensichtlich vollkommen an mir, dass ich kein leidenschaftlicher Tageszeitungsleser mehr bin wie vor Jahren noch, weil sich mein Mediennutzungsverhalten so verändert hat, dass ich Informationen schneller und einfach anderswo wahrnehmen kann. Die Theoretiker der “Print ist tot”-Diskussion würden jetzt sagen, dass sich die traditonellen Medien, wie Tageszeitungen, viel zu lange dieses neue Mediennutzungsverhalten ignoriert haben und jetzt nur schwer die Kurve bekommen, gerade jüngere Abonnenten zu gewinnen. Natürlich ist für mein halbwegs umfassendes Meinugsbild nicht nur Information, sondern auch Hintergrund notwendig. Und da sind Printprodukte immer noch hervorragend geeignet, zum Beispiel durch die Wochenzeitung die ZEIT, die ich seit Jahren abonniert habe, und ja immer auch noch stark nachgefragt, trotz jährlicher Preiserhöhung und auch hier einem verstärkten Drang zur Boulevardisierung, wie beim SPIEGEL.
Wie sollten die Tageszeitungen also mit dem neuen Mediennutzungsverhalten, für das ich ja nur exemplarisch stehe, das aber einen Großteil der Gesellschaft erfasst hat, umgehen? Es wird sicherlich schwierig, solche Leute überhaupt als Abonnenten einer Zeitung zurückzugewinnen, vielmehr würde ich mir wünschen, dass die Verlage es endlich schaffen, mehr in Qualität und und Hintergrundberichterstattung investieren – und dafür dann eben auch Geld verlagen. Ich habe keine Probleme damit, für gute journalistische Leistungen Geld zu bezahlen, zum Beispiel das Streiflicht oder einen Hintergrundartikel zur NBA oder Premier League in der FAZ. Nur das ganze müsste einfach und schnell gehen, sonst schaue ich eben da, wo es immer noch kostenlos ist. Für die Internetseite des Guardian würde ich sogar ein Jahresabo abschließen. Und vielleicht schaffen die Verlage gerade durch solche Bezahlangebote eben auch den Kontakt und das Bewusstsein für das Zeitungslesen, gerade jetzt auch bei den 14-19-Jährigen, wieder herzustellen.
Es muss langfristig einiges geschehen, dass ich morgens wieder mit Freude zum Briefkasten renne. Aber ausgeschlossen ist das nicht. Mein Mediennutzungsverhalten ist scheinbar flexibler als die strategischen Überlegungen vieler Verlage.