Große Träume, komplexe Realität: Mein Fazit zum PolitCamp09
Montag, 4. Mai 2009 22:07
Das verlängerte Mai-Wochenende ist vorbei. Zeit für einen kleinen Rückblick auf das erste politische BarCamp in Deutschland, dem PolitCamp09 im Radialsystem an der Spree. Über meine persönlichen Eindrücke vom Berlin-Wochenende schreibe ich später noch. Hier soll jetzt erstmal das PolitCamp im Mittelpunkt stehen.
Die Veranstalter haben ihr Fazit schon gezogen. Nun soll meine Zusammenfassung folgen. Von den Rahmenbedingungen hätte das Wochenende nicht besser sein können. An allen drei Tagen strahlender Sonnenschein über Berlin, fast sommerliche Temperaturen, eine fantastische Terrasse am Spreeufer und unglaublich viele und interessante Menschen. Da verzeihe ich es auch allen HSV-Fans, dass es Freitagabend beim Warm-Up BBQ nur Häme für mich gab, als ich sagte, ich würde aus Bremen kommen. Aber von der Organisation war alles sehr gelungen. Und dass einige am Sonntagmorgen nur schwer aus den Betten kamen, konnte man verkraften. Grobe Verspätungen im Zeitplan gab es sowieso nicht. Man hatte auch genug Zeit für ausführlichere Gespräche zwischendurch. Und das Grillfleisch inklusive der Salate war köstlich. Ganz allgemein war ich sehr angetan von der Diskussionskultur. Es gibt nicht viele Plätze, wo man so intensiv und kontrovers, aber stets sachlich fair unterschiedliche Meinungen austauschen konnte. Das fand ich richtig klasse.
Zum inhaltlichen: Der Freitagabend startete mit einer kurzen Twitterlesung, die an der ein oder anderen Stelle doch recht amüsant war. Der Samstag begann dann mit der Twitter-Session, die ich recht gut fand, aber doch recht wenig Neues bereithielt. Aber das musste vielleicht auch gar nicht sein. Sie gab einen guten Gesamtüberblick über Twitter und den Nutzen für die Politik. Anschließend besuchte ich die Session zur Wahl im Social Monitoring. Da war ein Teil ganz interessant. Eine Studie der Uni Leipzig wurde vorgestellt, in der festgestellt wurde, dass Parteien keine klare Strategie im Netz hätten und auf die virtuelle Welt völlig unbereitet sein. Die Studie steht aber – wenn ich das jetzt richtig in Erinnerung habe – noch am Anfang. Anschließend gab es nach der Mittagpause zwei Sessions auf dem Deck des Radialsystems – der mit Abstand beste und schönste Platz zum Halten von Sessions auf dem PolitCamp – zum Thema Online-Dialogkultur vs. politische Kommunikationskultur und anknüpfend Politikerbashing im Web 2.0 Beide Sessions bekamen dann recht schnell eine Dynamik einer Diskussion über den Zustand der Parteien und der politischen Kommunikation in Deutschland. Auf der einen Seite dann die aktiven Politiker, auf der anderen die, die Parteien häufig kritisieren und von den aktiv Beteiligten dann stets der Hinweis bekommen, selbst einzutreten um etwas zu verändern. Das waren zwei spannende Diskussionen. Für mich gab es dann mal eine Stunde Pause um mich über die Fußball-Ergebnisse zu informieren. Zum Abschluss gab es eine sehr interessante Darstellung des Online-Wahlkampfes in Hessen von Oliver Zeisberger, der für Schäfer-Gümbel den Online-Wahlkampf organisiert hat, und Alexander Kurz, der für Roland Koch die Aktivitäten im Netz steuerte. Und jetzt wissen wir auch, dass Roland Koch regelmäßig im Wahlkampf nach einem langen Arbeitstag zu McDonalds geht.
Nach einer eher kurzen Nacht ging es dann am Sonntag um 10:00 Uhr mit der “Elefanten-Session” weiter, bei denen die Wahlkampfleiter der Parteien die kleine Internetwahlkampfmaus über das Podium jagten. Ich fand die erste Hälfte der Diskussion gähnend langweilig. Ich weiß auch nicht warum, aber es fehlte ein bisschen der Zündstoff, etwas zu sehr auf Twitter konzentriert, und die Diskussion hatte insgesamt wenig Struktur. Don Dahlmann hatte ein bisschen Recht, als er twitterte, es würde wie eine Diskussion auf dem Kirchentag aussehen. Mehr als das Herunterbeten bekannter Aussagen kamen in den ersten 30 Minuten nicht zustande. Markus Beckedahl von Netzpolitik versuchte zumindest ein bisschen Feuer in die Diskussion zu bringen, das die Wahlkampfleiter aber mit der ersten Silbe wieder ausgelöscht haben. Die letzten 30 Minuten waren dann deutlich lebhafter und sehr viel interessanter. Für was #zenzursula doch alles gut sein kann. Die nächsten zwei Stunden habe ich dann wieder auf dem Deck verbracht. Wieder Diskussion über die Zukunft des Parteienstaates. Wieder kontrovers, teils auch provokant, aber sehr interessant. Nach der Mittagspause kam dann nach meiner Meinung eine der besten Sessions auf dem PolitCamp09. Ralf Stegner, Landes- und Fraktionsvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein, hat über das Leben eines Politikers und die vielfältigen Möglichkeiten der Politik mit Bürgern in direkten Kontakt zu treten gesprochen. Sein Bericht ist hier nachzulesen. Abschließend gab es noch eine sehr interessante Session zum Fundraising im Internet, wieder angelehnt an ein Beispiel aus dem hessischen Landtagswahlkampf, als die SPD wenige Tage vor der Wahl einen Spendenaufruf über das Internet startete.
Inhaltlich lässt sich für mich das PolitCamp auf einen kleinen Nenner bringen: Große Träume, komplexe Realität. Ich denke alle Teilnehmer würden sich wünschen, dass das Internet eine noch stärkere Rolle in der Politik spielen würde, dass sich die Parteien auch, aber nicht nur über das Internet öffnen, dass sich immer mehr Bürger politisch engagieren und die Bürger stärker auf die politischen Entscheidungen Einfluss nehmen könnten. Aber die Realität ist eben häufig ein wenig komplexer als unsere Träume und Visionen. Von daher war ich froh, dass der überwiegende Teil der Teilnehmer auch der Meinung war, dass in Deutschland eben kein Internet-Wahlkampf wie in den USA möglich ist. Und es wird in Deutschland auch nicht möglich sein Parteien abzuschaffen oder Themenkoalitionen zu bilden. Was die Aufgabe für die politischen Akteure, aber auch für uns politisch sehr interessierte Menschen ist keine Revolution oder Vision, sondern eine Verbesserung des Status Quo zu mehr direktem Dialog, zu mehr Transparenz im politischen Geschäft und – das würde ich mir wünschen – zu mehr Ehrlichkeit und Bescheidenheit auf beiden Seiten. Ich finde es überzogen, dass manche erwarten, dass ich durch meien Stimmabgabe einmal wählen gehe und dann die Politiker alle Probleme dieser Welt lösen würden. So einfach ist das eben nicht. Gleichzeitig erwarte ich von der Politik mehr Realismus und Ehrlichkeit. Ich habe kein Problem damit, wenn man mir sagt, dass wir kein Patentrezept haben für bestimme Probleme. Das macht Barack Obama übrigens ständig. Ich will ehrliche Politik, und kein ständiges Taktieren. Die Parteien müssen es auch wieder schaffen, mehr Leute an die Urne zu bekommen. Und das geht nicht durch Aktionen wie bei der SPD in Hessen. Gleichzeitig sollten wir alle als Bürger unsere Erwartungen an die Politik zurückschrauben, gerade in einer so schwierigen Zeit.
So, das wollte ich noch zum Abschluss loswerden, auch wenn es jetzt vielleicht nicht 100 Prozent in den Kontext gepasst hat. An dieser Stelle nochmal Dank für die tolle Organisation und die netten Gespräche während des PolitCamp mit ganz vielen netten Menschen. Ich freue mich auf das nächste PolitCamp 2010, welches ja angeblich in Bonn stattfinden soll.
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Thema: Bundestagswahl 2009, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (1) | Autor: medispolis


