Mittwoch, 13. Oktober 2010 13:47
Düsseldorf darf also den Eurovision Song Contest 2011 austragen, was im Rest der Republik, insbesondere in den anderen Bewerberstädten Berlin, Hamburg und Hannnover, große Verwunderung, Skepsis, Sarkasmus, teilweise sogar Häme und was weiß ich nicht alles ausgelöst hat. Das gehe doch überhaupt nicht, dass Düsseldorf einen solchen Wettbewerb austragen wird. Klischees, Vorurteile und teilweise plumpe Behauptungen wurden in die Welt gesetzt. Nun habe ich das wirkliche Vergnügen, etwas mehr als ein Jahr in dieser Stadt schon wohnen zu dürfen. Zeit und Anlass also, ein paar Sachverhalte und Fakten für den Rest der Republik – Hamburg, Berlin und Hannover, I’m looking at you – ins richtige Licht zu rücken.
Eine Aussage von gestern hat mich übrigens am meisten zum Schmunzeln gebracht. Jan Feddersen, Grand-Prix-Experte, hat sich zu Düsseldorf als Austragungsort geäußert: “Düsseldorf, man fasst es kaum. Eine Stadt, welche sich auf Mode, Senf und Waschpulver als Produktion spezialisiert hat – sehr reich, sehr teuer und sehr gediegen dazu.” Herr Feddersen war bestimmt schon ganz oft in Düsseldorf.
1. Ach, was war das putzig, die ganzen Wortspiele mit DüsselDORF zu lesen. Nur mal so zur Kenntnis. In der Stadt selbst wohnen knapp 600.000 Menschen, Tendenz steigend – rund 10 Prozent bis 2030 – , mehr zum Beispiel als in Hannover. Im Einzugsgebiet der Stadt im Umkreis von knapp 50 Kilometern leben wahrscheinlich mehr Menschen als in Hamburg und Berlin zusammen. Das Ruhrgebiet mag zwar eine kleine Industrieregion sein, aber dort wohnen auch ein paar Millionen Menschen, von der Millionenstadt Köln, ein wenig südlich von Düsseldorf, ganz zu schweigen. Düsseldorf ist also alles andere als ein Dorf, auch wenn die Stadt das Wort in ihrem Namen trägt.
2. Der NDR und die Intendanten der ARD-Rundfunkanstalten haben sich für Düsseldorf entschieden, weil die Stadt im Preis-Leistungs-Vergleich ganz offensichtlich am besten abgeschnitten hat. Wo sind die jetzt auf einmal alle hin, die sonst über die Öffentlich-Rechtlichen meckern, sie würden zu viel Geld verpulvern. Jetzt hat man mal auf die Finanzen geachtet – und die ARD bekommt wenig Lob dafür. Und mal ganz ehrlich, wer will denn den Song-Contest auf einem historischen Flughafen vor 8.000 Zuschauern oder in ungemütlichen Messehallen abhalten, wenn man gleichzeitig fast 25.000 Zuschauer in eine Open-Air-Arena bekommt, die bei Musikkonzerten übrigens eine fantastische Akustik hat. Coldplay haben letztes Jahr nach ihrem Konzert in der Esprit-Arena gesagt, dass sie selten in einer Arena mit einer solch perfekten Akustik gespielt haben.
3. Düsseldorf sei teuer, hört man immer wieder überall. Stimmt nicht, jedenfalls nicht teurer als jede andere Großstadt in Deutschland auch. Und da längst nicht so stark von Touristen überfüllt wie Hamburg oder Berlin, bekommt man hier übrigens seinen Eisbecher auch für unter fünf Euro und zahlt nicht wie in Berlin-Mitte knapp 7 Euro. Wenn man ein wenig auf sein Geld achtet, macht Düsseldorf keineswegs arm. Und die Gastronomiepreise liegen auch nicht höher als in anderen deutschen Großstädten. Wo Düsseldorf hingegen richtig teuer ist, sind die Mieten. Aber die Gäste zum Eurovision Song Contest kommen ja nur zu Besuch und wollen nicht für Jahre hier gleich eine Wohnung beziehen. Ein Tagesticket für eine Person in Düsseldorf für den ÖPNV kostet übrigens 5,30 Euro, in Hamburg für den Großbereich Hamburg plus zwei Ringe 6,50 Euro. Eine Tageskarte in Berlin kostet übrigens 6,30 Euro. Aber Hauptsache man posaunt weiter durch die Welt, dass Düsseldorf übermäßig teuer sei.
4. Immer wieder hört man, Düsseldorf sei reich. Ja, diese Stadt hat viel Geld und es gibt Luxusviertel wie Ober- oder Niederkassel. Hat Hamburg mit Blankenese oder Berlin mit Grunewald ebenso. Und ja, Düsseldorf ist eine reiche Stadt. Ein Haushalt mit einem Volumen von über zwei Milliarden Euro, Einnahmen aus der Gewerbesteuer von 800 Millionen Euro. Hat sich was mit Mode, Senf und Waschpulver. Düsseldorf genießt in der Kommunikations- und Werbebranche einen exzellenten Ruf, demnächst entsteht ein eigener Vodafone-Campus, viele mittelständische Betriebe runden das Bild ab. Und Düsseldorf ist seit knapp drei Jahren schuldenfrei, weil man gespart und gekürzt hat und die Schuldenlast abgebaut hat. Und jetzt kann man investieren wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Neue U-Bahn, neue Geschäftsgebäude, Umgestaltung der Innenstadt. Erweiterung des Medienhafens etc. pp
5. Düsseldorf sie derzeit eine Großbaustelle, meinen viele Einwohner. Stimmt auch, und das mindert derzeit ein wenig die Lebensqualität. Durch die Innenstadt wird eine neue U-Bahn gebaut, die Wehrhahn-Linie, gleichzeitig wird der zentrale Platz in der Innenstadt am nördlichen Ende der Königsallee, der Jan-Wellem-Platz, komplett umgebaut, samt architektonische Neubauten von Daniel Libeskind. Aber es zeigt doch auch, dass Düsseldorf das Geld sinnvoll investiert. Durch die neue U-Bahn kann man schneller durch die Innenstadt fahren, der Jan-Wellem-Platz wird nach dem Umbau Beginn einer Flaniermeile mit Anbindung an den Hofgarten.
6. Überhaupt investiert Düsseldorf das Geld längst nicht nur in Klientelpolitik, wie so oft gerne von außerhalb behauptet. Seit Jahren wird der Sozialetat nicht gekürzt. Natürlich hat man sich diese Schuldenfreiheit auch teuer erkauft. Vieles an private Firmen verkauft, reiche Hochburgen wie Mettmann oder Kaiserswerth entstehen lassen, zu wenig Wohnraum in der City – vor allem zu wenig günstiger Wohnraum. Aber dafür kann man im Gegenzug auch in exzellente Kinderbetreuung und Spielplätze in Hülle und Fülle investieren. Und neue Wohnungen sind in Bau.
In Düsseldorf ist längst nicht alles rosig, aber auch bei weitem nicht so schlecht, wie es von Außen gemacht wird. Ich wette, dass viele deutsche Großstädte gerne mit Düsseldorf tauschen würden, was die finanziellen Spielräume angeht. Ich glaube, dass ganz viele Städte in Deutschland auch sehr gediegen sein möchten, lieber als pleite. Natürlich hat Düsseldorf nicht die internationale Strahlkraft und das Flair wie Hamburg oder Berlin. Aber die Stadt ist längst auch nicht der Schandfleck, den viele ihr jetzt zuschreiben, welche die Stadt selbst wohl gar nicht kennen. Düsseldorf wächst, viele junge Menschen ziehen in die Stadt, in der Regel Besserverdienende. Davon kann die Stadt nur profitieren.
Und die beste Politik, die man machen kann, ist auf Schulden und Zinszahlungen zu verzichten. Einen großen Hafen haben wir übrigens wirklich nicht, der ist auf der linken Rheinseite in Neuss. Was nicht weiter störend ist. Aber scheinbar ist selbst das nicht okay, dass man als Stadt am Rhein keinen eigenen großen Hafen hat, sondern nur ein Häfchen, wo die Schiffe aus den Niederladen ihre Ladungen Container abladen.
Es bleibt dabei: In Deutschland können ganz viele Leute den Erfolg anderer nicht ertragen.