Werder Bremen im Abstiegskampf: Auf der Suche nach Orientierung

Vielleicht muss in jedem Curriculum Vitae eines Fußballfans auch einmal der Eintrag “Hat den Abstiegskampf mitgemacht und bis zum Saisonende gelitten” verzeichnet sein. Als Fan von Werder Bremen kann ich diese Notiz seit spätestens gestern Nachmittag eintragen. Die Niederlage in Leverkusen, gleichzeitig die Siege von Hoffenheim und Augsburg. Zum Glück hat Fortuna Düsseldorf nicht auch noch gepunktet. Was aus Sicht von Werder stets unmöglich schien, ist nun doch eingetreten: Existenzangst. Und das trifft natürlich auch die Fans. Bisher habe auch ich stets die Meinung vertreten, dass es eine fürchterliche Saison sei, aber zum Glück es drei noch schlechtere Mannschaften geben wird. Diese Behauptung ist noch Makulatur, kann aber ganz schnell ins Gegenteil eintreten. Im Sommer soll, so meine Meinung, die Situation von Werder ausführlich analysiert und diskutiert werden: Wo kommen wir her, wo wollen wir hin, was ist mit dem Kader realistisch möglich und wer soll die Spieler trainieren? Ich hatte gehofft, dass diese essentiellem Fragen irgendwie in Vorbereitung auf eine weitere Saison in der Bundesliga geklärt werden könnten, sicher ist das nun nicht mehr.

Abstiegskampf wirkte bisher immer wie ein bedrohliches Szenario, das noch weit entfernt war. Wird schon so schlimm nicht kommen. Das war sehr lange die Haltung der sportlichen Führung, die im Februar immer noch von der Europa League sprach, wenngleich die Möglichkeiten des Werder-Kaders 2012/2013 schon damals eher begrenzt schienen. Und das war bei allem Frust und Ärger über die vielen Niederlagen auch lange Zeit die Reaktion der vielen Werder-Fans. Und seit gestern Nachmittag ist zumindest mir klar: Verdammt, wir sind mitten drin im Abstiegskampf. Samstag gegen Hoffenheim ist das vielleicht wichtigste Spiel in der Werder-Historie seit dem Europa League Finale 2009. Eigentlich dürfte der freie Fall in den Tabellenkeller gar nicht so überraschend für alle Beteiligten kommen: zusammen mit Hoffenheim die schlechteste Defensive der Liga (60 Gegentreffer nach 31 Spielen), 15. in der Heimtabelle, jene Stärke von Werder in den vergangenen Jahren, nur zehn Punkte in 14 Rückrundenspielen geholt, kein Sieg in den letzten zehn Pflichtspielen. Bei diesen Zahlen kann man wirklich Existenzangst bekommen.

Werder ist die komplette Orientierungslosigkeit in der Saison 2012/2013. Das fängt zuallererst beim Trainer Thomas Schaaf an. Irgendwann im Laufe der Rückrunde gab es ein Umdenken bei Schaaf: Angesichts der vielen Gegentore sollte mehr Wert auf die Defensive gelegt werden. Eine späte, aber richtige Einsicht. Nur wurden dadurch kaum offensive Impulse mehr gesetzt. Nur sieben Tore in den letzten neun Spielen wurden erzielt. Da Werder bei aller Sympathie für mehr Defensive aber weiter regelmäßig ein bis zwei Gegentore pro Spiel kassiert, werden die meisten Spiele eben verloren. Die Balance zwischen Defensive und Offensive war schon immer die Schwachstelle bei Werder – und Thomas Schaaf hat diese über Jahre hinweg nicht lösen können. Der Fokus auf die Defensive war eine überfällige, ja fast nettgemeinte Lösung. Gebracht hat sie nichts. Leider.

Dafür ist die Qualität des Kaders auch einfach nicht gut genug. Mir fällt bedauerlicherweise kein Spieler im Werder-Trikot ein, der konstant gute Leistungen über die Saison erbracht hat. Aber genau solche drei bis vier Spieler wären notwendig, um das junge Team zu führen, um Struktur in den Verein auf wie neben den Platz zu bekommen. Weder Hunt (der das ursprünglich mal machen sollte), noch Arnautovic (zu viel mit sich selbst und der Welt beschäftigt), Fritz (leider auch häufiger verletzt) oder Bargfrede (ebenfalls leider viel zu lange verletzt) konnte diese Funktion erfüllen. Und dann muss man im Kader schon lange nach Spielern suchen, die dieser nicht ganz einfachen Aufgabe gerecht werden können. Im Prinzip sprechen die Ergebnisse eine Sprache für sich: die Mannschaft ist schlicht nicht gut genug für die obere Tabellenhälfte – oder anders formuliert: Wenn es alle Spieler schaffen würden, ihr eigentliches Leistungspotential mehr als nur einmal in sechs Wochen abzurufen, wäre ein Platz unter den ersten Zehn sehr gut möglich, gerade weil die anderen Teams auch nun keine Bäume ausreißen. Dass die Mannschaft nicht gut genug für die eigenen Ziele und Ansprüche ist, gehört in den Verantwortungsbereich der sportlichen Leitung, des Trainers, aber auch des Managers. Klaus Allofs scheint nicht unbegründet das sinkende Schiff vorzeitig verlassen zu haben. Aber es waren Allofs uns Schaaf, die sechs Millionen für Elia zahlten, ein Spieler, der nun nicht wirklich durch konstant gute Leistungen über einen längeren Zeitraum in Hamburg und Turin aufgefallen ist. Und wenn ich einen solch begrenzten finanziellen Spielraum wie Werder habe, kann ich nicht mehr sechs Millionen Euro für einen Spieler ausgeben, der vielleicht das Potential hat. Wenn ich keine Einnahmen aus dem Europapokal habe, muss ein Umdenken auf dem Transfermarkt stattfinden: Dann kann ich mir eben keine teuren und vielleicht guten Spieler leisten, sondern muss auf den derzeitigen Kader und die eigenen Jugend zurückgreifen. Was ich kritisiere, ist, dass die sportliche Leitung noch Europa League als Ziel ausgibt. Das erhöht erstens den Druck auf die vielen jungen Spieler, noch schürt es völlig überzogene Erwartungen bei den Fans. Werder und vor allem Schaaf sprechen ständig von Umbruch, von Zeit, die die Mannschaft benötigt. Dann tretet in der Außendarstellung als Verein doch so auf, dass wir Fans bereit sind, diese Zeit auch zu geben.

Womit wir bei den Werder-Anhängern wären, wobei ich aus Münster ja nur die Außensicht auf die Stimmung an der Weser habe. Ich war schon positiv überrascht, dass die Fans die Mannschaft und Thomas Schaaf in Leverkusen so gefeiert haben – eine Woche vorher waren es noch von vielen Pfiffe und “Wir haben die Schnauze voll”. Klar ist der Abstiegskampf auch für die Fans eine neue Herausforderung, an der es sich zu orientieren gilt. Was erwartet man noch von der Mannschaft? Was darf man verlangen von einer verunsicherten Truppe? Ich war gestern eher wieder enttäuscht von der Leistung in Leverkusen. Klar ist Bayer04 ein anderer Maßstab als zum Beispiel Wolfsburg oder Schalke, aber trotzdem fand ich den Auftritt eher mutlos. Defensiv war das völlig okay, das war in den letzten Wochen sowieso das kleinere Problem. Doch offensiv geht gar nichts mehr zusammen. Das macht mir derzeit die meisten Sorgen. Nils Petersen hat Ladehemmung und spielt ohne großes Selbstvertrauen (vielleicht auch bedingt durch die unklare Zukunft nach der Saison), und von Hunt sind nur die Elfmeter gefährlich, de Bruyne wirkt mit seinen Gedanken auch irgendwo zwischen Stamford Bridge, Leverkusen und Dortmund. Und Arnautovic zeigt auf der linken Spur der Autobahn mehr Dynamik als im Strafraum. Es war wunderbar zusehen, dass die Fans zusammenrücken mit der Mannschaft in diesen nicht einfachen Zeiten. Vielleicht gibt das Mannschaft und Trainer ja einen kleinen, dringend benötigten Schub. Die Fans sind sehr eindrucksvoll in Vorleistung getreten, jetzt ist die Mannschaft gegen Hoffenheim gefragt.

Wie findet eine Mannschaft Orientierung im Abstiegskampf, vor allem, wenn der Verein das eigentlich nicht gewohnt ist? Vielleicht durch ein Erfolgserlebnis, vielleicht auch durch harte Arbeit. Die soll es ja stets geben. Hoffentlich wird dann endlich die Lösung gefunden, warum das nicht zu Erfolg auf dem Rasen führt. Samstag wird wichtig. Ganz wichtig. Dass es im Verein und auf der Trainerposition nach dieser Saison Veränderungen geben muss, halte ich für dringend notwendig. Aber keine Kurzschlussaktionen, sondern durchdacht, gut überlegt, mit einem tragfähigen Konzept für die nächsten Jahre.

Mit Thomas Schaaf hat Werder unglaublich viele schöne Erfolge gefeiert. Ich mag Schaaf, seine Art und seine Hingabe für Werder sehr. Es war vielleicht neben der Person Johan Micoud der Grund, warum ich Werder-Fan wurde. Meisterschaft, tolle Champions League Abende, Pokalsiege, Europa League Finale, hinreißende, unvergessene Spiele in der Bundesliga. Was wäre es für ein schöner Abschluss, wenn Schaaf es jetzt noch schaffen würde, Werder aus seiner größten Krise der jüngeren Vereinsgeschichte herauszuführen. Samstag wird wichtig. Nur schon einmal zur Orientierung.

Lebenslang grün-weiß.

Braucht die ZEIT eine Fußballseite?

In der ZEIT, die am morgigen Donnerstag erscheint, gibt es eine kleine Neuerung. Die ZEIT wartet am Ende des Dossier mit einer Fußballseite auf, eine ganze Seite, die sich nun wöchentlich mit dem runden Leder beschäftigt. Dafür fällt die Wochenschau, die ich mit ihren Reportagen aus aller Welt sehr gerne gelesen habe und sicherlich auch ein wenig vermissen werde, komplett weg. Verantwortet wird die neue Fußballseite von Cathrin Gilbert (@CathrinGilbert), die vor ein paar Wochen bei Sky zur Champions League Übertragung als Expertin geladen war und – sagen wir es mal positiv – nicht wirklich auffiel und mir in Erinnerung blieb. Ist aber auch egal. Vor der Kamera ist immer noch anders als in der Zeitung. Man kann trotzdem nur hoffen, dass Gilbert, früher Journalisten bei Bild und Spiegel Online, für die ZEIT sorgfältiger und besser arbeitet als in ihrer Zeit als Boulevardjournalistin (siehe BILDBlog).

Laut der Pressemitteilung des ZEIT-Verlags soll es um Themen des nationalen und internationalen Fußballs gehen. Die Begründungen für die Einführung der neuen Fußballseite: Fußball war immer schon häufiger Thema in der ZEIT, viele Leser interessieren sich dafür, die ZEIT könne der Berichterstattung über Fußball noch einmal eine neue Note, einen anderen Blickwinkel geben. Eingerahmt wird der Start der Fußballseite von einem Leitartikel auf Seite 1: Fußball ist mehr als ein Sport. Du liebe Güte.

Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sagt, man möchte auch einen anderen Blick auf den Fußball werfen, Inhalte liefern, die in üblichen Sportpresse sonst nicht zu finden sind. Blickt man auf die erste neue Fußballseite, ist nun Folgendes zu entdecken: ein Interview mit Mario Götze, immerhin wohl zu einem klitzekleinen Teil noch nach dem Spiel gegen Malaga geführt. Aber das hat es sicherlich so schon häufiger gegeben. Götze sei der begehrteste deutsche Spieler, so Di Lorenzo in seiner Vorschau, und immerhin Sohn eines Professors. Zudem gibt es auf der Seite eine Prognose für das Spiel Bayern gegen Nürnberg, das am nächsten Spieltag stattfindet. Warum ausgerechnet diese Partie, der Bayern-Faktor etwa? Dabei gibt es am nächsten Bundesligaspieltag doch viel interessantere Duelle: Freiburg-Hannover mit der allerletzten Chance für 96 im Kampf um die Europa League. Und der Abstiegskampf ist spannender denn je. Götze-Interview, Vorschau auf das Bayern-Derby. Zieht das neue, junge, fußballinteressierte Leser zur ZEIT?

Als großer Fußballfan habe ich im Prinzip nichts gegen die Berichterstattung über Fußball. Die Frage ist nur: Braucht die ZEIT eine Fußballseite? Zumal gerade die stets lesenswerte Wochenschau wegfällt? Hat die ZEIT nicht dringendere Aufgaben, wie zum Beispiel das ZEIT-Magazin, das nahezu im 2-Wochen-Rhythmus zu einer Bildstrecke für Mode, Uhren, Design oder Möbel verkommt? Und das Rad noch einen Tick weitergedreht: Wieso Fußballberichterstattung und nicht generell Sport, auch mit Blick auf Randsportarten?

Die Berichterstattung über Fußball in Deutschland ist so umfangreich und fast alles frei verfügbar. Nachrichten, Analysen, Hintergründe und Interviews gibt es in allen Tageszeitungen. Zigfach im Internet kostenlos, ob bei bild.de, Kicker, SportBild, Sport1, Spox, Sportschau, ZDF Sport. Es gibt mittlerweile so viele Fußballblogs in Deutschland, teilweise allgemein, teilweise vereinsspezifisch, die teilweise besser und hintergründiger berichten als die lokale Presse vor Ort. Mit Fokus Fußball gibt es eine tägliche Presse- und Blogschau, die alle wichtigen Fußballthemen aufgreift. Und wer sich wie ich wirklich intensiv für internationalen Fußball interessiert, ist bei den Landesmedien vor Ort perfekt aufgehoben. Die großen Fußballligen haben Online-Auftritte und nebenbei haben die Vereine über die sozialen Netzwerke etliche neue Verbreitungskanäle für Informationen und Hintergrundberichte gefunden, von den eigenen Vereins-TVs einmal abgesehen. Dazu kommt eine große Anzahl an Podcasts, die das Fußballgeschehen analysieren und einordnen. Es wird immer so passend von König Fußball gesprochen, der in Deutschland alle anderen Sportarten verdrängt. Ja, das stimmt, weil on- wie offline unglaublich viel über Fußball berichtet wird. In keinem Land der Welt darf so viel Fußball im Free-TV laufen wie in Deutschland. Länderspiele, Pokal, Auftakt der Bundesliga Hin- und Rückrunde. Und jetzt hat dieses Land mit Sky Sport News HD sogar einen Sportnachrichtensender, bei dem Fußball mehr als nur ein Schwerpunktthema ist.

Und jetzt noch die altehrwürdige, von mir stets geschätzte ZEIT (bin seit acht Jahren Abonnent)? Muss das wirklich sein, eine Anpassung an den Mainstream der Sportberichterstattung? Zeichnet die ZEIT es nicht gerade aus, Themen zu behandeln, die sonst nicht so groß im medialen Rampenlicht stehen? Wäre es dann nicht besser gewesen, eine Sportseite zu machen, bei der auch andere Sportarten mediale Präsenz finden? Es wird von den Sportvereinen und Sportarten außerhalb des Fußball immer wieder bemängelt, dass sie medial kaum wahrnehmbar sind. Dabei schreiben auch diese Sportarten, sei es nun olympischer Sport, Eishockey, Basketball, Volleyball oder Wintersport außerhalb von Biathlon, Skispringen und Ski Alpin lesenswerte Geschichten, über die berichtet werden kann. Das wäre aus meiner Sicht der richtigere Schritt gewesen. Eine Sportseite, die Fußballthemen dann ja nicht ausschließt.

Das vielleicht mal so als Anfangsgedanke. Vielleicht hat der ein oder andere ZEIT-Leser ja eine ähnliche oder andere Meinung. Würde mich über Einschätzungen freuen.

Zu Gast beim Blogspot 360 – Episode 21

Seit letzter Woche ist der Blogspot 360, der Podcast der Fußballblogger vom sehr hörenswerten Sportradio360, wieder auf Sendung. Immer montagabends wird auf den aktuellen Bundesliga-Spieltag zurückgeblickt. In Episode 21 war ich mal wieder zu Gast. Gemeinsam mit Tobias/Meine Saison und Stefan/Clubfans United haben wir über den Abstiegskampf, Werder, 96 und Nürnberg sowie über unsere Tipps für den DFB-Pokal gesprochen. Moderiert hat wie immer Patrick Völkner vom Kommentar der Woche.

Blogspot 360 – Episode 21

Die Diskussion um Wilfried Zaha: Ian Holloway at his best

Ian Holloway ist einer der außergewöhnlichsten Trainer im englischen Profifußball. Und er hat diese Woche mal wieder für positives Aufsehen gesorgt. Holloway trainiert derzeit den Zweitligisten Crystal Palace. Bei diesem Verein spielt Stürmer Wilfried Zaha, der nahezu von jedem Premier League Klub umworben wird, allen voran Arsenal, Liverpool und die Tottenham Hotspur. Seit Wochen muss Holloway auf Pressekonferenzen Fragen nach dem Verbleib von Zaha beantworten. Donnerstag platzte ihm der Kragen. In seiner außergewöhnlichen Art und Weise.

Ich hatte vor über zwei Jahren ein wenig ausführlicher auf das bewegende Leben, beruflich wie privat, von Ian Holloway geschaut. Bitte hier entlang (am Ende des Beitrags mit meinen Ausführungen zum FC Blackpool).

Zitat des Tages: Dienstag, 18. Dezember 2012 – Prozess und Erfolg

Wenn Sie was kochen, sich Zeit geben und beschäftigen sich nebenbei mit anderen Dingen und haben noch vier Handys dabei, dann kann es gut sein, dass das Essen besser wird. Wenn Sie zwischendurch aber noch Fernsehen schauen, vier Handys haben, 25 Telefonate führen, dann könnte es gut sein, dass es mit dem Essen keine so große Freude wird. Und dann haben Sie es auch noch an den Nerven, weil Sie so viel gemacht haben und das Essen auch nicht schmeckt.

Christian Streich, Trainer des SC Freiburg, gestern im Interview bei Sky Sport News HD, über Prozesshaftigkeit und Erfolg im Leben. Großartiges Interview.

Zitat des Tages: Donnerstag, 13. Dezember 2012 – Fanmacht

Es wäre schön, wenn Fußballfans in Deutschland sich dieser gewonnenen Macht bewusst werden und sie nicht einer Reflexreaktion opfern. Wir leben in einer Mediendemokratie und “12:12″ nichts ist Law & Order-Fanatikern unangenehmer als ein friedlicher, bunter und witziger Protest. Sollte sich irgendein Fan in irgendeinem Zelt vor dem Stadion tatsächlich nackt ausziehen müssen, kann man immer noch das Ende der Fankultur mit einem zünftigen Feuerwerk feiern. So weit ist es aber in Deutschland noch lange nicht.

Altravita.com: Ein Lehrstück in Sachen Demokratie

Zu Gast beim Grünweiß-Podcast

Gemeinsam mit Tobias Singer (@MeineSaison) und Klaas Reese (@sportkultur) habe ich zu Beginn der Woche rund eine Stunde lang im Grünweiß-Stammtisch für Werder-Fans über die Partie von Hannover 96 gegen Werder Bremen diskutiert. Weitere Themen war ein erstes Fazit der bisherigen Spiele beider Mannschaften, ein Ausblick auf die Saison und eine längere Abhandlung über die beiden Vereinsphilosophien von Werder und 96. Gar nicht so verbunden mit der Frage, wer die Nummer 1 im Norden ist, sondern vielmehr wer eigentlich Vorbild für wen war und ist.

Reinhören lohnt sich wie immer.

Entweder hier oder als Podcast bei iTunes.

Zu Besuch im Emirates Stadium: “This team will never win a title”

82. Minute im ausverkauften Emirates Stadium. Santi Cazorla spielt sich wunderbar durch die Abwehr des AFC Sunderland, traumhafter Pass auf den freistehenden Olivier Giroud, der nur noch Simon Mignolet vor sich hat. Es ist die häufig so titulierte 100%-Torchance. Doch der Neuzugang aus Montpellier schießt am Tor vorbei. Es war die Chance zum Sieg. Neben und hinter mir sinken die Arsenal-Fans in ihre Sitze. Mein Sitznachbar links donnert das Matchday Programme auf den Fußboden und flucht: “This team will never win a title.” Fünf Minuten vor Schlusspfiff verlässt er wie viele andere Fans auch enttäuscht das Stadion.

Dabei hatte der Samstag so wunderschön begonnen. Zum ersten Mal seit drei Jahren war ich wieder in London – und natürlich musste das wie damals im April 2009 mit einem Besuch beim FC Arsenal verbunden werden. Glücklicherweise hatten die Gunners zum Auftakt der neuen Premier League Saison ein Heimspiel gegen den AFC Sunderland.

Samstagvormittag, Spaziergang an der Themse. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne knallt über der englischen Hauptstadt. Es ist das heißeste Wochenende des Jahres angekündigt. Um 11 Uhr Ortszeit zeigt das Thermometer schon fast 28 Grad. Ich spaziere vor der Tower Bridge zum Big Ben, folge den Strömen der vielen Touristen aus aller Welt. London pulsiert, London heizt sich auf für dieses Wochenende. Die großen Gebäude an der South Bank geben nur wenig Schatten, viele Menschen sind mit Getränkeflaschen und Sonnenhüten ausgerüstet. Es ist für viele Touristen ein verzweifelter Kampf auf der Suche nach ein bisschen Schatten und dem Besichtigen der vielen Sehenswürdigkeiten. Vor dem London Eye steht eine große Schlange, in der prallen Mittagshitze. Doch die Leute stellen sich weiter an.

13 Uhr Ortszeit, U-Bahn Station Westminster. Mit der Underground geht es nun in den Norden Londons. 30 Grad sind mittlerweile erreicht, die langen Rolltreppenfahrten in den zügigen Stationen der U-Bahn bringen immerhin ein wenig Abkühlung. Fahrgäste haben sich mit Zeitungen ausgerüstet, die sie als Fächer für ein wenig Wind benutzen. Die Verkehrsbetriebe raten, auf alle Fälle Getränke für längere Fahrten mit der Underground mitzunehmen. Zwei Stationen mit der Central Line nach Westen bis Victoria, wieder lange Wege fürs Umsteigen zurücklegen, dann mit der Victoria Line bis Highbury&Islington. Die Bahn füllt sich mit vielen Arsenal-Fans. Um kurz nach halb zwei sehe ich wieder Tageslicht. Von der U-Bahn Station sind es nur ungefähr 15 Minuten bis zum Stadion. Ich habe also noch ausreichend Zeit.

Ich werde immer wieder gefragt, wie ich an Tickets für Spiele der Premier League komme. Das ist in der Tat sehr schwer. Ich habe den Vorteil, über Verwandtschaft ganz gute Tickets für Spiele von Arsenal zu bekommen. Aber ich muss auch die nehmen, die ich vorgesetzt bekomme. Vor drei Jahren habe ich ein relativ günstiges Ticket bekommen, dieses Mal musste ich für allerdings sehr gute Plätze und inklusive Getränke in der Halbzeit schon ordentlich in die Tasche greifen. Grundsätzlich ist es am schwierigsten, für die großen Vereine Tickets zu bekommen. Bei Fulham, West Ham oder auch den Queens Park Rangers geht das in der Regel etwas leichter. Von Vorteil bei den großen Klubs wäre noch, Vereinsmitglied zu sein und dann online Tickets zu buchen. Mitglied bei Arsenal bin ich aber nicht. Die beste Lösung scheint mir daher immer noch, wenn möglich, Kontakte nach London auszuspielen. Eine weitere Möglichkeit besteht natürlich noch, über die bekannten Ticketagenturen an Eintrittskarten zu gelangen.

Ich spaziere die Holloway Road nordwärts entlang. Viele Polizisten und Sicherheitskräfte überwachen den Verkehrs. Die Pubs an der Straße sind sehr gut gefüllt mir Arsenal-Fans, in den vielfältigsten Trikots der letzten Jahre. Das Bier fließt in Strömen, trotz der Hitze. Ich bleibe bei Wasser und Cola. Aufgrund des Alkoholverbots in englischen Stadien bleibt den Fans wenig übrig, als vor dem Spiel den Pegel ein wenig anzuheben. Die meisten machen davon Gebrauch. Ich biege nach rechts in den Drayton Park, dann die nächste wieder links in die Benwell Road und nach gut 500 Metern erscheint plötzlich auf der rechten Seite das Emirates Stadium. Im Vergleich von vor drei Jahren hat sich wenig verändert, lediglich die freie Fläche rechts neben dem Stadion wird jetzt mit Wohnungen bebaut. Das große Stadionareal ist damit jetzt praktisch komplett von Wohnungen und Eisenbahnstrecken eingegrenzt.

Es ist kurz nach zwei. Es herrscht bereits emsiges Trieben auf dem Rundweg um das Stadion, den theoretisch jeder betreten kann. Erst beim Eintritt ins Gebäude ist ein Ticket vorzuweisen. Ich erreiche den Eingang Süd Club Level und der Einlass dauert ein paar Sekunden. Karte unter den Scanner halten und schon geht es mit einer kurzen Rolltreppe ein Stockwerk nach oben. Vorher gibt es noch das Matchday Programme. Sicherheitskontrollen gibt es keine. Ich werde nicht abgetastet, gar nichts. Dafür sehe ich gefühlt 100 Videokameras, die jeden Winkel des Stadions aufzeichnen. Ich sitze direkt über dem Gästeblock, wo sich die Fans aus Sunderland schon einmal warmsingen. Die Zeit bis zum Anstoß vergeht wie im Fluge. Aus den Stadionlautsprechern tönt die Britpop-Playlist mit Keane, Coldplay und Muse. Es gibt ein längeres Interview mit Arsene Wenger auf der Großbildleinwand. Und es wird darauf aufmerksam gemacht, dass via Twitter und dem Hashtag #ARSvSUN über das Spiel diskutiert werden könnte. Ansonsten noch ein paar Hinweise und Infos, alles erstaunlich unaufgeregt und zurückhaltend.

Um kurz vor 15:00 Uhr laufen die Mannschaften ein, das Stadion ist nahezu ausverkauft. Podolski und Cazorla bekommen bei der Mannschaftsaufstellung großen Applaus. Der Verlauf des Spiels ist schnell erzählt. Bei Arsenal lief offensiv wenig zusammen. Da ist in den nächsten Wochen viel für Arsene Wenger zu tun. Laufwege einstudieren, schneller in der Offensive spielen, Sicherheit in der Defensive gewinnen. Arsenal spielte über weite Strecken ideenlos gegen Sunderland, die sich fast ausschließlich mit zehn Spielern hinten rein stellten. Und die wenigen klaren Chancen konnten die Gunners nicht verwerten, siehe Giroud zehn Minuten vor Schluss. Nach 90 Minuten hieß es dann 0:0. Enttäuschung machte sich im Emirates Stadium breit. Insgesamt fand ich die Stimmung während der 90 Minuten wieder sehr gut. Es bestätigte sich mein Eindruck vom ersten Besuch im Emirates. Es kann für zehn Minuten auch mal völlig ruhig sein, wenn sich wenig auf dem Spielfeld tut. Gänsehaut bekomme ich immer dann, wenn Arsenal Druck macht und dann die Anfeuerungen kommen. Oder bei tollen Einzelaktionen oder hohem Aufwand der Gunners, wenn sich das ganze Stadion schon mal erhebt. Interessant auch, wie sehr die Sunderland-Fans ihre Freude daran hatten, die Fans des FC Arsenal zu Stimmungsduellen herauszufordern. Der Gästeblock wurde übrigens von zahlreichen Polizisten überwacht, die mit kleinen Videokameras Aufzeichnungen machten.

Nach dem Spiel wieder den Weg durch die Hitze zur Underground Station Highbury&Islington. Unterwegs treffe ich deutsche Fans im Podolski-Trikot, erst Fans aus Köln, dann schon welche im Arsenal-Trikot. Bei allen war die Enttäuschung über den eher mäßigen Auftakt zu spüren. Das Wohnviertel um das Stadion ist komplett abgesperrt, Polizisten regeln den Verkehr. Fußgänger werden in größeren Gruppen über die Kreuzungen geleitet. Das klappt alles wunderbar problemlos und ruhig. Auch vor der Underground Station muss ich gerade mal zehn Minuten warten. Gegen 18:00 Uhr bin ich wieder im Westteil von London. Pizza, Eis und Wein läuten den Abend ein, der mit einer nächtlichen Busfahrt und einem Spaziergang durchs ein wenig auskühlende London endet. Für Match of the Day von der BBC bin ich wieder vor dem Fernsehgerät. Die Experten der BBC hauen in die gleiche Kerbe wie viele Sonntagszeitungen bezüglich der Leistung von Arsenal. Arsene Wenger mache jede Saison dieselben Fehler. Leistungsträger verkaufen. Zwar werden neue Spieler geholt, die seien aber nicht gut genug und die Einspielphase brauche zu lang zu Saisonbeginn. Da werden wichtige Punkte liegen gelassen.

Arsenal steht nach zwei Spielen bei zwei Punkten. Man kann einige positive Aspekte erkennen. Noch kein Gegentor kassiert, defensiv haben sich die Gunners mit Ausnahme der ersten 10 Minuten gegen Sunderland stabilisiert. Die großen Sorgen liegen in der Offensive. Wenger sagt selbst, dass Podolski körperlich noch nicht fit genug für die Premier League sei. Und es fehlt eben Robin van Persie. Und es fehlen Tore allgemein. Die Offensive des FC Arsenal muss sich einspielen – und das sehr schnell. Wenger würde gerne noch einen Stürmer holen. Nur so viele Möglichkeiten liegen da nicht auf dem Präsentiertisch. Arsenal steht noch vor vielen Problemen. Die sind nicht überwindbar. Nur müssen sie schnell gelöst werden.

Der Sonntag zeigt sich wieder von seiner hochsommerlichen Seite. Bei einem Spaziergang durch den Regent’s Park kommt mir ein Jogger im Arsenal-Trikot entgegen. Das erkennen auch zwei ältere Herren auf einer Parkbank. Sie können sich mit einem Urteil nicht zurückhalten und rufen dem Jogger zu: “You will never win a title with Wenger.” Vom Jogger kommt nur ein “Shut up!”. Ich lächele in mich hinein.

Es wird eine lange, schwierige Saison. Come on, Arsenal!

Zitat des Tages: Donnerstag, 21. Juni 2012 – Fans

Es gibt in Deutschland eine ganz besondere Mentalität der Fußballfans. Es geht ihnen um das Pure des Fußballs. 11 Helden gegen 11 Gegner, die Gesänge, die ganz spezielle, individuelle Choreographie jedes Spieltags. Eine Romantik ohne Kommerz und voller Leidenschaft. Eben weg vom Alltag, rein in die Stadien, auf die Bezirkssportplätze. Ein wöchentlich wiederkehrender Rhythmus, der auch die Werktage bestimmt, weil man ihn nie ganz aus den Köpfen bekommt. Und dann gibt es den Nationalmannschafts-Fan. Grundsätzlich fällt es schwer, Fan von etwas zu sein, was nur alle paar Monate stattfindet. Natürlich ist genau das das Glück aller Nationalmannschafts-Fans, denn sie wollen gar nicht mehr Zeit für Fußball aufwenden. Die Kehrseite: Es fehlen die regelmäßigen Emotionen – keine Rituale, keine dauernd existe Leidenschaft. Fußballfans, die sich nur für die Nationalmannschaft interessieren, wissen nicht, was Leiden ist.

Sportsaal: Warum Fußballfans und EM-Jubelperser aneinander vorbeischauen

Großartiger Text.

EM-Berichterstattung: Qualität statt Quantität

Zum ersten Mal seit sechs Jahren ein großes Turnier im Fußball – und ich bin kein Student mehr, sondern Arbeitnehmer in Vollzeit. Sprich weniger Zeit für dieses Blog. Deswegen gibt es keine umfangreiche Berichterstattung wie bei der EM 2008 oder der WM 2010. Ich spare lieber meine Ressourcen. Das Wochenende war vollgepackt mit Arbeit, ich hoffe, das wird im Juni etwas weniger.

In Zeiten pluralisierender Nachrichtenverbreitungswege und Mediengattungen konzentriere ich mich sowieso nur noch auf eine wenige Medien für die Informationsaufnahme, gerade bei sportlichen Großereignissen. Qualität statt Quantität- Und während meine ganze Twitter-Timeline sich stundenlang über das ZDF aufregt, höre ich in Ruhe die angnehm unspektakuläre, aber sehr informative Vorberichterstattung auf BBC Radio 5live. Ich suche mir die Sachen aus, die mir vertraut sind, von denen ich weiß, dass sie eine sehr gute Berichterstattung abliefern, mich informieren und gelegentlich auch unterhalten. Aber in erster Linie: Information. Und so schalte ich ARD und ZDF mit den Nationalhymnen ein und nach dem Abpfiff wieder aus.

Hier mein Informationsmenü während der EM 2012.

allesaussersport.de – Ich bewundere Kai für seine Arbeit. Großartig. Sachlich, alternativ, mit Liebe zum Detail. Live-Blogs. Meist tolle Diskussion in den Kommentaren. Man verpasst praktisch nichts.

BBC Radio 5live – Im Gegensatz zum ARD Eventradio überträgt 5live alle Spiele der EM, leider nur für UK. Davor gibt es aber auch für Kontinentaleuropäer die umfangreiche Vor- und Nachberichterstattung inklusive dem kompakten Football Daily Podcast.

Guardian EM Daily Podcast - 30 Minuten lang. Das wichtigste vom Tage amüsant auf dem Punkt gebracht mit vielen Berichten der Guardian-Sportkorrespondenten aus Polen und der Ukraine. Pflichtprogramm.

Sportradio360 EM Daily Podcast - Genauso wie das deutsche Pendant mit vielen Gästen (einige Sky-Kommentatoren), Rückblick und Vorausschau auf die Spiele.

Sieht jetzt nicht nach viel aus, nebenbei lese ich noch ein wenig bei Twitter und in einigen deutschen und britischen Sportblogs. Reicht mir aber völlig. Unspektakulär, aber ich fühle mich top informiert.