Vielleicht muss in jedem Curriculum Vitae eines Fußballfans auch einmal der Eintrag “Hat den Abstiegskampf mitgemacht und bis zum Saisonende gelitten” verzeichnet sein. Als Fan von Werder Bremen kann ich diese Notiz seit spätestens gestern Nachmittag eintragen. Die Niederlage in Leverkusen, gleichzeitig die Siege von Hoffenheim und Augsburg. Zum Glück hat Fortuna Düsseldorf nicht auch noch gepunktet. Was aus Sicht von Werder stets unmöglich schien, ist nun doch eingetreten: Existenzangst. Und das trifft natürlich auch die Fans. Bisher habe auch ich stets die Meinung vertreten, dass es eine fürchterliche Saison sei, aber zum Glück es drei noch schlechtere Mannschaften geben wird. Diese Behauptung ist noch Makulatur, kann aber ganz schnell ins Gegenteil eintreten. Im Sommer soll, so meine Meinung, die Situation von Werder ausführlich analysiert und diskutiert werden: Wo kommen wir her, wo wollen wir hin, was ist mit dem Kader realistisch möglich und wer soll die Spieler trainieren? Ich hatte gehofft, dass diese essentiellem Fragen irgendwie in Vorbereitung auf eine weitere Saison in der Bundesliga geklärt werden könnten, sicher ist das nun nicht mehr.
Abstiegskampf wirkte bisher immer wie ein bedrohliches Szenario, das noch weit entfernt war. Wird schon so schlimm nicht kommen. Das war sehr lange die Haltung der sportlichen Führung, die im Februar immer noch von der Europa League sprach, wenngleich die Möglichkeiten des Werder-Kaders 2012/2013 schon damals eher begrenzt schienen. Und das war bei allem Frust und Ärger über die vielen Niederlagen auch lange Zeit die Reaktion der vielen Werder-Fans. Und seit gestern Nachmittag ist zumindest mir klar: Verdammt, wir sind mitten drin im Abstiegskampf. Samstag gegen Hoffenheim ist das vielleicht wichtigste Spiel in der Werder-Historie seit dem Europa League Finale 2009. Eigentlich dürfte der freie Fall in den Tabellenkeller gar nicht so überraschend für alle Beteiligten kommen: zusammen mit Hoffenheim die schlechteste Defensive der Liga (60 Gegentreffer nach 31 Spielen), 15. in der Heimtabelle, jene Stärke von Werder in den vergangenen Jahren, nur zehn Punkte in 14 Rückrundenspielen geholt, kein Sieg in den letzten zehn Pflichtspielen. Bei diesen Zahlen kann man wirklich Existenzangst bekommen.
Werder ist die komplette Orientierungslosigkeit in der Saison 2012/2013. Das fängt zuallererst beim Trainer Thomas Schaaf an. Irgendwann im Laufe der Rückrunde gab es ein Umdenken bei Schaaf: Angesichts der vielen Gegentore sollte mehr Wert auf die Defensive gelegt werden. Eine späte, aber richtige Einsicht. Nur wurden dadurch kaum offensive Impulse mehr gesetzt. Nur sieben Tore in den letzten neun Spielen wurden erzielt. Da Werder bei aller Sympathie für mehr Defensive aber weiter regelmäßig ein bis zwei Gegentore pro Spiel kassiert, werden die meisten Spiele eben verloren. Die Balance zwischen Defensive und Offensive war schon immer die Schwachstelle bei Werder – und Thomas Schaaf hat diese über Jahre hinweg nicht lösen können. Der Fokus auf die Defensive war eine überfällige, ja fast nettgemeinte Lösung. Gebracht hat sie nichts. Leider.
Dafür ist die Qualität des Kaders auch einfach nicht gut genug. Mir fällt bedauerlicherweise kein Spieler im Werder-Trikot ein, der konstant gute Leistungen über die Saison erbracht hat. Aber genau solche drei bis vier Spieler wären notwendig, um das junge Team zu führen, um Struktur in den Verein auf wie neben den Platz zu bekommen. Weder Hunt (der das ursprünglich mal machen sollte), noch Arnautovic (zu viel mit sich selbst und der Welt beschäftigt), Fritz (leider auch häufiger verletzt) oder Bargfrede (ebenfalls leider viel zu lange verletzt) konnte diese Funktion erfüllen. Und dann muss man im Kader schon lange nach Spielern suchen, die dieser nicht ganz einfachen Aufgabe gerecht werden können. Im Prinzip sprechen die Ergebnisse eine Sprache für sich: die Mannschaft ist schlicht nicht gut genug für die obere Tabellenhälfte – oder anders formuliert: Wenn es alle Spieler schaffen würden, ihr eigentliches Leistungspotential mehr als nur einmal in sechs Wochen abzurufen, wäre ein Platz unter den ersten Zehn sehr gut möglich, gerade weil die anderen Teams auch nun keine Bäume ausreißen. Dass die Mannschaft nicht gut genug für die eigenen Ziele und Ansprüche ist, gehört in den Verantwortungsbereich der sportlichen Leitung, des Trainers, aber auch des Managers. Klaus Allofs scheint nicht unbegründet das sinkende Schiff vorzeitig verlassen zu haben. Aber es waren Allofs uns Schaaf, die sechs Millionen für Elia zahlten, ein Spieler, der nun nicht wirklich durch konstant gute Leistungen über einen längeren Zeitraum in Hamburg und Turin aufgefallen ist. Und wenn ich einen solch begrenzten finanziellen Spielraum wie Werder habe, kann ich nicht mehr sechs Millionen Euro für einen Spieler ausgeben, der vielleicht das Potential hat. Wenn ich keine Einnahmen aus dem Europapokal habe, muss ein Umdenken auf dem Transfermarkt stattfinden: Dann kann ich mir eben keine teuren und vielleicht guten Spieler leisten, sondern muss auf den derzeitigen Kader und die eigenen Jugend zurückgreifen. Was ich kritisiere, ist, dass die sportliche Leitung noch Europa League als Ziel ausgibt. Das erhöht erstens den Druck auf die vielen jungen Spieler, noch schürt es völlig überzogene Erwartungen bei den Fans. Werder und vor allem Schaaf sprechen ständig von Umbruch, von Zeit, die die Mannschaft benötigt. Dann tretet in der Außendarstellung als Verein doch so auf, dass wir Fans bereit sind, diese Zeit auch zu geben.
Womit wir bei den Werder-Anhängern wären, wobei ich aus Münster ja nur die Außensicht auf die Stimmung an der Weser habe. Ich war schon positiv überrascht, dass die Fans die Mannschaft und Thomas Schaaf in Leverkusen so gefeiert haben – eine Woche vorher waren es noch von vielen Pfiffe und “Wir haben die Schnauze voll”. Klar ist der Abstiegskampf auch für die Fans eine neue Herausforderung, an der es sich zu orientieren gilt. Was erwartet man noch von der Mannschaft? Was darf man verlangen von einer verunsicherten Truppe? Ich war gestern eher wieder enttäuscht von der Leistung in Leverkusen. Klar ist Bayer04 ein anderer Maßstab als zum Beispiel Wolfsburg oder Schalke, aber trotzdem fand ich den Auftritt eher mutlos. Defensiv war das völlig okay, das war in den letzten Wochen sowieso das kleinere Problem. Doch offensiv geht gar nichts mehr zusammen. Das macht mir derzeit die meisten Sorgen. Nils Petersen hat Ladehemmung und spielt ohne großes Selbstvertrauen (vielleicht auch bedingt durch die unklare Zukunft nach der Saison), und von Hunt sind nur die Elfmeter gefährlich, de Bruyne wirkt mit seinen Gedanken auch irgendwo zwischen Stamford Bridge, Leverkusen und Dortmund. Und Arnautovic zeigt auf der linken Spur der Autobahn mehr Dynamik als im Strafraum. Es war wunderbar zusehen, dass die Fans zusammenrücken mit der Mannschaft in diesen nicht einfachen Zeiten. Vielleicht gibt das Mannschaft und Trainer ja einen kleinen, dringend benötigten Schub. Die Fans sind sehr eindrucksvoll in Vorleistung getreten, jetzt ist die Mannschaft gegen Hoffenheim gefragt.
Wie findet eine Mannschaft Orientierung im Abstiegskampf, vor allem, wenn der Verein das eigentlich nicht gewohnt ist? Vielleicht durch ein Erfolgserlebnis, vielleicht auch durch harte Arbeit. Die soll es ja stets geben. Hoffentlich wird dann endlich die Lösung gefunden, warum das nicht zu Erfolg auf dem Rasen führt. Samstag wird wichtig. Ganz wichtig. Dass es im Verein und auf der Trainerposition nach dieser Saison Veränderungen geben muss, halte ich für dringend notwendig. Aber keine Kurzschlussaktionen, sondern durchdacht, gut überlegt, mit einem tragfähigen Konzept für die nächsten Jahre.
Mit Thomas Schaaf hat Werder unglaublich viele schöne Erfolge gefeiert. Ich mag Schaaf, seine Art und seine Hingabe für Werder sehr. Es war vielleicht neben der Person Johan Micoud der Grund, warum ich Werder-Fan wurde. Meisterschaft, tolle Champions League Abende, Pokalsiege, Europa League Finale, hinreißende, unvergessene Spiele in der Bundesliga. Was wäre es für ein schöner Abschluss, wenn Schaaf es jetzt noch schaffen würde, Werder aus seiner größten Krise der jüngeren Vereinsgeschichte herauszuführen. Samstag wird wichtig. Nur schon einmal zur Orientierung.
Lebenslang grün-weiß.