Beitrags-Archiv für die Kategory 'Zeitungen/Zeitschriften'

Zitat des Tages: Dienstag, 16. März 2010 – Wie in keiner anderen Zeitung

Dienstag, 16. März 2010 8:41

“Dass ich morgens in der U-Bahn, wenn ich zur Arbeit gehe, eine Zeitung kaufen kann und alles, was mich am Sport interessiert, sofort in einer Zeitung lesen kann. Und zwar aktueller als in jeder anderen Zeitung, weil wir einen extrem späten Redaktionsschluss haben, der bei wichtigen Ereignissen und Entwicklungen sogar noch einmal nach hinten verlegt werden kann.”

Verleger Michael Hahn, Herausgeber vom Sport-Tag, spricht im Tagesspiegel über das Projekt eine tägliche Sportzeitung in Deutschland ins Leben zu rufen: “Ich habe keine Zweifel.”

Wenn man so weitermacht, dann habe ich meine Zweifel, ob das ein erfolgreiches Produkt werden kann.

Thema: Zeitungen/Zeitschriften, Zitat des Tages | Kommentare (1) | Autor: medispolis

Wie die Tageszeitung aus meinem Leben verschwand

Montag, 4. Januar 2010 12:44

Ich war einmal ein leidenschaftlicher Tageszeitungsleser. Jeden Morgen vor der Schule bin ich extra eher aufgestanden als notwendig um genug Zeit für die ausführliche Zeitungslektüre zu haben, während und nach dem Frühstück. Meine Eltern hatten zwei Tageszeitungen abonniert und die beide auch morgens spätestens pünktlich um 06:00 Uhr im Briefkasten waren. Zuerst immer der Sportteil der Neuen Presse, dann meist der Politikteil der HAZ, wenn dann noch Zeit blieb ein kurzer Blick in den Lokalteil. Das Lesen der Tageszeitung war mein Start in den Tag, ich fühlte mich gut informiert und sah die Tageszeitung als festen Bestandteil in meinem Leben. Standen längere Zugfahrten auf dem Programm, kaufte ich mir ein, zwei verschiedene Ausgaben, im Urlaub war ich morgens der erste, der sich entweder Süddeutsche, FAZ oder die Welt holte, je nachdem, was es gerade im europäischen Ausland gab.

Doch so ganz allmählich verschwand die Tageszeitung immer mehr aus meiner Alltagsroutine. Ich zog von zuhause aus, und mittlerweile habe ich seit fünf Jahren keine Tageszeitung mehr abonniert. Hin und wieder lese ich zum Zeitvertreib mal eine im Zug oder im Urlaub, aber nie mehr wirklich ein bewusster und geplanter Kauf, wenn überhaupt spontan und ich keinen anderen Lesestoff mehr habe. Das Internet hat die Tageszeitung als Informationsmedium bei mir vollständig abgelöst, nicht von einen Tag auf den anderen, sondern allmählich in einem schleichenden Prozess. Nun musste ich vorgestern für ein Uni-Projekt einiges recherchieren und war fast ein wenig gezwungen, mir diverse Zeitungen zu kaufen. Also habe ich acht Tageszeitungen geholt, drei regionale und fünf überregionale und war dann damit bei der Lektüre am Wochenende damit konkfrontiert, warum es für mich überhaupt keinen Sinn mehr macht, Tageszeitungen zu lesen geschweige denn zu abonnieren.

Damit das hier nicht falsch verstanden wird. Ich möchte gar nicht die Diskussion um die toten Printmedien zu sehr neu aufleben lassen, weil ich glaube, dass es immer noch hervorragende journalistische Leistungen bei diversen Zeitungen in Deutschland gibt. Aber für mich reicht das eben längst nicht mehr als Argument zum Kauf aus, eben weil mein Mediennutzungsverhalten sich rapide verändert hat und Tageszeitungen mir kaum noch einen Mehrwert an Informationen und Hintergründen geben. Dabei lese ich liebend gerne das Streiflicht in der Süddeutschen. Die Seite 3 der SZ hielt ich mal für das Beste, was im deutschen Printjournalismus gibt und für Artikel von Raphael Honigstein über den englischen Fußball in der SZ würde ich sogar seperat bezahlen. Wirklich gut geschrieben sind immer wieder auch die Artikel des Medienjournalisten Imre Grimm in der HAZ.  Aber das alles reicht eben nicht mehr aus mich zum Kauf einer Tageszeitung zu bewegen.

Dabei scheine ich als Student, Mitte 20, mit erstem akademischen Abschluss eigentlich wie gemacht für den Tageszeitungsleser, vor allem mit meinen Studienfächern Politik, Medien und Kommunikation. Ich bin auch einer der wenigen, der bei uns im Studiengang keine Tageszeitung liest oder abonniert hat, morgens in der Bahn Richtung Uni ist die Zeitungsleserdichte extrem hoch. Doch die Lektüre am Wochenende hat mir mal wieder gezeigt, dass Zeitungen mir überhaupt keinen Mehrwert bieten.

Kurzer Einschub zu meinem Medienverhalten, wie ich Informationen und Nachrichten aufnehme. Ich schmeiße morgens meinen Feedreader an, lese mich durch die abonnierten Feeds von 20 Nachrichtenportalen, und schaue dann bei der BBC, dem Guardian und der New York Time vorbei. Wenn ich tagsüber zuhause bin, lasse ich meistens Twitter laufen, wo die wichtigsten Nachrichten sowieso recht schnell aufschlagen. Abends schaue ich meistens Nachrichten im TV, entweder Tagesschau, BBC World, CNN oder Sky News und bevor ich ins Bett gehe, gehe ich einmal über die Internetseiten der HAZ, des Weser-Kurier und der Rheinischen Post und schaue noch kurz bei den Medienseiten der großen überregioalen Tageszeitungen vorbei. Damit habe ich mein Informationsbedürfnis abgedeckt, merken kann ich mir da sowieso alles nicht, aber meine Interessen sind damit bedient und alles Wichtige bekomme ich auch schnell, unkompliziert und direkt mit (ja, und bisher ist auch noch alles kostenlos). Und ich bekomme eben einigermaßen auch noch das mit, was vor meiner Haustür in Düsseldorf stattfindet und in meinen Heimatstädten Hannover und Bremen.

Wenn es also überhaupt noch einen Grund gibt eine Zeitung zu abonnieren, dann aus meiner Sicht nur für die lokale Berichterstattung, ansonsten musste ich bei der Lektüre der Zeitungen am Wochenende feststellen, dass ich kaum Informationen bekam, die ich am Vortag nicht schon im Feedreader hatte oder irgendwo anders gelesen hatte. Ich war erstaunt, wie viel Agenturmaterial gerade in den regionalen, aber auch in den überregionalen Zeitungen übernommen wird. dpa- und ap-Meldungen im Überfluss sind natürlich das Kaufargument für eine Zeitung, dann kann ich doch gleich den Newsticker laufen lassen, um mal ein Beispiel zu nennen. Sportberichte bekomme ich heute in zahlreichen Blogs viel ausführlicher und besser als in der regionalen Tageszeitung. Ergebnisse und Tabellen bekomme ich aktuell im Internet schon am Vortrag. Zeitungen müssen mir etwas bieten, dass mir noch nicht bekannt ist oder dass von solch guter journalistischer Qualität ist, dass ich am Kauf gar nicht vorbeikomme. Streiflicht, Seite 3 und die umfassenden Artikel im Sportteil wären ein Argument für die SZ. Nur wird dadurch die Zeitungskrise, wenn es sie denn gibt, nicht gerade kleiner, weil die Süddeutsche sowieso schon viele Menschen lesen. Aber es muss wohl ein Wunder passieren, dass ich nochmal eine regionale Tageszeitung kaufe oder abonniere.

Nun liegt das ganz offensichtlich vollkommen an mir, dass ich kein leidenschaftlicher Tageszeitungsleser mehr bin wie vor Jahren noch, weil sich mein Mediennutzungsverhalten so verändert hat, dass ich Informationen schneller und einfach anderswo wahrnehmen kann. Die Theoretiker der “Print ist tot”-Diskussion würden jetzt sagen, dass sich die traditonellen Medien, wie Tageszeitungen, viel zu lange dieses neue Mediennutzungsverhalten ignoriert haben und jetzt nur schwer die Kurve bekommen, gerade jüngere Abonnenten zu gewinnen. Natürlich ist für mein halbwegs umfassendes Meinugsbild nicht nur Information, sondern auch Hintergrund notwendig. Und da sind Printprodukte immer noch hervorragend geeignet, zum Beispiel durch die Wochenzeitung die ZEIT, die ich seit Jahren abonniert habe, und ja immer auch noch stark nachgefragt, trotz jährlicher Preiserhöhung und auch hier einem verstärkten Drang zur Boulevardisierung, wie beim SPIEGEL.

Wie sollten die Tageszeitungen also mit dem neuen Mediennutzungsverhalten, für das ich ja nur exemplarisch stehe, das aber einen Großteil der Gesellschaft erfasst hat, umgehen? Es wird sicherlich schwierig, solche Leute überhaupt als Abonnenten einer Zeitung zurückzugewinnen, vielmehr würde ich mir wünschen, dass die Verlage es endlich schaffen, mehr in Qualität und und Hintergrundberichterstattung investieren – und dafür dann eben auch Geld verlagen. Ich habe keine Probleme damit, für gute journalistische Leistungen Geld zu bezahlen, zum Beispiel das Streiflicht oder einen Hintergrundartikel zur NBA oder Premier League in der FAZ. Nur das ganze müsste einfach und schnell gehen, sonst schaue ich eben da, wo es immer noch kostenlos ist. Für die Internetseite des Guardian würde ich sogar ein Jahresabo abschließen. Und vielleicht schaffen die Verlage gerade durch solche Bezahlangebote eben auch den Kontakt und das Bewusstsein für das Zeitungslesen, gerade jetzt auch bei den 14-19-Jährigen, wieder herzustellen.

Es muss langfristig einiges geschehen, dass ich morgens wieder mit Freude zum Briefkasten renne. Aber ausgeschlossen ist das nicht. Mein Mediennutzungsverhalten ist scheinbar flexibler als die strategischen Überlegungen vieler Verlage.

Thema: Alltägliches, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (4) | Autor: medispolis

Auftrag für uns alle nachzudenken und zu reflektieren

Sonntag, 15. November 2009 13:27

Heute Vormittag wurde in der AWD-Arena in Hannover in einer bewegenden Trauerfeier Robert Enke gedacht. Es war eine Zeremonie, die in ihren emotionalen Momenten, die in ihrer andächtigen Stille und ihren mahnenden Worte dem großartigen Sportler und fantastischen Menschen absolut gerecht wurde. Ich habe mich Donnerstag entschlossen, kurzfristig über das Wochenende nach Hannover zu fahren, um wenigstens ein bisschen an der Trauer und der Anteilnahme in Hannover teilzunehmen, habe eine Kerze für Enke vor dem Stadion angezündet und mich trotz langer Wartezeit in eines der Kondolenzbücher eingetragen. Ich habe selten ein so bedrückende Stimmung und Atmosphäre in Hannover mitbekommen. Als ich Freitagmittag am Hauptbahnhof angekommen war und mit der U-Bahn zum Aegidientorplatz gefahren bin, schossen viele Menschen Tränen in die Augen, als sie im Fahrgastfernsehen die Meldung über die bewegende Todesanzeige von Enkes Frau Teresa gelesen haben.

Die Ausmaße der Trauer, nicht nur in Hannover, sondern ja auch bundesweit und in der gesamten Fußballwelt, haben mich tief beeindruckt. Und natürlich war Hannover als Heimatstadt von Enke das Zentrum der Trauer und Anteilnahme. Als ich mit Komilitonen in Düsseldorf über den Tod von Enke gesprochen habe, konnten das viele gar nicht so richtig verstehen, warum es diese überwältigende Teilnahme am Trauermarsch, beim Gedenkgottesdienst in der Marktkirche oder eben heute bei der Trauerfeier im Stadion gegeben hat. Ohne es natürlich empirisch belegen zu können, ist Robert Enke den meisten Hannoveranern irgendwie schon einmal persönlich begegnet, sei es beim Fußballspiel im Stadion, in der Innenstadt, in der S-Bahn nach Hannover oder Neustadt, beim Training der Mannschaft oder auf einer der zahlreichen Veranstaltungen, die nur bedingt etwas mit Leistungssport zu tun hatten. Und jeder, der Enke schon einmal begegnet war – und dann vielleicht auch noch das Vergnügen hatte mit ihm ein paar Worte zu wechseln, erkannte sehr schnell, was für einem sympathischen Menschen man gegenüberstand. Das ist zumindest mein Eindruck.

Nicht nur auf den Fußball bezogen, war Hannover Enke für vieles dankbar und Enke gab diese Dankbarkeit mit tollen Leistungen auf dem Platz und im gesellschaftlichen Leben zurück. Enke hätte längst dank seiner tollen Leistungen Hannover verlassen können, aber nein, er blieb Hannover, seiner Heimat und seinen Fans immer treu. Überliefert sind viele Geschichten vom Menschen Robert Enke. Eine habe ich gestern Nachmittag beim NDR aufgeschnappt. Nach einem Training waren mal wieder mehrere Kinder nach Autogrammen von Enke hinterher. Dabei fiel ein Kind aus der Rolle, macht laut auf sich aufmerksam, dass es dringend und sofort ein Autogramm haben wollte. Enke ignorierte den Schreihals und gab zuerst den anderen Kids seine Unterschrift. Als dann zuletzt das unfreundliche Kind dran war und auch noch ein “Na endlich, das wurde aber auch Zeit” davorschickte, gab Enke natürlich bereitwillig das Autogramm, gleichzeitig aber darauf hinzuweisen: “Wenn du freundlich ‘Guten Tag Herr Enke, ich hätte gerne ein Autogramm’ gesagt hättest, wärest du der erste gewesen.”

Die Trauerfeier aus Hannover wurde heute von etlichen TV-Sendern übertragen, unter anderem die ARD, der NDR und unsere Nachrichtensender n-v und N24. Über Twitter kamen dann die ersten Hinweise, ob das nicht alles zu viel sei. Zum Beispiel das Internetportal der WAZ-Gruppe, der Westen, ließ darüber diskutieren. Komischerweise waren das genau die, welche am Dienstagabend ihre Online-Berichterstattung mit langen Klickstrecken ergänzten und aufbereiteten. Darauf hätte ich gerne verzichten können, aber dass man Menschen, die aus bestimmten Gründen nicht ins Stadion gehen konnten, die Möglichkeit gibt, eine große Trauerfeier trotzdem live  verfolgen zu können, fand ich absolut angemessen. Und dass dann neben den öffentlich-rechtlichen Sendern auch die privaten TV-Stationen übertragen, ist schlicht auch ein wenig unserem Rundfunksystem geschuldet. Wenn sich n-tv und N24 von ihrer Übertragung vielleicht eine höhere Quote versprechen und deswegen auf Live-Bilder setzen, dann ist das zwar bedauerlich, aber für mich irgendwie auch nachvollziehbar. Viel mehr müssen sich n-tv und N24 fragen, wieso sie jetzt noch so einen Hype um den Tod von Robert Enke machen und es die Tage davor nur selten geschafft haben, sachlich angemessen und vor allem aktuell zu berichten. Dass jetzt die Trauerfeier im Fernsehen gezeigt wird, ist absolut richtig, vielmehr sollten sich die Medien hinterfragen, ob es notwendig ist, mit Kränen in der hannoverschen Innenstadt vor der Markthalle zu stehen, um den Trauermarsch zu filmen, ob man in den Online-Medien Klickstrecken en Masse anbieten musste und ob es sinnvoll ist, immer weiter zu senden, obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu senden gibt. Dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn Leute wie Peter Neururer oder Christoph Daum ihren Senf dazugeben. Und das finde ich eigentlich das Bedauerliche.

Dass umfassend und ausführlich auf vielen Kanälen über den Freitod von Robert Enke berichtet wurde, ist doch selbstverständlich. Und Medienkritik mag zwar immer ganz passend und anspruchsvoll klingen, aber zu einer Berichterstattung der Medien gehören immer zwei Seiten. Die Medien und wie als Rezipienten. Wir wollten doch auch alle mit neuen Informationen, Gründen und Hintergründen überschüttet werden. Wer hat denn nicht seit Mittwoch jeden Morgen auf die Titel-Schlagzeile der BILD geschaut, wer hat sich nicht die Pressekonferenz von Teresa Enke bei Youtube oder in irgendeiner Mediathek noch einmal angeschaut, wer hat sich nicht im Internet auch die Klickstrecken angeschaut, obwohl fast alle gegen die Art und Weise der Aufbereitung protestiert haben, und wer wird sich morgen ausnahmsweise mal den SPIEGEL holen, weil Robert Enke auf dem Titelbild ist? Das werden schon viele Menschen sein. Man kann den Medien in diesem Land vieles vorwerfen – und ich mache das ja auch manchmal gerne – aber die Medien haben im Fall des Freitodes von Robert Enke doch hauptsächlich nur auf unseren Informationsdurst reagiert. Über die Art und Weise, wie einige Medien berichtet haben, lässt sich immer aufregen. Das sollte aber unabhängig vom Todesfall Enke die Regel sein. Es gibt auch positive Beispiele. Zum Beispiel hat mich die sehr sachliche, emotionale und informative Berichterstattung der HAZ beeindruckt. Vielleicht sollten sich viele Zeitungen daran mal ein Beispiel nehmen.

Der Tod von Robert Enke macht mich auch heute noch unendlich traurig. Er hat eben auch gezeigt, wie Menschen, Medien und Gesellschaft in einer solchen Extremsituation reagieren. Das war nicht immer vorbildhaft, keine Frage. Und vielleicht denken einige Medien im Speziellen vielleich auch einmal darüber nach, genauso wie wir Konsumenten, ob es nämich sinnvoll ist, stets immer der Sensation, dem Extrem, dem Besonderen und Reißerischen den Vorzug vor einer etwas seriöseren Berichterstattung zu geben.

Eigentlich verbietet es sich, erinnernde Worte an Robert Enke mit einer leichten Kritik an den Medien und unserem Verhalten als Rezipienten der medialen Berichterstattung zu vereinen. Ich habe das aber ganz bewusst gemacht, eben, weil ein Großteil der Bevölkerung und der Medien es in diesen Tagen nicht geschafft haben oder schaffen wollten. Durch den Tod von Robert Enke wird sich im Leistungssport und Profifußball hoffentlich einiges verändern. Die Worte vom DFB-Präsidenten Zwanziger machen mehr als nur Mut und Zuversicht. Aber gleichzeitig sollten wir Medienkonsumenten und die Medien vielleicht auch einmal ihr Verhalten und ihre Berichterstattung der letzten Tage positiv wie negativ reflektieren.

Dass wir aus bestimmten Medien keine anderen Medien machen können, steht außer Frage. Aber wir als Konsumenten haben die Entscheidung, welcher Art und Weise von Berichterstattung wir besser finden. Nämlich durch unseren Kauf der Zeitungen oder dem Einschalten eines bestimmten Fernsehsenders.

Zurückhaltend, sachlich, wohl überlegt, nie im Mittelpunkt stehen zu wollen – das waren einige der großen Charaktereigenschaften von Robert Enke. Es wäre schön, wenn wir als Gesellschaft, Medien und Öffentlichkeit diese Werte und Verhaltensweisen ein bisschen mehr in unsere Köpfe und unser Handeln einbringen könnten. Theo Zwanziger hat mit seiner beeindruckenden Rede die richtigen Worte heute gefunden. Es wäre schön, wenn alle Medien morgen in ihrer Zeitung, auf ihren Internetseiten oder im TV-Programm diese Worte einfach mal eins zu eins abdrucken, veröffentlichen oder senden. Ohne Klickstrecke.

Thema: Fußball, TV und Radio, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (2) | Autor: medispolis

Sunday Times wird für Qualität und Kreativität belohnt

Freitag, 10. Juli 2009 21:07

Als ich im April London besuchte, war ich einmal mehr wieder überrascht, wie viele Zeitungen, sowohl Qualitätsblätter als auch Boulevardzeitungen, es in Großbritannien gibt. Und gerade in London ist der Zeitungsmarkt so umkämpft wie in keiner anderen europäischen Großstadt. Wie steht es im Juli 2009 also um die englischen Zeitungen?

Fangen wir mal mit den interessantesten Zahlen an, die heute durch das Audit Bureau of Circulations (ABC) veröffentlicht wurden. Und das betrifft vor allem die Sonntagszeitungen. Hier konnten vor allem die Sunday Times und der Observer, die Sonntagsausgabe des Guardian, ihre Auflage steigern. Die Sunday Times verkaufte 1.210.352 Ausgaben, das waren 5,4 Prozent als im Juni 2008. Auch der Observer konnte Leser hinzugewinnen. Man verkaufte 409.970 Ausgaben, das waren 1,1 Prozent mehr als im Vormonat, aber über sechs Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Sonntagsausgaben des Independent und des Daily Telegraph verloren an Auflage. Als Ursache für den starken Verkaufsanstieg bei der Sunday Times wird vor allem der kostenlose Lieferservice genannt, der seit fast einem Jahr angeboten wird. Ich hatte mir bei meinem Aufenthalt in London auch die Sunday Times geholt. Und wenn ich aus der Ferne noch einen weiteren Grund nennen könnte, dann ist es schlicht die journalistische Qualität der Artikel und der Umfang der Zeitungen. Viele interessante Magazine, ein Heft, das ausschließlich auf die Ereignisse der vergangenen Woche zurückblickt und zudem ein sehr ausführlicher Sportteil, der auch unterklassige Teams in der Berichterstattung berücksichtigt. Im Prinzip halten sich Gewinne und Verluste an Auflage der Qualitätsblätter ungefähr die Waage.

Sehr viel spannender und härter ist der Konkurrenzkampf der Sonntagsboulevardblätter. Die News Of The World verkaufte über 3 Millionen Zeitungen, wobei diese Zahl nach den Ereignissen von heute in den nächsten Monaten sicherlich sinken wird. Ebenso wie die News Of The World konnte die Sonntagsausgabe des Mirror und des Daily Star zulegen. Interessant, dass gerade vor allem bei den Boulevardblättern sich die Zeitungen untereinander nicht die Abonnenten wegnehmen, sondern in den vergangenen Monaten eher noch neue Leser hinzugewonnen haben.

So durchaus positiv das Geschäft mit den Sonntagsblättern läuft, ist das tägliche Erstellen der Zeitungen auch in Großbritannien nicht immer mehr ein Gewinn für die Verlagshäuser. Einzig und allein die Boulevardblätter The Sun und Daily Star konnte seine tägliche Auflage steigern, alle anderen Zeitungen, vor allem die Qualitätsblätter, mussten leichte Auflagenrückgänge hinnehmen. Eine Zahl ist vielleicht noch ganz interessant. Der London Evening Standard, eine Lokalzeitung in London, die schon am frühen Abend erscheint, hat nach einem aufwändigen Relaunch im Mai ihre Auflage im Juni 12% steigern können. Hier muss man dann mal abwarten, ob daraus wirklich neue Leser entstehen, oder ob das nur die Neugierde und Testkäufe nach dem Neustart waren.

Drei wichtige Fakten können aus den neuen Zahlen vielleicht mitgenommen werden. Auch in Großbritannien wird sich die Krise und die Konkurrenz auf dem Zeitungsmarkt verschärfen, wenngleich auch deutlich langsamer und später als in Kontinentaleuropa. Insbesondere das Anzeigengeschäft ist deutlich ausgeprägter bei den englischen Zeitungen als in Deutschland. Die Sunday Times zeigt sehr eindrucksvoll, dass man mit einer qualitativ hochwertigen Zeitung auch am Sonntag neue Leser gewinnen kann. Und drittens: Die täglichen Ausgaben der Qualitätsblätter werden es auch zukünftig schwerer haben gegen die massiven Auflagen der Boulevardblätter. Momentan sind dies die einzigen Zeitungen, die auch im täglichen Geschäft neue Leser hinzugewinnen können und sich untereinander kaum Leser wegnehmen. Und das trotz zahlreicher Gratiszeitungen, die in den U-Bahn Stationen ausliegen.

Der Guardian hat alle Zahlen zusammengefasst: Tageszeitungen und Sonntagszeitungen.

Thema: Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis

Der Weser-Kurier scheint so ganz langsam das Internet zu entdecken

Freitag, 3. Juli 2009 19:57

Vor fast einem Jahr habe ich mit einem Verantwortlichen des Weser-Kuriers gesprochen und ihn an dieser Stelle auch auf den – man muss es so deutlich ausdrücken – grottenschlechten Internetauftritt des Zeitungs-Verlages hingewiesen, verbunden mit der Frage, ob man gewillt sei, dies zukünftig zu ändern. Damals gab es ein klares Bekenntnis zu einem neuen, überarbeiteten Internetauftritt. Unklar war noch der Zeitpunkt. Wahrscheinlich war man sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal einig, ob man dieses Projekt überhaupt angehen sollte.

Ich halte den Weser-Kurier für keine besonders gute Zeitung. Mir gibt sie keinerlei Mehrwert. Die Werder-News kann man über die Homepage des Vereins abrufen – und der restliche Sportteil ist schlicht eine bunte Sammlung von Agenturmeldungen. Dafür muss ich keine 20 Euro im Monat ausgeben. Einziger Grund – wenn überhaupt – für ein Abo wäre ein Überblick über die regionalen Medien und die lokalpolitischen Themen. Für genau diesen Grund hatte ich auf einen neuen Internetauftritt gehofft.

Der derzeitige Internetauftritt des Weser-Kurier ist mit der schlechteste, den ich in Deutschland kenne. Kaum Ordnung, keine Struktur, keine RSS-Feeds. Einige Artikel aus der Printausgabe werden auf den Bildschirm geknallt, der Rest mit Agenturmeldungen zugemüllt. Ohne große thematische Einteilung. Was da ist, wird rausgehauen. Bilder, Audios und Videos sucht man vergeblich, kaum Tabellen, Grafiken und Diagramme. Ein vernünftiger Auftritt im Netz also praktisch nicht vorhanden. Da hat man den Anschluss verloren – aber deutlich.

Aber nun soll ja alles besser werden. Der Weser-Kurier hat sogar schon einen Twitter-Account eingerichtet, auf dem man jetzt seit einem Monat ankündigt, dass man twittern werde (was man derzeit noch nicht tut) und dass es einen “stark überarbeiteten” Internetauftritt geben werde. Datum weiter unbekannt. Es heißt bis jetzt nur in den nächsten Wochen.

Immerhin positiv, dass jetzt auch der Weser-Kurier erkannt hat, dass man junge Leute zumindest an den Internetauftritt einer Zeitung binden kann. Schauen wir mal, was uns in den nächsten Wochen so präsentiert wird.

Thema: Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (1) | Autor: medispolis

Lektüre-Tipp: Wohin steuert Deutschland?

Dienstag, 30. Juni 2009 23:01

Wir stehen ganz offensichtlich vor schwierigen wirtschaftlichen Zeiten mit großen Herausforderungen für die politischen Akteure und Institutionen unseres Landes. 2009 ist das Jahr der Wirtschafts- und Finanzkrise und das Jahr mit 16 Wahlgängen in Deutschland, der Höhepunkt am 27. September mit der Bundestagswahl. Über diesen Themenkomplex habe ich die letzten Tage ein wirklich exzellentes Buch gelesen: Wohin steuert Deutschland? Bundestagswahl 2009. Ein Blick hinter die Kulissen, herausgegeben von Matthias Machning, ehemals Leiter der SPD-Wahlkampfzentrale KAMPA, und Joachim Raschke, Parteienforscher und Politikberater aus Hamburg.

Die beiden Autoren schreiben aber nur die Einleitung und das Schlusswort. Die restlichen 350 Seiten füllen über 30 lesenswerte Aufsätze von Politikern, Journalisten, Demoskopen, Politologen und Politikberater. Alle Aufsätze behandeln ganz unterschiedliche Aspekte zur aktuellen politischen Situation in Deutschland, zu den Problemen der Parteien, zu möglichen Koalitionsoptionen und dem aktuellen Versagen der Politik bei der Kommunikation der Konsequenzen der Wirtschaftskrise. Rückbezug wird immer wieder auch auf die aktuellen Probleme des politischen Systems, wie Parteiverdrossenheit, sinkende Wahlbeteiligung und mangelndes Interesse an Demokratie und Politik genommen.

Das Buch gliedert sich in sieben Themenabschnitte, die mit den Schlagwörtern Führung, Strategie, Reform, Programme, Parteien, Bündnisfragen und Kommunikation. Natürlich sollte man ein bisschen politisches Interesse haben und mit den Problemen unseres politischen Systems vertraut sein, um diesem Buch folgen zu können. Aber man muss bei weitem kein Experte sein. Die Aufsätze sind auch für die Menschen geeignet, die Politik nur aus der Tagespresse wahrnehmen. Die Leistung dieses Buches ist, dass es auf knapp 350 Seiten die Probleme, Lösungsansätze und ein aktuelles Bild der politischen Lage in Deutschland zeichnet – und zwar aus unterschiedlichen Perspektiven. So schreibt Tissy Bruns, Leiterin des Parlamentsbüros beim Berliner Tagesspiegel, über die Rolle von Müntefering und Steinmeier für einen Führungsanspruch der SPD. Gabor Steingart vom SPIEGEL nennt sieben Lehren aus dem amerikanischen Wahlkampf 2008 und Elmar Wiesendahl, Parteienforscher in Hamburg, schreibt über die Union unter Angela Merkel im Wahljahr 2009. In der Rubrik Programme kommen fünf Politiker zu Wort, nämlich Andrea Nahles, Wolfgang Gerhardt, Jürgen Rüttgers, Gregor Gysi und Reinhard Bütikofer. Bitte im Hinterkopf behalten: Jürgen Rüttgers ist Mitglied der CDU. Wenn man seinen Aufsatz liest, wird das nicht unbedingt klar.

Mit am besten gefällt mir der Abschnitt Kommunikation und hier der Aufsatz vom Medienberater Michael Spreng, der seinen Aufsatz Frischzellenkur – unsere Demokratie braucht Erneuerung genannt hat. Ich stimme bei weitem nicht immer mit der Meinung von Spreng in seinem Blog Sprengsatz überein, aber diese sieben Seiten in dem Buch sind teilweise pures Gold. Ein Ausschnitt:

“Die Kluft zwischen Regierenden und Regierten wird immer größer, weil die meisten deutschen Spitzenpolitiker unfähig sind zu einfacher, verständlicher Sprache, zu kurzen Sätzen, klaren Botschaften, zu rhetorischen Figuren, zu Gleichnissen, zu Metaphern und zum Story-telling. Barack Obama erklärt die Missstände und die Notwendigkeit der Reform des amerikanischen Gesundheitswesens am Beispiel der Krankheit und des Todes seiner Mutter – eindrucksvoller und verständlicher geht es nicht. Mitleid mit dem, der Ulla Schmidts Ausführungen zur Gesundheitsreform hören muss. Und wenn Angela Merkel mal das Bild der schwäbischen Hausfrau bemüht, dann bleibt dies blass und blutleer – und wirkt deshalb aufgesetzt. [...]

Für die Wahlbeteiligung an der Bundestagswahl 2009 ist es eine schwere Hypothek, dass auch der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, der als Außenminister die diplomatische Tarnsprache liebt, keine klaren Botschaften formulieren kann, dass auch er rhetorisch weder befähigt noch ambitioniert ist. Die Wähler haben am 27. September die Qual der Wahl zwischen zwei nüchternen, emotionslosen, uncharismatischen Spitzenkandidaten, deren politischen Ideen und Zukunftsentwürfe wegen ihrer rhetorischen Unfähigkeit oder Unwilligkeit nebulös verborgen bleiben. Merkel gegen Steinmeier, das ist das personifizierte Programm zur Absenkung der Wahlbeteiligung.”

Zudem gibt es in diesem Abschnitt einen sehr interessanten Aufsatz über die Rolle und Arbeit von Demoskopen in der beschleunigten Stimmungsdemokratie. Bitte nicht übersehen, dass Jörg Schönenborn in einer leitenden Funktion beim WDR arbeitet und manchmal die Öffentlich-Rechtlichen für ihre Arbeit bei der Wahlberichterstattung lobt. Aber das ist wenn überhaupt das einzige kleine Manko an diesem sehr lesenswerten Buch. Mit Kritik an den Parteien und den politischen Akteuren wird dabei gerade in den letzten Abschnitten nicht gespart. Manche Artikel lassen sich sicherlich auch mal einen Nachmittag lang diskutieren. Aber das muss ja nicht verkehrt sein.

Wohin steuert Deutschland? Bundestagswahl 2009. Ein Blick hinter die Kulissen ist von Matthias Machning und Joachim Raschke herausgegeben und im Verlag Hoffmann und Campe erschienen. 1. Auflage 2009, 352 Seiten, 19,95 €. ISBN Nummer ist 978-3-455-50113-1.

Ich nehme nach dieser Lektüre viele neue Erkenntnisse und Informationen mit, die auch mir vorher noch nicht bekannt waren. Wer einen Überblick über die aktuelle politische Lage in Deutschland in Zeiten von Superwahljahr und Finanzkrise haben möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und was nehme ich vorerst als Fazit mit. Lassen wir noch mal Jörg Schönenborn zu Wort kommen. Der schließt seinen Aufsatz mit der Bemerkung:

“Für die Politik mag der Boden, auf dem sie sich bewegt, ja schwanken. Die Erwartungen der Wähler sind dagegen erstaunlich stabil. Und werden erstaunlich hartnäckig ignoriert.”

Aber wo genau Deutschland nun hinsteuert, können auch die Autoren nicht sagen. Nur eines steht fest: Es werden schwere Zeiten, vor allem auch in der Politik.

Thema: Bundestagswahl 2009, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis

Mut zum Live-Blogging

Montag, 22. Juni 2009 20:49

Ich war doch recht erstaunt, als ich heute Nachmittag durch Zufall entdeckt habe, dass ZEIT Online über die Demonstrationen in Teheran live bloggt und dabei seinen Schwerpunkt auf die Berichterstattung im Internet via Twitter, Youtube und flickr gelegt hat.

Recht erstaunt deshalb, weil sich meiner Meinung nach die deutschen Online-Medien immer noch sehr schwer tun mit dieser Methode Nachrichten und Ereignisse zu begleiten. Dabei finde ich Live-Blogs bei Sportereignissen und politischen Debatten und Konflikten äußerst angenehm, weil sie über die schlichten Agenturberichte hinausgehen und durchaus auch subjektive Eindrücke und Meinungen mit einfließen lassen können. Man muss als Leser diesen Fakt eben nur wissen, um zwischen Tatsachen, verifizierten Meldungen und Meinungen unterscheiden zu können. Gerade die Krise im Iran bietet sich meiner Meinung nach hervorragend für diese Methode an. Leider habe ich bei den deutschen Medien bis auf den Live-Blog bei ZEIT Online nichts gefunden. Sollte mich jemand anders eines Besseren belehren, bitte ich recht herzlich um einen Kommentar.

Vorbilder für Live-Blogs sind mal wieder die BBC und der Guardian, aber auch viele amerikanische Medien nutzen diese Methode um ihre Leser über ein Ereignis zu informieren und diese gleichzeitig miteinzubinden in die Diskussion. Live-Blogs sind in erster Linie auch ein interaktiver Beitrag für die stets recht informativen Online-Auftritte. Gerade weil in erster Linie viele Agenturberichte übernommen werden, finde ich Live-Blogs die ideale Ergänzung. Wie es geht, zeigen der Guardian und die BBC, die fast alle bedeutenden Sport-Ereignisse und politischen Themen live mitbloggen. Beispiele: Live-Blog der BBC über Wimbledon, Live-Blog des Guardian zur Krise im Iran und zu Wimbledon, Live-Blog der Times zum Finden eines neuen Speakers für das House of Parliament. Und die angelsächsichen Medien bloggen fast alles live. Nicht nur Fußballspiele oder Parlamentsdebatten, sondern auch TV-Sendungen oder kulturelle Ereignisse. Stets unterhaltsam und amüsant. Es ist eine ideale Ergänzung zum täglichen Nachrichtengeschäft. Und manchmal besuche ich nur die Websites, um die Live-Blogs zu lesen.

Doch in Deutschland scheint sich dieses Instrument noch nicht entwickelt zu haben. Samstagnachmittag in der Bundesliga – es gibt ein, zwei zentrale Anbieter eines Live-Tickers. Regionale Medien bloggen kaum live. Bundestagsdebatte am Donnerstag. Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Phoenix überträgt. Auf keiner Nachrichtenseite oder Online-Portal der Zeitungen gibt es einen Live-Blog. Dabei würde sich das hier doch exzellent anbieten.

So ganz erschließt sich mir nicht, warum Live-Blogs in Deutschland so selten genutzt werden. Ist es die fehlende Zeit? Ist es das Geld? Natürlich sind Live-Blogs aufwändiger als das Veröffentlichen eines Artikels auf Basis von Informationen der Nachrichtenagenturen. Und für ein Live-Blog braucht man einen Mitarbeiter, der für ein paar Stunden nur eine Aufgabe hat. Ich kenne jetzt zu wenig die Strukturen im Online-Journalismus, aber aus meiner Sicht sind das keine unüberwindbare Höhen, zumal ein Live-Blog auch nicht auf Vollständigkeit angelegt sein muss, sondern durchaus  Leser zu Ergänzungen motivieren darf. Man kann Audio und Video-Elemente integrieren und Leser vielleicht Sachverhalte sogar veranschaulichen.

Von daher würde ich es begrüßen, wenn auch die deutschen Online-Medien mehr Mut zum Live-Blog zeigen würden.

Thema: Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis

Twitter-Missbrauch: #spd+, #spd-, cdu+, #cdu-, #fdp+…

Sonntag, 14. Juni 2009 13:29

Meine Stammleser wissen, dass ich ein großer Fan und Befürworter von Twitter bin. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich über Twitter schnell und einfach Nachrichten, Informationen und Botschaften wahrnehmen und versenden kann. Ich kann den DJs von BBC Radio 1 bei ihrer Arbeit zuschauen. Ich kann Coldplays USA-Tour verfolgen und ich kenne viele Follower, die mit Tipps auf lesenswerte Artikel aufmerksam machen. Und Newsseiten und Zeitungen nutzen auch immer häufiger Twitter und berichten auch aus dem Innenleben der Redaktionen, was ich stets interessant und unterhaltsam finde.

So ganz langsam geht mir Twitter aber zunehmend auf die Nerven. Schuld sind daran unsere politischen Parteien, manche Politiker, die über Twitter Botschaften versenden, und die Nutzer von Twitter, die sich so offen zu ihrer Parteizugehörigkeit bekennen, dass sie bei politischen Veranstaltungen der eigenen Partei oder des politischen Gegners alle 30 Sekunden einen Tweet absenden müssen, um ihre eigene Partei ins politisch richtige Licht zu rücken und den Gegner schlecht zu machen. Es ist irgendwie bezeichnend, dass sich Parteien darüber aufregen, wenn es im Europawahlkampf einige Elemente von Negative-Campaigning gibt, diese Form des Wahlkampfs aber täglich auf Twitter ausgetragen wird. Das ist dann auch eine Dimension mehr als bloß Unterschiede und Alternativen herauszustellen. Es ist schlicht peinlich, wenn via Twitter ständig die eigene Politik am politischen Gegner hochgezogen oder niedergemacht wird. Ich weiß bis heute nicht, wer davon profitieren soll.

Namen oder Personen tun hier nichts zur Sache. Es ist auch gar nicht mein Ziel oder mein Anlass für diesen Beitrag irgendwelche Akteure zu diskreditieren oder in ihrer politischen Arbeit zu kritisieren. Man kann mir auch hier gerne vorhalten, dass, wenn ich die Beiträge der Nutzer nicht mehr lesen will, sie auch entfollowen kann oder nicht mehr auf deren Twitter-Page vorbeischauen sollte. Das ist auch alles richtig. Und das lasse ich als Argument auch gerne gelten. Ich bin aber ein politisch sehr interessierter Mensch und mich interessiert schon, was die einzelnen Parteien, Politiker und Parteimitglieder über die aktuelle politische Lage denken. Und deswegen lese ich das auch. Ich kann eigentlich gut trennen, was davon sachlich richtig ist und was irgendwo zwischen Populismus und blanker Hilfslosigkeit anzusiedeln ist.

Und dann liest man es ständig wieder, die Hashtags #spd+, #spd-, #cdu+, #cdu-, #fdp+ und so weiter und so fort. Da wird pausenlos bei der Rede von Frank Walter Steinmeier von Mitgliedern und Anhängern der SPD jeder einzige Satz getwittert, und am Ende das fast schon legendäre #spd+. Das können sich die Anhänger der FDP und der Christdemokraten natürlich nicht bieten lassen und drehen jeden Satz des Kanzlerkandidaten ins Negative-Campaigning und werben für Angela Merkel als nächste Bundeskanzlerin. Da ist Angela Merkel an einem Donnerstagabend im ZDF bei Maybrit Illner zu Gast. Das ist ihr gutes Recht und ich habe die Sendung auch geschaut. Und was läuft nahezu gleichzeitig bei Twitter ab: Jeder Satz der Kanzlerin wird getwittert, egal, ob er noch so inhaltsreich oder schlicht ein Füllsatz war. Natürlich dahinter #cdu+. Erstaunlich wenig Gegenwehr gab es am Donnerstagabend von der SPD. Letzten Sonntag war Europawahl mit dem bekannten Ergebnis und den politischen Konsequenzen. Twitter war an diesem Sonntagabend für einen politisch interessierten Menschen nicht mehr lesbar, weil ständig und ohne irgendwelchen Hintergrund politische Statements, Aussagen und Urteile gepostet wurden, welche die eigene politische Partei in den Himmel lobten – und Missgunst und Schadenfreude dem politischen Gegner zuteil kommen ließen.

Wie gesagt: Ich bin durchaus ein Freund des Negative Campaigning, wenn es richtig und politisch klug eingesetzt wird, zur Herausstellung der eigenen Position und Unterscheidbarkeit von den anderen politischen Akteuren. Das ist ganz offensichtlich in 140 Zeichen nicht zu schaffen – und das braucht es auch gar nicht. Und die fünf Zeichen für den Hashtag machen den Sachverhalt vielleicht kürzer, aber nicht besser und klarer. Wie soll sich ein Bürger oder eine Bürgerin, welche sich gerne im Internet aufhält und vielleicht via Twitter einen Einblick in die Programmatik und Arbeit der Parteien bekommen möchte, ein vernünfitiges Bild erstellen, wenn auf den Unterstützerplattformen und Parteiaccounts jeder zweite Tweet eine Response oder ein Retweet mit irgendeiner völlig zusammenhanglosen Aussage ist. Twitter ist ein großartiges Instrument, auch für die politische Kommunikation. Keine Frage. Aber auch hier gilt meiner Meinung nach: Manchmal ist weniger eben mehr. Auch bei Twitter sollte im Rahmen politischer Kommunikation stets die Qualität der Quantität folgen und versuchen ein realistisches Abbild der politischen Strukture und Prozesse zu zeichnen.

Und da führt uns die Argumentation eben auch wieder zu Barack Obama, der Twitter als Wahlkampftool ins Leben gerufen hat. Ohne den Erfolg des Internetwahlkampfs von Obama würde die Aktivität der Parteien und Politiker bei Twitter heute sicherlich nicht stattfinden. Die Parteien wollen im Bereich des Internet-Wahlkampfs doch alles so gerne und so gut wie Barack Obama machen. Vielleicht tut dann ein Blick auf dessen Twitter-Account zu Wahlkampfzeiten noch einmal gut. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um pausenlos und ständig irgendwelche Inhalte aus dem Wahlkampfprogramm zu posaunen. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um von jeder Rede oder jedem Auftritt jeden Satz des Kandidaten bei Twitter zu versenden. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht, um bei jedem medialen Auftritt des politischen Gegners jeden Satz des Kandidaten auseinander zu nehmen und dann die eigene politische Position dranzuhängen. Obamas Wahlkampfteam nutzte Twitter nicht als Negative-Campaigning Instrument oder als minütlicher Live-Blog für Parteitagsreden.

Was Obama stattdessen machte: Einen, kleinen simplen Link versenden, der auf die Live-Übertragung der Rede im Internet hinweisen oder auf ein Live-Blog verweisen sollte. Und dann konnte sich jeder Interessierte ein eigenes Bild machen.

Meiner Meinung nach sollte Twitter hauptsächlich als Sprungbrett für die Angebote und Aktivitäten der Parteien im Netz fungieren. Die Parteien könnten viel stärker auf eigene Live-Blogs setzen um Reden und mediale Auftritte zu begleiten. Via Twitter kann man dann den entsprechenden Link setzen – und dies meinetwegen gerne auch mehrmals in bestimmten Abständen tun. Das soll nicht heißen, dass Kernaussagen und Stimmungen nicht via Twitter veröffentlicht werden dürfen, gerne manchmal auch polarisierend. Aber das darf eben nicht Überhand nehmen und nur der kleinste Teil politischer Kommunikation sein, weil Twitter schlicht auf 140 Zeichen begrenzt ist. Twitter kann die Tür für die politischen Angebote der Politiker und Parteien im Netz sein. Für interessierte Wähler und Wählerinnen bekommt man diese Tür aber schon vor Durchtritt zugeschlagen bekommen, wenn man liest, wie wenig überlegt manche Aussagen getroffen werden. Wenn jemand ständig diese Hashtags mit dem Plus und Minus liest, glaube ich, dass er dann keine Lust mehr hat den Parteien auf Twitter zu folgen.

Twitter scheint als Instrument politischer Kommunikation einen großen Hype zu erfahren. Es bekommt mehr Aufmerksamkeit, als es eigentlich verdient hat. So praktisch und brauchbar es auch ist. Twitter ist ein weiterer unter vielen Kommunikationskanälen, den die Parteien bedienen müssen. Aber es ist nicht das Ein und Alles im Wahlkampf – und schon gar nicht ein Kanal, in dem man pausenlos Reden live mittwittert und jede Aussage des politischen Gegners wertet. Das ist nicht der Sinn von Twitter. Komisch, dass die CDU oder die SPD mediale Auftritte des Gegners nicht live auf ihren Parteiseiten bloggen. Muss man stattdessen Twitter – ich bin geneigt, diesen Begriff zu verwenden, zumüllen.

Erste Konsequenz: Twitter kann als Startpunkt für eine politische Diskussion gesehen werden. Als Einsteig in die Online-Aktivitäten der Parteien. Und wenn die Parteien, Politiker und Parteimitglieder das qualitativ erreichen wollen, bin ich der Meinung, dass man sehr genau überlegen sollte, was und wieviel man twittert. Zweite Konsequenz: Twitter ersetzt nicht den Online-Wahlkampf, weil man jetzt eine Plattform oder einen Kanal gefunden hat, um seine politischen Inhalte und Botschaften zu verbreiten und an Multiplikatoren zu senden. Twitter ist ein kleiner Teil des Online-Wahlkampfs. Es wäre schön, wenn sich manche Parteien und Politiker daran wieder erinnern könnten. Manchmal kann ein unterhaltsamer Live-Blog auf der eigenen Parteiwebsite mehr wert sein als 140 Zeichen.

Schaut doch einmal bei Barack Obama vorbei. Der ist doch angeblich das große Vorbild.

Thema: Bundestagswahl 2009, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (5) | Autor: medispolis

Gedanken zur politischen Lage in Großbritannien

Samstag, 6. Juni 2009 23:22

Vorweg ein Lesetipp. Gordon Brown on the brink: Praying for time aus der aktuellen Ausgabe des Economist, der sich sehr ausführlich mit der politischen Lage in Großbritannien beschäftigt.

Noch ein Hinweis. Am Sonntag ab 17:00 Uhr hier Live-Blogging zu den Europawahlen mit Fokus auf den Ergebnissen in Deutschland und Großbritannien. Ansonsten je nach Zeit und Brisanz Blick in die anderen Länder und auf die sieben Kommunalwahlen in Deutschland.

Ein paar ungeordnete Gedanken zur aktuellen politischen Lage in Großbritannien und der Rolle von Gordon Brown:

Ich frage mich schon längere Zeit, was Gordon Brown bewegt so an seinem Amt zu kleben. Die ganzen Datenskandale, die schlechten Umfragewerte, und jetzt der Spesenskandal und das sinkende Vertrauen in Brown im eigenen Kabinett und der eigenen Partei. Labour stand noch nie so schlecht in den Umfragen wie derzeit. Aber Brown möchte unbedingt weitermachen. Zwei Sichtweisen sind denkbar: Wenn Brown jetzt aufhört, dann wird es definitiv relativ schnell Neuwahlen geben, die Labour haushoch gegenüber den Konservativen von David Cameron verlieren würde. Also spielt Gordon Brown wie in allen bisherigen politischen Krisen auf Zeit. Vielleicht werden sich seine Umfragewerte und die Unterstützung der Partei wieder bessern. Aber hat Gordon Brown in der Bevölkerung noch jeglichen Kredit? Die nächste Wahl wird er so oder so verlieren, früher oder später. Und Brown sollte in den letzten Monaten erkannt haben, dass es politisch immer noch schlimmer kommen kann als man sich erhofft hat. Was mit dem Verschwinden von Datensätzen begann, ist in einer handlungsunfähigen Regierung geendet, in der Gordon Brown scheinbar die Übersicht verloren hat. Und täglich kommen neue Details ans Tageslicht.

So ein klein wenig erinnert mich die Situation in Großbritannien in Ansätzen an die letzten Monate der Regierung Schröder. Innerparteiliche Streitigkeiten um den richtigen Kurs, ein Regierungschef, der seine Positionen nicht mehr durchsetzen kann und der nicht die volle notwendige Unterstützung in seinem Kabinett findet. Der kleine, aber feine Unterschied lag dann darin, dass sich Gerhard Schröder für Neuwahlen entschieden hat, über einen verfassungsmäßigen nicht gerade einfachen Weg. Brown hat es da viel einfacher: Er kann den Termin für die Neuwahlen ansetzen. Das ist für Brown wahrscheinlich schon zu einfach.

Ich hatte gestern ein längeres Gespräch mit einer Person, die beruflich häufiger in London ist und die mir berichtete, dass Gordon Brown schon seit längerer Zeit in der Bevölkerung und der eigenen Partei wenig Unterstützung habe. Da macht das zahlreiche Austreten der jetzigen Kabinettsmitglieder Sinn. Brown wirkt so angeschlagen wie noch nie. Generelle Unzufriedenheit gepaart mit dem Spesenskandal und den schlechten Umfragewerten für die Partei haben vielen wohl die Chance erblicken lassen Brown jetzt wirklich ins politische Aus zu befördern. Es hat bis jetzt nur nicht geklappt.

Und dann kommt erschwerend für Labour die erhebliche Niederlage bei den Kommunalwahlen hinzu. Die Konservativen von David Cameron haben Labour eine der schmerzhaftesten Stunden in der Parteigeschichte hinzugefügt. Die Tories konnten insgesamt in 30 Gemeinden gewinnen, das sind sieben mehr gegenüber der Wahl 2004. Labour verlor alles vier Hochburgen der letzten Kommunalwahl. Um die Niederlage von Labour einmal in Zahlen darzustellen, lohnt sich ein Blick in die Grafschaft Derbyshire, in der immerhin eine Million Menschen leben. Bei der Wahl 2004 stellte Labour noch 37 Ratssitze, die Konservativen nur 14. Das nennt sich dann politische Hochburg. Bei der Wahl vorgestern gewannen die Tories 19 Sitze hinzu auf 33 Mandate, Labour verlor 16 Sitze. Verhältnis jetzt 33 zu 21 pro Partei von David Cameron. Die Ergebnisse der Europawahl werden nicht viel anders sein. Aber Gordon Brown macht weiter.

Die Politik steht seit Monaten im Fokus auf der Insel, damit auch die Zeitungen. Und dass sich Qualität und investigative Zeitungsrecherche auszahlt, kann man an den neuen Verkaufszahlen der britischen Tageszeitungen erkennen, die der Guardian sauber aufgeschlüsselt hat. Großer Gewinner: Der Daily Telegraph, der pro Tag fast 19.000 Exemplare mehr verkauft. Das war die Zeitung, die den Spesenskandal mit immer neuen täglichen und exklusiven Enthüllungen ins Rollen brachte.

    Thema: Politik International, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (4) | Autor: medispolis

    Öffentlich-rechtlich rechtfertigen

    Donnerstag, 4. Juni 2009 21:35

    Da verdienen zwei populäre Radiomoderatoren bei der BBC über 500.000 Pfund im Jahr – und die stets transparente BBC, die diese Zahlen auch bestätigt, gerät immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik. Chris Moyles, Moderator der Breakfast Show auf BBC Radio 1, und sein Gegner um die Spitze in den Hörerzahlen, Terry Wogan von BBC Radio 2, verdienen pro Jahr 630.000 beziehungsweise 800.000 Pfund. Dafür, dass beide morgens über sieben Millionen Hörer unterhalten und während der ersten Stunden des Tages begleiten.

    Seit Monaten wird über diese hohen Gehälter der beiden Radiomoderatoren gestritten. Richtig Nahrung hat diese Geschichte vor sechs Wochen bekommen, als das Boulevardblatt Sun berichtete, dass Chris Moyles seinen Job bei der BBC verlieren soll. Offiziell wegen ein paar unglücklich gewählter Aussagen während der Live-Sendungen. Für die Kritiker war diese Story, die sich im Nachhinein als Ente herausstellte, ein gefundenes Fressen, weil wieder über die Gehälter bei BBC Radio 1 und 2 in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Vor einem Monatwurde bekannt, dass Chris Moyles einen neuen Vertrag bei der BBC bekommen wird – auch dank weiter steigender Hörerzahlen. Unbestätigen Angaben zufolge soll sein Gehalt aber deutlich gekürzt werden, um biszu 150.000 Pfund auf etwa 450.000 Pfund im Jahr. Das ist für einen Radiomoderator immer noch ein guter Verdienst, keine Frage.

    Doch die BBC sieht sich stets mit weiterer Kritik gegenüber. Heute wurde vom House of Commons ein Report veröffentlicht, welcher der BBC erneut vorwirft, sie würde zu hohe Gehälter für ihre Radiomoderatoren zahlen und falsche Angaben über die Einkommen und Verdienste ihrer Beschäftigten machen (Quelle: Guardian). Member of Parliament Edward Leigh beklagt, dass die BBC nicht ausreichend und umfassend genug über die Gehälter informiert. Die Zahlen sollen an das National Audit Office gegeben werden, einer unabhängigen Einheit des Parlaments, das sich mit öffentlichen Ausgaben beschäftigt. Dass nun gerade die Member des Parlaments in diesen Tagen sich über zu großzügiges Geldausgeben beklagen, steht auf einem anderen Blatt. Die Politiker sind sauer: Die BBC habe sie nicht überzeugen können, dass soviel Geld für die Gehälter der Radiomoderatoren bezahlt werden müssen, insgesamt dreimal so viel wie bei den privaten Radiostationen.

    Insgesamt bezahlt die BBC für ihre Radiostationen 462 Millionen Pfund pro Jahr. Innerhalb der nächsten fünf Jahre sollen 70 Millionen Pfund eingespart werden. Das ganze geschieht in einem größeren Sparkurs, den die BBC von der Politik vorgegeben bekommen hat. 70 Millionen Pfund sollen im Radiobereich gespart werden. Da dürfte klar sein, dass auch die Gehälter dran glauben müssen, hoffen die Politiker. Die BBC hat dies offiziell immer noch nicht bestätigt.

    Die BBC ist ebenso wie ARD und ZDF eine öffentlich-rechtliche Anstalt. Die BBC bekommt den größten Teil ihrer Einnahmen von einer Rundfunkgebühr, die pro Haushalt bezahlt werden muss. Über 4 Milliarden Pfund standen der BBC 2007 zur Verfügung, knapp 3 Milliarden Pfund entfielen dabei auf die Rundfunkgebühr. Die Höhe dieser Gebühr wird direkt vom Parlament festgelegt. Dementsprechend haben die Politiker der BBC auch eine kleine Diät für die nächsten fünf Jahre verordnet. Die BBC muss also sparen und steht trotzdem fast täglich im Fokus, was Ausgaben und Einnahmen angeht.

    Sowas würde ich mir nebenbei bemerkt auch für ARD und ZDF wünschen. Offenlegung der Gehälter der Top-Moderatoren und Kommentatoren. Die BBC ist umstritten wegen ihrer Struktur und ihres Aufbaus, nicht wegen ihres Programms und der Außendarstellung. Aber die BBC muss sich fast täglich rechtfertigen für ihre Arbeit. Und sie versucht dies mit Transparenz, soweit man eben gehen will. Wäre das nicht auch einmal ein Schritt für ARD und ZDF?

    Denn ARD und ZDF stehen auch vor keiner leichten Aufgabe, die Einnahmen aus der GEZ sollen in den nächsten Jahren sinken. Es wäre an der Zeit auch in Deutschland eine öffentliche Debatte zu beginnen, wieviel und wozu ARD und ZDF unser Geld ausgeben. Das kann manchmal ein sehr produktiver Prozess sein. Wie gesagt, aufgrund der Unterschiede im Vergleich zur BBC muss nicht gleich die Bekanntgabe aller Zahlen an den Bundestag sein, aber ein Schritt in Richtung mehr Transparenz und Offenlegung mit Einsparpotential wäre auch bei unseren ÖR angebracht. Und dann finde ich es auch nicht schlimm, wenn öffentlich intensiv und kontrovers darüber diskutiert wird. Es ist schließlich unser Geld – und Programm für uns. Und leicht ist so ein Vorgang nicht, wie die BBC fast täglich erfahren muss. Aber notwendig.

    Thema: Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis