Die Grenzen des Online-Wahlkampfes in Deutschland sind erreicht – vorerst

Die Hoffnungen waren so groß. Inspiriert von der Online-Kampagne Barack Obamas im Herbst 2008 hatten sich viele Wahlkampfstrategen auch in Deutschland viele positive Impulse für den Internet-Wahlkampf in Deutschland gewünscht und erwartet. Sie wurden bitter enttäuscht. Der Wahlkampf im September 2009 war bedingt durch die politische Auslangslage nach vier Jahren Große Koalition und damit wenig Polarisierung zwischen CDU-Merkel und SPD-Steinmeier sowieso an Langeweile nicht zu überbieten. Im Web herrschten dieselben Bedingungen. Es gehört eben doch mehr dazu, als nur die Kommunikationsplattformen von Obama, Twitter, Facebook und Netzwerke für Unterstützer, zu übernehmen. Online-Wahlkampf muss ebenfalls eine Strategie kennzeichnen und inhaltlich, konzeptionell wie personell mit den Botschaften der Offline-Kampagne verbunden werden. Der Spitzenkandidat sollte zumindest ein gewisses Interesse und ein wenig Hingabe für den neuen Kommunikationsweg zeigen – ansonsten sind die Effekte noch geringer als sonst schon. Obama hatte bei seinem Wahlkampf 2008 Social Media überwiegend gar nicht zur direkten Kommunikation und Interaktion genutzt, sondern vielmehr zur Information, Organisation und Koordinierung seiner Unterstützer. Obamas Online-Kampagne war vielleicht so gut wie noch nie zuvor mit seiner politischen Programmatik in der Offline-Welt verknüpft. Mit Twitter, Facebook und MySpace hat Obama die Wahl 2008 nicht gewonnen.

Bei der Bundestagswahl 2009 war der Online-Wahlkampf also langweilig, unspektakulär, wenig überraschend und wie so häufig nur eine temporäre Randerscheinung. Pünktlich mit Ende des Wahlkampfs wurden von den Parteien und Politikern alle Aktivitäten wieder eingestellt. So können sich nicht wirklich langfristige, für den Wähler im Netz nutzbare und vertraute Strukturen und Abläufe aufbauen. Acht Monate vor der Bundestagswahl werden jetzt nach und nach die ersten Vorbereitungen in den Parteien getroffen. Es wird wieder alles hochgefahren, um im Oktober voraussichtlich wieder abgeschaltet zu werden. Bisher war es immer so.

Was können wir vom Online-Wahlkampf 2013 erwarten?

Meiner Meinung nach: nicht viel mehr als 2009. Es wird eine Konsolidierung der schon bestehenden Instrumente und Plattformen geben, vielleicht mit der ein oder anderen innovativen Komponente. Wie gerne würde ich Online Townhall Meetings sehen. Aber da wäre ich schon sehr überrascht. Online-Wahlkampf dürfte bei der Wahl 2013 also auch weiterhin ein Nischendasein pflegen. Das liegt natürlich auch daran, dass mit Angela-Merkel und Peer Steinbrück die Hauptkontrahenten des Wahlkampfs nun nicht die große Affinität für die Online-Welt ausstrahlen. Angela Merkel wird im Wahlkampf nicht twittern, @peersteinbrueck besitzt zwar einen eigenen Twitter-Account, der aber, wenn überhaupt, überwiegend von seinem Wahlkampfteam inhaltlich gefüllt wird. So wie das Projekt gestartet wurde, ist es bereits jetzt zum Scheitern verurteilt. Die PR-Berater Axel Wallrabenstein und Adrian Rosenthal haben in der Novemberausgabe der politik&kommunikation auch eine entsprechend pessimistische Prognose für den Online-Wahlkampf gegeben. Social Media sorge zwar für Waffengleichheit, es werde aber nur “eine leichte Professionalisierung” erwarte, Social Media würden 2013 aber nicht wahlentscheidend sein: “Hierzulande fehlt die Bereitschaft, sich auf den kommunikativen Aspekt der sozialen Medien einzulassen und sie unbefangen zu nutzen”, so Wallrabenstein. Rosenthal ergänzt: “Eine Strategie, wie man über diese Plattformen Wähler mobilisiert oder Anhänger bindet, fehlt allerdings bis dato weitgehend.” Es wird 2013 also weiterhin auf Facebook, Twitter und vielleicht YouTube hinauslaufen. Ob es die politischen Akteure und Parteien dann endlich schaffen, von der Top-Down-Kommunikation Abschied zu nehmen und wirklich interagieren und diskutieren mit den Usern im Netz, bleibt abzuwarten. Nur dann überhaupt würde ich die Aktivitäten im Netz noch als sinnvoll bezeichnen.

In der politikwissenschaftlichen Wahlkampfforschung gibt es die durchaus beliebte These der Amerikanisierung, nicht nur von Wahlkämpfen, sondern auch im Bereich der politischen Kommunikation und Politikvermittlung insgesamt, aber vor allem in Wahlkämpfen. Die These drückt aus, dass zentrale Elemente, Strukturen, Inhalte und Instrumente aus amerikanischen Wahlkämpfen mit Verzögerung nach Europa, also auch Deutschland, kommen und Anwendung durch die Kommunikationsstrategen bei Bundestagswahlen finden. 2008 machte Obama Twitter und Facebook vermeintlich salonfähig, prompt wurde 2009 versucht, sie im deutschen Wahlkampf einzusetzen. Die These fand zu Beginn der 2000er Jahre großen Anklang, mittlerweile wird eher weniger von Amerikanisierung, sondern vielmehr von einer Modernisierung gesprochen. Amerikanische Wahlkämpfe lassen sich also nicht eins zu eins auf das politische System Deutschlands anwenden, sondern es werden nur einzelne, hier funktionierende Elemente adaptiert.

Beim Blick auf Obamas Online-Wahlkampf 2012 lassen sich offentsichtliche Neuerungen gar nicht so einfach feststellen. Die großen Fortschritte gab es nicht bei den Kommunikationsplattformen. Facebook, Twitter und die Website von Obama standen wiederum im Mittelpunkt, mit einem deutlichen Fokus der Information auf Twitter und der Homepage, und dem Gedanken der Vernetzung der Unterstützer auf Facebook. Die eigentlich große Neuerung in Obamas Internet Campaigning war Big Data (für den Hintergrund zur Thematik sei der großartige Schwerpunkt in der ZEIT empfohlen), also das Sammeln von teils personenbezogenen Daten, um mit diesen Informationen den Wahlkampf noch besser zu planen, zu organisieren und möglichst viele Stimmen zu generieren und Wähler zu überzeugen, gerade in umkämpften Wahlbezirken. Das Wahlkampfteam von Obama hat riesige Datenbanken angelegt. Alle Daten, die potentielle Wähler unter anderem durch Spenden (Obama hatte eine eigene Spenden-App) oder das Installieren der Obama Facebook-App hinterlassen haben, wurden durch Datenanalyse aufbereitet und Statistik nutzbar gemacht. Ergebnisse und Daten von Hausbesuchen, Telefongesprächen, gelesenen E-Mails und das Klicken auf Links bei Facebook flossen ebenfalls in die Datenmaschine ein. Mit all diesen Daten konnte das Wahlkampfteam von Obama Wahlergebnisse nahezu genau prognostizieren und bis auf die Ebene von Straßenzügen ermitteln, wo Wähler noch potentiell an die Wahlurne gebracht werden müssten, um bestimmte Wahlbezirke zu gewinnen. Jede Nacht wurden 66.000 Simulationen projeziert, wer die entscheidenen Swing States gewinnen würde, nur auf der Basis von Daten, die sich durch den Wählerkontakt ergaben. Gesammelt haben diese Daten und Fakten über 32.000 Freiwillige, die von Tür zu Tür gegangen sind, um für Obama zu werben.

Ein paar Zahlen und Hintergründe, die den Stellenwert der Datenanalyse in Obamas Wahlkampfteam verdeutlichen (ausführlich nachzulesen in der Präsentation Inside The Cave): Mehr als 50 Datenanalysten, etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten im Chicago Headquarter, haben Daten von Millionen von amerikanischen Wählern, darunter 16 Millionen E-Mail-Adressen, aufbereitet und ausgewertet. Es gab 1,2 Millionen aktive User der Obama Facebook App, mit der das Wahlkampfteam auch auf Daten von Freunden dieser Nutzer zugreifen konnte. Eine Zahl ist besonders spannend. Etwa 98 Prozent der Amerikaner auf Facebook waren Freunde mit irgendjemandem, der die Seite von Barack Obama geliked hat. So konnte eine umfangreiche Vernetzung stattfinden. Michael Moorstedt schreibt deshalb in der Süddeutschen Zeitung völlig zu Recht vom “Wähler als vermarktbaren Produkt“. “Es geht jetzt nicht mehr um die Einbindung der Wähler, sondern vor allem darum, ihre Daten für politische Zwecke zu nutzen und individuelle Profile zu erstellen”, so Moorstedt. Das gelingt aber eben nur, wenn Online-Anhänger von Obama als meinungsstarke und engagierte Multiplikatoren auftreten. Das hat Obama mit seinem Charisma, mit seiner Person und seiner Programmatik geschafft. Bei den Demokraten ist nun eine kontroverse Diskussion ausgebrochen, wie die Daten auch über den Wahlkampf hinaus genutzt werden können (siehe Politico). Kommunikation und Interaktion im Online-Wahlkampf sind also nur noch wünschenswerte Begleiterscheinungen. Es fällt mir schwer, ein solches Multiplikatoren-Szenario für Angela Merkel, Peer Steinbrück oder Rainer Brüderle zu entwerfen.

Das ist aber nur ein zu vernachlässigender Grund, warum die Neuerung des Online-Wahlkampfs von Obama 2012 in Deutschland keine Anwendung finden wird. Deutschland hat einen sehr viel strengeren Datenschutz als die USA. Es würde bei uns definitiv zu einem großen Aufschrei kommen, sollte bekannt werden, wenn Parteien Daten von Wählern sammeln und auch im Alltag hinterlassene Daten, zum Beispiel auf Payback-Cards, nutzen wollen. Aber das wird sowieso nicht passieren. Zum einen werden deutsche Politiker keine so große Datenmenge über Social Media generieren, dass sie hilfreich und wahlentscheidend sein könnte. Die technische Umsetzung kostet ebenso wie die Beschäftigung von Statistikern viel Geld, das die Parteien sicherlich nicht ausgeben werden. Die Online-Innovation von Obama 2012 wird an Deutschland also vorbeirauschen.

Online-Wahlkampf in Deutschland 2013 wird also wie 2009 ein weiterer Informationsverbreitungs- und Kommunikationsweg sein, mehr aber auch nicht. Das mag für viele langweilig und eindimensional klingen. Online-Wahlkampf hat in Deutschland noch nicht den Stellenwert, dass dadurch viele Menschen aktiviert und mobilisiert werden können. Dafür spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle. Zum einen die politischen Akteure selbst: Bisher wurden Twitter und Facebook nur als Abladestation für die Informationen aus der Offline-Welt gesehen. Langfristige Strukturen zum Vertrauensaufbau haben sich dank der Konzentration des Engagements auf Wahlkampfzeiten nicht aufgebaut. Meiner Meinung nach sind Politiker und Parteien im Netz nicht mutig und kreativ genug. Es fehlt praktisch jeglicher Anreiz, sich via Social Media mit den Akteuren zu beschäftigen und mit ihnen zu interagieren. Es ist keineswegs einfach, eine zielgruppenspezifische Ansprache für die Menschen im Netz zu finden. Bislang gelingt das, so ist mein subjektiver Eindruck, nur bedingt. Es wirkt häufig so, dass Politiker ihre Sprache aus Ausschüssen und internen Beratungen, diese häufig bekannten Politikerphrasen, auch in 140 Zeichen oder eine Statusmeldung quetschen. Mobilisierung und Aktivierung gelingt damit nicht. Wirkliche Transparenz, Einblicke in den Politikeralltag, beispielsweise durch Bilder und Videos, kombiniert mit einer lockeren, zwanglosen Ansprache wird häufig nur selten vorgefunden.

Neben diesen Herausforderungen auf Seiten der politischen Akteure sollte ebenso erwähnt werden, dass politische Aktivitäten im Netz für den Großteil der Bevölkerung in Deutschland schlicht nicht relevant sind. Im Netz werden keine Wahlen gewonnen. Nur eine sehr kleine überschaubare Gruppe informiert sich im Netz über Politik, häufig als digital natives bezeichnet (dazu die ausführliche Stellungnahme von Professor Vowe, Kommunikationswissenschaftler an der HHU Düsseldorf, in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft”). Diese kleine Gruppe zeichnet sich durch ähnliche demografische Merkmale aus, ist eher höhergebildet mit einem überdurchschnittlich hohen politischen Interesse und politischer Beteiligung häufig auch in der Offline-Welt. Die große Hoffnung und Erwartung, dass mit der Kommunikationstruktur des Internet auch eher politikfremde Menschen für Politik begeistert werden können, hat sich nicht bestätigt. Aus Sicht der Politik muss also festgestellt werden, dass im Netz häufig nur die Menschen angesprochen werden, die wahrscheinlich sowieso ihre Stimme abgeben. Lohnt sich dann noch umfangreicher Online-Wahlkampf oder hat Peer Steinbrück Recht, wenn er behauptet, ihm sei der persönliche Hausbesuch viel wichtiger? Einige neuere Studien aus der Kommunikationswissenschaft weisen nach, dass Umfang und Anzahl von Online-Aktivitäten nahezu keinen positiven Effekt auf das Wahlergebnis von Direktkandidaten haben (Frank Marcinkowski/ Julia Metag in Publizistik 1/2013). Bei allem Wunsch nach umfangreichen Online-Campaigning in Deutschland – den Wunsch habe ich übrigens auch – sollten diese strukturellen Faktoren stets berücksichtigt werden.

Die Grenze des Online-Wahlkampfs ist in Deutschland also erstmal erreicht, wenn die Anzahl der Verbreitungswege, Kommunikationsplattformen und Instrumente betrachtet wird. Big Data wird im Online-Wahlkampf keine Chance haben. Nun wäre es also an der Zeit, inhaltlich und qualitativ besseren Online-Wahlkampf zu machen. Das heißt: Verknüpfung mit der Offline-Kampagne, zum Beispiel umfangreiche Begleitung von Steinbrücks Hausbesuchen im Netz. Zielgruppenspezifische Ansprache verbessern, sich auf Qualität statt Quantität zu konzentrieren. Man muss nicht überall präsent sein, wenn dann aber richtig, dauerhaft und kontinuierlich über den Wahlkampf hinaus. Wenn das realisiert werden könnte, ist ein Schritt nach vorne gemacht worden. Momentan habe ich noch Zweifel, ob das gelingen kann. Es ist immer noch ein schmaler Grat, möglichst auch persönliche Einblicke zu geben und dabei nicht Nonsens oder wenig Relevantes zu offenbaren, vor allem, wenn die traditionellen Medien quasi nur auf Fehler oder Peinlichkeiten warten.

Noch sehe ich Hoffnung für einen qualitativen Sprung nach vorne im deutschen Online-Wahlkampf. Schauen wir mal, wie es zur Bundestagswahl 2013 sich entwickelt und ob das “vorerst” aus dem Beitrag des Blogeintrags gestrichen werden kann. Sollte es bei der Wahl 2013 keine Neuerungen und Verbesserungen im Vergleich zu 2009 geben, zweifele ich sehr, ob Online-Campaigning in Deutschland noch mal salonfähig gemacht werden kann.

Disclaimer: Nur als Info, für diejenigen, die es nicht wissen, mache ich es transparent. Professor Vowe ist mein ehemaliger Chef an der Universität Düsseldorf, Frank Marcinkowski und Julia Metag Chef bzw. Kollegin jetzt in Münster. Das hat aber keinen Grund, warum ich darauf hingewiesen habe. Es passte inhaltlich und in beiden Bereichen sind das die relevanten und aktuellen Studien.

Lesetipp: Obamas Online-Wahlkampf

Barack Obama hat 2008 neue Maßstäbe beim Online-Wahlkampf gesetzt. Seitdem orientieren sich viele Politiker an seinen Ideen, Instrumenten und Techniken – und haben den Stellenwert der Online-Kampagne von Obama nie wirklich kopieren können. Das hat viele Gründe, die vor allem im politisch-instutitionellen Bereich liegen. Sie sind aber auch darin begründet, dass Obamas Online-Wahlkampf in erster Linie von der Aktivität und Begeisterung seiner Anhänger lebte, Stichwort Graswurzelbewegung. Bei den US-Wahlen 2012 hat Obama diesen Bereich nochmal ausgebaut, weil er final der wichtigste ist. Selbst in den USA wählt keiner einen Präsidenten aufgrund seiner Tweets oder Facebook-Posts. Wenn die Offline-Kampagne, ihre Thematik und Programmatik, perfekt in die Online-Netzwerke integriert wird, nur dann funktioniert der Wahlkampf im Internet.

Das zeigt der auf fast 100 Seiten umfassende Report der Agentur engage, die einen sehr detaillierten, aber kompakten Überblick über den Obama-Wahlkampf im Netz gibt. Keine Angst: Es sind nicht 100 Seiten Schrift, sondern eher wie eine PowerPoint-Präsentation aufgebaut.

Link zum Download: Inside the Cave – An In-Depth Look at the Digital, Technology, and Analytics Operations of Obama for America

Die Bundeskanzlerin zu Zukunftsdialog und Online-Bürgerbeteiligung – Alles ganz neu

Heute um 18:00 Uhr gab es ein spannendes, groß angekündigte Interview mit Bundeskanzlerin Merkel, das unter anderem von Politik-Digital und auf der Seite des Bundeskanzleramts live gestreamt wurde. Es sollte um Bürgerdialog und die Zukunft von Online-Bürgerbeteiligungsverfahren gehen. Es war ein Schnelldurchlauf, vieles wurde angesprochen, ganz viel blieb offen. Antworten auf solche wichtigen Fragen und Themen kann man nicht mal eben in 20 Minuten geben. Aber es war ein Versuch wert, teilweise sogar ein guter.

Das heutige Interview mit Steffen Wenzel von politik-digital ist eingegliedert in eine Internet-Offensive der Bundesregierung. Neue Website, mehr Bürgerbeteiligung, so die Kanzlerin in ihrem Video-Podcast, Ein Zukunftsdialog, der auch durch die Kraft des Netzes inhaltlich ausgestaltet wird. Und die Bundeskanzlerin bloggt jetzt sogar.

Dialog über Deutschlands Zukunft“. Aus der Ankündigung heißt es optimistisch: “Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken, wie wir in Zukunft leben wollen. In Deutschland. In diesem Jahrzehnt”. Frei nach dem Motto: Besser spät als nie. Diese Fragen diskutiert die Bundeskanzlerin seit Frühjahr 2011 mit über 120 Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis, jetzt sollen die Bürger einbezogen werden. Bis Mitte April können noch die Bürgerinnen und Bürger ihre Vorschläge einreichen und die anderer bewerten. Anschließend sollen die Vorschläge und Inhalte ausgewertet werden und im Herbst in einem Buch veröffentlicht werden. Ob es das dann auch als E-Book gibt?

Das hat mich dann schon interessiert, also habe ich mich um 18:00 Uhr vor den PC gesetzt, um der Bundeskanzlerin zu lauschen. Um zwei Minuten nach sechs ging es dann auch los.

“Herzlich willkommen an die Zuschauer!” gab es von der Kanzlerin zu hören. “Erstmal wollten wir die Diskussion darauf lenken, wie sich Menschen Zukunft in Deutschland vorstellen”, so Merkel zur Begründung der Schaffung dieses Dialogs. Primär – und das hat die Kanzlerin mehrfach betont – geht es um die Zukunft des Landes. Es kam fast so rüber, als sei der Online-Weg ein nettes Beiwerk, mehr aber auch nicht. Man wolle die “neuen Möglichkeiten über das Internet” nutzen. Tja, für Merkel ist das alles eben noch neu. Sie freut sich über die große Resonanz, war bisher sehr zufrieden mit dem Ablauf.

Wie soll das also klappen in Deutschland mit dem Zusammenleben unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung. Wie erhalten wir in Deutschland unseren Wohlstand? Aus meiner Sicht schwierige, komplizierte Fragen. Und Merkel konnte noch nicht sagen, ob sie sich überhaupt beantworten lassen. Vielmehr scheint es ein Brainstorming zu werden. Wie viele dann teilnehmen, ist offen. Es wird ein Lern- und Erfahrungsprozess werden. “Wir müssen dauernd lernen, wie wir an diesem Internet sehen.” Alle Vorschläge werden begutachtet, ungefähr 20 dann ausgewählt und dann auch umgesetzt.

Zunächst war das Gespräch wenig konkret, kaum Inhalte, sehr vereinfacht dargestellt. Die Kanzlerin agierte mit der Verve der Weihnachtsansprache, sehr sachlich, ruhig, wohl überlegt. Aber gut. Vielleicht für die Online-Welt nicht immer angemessen. Aber es ist ja ein Lernprozess. Das Netz bierte viele Vorteile für die Politik. Politische Akteure können schneller antworten, alle sollten die Chancen nutzen. Merkel hält Ergebnisse und Vorschläge für glaubwürdig, bisher gab es nur eine kleine Manipulationsattacke. Sie seien relevant: “Solche Fragen begegnen mir auch in der Offline-Welt.”

“Bewegte Bilder setzen sich schnell durch. Wir müssen Breitband auf dem Land ausbauen.” Das ganze soll bis 2014 abgeschlossen sein. Die beiden großen Säulen der Internetpolitik sind also der Netzausbau und das Stärken der demokratischen Beteiligung im Netz, aber nicht nur dort. Sie findet überall statt. Vielleicht der beste Satz des Abends. Förderprogramme für die Online-Beteiligung soll es nicht geben. “Das spricht sich doch schon ganz gut rum”, so die Bundeskanzlerin.

Gegen Ende blubberte die Sendung dann vor sich hin. Es gab einen Hürdenlauf durch verschiedene Themen, wie Energie- und Verkehrspolitik. Immerhin konnte festgestellt werden, dass bei solchen Themenschwerpunkten neue Formen der Bürgerbeteiligung notwendig sind. Wie das konkret ausgestaltet werden soll, blieb natürlich offen.

100.000 Euro sind für den Zukunftsdialog bereitgestellt. Es ist “Teil der Regierungsarbeit” und kein vorgezogener Wahlkampf.

Die Kanzlerin im Netz, online wird über die Zukunft des Landes diskutiert. Viele sehen vermeintlich schon euphorisch den Weg in die direkte Demokratie. Merkel ganz klar nicht. Es sei höchstens und wenn überhaupt “ein Schritt” Richtung mehr direkte Demokratie. Es ist in erster Linie mehr direkte Kommunikation.

Und so blieb nach 20 Minuten Interview vieles offen. Wie wichtig ist denn jetzt nur der Dialog über das Netz? Notwendiges Übel oder ein zentrales Highlight? Es verstärkt sich mein Eindruck der letzten Monate. Man macht es, weil man nicht mehr darum herumkommt. Aber irgendwie möchte man doch gerne auch darauf verzichten. Die beiden großen Bürgergesprächsrunden im Februar und März finden dann auch wieder in der realen Welt statt. Die Internet-Offensive macht kurz Pause.

Zitat des Tages: Donnerstag, 09. Februar 2012 – Social Networking

Jeff Jarvis:

We are sharing for good reason—not because we are insane, exhibitionistic, or drunk. We are sharing because, at last, we can, and we find benefit in it. Sharing is a social and generous act: it connects us, it establishes and improves relationships, it builds trust, it disarms strangers and stigmas, it fosters the wisdom of the crowd, it enables collaboration, and it empowers us to find, form and act as publics of our own making.

Andrew Keen:

In “On Liberty”, still the wisest guide for building a good society, John Stuart Mill asked: “what has made the European family of nations an improving, instead of a stationary, portion of mankind?” His answer rests on what he calls Europe’s “remarkable diversity of character and culture” which, Mr Mill said, has enabled innovative individuals to be free from the “yoke” of public opinion. But today, in our hyper-connected world of Facebook and Twitter, where we are sharing increasingly copious amounts of personal data with each other online, we are forgetting Mr Mill’s warning against the oppressive yoke of public opinion.

Beide Statements aus der lesenswerten Debatte beim Economist: Social Networking

Diskurs@Deutschlandfunk

Hatte es schon länger im Feedreader, aber immer immer wieder vergessen zu erwähnen.

Der Deutschlandfunk hat im Zuge seines 50. Sendejubiläums im Januar eine KonferenzDer Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt“ mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Medien abgehalten. Jetzt soll die Debatte, wie sich Politik, Medien und Öffentlichkeit in Zeiten der Digitalisierung verändern und vor welchen Herausforderungen sie stehen, nicht beendet sein.

Dazu hat der Deutschlandfunk das Portal diskurs.dradio.de ins Leben gerufen, wo regelmäßig Interviews, in Text wie Video, zum Thema veröffentlicht werden. Gleichzeitig kann sich jeder an der Diskussion beteiligen. Wer mal einen Nachmittag frei hat, findet viele interessante Interviews zum Thema. Es lohnt sich. Heute gibt es zudem einen Livestream von einer Diskussionsrunde in Berlin zur Veränderung des Netzes durch die Demokratie.

Die Debatte wird auch innerhalb des Radioprogramms begleitet, regelmäßig in der Sendung DLF-Magazin, donnerstags um 19:15 Uhr und samstags in der Sendung Markt und Medien um 17:05 Uhr. Beide Sendungen gibt es natürlich auch als Podcast und sind absolut zu empfehlen.

Zitat des Tages: Donnerstag, 16. Juni 2011, “Bloggen sollte nur, wer eine Meinung hat.”

Andreas Cichowitz, seit vielen Jahren Fernseh-Chefredakteur des NDR, hat dem Medium Magazin, einer Fachzeitschrift für Journalisten, ein ausführliches, fünf Seiten langes Interview gegeben, indem er über den öffentlich-rechtlichen Kernauftrag spricht und sich auch eingehender zur Organisationsstruktur der ARD äußert. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist die Rolle des Internet und die Herausforderung für die klassischen Medien und deren Journalisten. Leider ist das Interview nicht online zu lesen, von daher zitiere ich einige Kernaussagen an dieser Stelle wörtlich aus dem Interview. Kurz zum Hintergrund: Das Medium Magazin blickt auf eine lange Tradition zurück und wird unter Journalisten häufig gelesen. Was dort also an Aussagen gemacht wird, verbreitet sich durchaus in der Medienwelt. Vielleicht dem einen oder anderen bekannt ist die Zeitschrift, weil sie seit Jahren den Preis Journalist des Jahres vergibt.

Im Gespräch mit der Chefredakteurin des Magazins, Annette Milz, kommt Cichowitz sehr bald auf die Veränderungen der Medienwelt durch die Expansion von Online-Medien zu sprechen:

Nutzen Sie selbst Facebook und Twitter?
Nein. Wenn ich Reporter wäre, würde ich mir einen Account zulegen. Ich halte nichts von einer Diktatur der Transparenz. Es gibt nicht so viel, dass ich twittern wollte, das für den Rest der Welt interessant wäre. Und ein eigenes Blog zu pflegen bedarf viel Zeit. Mich beunruhigt aber die generelle Entwicklung.

Inwiefern?
Für junge Leute wird immer wichtiger, wie über Facebook und Twitter Themen oder Ereignisse im Freundes- und Bekanntenkreis kommentiert werden. Und wer sich daran gewöhnt, in kurzen Botschaften zu denken, dessen Aufmerksamkeitsniveau ist relativ niedrig. Diese Entwicklung gefährdet das Muster der klassischen Information – da, wo wir stark sind. Wir werden uns diesem Trend nicht entziehen können. Nachrichtenbeiträge, Schnitte werden immer kürzer. Und wir kommen nicht drum herum, stärker im Internet präsent zu sein.

Sollen Ihre Reporter künftig verstärkt bloggen?
Bloggen soll nur, wer eine Meinung hat.

Sie haben also nicht so viele Leute, die eine Meinung haben?
Wenn man was zu sagen hat, ist es gut. Auch in besonderen Situationen, wie der Katastrophe in Japan. Aber ansonsten könnten wir damit in der Regel keine Duftmarken setzen. Bloggen dient der Markenbildung für herausgehobene Reporter. Bei uns zählt aber die Breite und Teamarbeit.

Und wenn man sich diese Aussagen anschaut und sie liest, sehe ich mich mal wieder bestätigt, warum ich bei den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland und insbesondere der ARD nicht warm werde. Wenn ein leitender Chefredakteur ein solch pessimistische Sicht auf Instrumente und Inhalte des Web 2.0 hat und der Eindruck erweckt wird, dass man im Netz nur präsent ist, weil man es irgendwie schaffen muss um auch die jüngeren Menschen anzusprechen, zeigt das, warum ich seit Jahren zum Beispiel bei der BBC – wo auch nicht alles Gold ist was glänzt – eine Entwicklung sehe und verfolge, die ich mir auch in Deutschland wünsche. Nämlich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur ihr Programm machen, sondern die Zuschauer “mitnehmen”, in ihre Arbeit einbinden, Interaktivität ausstrahlen, Input für Inhalte einholen, Meinungen und Ansichten erfragen. Wenn man sieht, wie jämmerlich mittlerweile die Homepage der Sportschau verkümmert und dazu parallel bei BBC Sport vorbeischaut, sieht man, dass in diesem Fall die ARD nicht wirklich Interesse hat, im Netz mit seinen Zuschauern zu interagieren. Und da passt der Satz, dass Bloggen nur gestattet sein soll, wenn man auch eine Meinung hat, so perfekt in dieses Bild. Warum kann ein Sportredakteur oder ein politischer Landeskorrespondent nicht ein Blog eröffnen, zum Beispiel auch um mit Zuschauern über Beiträge diskutieren, Feedback zu holen, Einblicke in seine Arbeit geben.

Blickt man auf die Homepage der Sportschau, ist nicht ein interaktives Element zu sehen. Schaut man bei BBC Sport vorbei, fällt auf, dass es zu den derzeitigen beiden großen Sportevents in dieser Woche, den US Open im Golf und eher Insel-spezifisch die Testserie im Cricket, gleich eine Verlinkung zu einem Podcast, Twitterstream und zum Beispiel auf das Golf-Blog der BBC gibt, wo eine kompetent verfasste Vorschau zum Turnier ist. Nicht meinungsstark, sondern informativ. Einblicke geben, Analysen liefern. Das geht vor allem nur, wenn man bereit ist Kritik und negatives Feedback zu erfahren. Und das geht aber vor allem auch, wenn man nicht jeden Tag bloggt, sondern ereignissspezifisch seine Stärken ausspielt. Und das heißt, solche Inhalte auch prominent in Szene zu setzen. Sie gehören zu heutigen medialen Berichterstattung dazu, viele, nicht nur ich, erwarten sie. Da führt die ARD ein durchaus lesenswertes Blog zur Frauen-WM, dessen Verlinkung ich dann auf irgendeiner Sonderseite, die wiederum Unterseite ist, ganz unten verlinkt finde. Will man das Blog verstecken?

Stärken der ARD muss es doch auch sein, das Lokale in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen. Das Bedürfnis Nachrichten aus der direkten Umgebung zu erfahren, ist immer noch am höchsten. Was vor meiner Haustür passiert, interessiert mich mehr als Ereignisse, die 500 Kilometer entfernt passieren. Blickt man auf die Nachrichtenseite des NDR für Niedersachsen, findet man immerhin den freundlichen Verweis, man sei auch auf Facebook. Ansonsten null Interaktivität mit dem Zuschauer. Gegenbeispiel wieder die BBC, die ihre Regionalseiten vor einigen Wochen nochmal aufgefrischt hat. Für die Stadt Birmingham, immerhin eine Metropole auf der Insel, bloggt zum Beispiel der politische Chefkorrespondent Patrick Burns über die regionale Politik und die Auswirkungen der nationalen Politik für die Stadt Birmingham. So stelle ich mir Information und relevante politische Einschätzung vor.

Das Tagesschau-Blog ist mittlerweile verkommen zu einer Fundstelle für Einträge verbunden mit der Frage, was die ARD denn mache, wenn man selbst über sich berichten müsse/dürfe/könne/sollte. Getretener Quark wird breit nicht stark. Scheinbar hat die ARD immer noch Angst über sich selbst zu berichten, wenn es eng wird. Bei der BBC ist das mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dass man damit gezwungermaßen umzugehen hat.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die ARD irgendwann nochmal erkennt, wie Zuschauereinbindung und Zuschauerinformation im Netz aussieht. Momentan macht es wieder den Eindruck, als habe man die Befürchtung, dass keiner derlei Aktivitäten finden solle. Die Aussagen von Cichowitz bestätigen mich da nur.

Zitat des Tages: Mittwoch, 29. März 2011 – Einloggen bei Twitter

“Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel. Ich glaube nicht, dass wir bislang Ihnen gegenüber mit Informationen geizig gewesen sind und dass jemand, der von Ihnen an eine Information herankommen wollte, am Ende überrascht wurde, dass wir irgendwelche anderen Kanäle bevorzugt bedient hätten. Als professioneller Kunde unseres Hauses gehen wir natürlich davon aus, dass Sie alle bei Twitter eingeloggt sind. Sagen wir es umgekehrt: Wir fänden es nicht schlecht, wenn Sie bei uns Kunde wären.”

[via Protokoll des Bundespresseamts]

Christoph Steegmann, stellvertretender Regierungssprecher, zum Vorwurf, das Bundespresseamt informiere nur noch über Twitter über wichtige Termine der Bundeskanzlerin. Und so richtig scheint Twitter noch nicht verstanden worden zu sein. Aber egal. Ich finde die Diskussionen hier in Deutschland amüsant, auch wenn sie eigentlich nur traurig sind, vergleicht man das mit dem Umgang von Facebook und Twitter im angelsächsischen Raum.

Lesetipp: Wie Politiker in Europa Social Media nutzen

Man kann es auf die einfache Formel bringen: Sie informieren sich darüber, kommunizieren aber nicht mit ihren Zielgruppen. Was schade und bedenklich ist. So kommt die Studie der Düsseldorfer Agentur Ketchum Pleon, die im letzten Sommer durchgeführt wurde und bei der 500 Parlamentarier befragt wurden, auch zu dem eher ernüchternden Ergebnis: Social Media spielt bei der Wahlkampfkommunikation in Europa nahezu keine Rolle.

Wenn 85% der Politiker Europas das persönliche Gespräch als bevorzugten Weg im europäischen Wahlkampf mit der Bevölkerung zu kommunizieren nennen und Internetanwendungen weit abgeschlagen sind, kann man ohne zu übertreiben behaupten, dass Social Media bei Europas Politikern noch ganz am Anfang steht.

Die Ergebnisse der Studie samt Interpretation und Analyse sind in dieser Präsentation kompakt und übersichtlich zusammengefasst. Lohnt sich mal einen Blick draufzuwerfen.