Donnerstag, 19. Mai 2011 20:58
Als ich gestern in der Uni-Mensa mit einigen Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern beim Mittagessen saß, haben wir – ich weiß gar nicht, wie wir darauf gekommen sind – über Fußballfans diskutiert. Jemand outete sich dann gleich, dass er sich nicht für Fußball interessiert und auch noch nie im Stadion war. Daraufhin bemerkte ich ein wenig flapsig, dass das eine großartige Einstellung sei, weil die Fans, die von Fußball nur wenig Ahnung haben, meistens die schlimmsten und nervigsten Sitznachbarn seien. Wer kein Interesse für Fußball habe, muss ja auch nicht ins Stadion. Meinen Ausführungen fanden dann letzlich doch irgendwie einen leichten Hauch von Zustimmung, doch im Nachhinein ließ mich das Gesagte nicht so wirklich los. Weil ich einerseits als Sportbegeisteter quasi von oben auf jemanden, der halt wenig für Sport übrig hat, heruntergeschaut habe und andererseits meine Haltung ja dann letzlich irgendwann dazu führt, dass es keinen neuen Fans für Sportarten mehr geben wird – oder schwieriger zu erreichen sein wird. Denn wie wird man Fan und Anhänger einer Sportart, einer Sportmannschaft? In erster Linie wird das Interesse für Sport gewöhnlich nicht in die Muttermilch gemischt, sondern das geschieht, indem sicherlich ein gewisses Grundinteresse, eine Offenheit gegenüber der Sportart, vorherrscht. Und dann natürlich in erster Linie, indem das klitzekleine Interesse sich entwickeln muss. Man schaut die Sportart häufiger im Fernsehen, geht mal ins Stadion oder die Sporthalle, beschäftigt sich ein wenig mit den Regeln, sodass über den Sport gesprochen werden kann. Will heißen: Jeder, der irgendwann einmal glühender Fan eines Sports und begeisteter Anhänger einer Mannschaft bzw. eines Sportlers wird, hat ganz klein angefangen. Als Ahnungsloser, vielleicht mal von Freunden mit zu einem Spiel genommen.
Von daher ärgert mich meine Aussage ein wenig. Jemand, der sich für Sport interessiert und begeistert, muss doch froh sein, wenn sich Menschen neu für eine Sportart interessieren. Also: Nehmt die vorerst Ahnungslosen doch mal zu solchen Spielel mit, auch wenn man häufig Dinge erklären muss. Dann hoffentlich von Spiel zu Spiel weniger.
Sportarten und Mannschftssportarten in Deutschland. Da kommt Fußball, Fußball, Fußball…und dann lange erstmal gar nichts. Vielleicht noch ein wenig Formel 1, auch dank des Weltmeistertitels von Sebastian Vettel und dem Comeback von Michael Schumacher. Und dann kommen irgendwann die – ich hasse eigentlich diese Bezeichnung- “Randsportarten”, wie Eishockey, Basketball, Handball, Wintersport, vielleicht noch Golf und Tennis. Der Fußball braucht sich um seine Fans und sicherlich auch um den Nachwuchs keine großen Sorgen machen. Der Motorsport erstmal auch nicht. Aber wie sieht es mit den anderen Sportarten aus? Dazu gleich mehr weiter unten.
Was macht eine Sportart populär, was bringt einer Sportart in Deutschland Fans und Zulauf? Es sind meiner Meinung nach insgesamt sechs wichtige Faktoren. Ein regionaler Bezug muss da sein, sowohl von der Mannschaft als auch der Medienpräsenz, Übertragungen im Free-TV, Erfolge bei großen Tunieren, einfache, sprich verständliche Regeln und Menschen müssen mit ihrer nächsten Umgebung, mit Freunden, Kollegen und Verwandten, über den Sport reden können. Egal, wie umfangreich und detailliert. Aber es gibt ein Thema, Anschlusskommunikation wird hergestellt. Und nicht zu vergessen sind Traditionen, teilweise historisch verwurzelt. Fußball hat in den USA nie eine bedeutende Rolle gespielt und etabliert sich erst langsam als fünfte oder sechste Säule neben der NFL, NBA, MLB und NHL. Je länger also die Geschichte, die gemeinsamen Erfahrungen über Generationen hinweg bestehen, desto einfacher dürfte es sein, neue Fans und Menschen an einen Sport heranzuführen. Natürlich lässt sich diese Liste beliebig lange ergänzen und ich habe sicherlich einige relevante Aspekte vergessen, für mich sind die genannten Punkte aber der Schlüssel. Sind sie alle erfüllt, fällt es für die Sportart leichter Fans zu generieren. Und dann kommen natürlich externe Faktoren wie die Außendarstellung der Sportart, die mediale Wahrnehmung und das wirkliche Bemühen neue, junge wie ältere Fans zu gewinnen, ergänzend hinzu.
Der Fußball hat es also einfach. Fußballmannschaften gibt es in fast jeder Stadt, von den Profis runter bis in die Kreisklasse, in Deutschland läuft im europäischen Vergleich viel Fußball im Free-TV, die Nationalmannschaft hat riesige Erfolge markieren können, die lokalen Zeitungen berichten überdurchschnittlich vom runden Leder, jeder kann mitreden, und bei den großen Tunieren mitfeiern. Solche positiven Charakteristika haben Eishockey und Basketball nicht in Deutschland.
Da nützt es derzeit wenig, dass Dirk Nowitzki Zauberleistungen in den NBA-Playoffs hinlegt oder die deutsche Eishockeynationalmannschaft eine sehr gute WM in der Slowakei gespielt hat. Der große Zuschauerboom insbesondere beim Eishockey ist nicht eingetreten. Immerhin konnte Sport1 mit dem exzellenten Kommentatorenduo Hindelang/Goldberg über eine Million Zuschauer bei einem Vorrundenspiel verzeichnen. Das passiert auch nicht alle Tage. Letzlich sind trotz Heim-WM im letzten Jahr und guter WM in diesem Sommer die üblichen Vokabeln von “Eishockey-Märchen” und neuer “Eishockey-Boom” in Deutschland nicht mehr gefallen.
In Deutschland scheint es – auch im Vergleich zum United Kingdom und den USA unglaublich schwierig – mehrere populäre Sportarten nebeneinander laufen zu lassen. In Deutschland ist bei zwei Schluss. Was schade ist. Da spielt Martin Kaymer sich an den ersten Platz der Weltrangliste und plötzlich fragen sich 30 Millionen Menschen in diesem Land: Huch, Golf wird noch gespielt und wir haben sogar einen deutschen Star dabei? Dann wird es natürlich schwierig, wenn sich neue Leute für einen Sport interessieren und begeistern sollen.
Bleibt am Ende dieses kleinen Brainstormings und einiger Feststellungen der kleine Appell an uns Sport-Fans: Nehmt doch mal jemand mit ins Stadion, in die Arena oder Sporthalle, der sich überhaupt nicht für diesen Sport interessiert, beantwortet brav alle Fragen. Denn so klein haben wir ja mal alle angefangen. Denn eines ist klar: Je mehr Fans diverse Sportarten in Deutschland haben, umso besser. Da gibt es keine Höchstgrenze. Und gerade Eishockey, Basketball und vielleicht auch Tennis können ruhig noch ein wenig aufholen. Der Handball hat zumindest teilweise den richtigen Zeitpunkt getroffen sich ein wenig zu emanzipieren. WM-Titel 2007 sei Dank.
Sport funktioniert nur mit emotionalen, leidenschaftlichen und begeisterungsfähigen Menschen. Und mit Fans, die dafür sorgen, dass vielleicht der ein oder andere neue Fan hinzukommt.