Kommunikationsherrschaft à la Hannover Scorpions
Freitag, 4. Februar 2011 9:19
Die schwierige finanzielle Lage der Hannover Scorpions dürfte – bei allem Desinteresse für die Deutsche Eishockey Liga – mittlerweile bundesweit bekannt sein. Nach der glorreichen Meistersaison stand im letzten Sommer mehrfach die Frage im Raum, ob die Hannover Scorpions wegen Streitigkeiten von Tui-Arena Eigentümer Günter Papenburg, der gleichzeitig Besitzer und Förderer der Scorpions ist, die DEL-Lizenz abgeben müssten. Letzlich hat man dann doch am Ligabetrieb teilgenommen und kämpft jetzt wie fast die halbe Liga um die Playoffs. Zwischendurch haben die Spieler mal das Training boykottiert, weil das Gehalt zu spät gezahlen wurde. Das Geld ist knapp, die Zuschauer kommen nicht mehr so zahlreiche wie letzte Saison. Mittlerweile wird immerhin pünktlich das Geld gezahlt, die Prämien sind eingefroren.
Neben den finanziellen Problemen folgt in den nächsten Monaten – unabhängig vom Abschneiden der vergangenen Saison – die nächste große Herausforderung, der sportliche Umbruch. Zahlreiche Verträge mit Leistungsträgern laufen aus, mit vielen Spielern wird wegen der knappen finanziellen Mitteln nicht verlängert. Und so ist es in den letzten Wochen zu täglichen Newshäppchen in den hannoverschen Medien gekommen, die zumindest ein Auseinanderbrechen der Mannschaft befürchten ließen. Täglich eine neue Hiobsbotschaft – und der Verein schaute seelenruhig zu. Als erster verkünderte Adam Mitchell, einer der Topscorer der DEL, seinen Wechsel zu den Adler Mannheim. Danach Thomas Dolak, Stütze in der zweiten Reihe und Siegtorschütze im Finale gegen Augsburg, seinen Wechsel nach Hamburg. Patrick Köppchen folgte ihm nach. Gleichzeitig munkelte man, dass Aris Brimanis und Tore Vikingstad, beide schon nicht mehr im besten Eishockey-Alter, aber immer noch extrem wertvoll für die Scorpions, ihre Karriere in der Heimat ausklingen lassen. Matt “Diesel” Dzieduszycki soll mit Wolfsburg Gespräche führen, Klaus Kathan bekommt keinen neuen Vertrag.
So viele Negativmeldungen am Stück. Das hat die hannoversche Presse natürlich gefreut, hier eine kleine Auswahl (via Frontbumpersticker)
Cellesche Zeitung: Scorpions brechen auseinander
Neue Presse: Der Meister bröckelt
BILD: Meister Hannover Scorpions zerbricht
Deutsche-Presse-Agentur: Hannovers Meisterteam zerfällt
HNA: Aufschwung gestoppt, Ausverkauf geht weiter
Hannoversche Allgemeine Zeitung: Weiter schlechte Nachrichten, auch Köppchen wechselt
Wochenlang wurde die Sau des kriselnden Teams, das auseinanderbricht, durch die Stadt getrieben. Und die Fans waren verunsichert, machten sich Sorgen. Im Eisblock der HAZ versuchte Eishockey-Redakteur zwar ein wenig die Wogen zu glätten, doch da hieß es schon häufig, dass es die Scorpions nächste Saison nicht mehr geben wird.
Dass die nächste Saison nicht einfach wird, dürfte ja klar sein. Nur was macht der Verein in dieser schwierigen Situation, für Fans, Sponsoren und Spieler – er schweigt.
Ich bin ein großer Fan und Bewunderer der Hannover Scorpions, nicht nur wegen des Meistertitels letztes Jahr. Ich war übrigens auch schon mal bei den Indians, aber mir ist dann das bessere Eishockey doch stets ein wenig wichtiger gewesen. 2004 war ich das erste Mal bei einem Heimspiel der Scorpions und seitdem habe ich so viele tolle und großartige Spiele gesehen, Höhen wie Tiefen. Der Verein hat also sehr viel Kredit bei mir – doch wie die letzten Wochen gestaltet wurden, enttäuscht mich doch schon sehr.
Da muss erst Trainer Toni Krinner auf einer spätabendlichen Pressekonferenz nach dem Sieg gegen die Straubing Tigers Fakten und Sachverhalte darstellen. Nämlich dass die nächste Saison gesichert sei, der Etat steht fest und ist von Günter Papenburg genehmigt. Natürlich werden zahlreiche Spieler, deren Vertrag ausläuft, den Verein verlassen, auch um mehr Geld zu verdienen. So ist das nun mal im Profisport. Dass die Scorpions in den letzten sechs Monaten aber nicht gerade vertrauensvoll mit ihren Spielern umgegangen sind, steht auch außer Frage. Wer will es also Mitchell, Dolak und Köppchen verdenken, wenn die Hamburg Freezers oder die Adler Mannheim mit ihren vielen Geldscheinen wedeln. Nur hat der Verein die Dynamik der öffentlichen Diskussion sogar um ein bevorstehendes Ende der Hannover Scorpions nur begleitet, aber nie eingegriffen. Und somit ist die ganze Debatte völlig aus dem Ruder gelaufen. Zum Schaden der Hannover Scorpions. Da hätte Geschäftsführer Marco Stichnoth, die Kommunikationsabteilung und einige Spieler viel eher reagieren müssen. Es hat der Trainer gemacht. Und danach stand in den hannoverschen Medien nicht ein weiterer Abgesang auf die Scorpions. Es wäre so einfach gewesen.
Nun sind die Hannover Scorpions mit ihrer Presseabteilung nicht gerade dafür bekannt, dass Sie gute Pressearbeit betreiben. Aktuelle Pressemitteilungen gibt es meist zu irgendwelchen Aktionen oder Spielverlegungen. Warum man mit einer Mitteilung zu aktuellen Situation der Scorpions nicht reagiert hat, inklusive Statements der Vereinsverantwortlichen, ist mir bis heute schleierhaft. Aber das hatte man im letzten Sommer bei der Diskussion um eine mögliche Lizenz-Rückgabe nicht gut geschafft.
Alle medialen Verbreitungswege hat man nur letzte Woche genutzt. Pressemitteilung, Meldung auf der Homepage, Facebook-Eintrag. Sascha Goc, der Kapitän der Hannover Scorpions, hat seinen Vertrag bis Sommer 2013 verlängert. Vielleicht beruhigt sich die Lage ja jetzt endlich mal wieder und man kann sich auf die sportliche Situation konzentrieren. Die ist schwierig genug, Kampf um die Playoffs in der engen Tabelle der DEL. Heute Abend steht die Partie bei den Krefeld Pinguinen an. Toni Krinner hat nach der schwachen Leistung am Dienstag gegen Iserlohn seine Sturmreihen komplett verändert und hat das auch sehr deutlich gestern nach dem Training den wartenden Journalisten erzählt. Ein wenig Kommunikationsherrschaft.
Thema: Sport | Kommentare (0) | Autor: medispolis

