Donnerstag, 18. Februar 2010 11:40
Man stelle sich mal folgende Szene vor. Die Tagesthemen sind vorbei, es kommt das Wetter im Ersten, Jörg Kachelmann meldet sich für das Wetter natürlich live aus Vancouver und beginnt seinen Monolog:
“Guten Abend meine Damen und Herren, herzlich willkommen live hier zum Wetter im Ersten. Bevor wir gleich ganz kurz auf das Wetter in Deutschland schauen – darf Ihnen sagen, dass sich da nicht so viel tun wird, ist alles eine eher zähe Angelegenheit – schauen wir natürlich auf das Wetter hier. Und das bleibt spannend, hier ist richtig was los. Schauen Sie auf unseren Tagesthemen-Strömungsfilm! Wir haben hier das steuernde Hoch über Zentralkanada, das im Uhrzeigersinn die kalte, trockene Luft förmlich ansaugt. Aber das ist alles nicht so stabil, von Süden, aus den USA, schwappt immer wieder diese feuchte, mildere Suppe ins Land. Gleichzeitig nimmt der Wind ein wenig zu. Gucken Sie auf unsere Pfeile, die immer enger aneinanderkommen. Also, unter diesen Bedingungen möchte ich für den Biathlon-Wettbewerb nicht garantieren, und auch Ski Alpin wird schwierig, denn die feuchte Luft aus Süden drückt gegen die Berge, es wird dann länger anhaltend richtig schiffen. Schnee wird tauen, aber kann Ihnen versprechen, das lässt schon morgen nach, dann übernimmt das Hoch wieder die Kontrolle – und einem Capuccino auf der Plaza in Vancouver bei Sonnenschein steht nichts im Wege. Zu Ihnen nach Deutschland. Die Milderung setzt sich jetzt im ganzen Land durch, 2 bis 8 Grad. Michael Antwerpes übernimmt jetzt hier. Na Michael, schon einen Ausflug für übermorgen an deinem freien Tag geplant? Wetter wird ja gut.”
So schlimm ist es dann nun doch noch nicht ganz gekommen in der Olympia-Berichterstattung der ARD. Viel fehlt aber nicht mehr, aber scheinbar trauen sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht jede Hemmschwelle zu übertreten. Ich hatte die letzten Tage Home Office, wie es so schon heißt, und habe entsprechend häufig Olympia im Fernsehen laufen gehabt, und natürlich auch mal durch die Programme gezappt um zu schauen, was die Sender an Berichterstattung anbieten. In den Foren und Blogs tobt ja schon wieder die Diskussion über ARD und ZDF, ob es zu vertreten sei, dass ARD und ZDF mit viel mehr Mitarbeitern nach Vancouver fahren als zum Beispiel die BBC und dafür weniger Sendestunden verbrauchen. Und ob ARD und ZDF nicht zu verschwenderisch mit unseren Gebühren umgehen, wenn zum Beispiel auch Jörg Kachelmann und Franziska van Almsick nach Vancouver reisen. Zwei Personen, die man bei Olympischen Winterspielen nicht zwingend sehen muss und will. Ich will hier gar nicht in das durchaus berechtigte ÖR-Bashing einsteigen, sondern vielleicht mal meine Sicht und meinen Wunsch an eine gute Sportübertragung darlegen und dann nebenbei auch zeigen, warum ARD/ZDF dies eben nicht so gut können und vielleicht auch wollen, und dass Eurosport zumindest bei vielen Punkten die bessere Anlaufstelle ist.
Was steht bei Olympia im Vordergrund? Sport, Sport, Sport, fairer Wettkampf und wenn man so will ein wenig die Kultur und Präsentation der Gastgeberstadt. Heißt für mich: Ich möchte in erster Linie Sport sehen, bei den wichtigen Entscheidungen live dabei sein, möchte Emotionen erleben. Und ich möchte ein halbwegs verlässliches Programm. Ich will wissen, ob ich ein Eishockeyspiel in Gänze irgendwo sehen kann und nicht, dass ich irgendwann einen anderen Wettbewerb sehe. Verlässlichkeit im Programm und die Konzentration auf das Wesentliche – Sport! – das erwarte ich von einer guten Olympia-Berichterstattung. Das ist die eine Seite, die Voraussetzung, die andere Medaille ist dann die Umsetzung. Ich möchte ein gutes Fernsehbild und ich möchte einen kompetenten Kommentator, der – das wäre das höchste der Gefühle – noch einen guten, erfahrenen Experten neben sich hat. Eigentlich keine hohen Ansprüche an Sender, die von mir jährlich über 200 Euro bekommen und jährlich mit ein paar Milliarden ziemlich willkürlich umgehen können.
Doch ARD und ZDF können meine niedrigen Ansprüche nicht erfüllen, wie sollen sie auch? Generell laufen bei den ÖR massenkompatible Sportarten, jetzt muss man alle vier Jahre sich dem Eishockey widmen, einer Sportart, die sonst unter jedem Radar verschwindet. Dass dann da keine hochwertige Übertragung rauskommt, dürfte erstmal klar sein. Aber was ich eben erwarten kann, ist, dass sich ein Kommentator informiert vor jedem Spiel, die lokale Presse liest, im Internet sich die wichtigsten Statistiken raussucht und auch sonst vielleicht ein gewisses Interesse und eine Begeisterung für die Sportart vermittelt. Sonst kann man es auch gleich sein lassen. Und von ARD und ZDF, die wirklich jeden Clown nach Kanada geschickt haben, darf ich dann als zahlender Zuschauer auch erwarten, dass die Kommentatoren sich umfassend vorbereiten. Liebe ÖR, schaut euch doch bitte zum Beispiel beim Eishockey das Duo Faßnacht/Leinauer an. Oliver Faßnacht kommentiert vielleicht drei Eishockeyspiele pro Jahr auf Eurosport, Gerd Leinauer hat ja schon jahrelang Eishockey als Experte begleitet, nichts desto trotz merkt man, dass sich vor allem ein Faßnacht hervorragend vorbereitet hat. Er kennt die kleinen Geschichten hinter den Spielern, er kann ein Spiel einordnen, Leinauer es fast schon lesen, eine Spieltendenz ablesen. Und das bekommt man durch vieles Schauen einer Sportart. Ich weiß ja nicht, was die Olympia-Kommentatoren von ARD und ZDF so zwischen den Jahren machen, aber wenn ich weiß, dass ich Eishockey bei Olympia kommentiere, wäre es sicherlich nicht verkehrt, auch mal zwischendurch DEL und NHL zu verfolgen und ein Gefühl für diese Sportart zu bekommen. Gleiches gilt für Skispringen. Liebe ARD, gebt dem Tom Bartels doch endlich mal einen Co-Kommentator, das wäre dann sehr viel unterhaltsamer. Wieso darf Dieter Thoma zum Beispiel nicht ans Mirko während des Springens? Auch hier wieder der Verweis an Eurosport zum Duo Dirk Thiele und Gerd Siegmund.
Es braucht also gar nicht viel für eine gute Übertragung, zwei fähige Leute und ein guter Wettkampf. Stattdessen verschleudern ARD und ZDF ihre Ressourcen für teure Studios, zig Gäste und eine Wetterfee – und schaffen nur selten, Begeisterung für den Sport rüberzubringen, was an der fachlichen Ermangelung von Kommentatoren und Experten liegt. Was man aber erlernen kann, wie ich finde. Natürlich ist es einfach auf ARD und ZDF einzuhauen, aber gerade die Olympia-Berichterstattung zeigt mal wieder, wie realitätsfern die ÖR agieren. Sie wollen es vielleicht einfach zu gut machen. Aber das braucht es doch gar nicht, die meisten Zuschauer schalten wegen der sportlichen Wettkämpfe ein und nicht wegen der Schneefallwahrscheinlichkeit in Whistler. Das kann man in fünf Sekunden abhaken. Und es dürfte ebenso nachvollziehbar sein, dass vor allem nachts nur die Freaks noch eingeschaltet haben. Da braucht es dann also wirklich kein überflüssiges Gelaber mehr, sondern lediglich Sport. Ganz einfach.
Um hier nicht völlig mit Kritik rumzuwerfen, seien zumindest die Online-Aktivitäten der ARD, das Olympia-Radio und der ständig aktualisierte TV-Guide auf zdf.de positiv erwähnt. Wundert mich eigentlich, dass da noch gar nicht die Privaten gemeckert haben, wie umfangreich online bei den ÖR berichtet wird. Überhaupt wundert es mich, wie wenig die Berichterstattung von ARD und ZDF und die Rahmenbedingungen der Übertragungen aus Vancouver hinterfragt werden, auch von den privaten Medienakteuren. Da wird wegen einer kleinen App eine Sau durch die deutsche Medienwelt gejagt, aber wenn man überflüssige Gebühren verpulvert und noch nicht mal eine gute Berichterstattung hinlegt, interessiert das hier in Deutschland nur die interessierten Sportfans. Wenn ich sehe, für was sich die BBC in den letzten Wochen schon wieder rechtfertigen musste und wie sehr der Druck von Sun, The Times und Guardian auf die Anstalt ausgeübt wird, muss man sich eigentlich auch nicht groß wundern, wenn ARD und ZDF so handeln, wie sie es tun. Interessiert ja ehe nur die Sportfreaks. Eigentlich schade. Wenn ich lese, dass ARD und ZDF sich gemeinsam drei Jahre für die Übertragung vorbereitet haben, kommt da am Ende ernüchternd wenig rüber. Technisch vielleicht sehr positiv, aber redaktionell bin ich eher enttäuscht.
Manchmal kann weniger eben auch mehr sein. Ein gutes Bild, eine gut vorbereiteter Kommentator und ein kompetenter Experte. Und schon bin zumindest ich zufrieden. Mal sehen, ob ARD und ZDF irgendwann diesen Weg gehen werden. Freiwillig sicher nicht.